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Luise Straus-Ernst: Karneval

Der Karneval 1933 aber war ein Totentanz. Wir hatten es alle kommen sehen. Aber wir hatten nicht an den Ernst der Gefahr glauben wollen. So traf sie uns trotz allem unvorbereitet.

Ich hatte mich nie aktiv mit Politik befasst, die Zeitungen eher flüchtig gelesen und mich immer auf meine Arbeit konzentriert, die vor allem dem Gebiet der Künste galt.

Im Sommer hatte sich mein Berliner Freund bei einem Besuch in unserer Stadt über unsere Kaltblütigkeit gewundert. »Ihr lebt so abseits von dem, was bei uns in Berlin Geschieht«, sagte er. »Wir sind sehr beunruhigt. Wenn ›sie‹ ans Ruder kommen, wird es ja kaum für lange sein. Aber sie können in kurzer Zeit sehr sehr viel Unheil anrichten.«

Wie er das so sagte, im sonnigen Rheinpark unter schattigen Bäumen, hielt ich seine Worte für Übertreibung. Sie waren es nicht. Ganz im Gegenteil. Er sah bei weitem nicht schwarz genug. – Kurz darauf brachten die Reichstagswahlen den Nazis eine erschreckende Mehrheit.

Wir spürten die Gefahr näher, aber es änderte sich bei uns immer noch nichts. Im Rheinland mit seiner vorwiegend katholischen Bevölkerung gab es wenig Anhänger der Nazis, und Antisemitismus in größerem Maßstab war völlig unbekannt. Manchmal gab es nachts Schießereien irgendwo in den Außenvierteln. Kommunisten und Nazis lagen sich in den Haaren. Da meine Freunde und ich weder das eine noch das andere waren, ließen diese Kämpfe uns fast unberührt.

Wohl erschrak ich, als ich zum ersten Mal am 30. Januar 1933, im Radio die mir grotesk erscheinende Bezeichnung »Reichskanzler Hitler« hörte, aber auch jetzt wurde unsere Ruhe kaum gestört. In Berlin ging alles drunter und drüber. Aber bei uns?

»Solange wir unseren Adenauer haben, kann uns nichts geschehen«, sagten wir. Adenauer war der Kölner Oberbürgermeister, eine weit über die Grenzen der Stadt hinaus bedeutende Persönlichkeit voll Initiative und unabhängiger Ideen. Zugleich Vorsitzender des Staatsrates übte er eine entschiedene politische Macht aus. »Der ungekrönte König von Preußen«, sagte man wohl von ihm.

Nein, solange wir ihn haben würden, konnte in unserer Stadt nichts geschehen, waren auch wir Journalisten in unserer Arbeit geschützt. Gewiss! Aber – wie fest saß er denn? […]

Rosenmontag. Die ungewohnt heftige Wahlpropaganda musste an diesem Tag schweigen. Es war Fest. Keiner wollte durch Politik gestört werden in dieser lebenslustigen Stadt. Alle Geschäfte, alle Schulen waren geschlossen, und vom frühen Morgen an schob sich eine bunt kostümierte Menge durch die engen Straßen der Altstadt, nur darauf bedacht, den Festzug von einer günstigen Stelle aus zu sehen.

Am späten Nachmittag hatte ich Jimmy und Maja allein weiter spazieren lassen und ging ins Rathaus. Es war sozusagen Berufspflicht eines Journalisten, den Festzug von dieser offiziellen Stelle aus zu sehen. Aber natürlich war es vor allem Vergnügen; Vergnügen, in dem hübschen Rokokosaal von vielen, gut gelaunten Kollegen fröhlich empfangen zu werden, Vergnügen, den guten Rheinwein aus dem Ratskeller zu trinken und zu der Musik, die von der Straße heraufklang, ein wenig zu tanzen. Vergnügen vor allem, am offenen Fenster zu lehnen und auf den Platz hinunter zu blicken, der schwarz von Menschen war, nein, eigentlich nicht schwarz, denn da waren bunte Federhüte und spitze Clownskappen, fuchsrote Perücken und zerrissene Regenschirme, von deren nacktem Gestänge bunte Bänder flatterten. Da stelzte ein Riese durch die Menge, oder ein ganz Dicker ließ sich auf einem Wagen schieben. […]

Die schmalen, alten Häuser mit ihren hohen, spitzen Giebeln sahen auf dies alljährlich wiederkehrende Bild nieder und gegenüber die ernsten Türme von St. Martin. Ahnte niemand, was vorging? Spürte keiner dieser Ausgelassenen, dass die Festfreude sich bald in Schrecken verwandeln würde, dass etwas im Anzuge war, das harmloser Freude und unabhängiger Meinung für lange Zeit ein Ende machen würde? […]

Noch ein Tango mit Jo. Dann packte einer der Stadträte uns in seinen großen Wagen und fuhr uns zu seiner Villa, wo es einen Imbiss und wieder wunderbaren Wein gab.

Als ich endlich heimkam, waren schon Freunde da, um mich zum Ball abzuholen. Schnell machten wir uns zurecht. […] War ich müde an dem Abend? Oder spürte ich eine Vorahnung? Über dem Fest in den kleinen, verräucherten Sälen schien mir eine Wolke zu lasten. Es waren die gleichen kostümierten Menschen, fast alles Bekannte, die gleichen Lieder, der gleiche fröhliche Lärm, der sich zeitweise zu wildem Stampfen und Geschrei steigerte. – Und es war doch nicht das Gleiche.

Die Menschen hier, das war schließlich keine namenlose Masse. Das waren Künstler, Intellektuelle, die eigentlich ahnen mussten, um was es im Lande ging. Wie viele von ihnen würden nächstes Jahr noch hier tanzen? Heute tanzten sie auf einem Vulkan … Und viele von ihnen wussten es auch …

Ich hatte keine Lust, mitzutoben wie sonst, drückte mich in den Ecken herum. Kurz nach Mitternacht kam ein Junge auf mich zu, der ein Cabarett leitete. Seine schwarzen Augen glänzten.

»Der Reichstag brennt«, sagte er mir leise. Nichts weiter. Dann sprach er mit Anderen. Die Nachricht machte die Runde, flüsternd. Man wusste nichts von den näheren Umständen, offiziellen oder inoffiziellen. Man konnte eigentlich die Folgen jetzt nicht übersehen. Aber trotzdem zeigte der Ernst auf vielen Gesichtern, dass sie begriffen hatten.

Das Fest ging weiter … Ohne mich von Jemandem zu verabschieden, fuhr ich nach Hause … Für mich war das Fest zu Ende …


Literatur: Straus-Ernst: Nomadengut, S. 125-130.

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Sabine Schiffner: Zwei Gedichte

schreibschreib

vom friesenplatz fällt
gold aufs gitterkreuz vor dem ich
stehe und auf das abgeblätterte am
fensterrahmen sehe
und durch das glas das mich vom draußen trennt
und den libellen hinterher die
richtung rodenkirchen fliegen wo sie
wohl wärmeres vermuten
das ist nur ein moment
dann lasse ich
den blick zurück zum hohenzollernring
zu dem es mich seit vielen jahren treibt
ganz sein
mit unverständnis darauf reagiert mein kopf
während die hand stets fleißig
weiterschreibt


orangenmarmelade

und all die zigaretten die wir bis zum bittren
filter rauchten die goldene butter die wir aus dem
supermarkt geklaut ungekühlt schmierten auf das
immer weiße brot der künstler den wir liebten
kam oft und brachte sekt und große worte die sahnetorte
die wir dekorierten mit haselnüssen und mit marzipan
und anschließend mit voller lust verspeisten
die zigaretten machen schwere beine fanden wir
am morgen und zählten wieviel kippen in den
aschenbechern lagen und griffen nach dem ausgedrückten
stummel der vom letzten abend übrig war und tranken
dann den schwarzen beuteltee mit milch und zucker und
aßen fladenbrot das kostete doch quasi nichts und darauf
butter und Orangenmarmelade wir schauten aus dem
fenster raus auf köln machmal mit schwips
und oft auch hungrig so war das lustige studentenleben
wir lachten laut und wirr und gingen auf die straßen die
lungen voller rauch im bauch das fladenbrot mit
butter und orangenmarmelade


Literatur: Schiffner: super ach, S. 6, S. 10.

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Fjodor M. Dostojewski: Winterliche Aufzeichnungen über sommerliche Eindrücke

Ich muß gestehen, ich versprach mir viel vom Kölner Dom; schon in meiner Jugend habe ich ihn mit Ehrfurcht nachgezeichnet, als ich mich mit Architektur befassen mußte. Auf meiner Rückreise aus Paris, das heißt einen Monat später, sah ich den Kölner Dom zum zweitenmal und wäre bereit gewesen, ihn ›auf den Knien um Verzeihung zu bitten‹, weil ich seiner Schönheit beim ersten Mal nicht gewahr wurde, genau wie Karamzín es in der gleichen Situation vor dem Rheinfall von Schaffhausen getan hatte. Nichtsdestoweniger gefiel mir der Dom beim ersten Mal ganz und gar nicht, ich glaubte, das seien alles nur Spitzen, Spitzen und nichts als Spitzen, Nippes, als Briefbeschwerer auf den Schreibtisch zu stellen, gut siebzig Faden hoch. ›Wenig Erhabenes‹, entschied ich, ganz wie in der alten Zeit unsere Großväter über Puschkin zu entscheiden pflegten: ›er schreibt gar zu leicht, es fehlt das Erhabene.‹ Ich vermute, daß mein erstes Urteil unter dem Einfluß dreier Umstände entstanden ist: der erste ist das Eau de Cologne. Johann Maria Farina befindet sich nämlich in nächster Nähe des Domes, und in welchem Hotel Sie auch absteigen, in welcher Stimmung Sie sich auch befinden, wie sehr Sie sich auch vor Ihren Feinden und vor Johann Maria Farina im besonderen verstecken möchten, seine Vertreter werden Sie doch auffinden, und da gilt: ›Eau de Cologne ou la vie!‹, — eins von beiden, eine andere Wahrheit gibt es nicht. Ich möchte zwar nicht behaupten, daß buchstäblich so gerufen wird: ›Eau de Cologne ou la vie!‹, aber wer weiß — vielleicht geschieht es doch. Ich entsinne mich jedenfalls, daß ich diese Worte zu hören glaubte.

Der zweite Umstand, der mich erboste und ungerecht machte, war die neue Kölner Brücke. Freilich ist die Brücke vorzüglich und die Stadt mit Recht stolz darauf, aber mir kam vor, daß sie schon gar zu stolz auf ihre Brücke war, und natürlich ärgerte ich mich sofort darüber. Zudem hätte der Steuereinnehmer am Brückenhäuschen diese durchaus vernünftige Brückensteuer doch wirklich nicht mit einer solchen Miene von mir zu erheben brauchen, als fordere er eine Strafe für irgendein von mir unwissentlich begangenes Verbrechen. Ich kann es nicht mit Sicherheit behaupten, aber ich glaubte, dieser Deutsche sei anmaßend. ›Sicher ist er dahintergekommen, daß ich Ausländer bin und zwar Russe‹, dachte ich, wenigstens schien mir sein Blick beinahe wortwörtlich zu sagen: ›Hier siehst du unsere Brücke, armseliger Russe, — so wisse denn, daß du ein Wurm bist angesichts dieser Brücke und angesichts eines jeden rechtschaffenen Deutschen, denn eine solche Brücke hast du nicht.‹ Sie müssen doch zugeben, daß das beleidigend ist. Natürlich hatte das der Deutsche gar nicht gesagt und hatte es vielleicht nicht einmal im Sinn, aber das ist ja ganz egal: damals war ich so fest überzeugt, daß er gerade das sagen wollte, so daß ich endgültig aufbrauste, ›hol’s der Teufel‹, dachte ich, wir haben schließlich, den Samowar erfunden … wir haben Zeitschriften … bei uns werden Offiziersausstattungen angefertigt … bei uns … ‹.

Kurz, ich wurde wütend, und nachdem ich mir eine Flasche Eau de Cologne gekauft hatte, vor der ich mich gar nicht mehr retten konnte, reiste ich unverzüglich ab nach Paris in der Hoffnung, daß die Franzosen weit liebenswürdiger und unterhaltsamer sein würden. Urteilen Sie jetzt selbst: hätte ich mich überwunden, wäre ich in Berlin nicht nur einen Tag, sondern eine Woche geblieben, in Dresden desgleichen, hätte ich Köln drei oder auch nur zwei Tage gewidmet, dann hätte ich dieselben Dinge ein zweites, ein drittes Mal mit anderen Augen gesehen und wäre schließlich zu einer angemesseneren Vorstellung gekommen. Sogar ein Sonnenstrahl, irgendein ganz gewöhnlicher Sonnenstrahl hätte dabei viel ausgemacht: hätte er über dem Dom geleuchtet, wie er bei meinem zweiten Aufenthalt in der Stadt Köln geleuchtet hat, dann wäre mir der Dom wahrscheinlich im richtigen Licht erschienen und nicht wie an jenem trüben und noch dazu regnerischen Morgen, der in mir nur eine Aufwallung gekränkter Vaterlandsliebe auslöste. Womit übrigens nicht gesagt sein soll, daß Vaterlandsliebe sich nur bei schlechtem Wetter einstellt. Also Sie sehen, meine Freunde: in zwei und einem halben Monat kann man nicht alles genau betrachten, und ich bin durchaus nicht in der Lage, Ihnen zuverlässige Informationen zu vermitteln.


Literatur: Fjodor M. Dostojewski: Winterliche Aufzeichnungen über sommerliche Eindrücke. Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Aus dem Tagebuch eines Schriftstellers. Reinbek bei Hamburg 1962, S. 7-58, hier S. 9f.

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Hans Bender: Aufzeichnungen

Irgendwann hat die Stadtverwaltung den Namen der Gasse, in
der ich wohne, poetisiert. Früher, auf alten Stichen oder Plänen,
hieß sie noch Daubengasse. Eine kurze, gepflasterte Gasse nahe
der Stadtmauer des Mittelalters. Handwerker also, die Bier- und
Weinfässer herstellten, haben in den Häusern und Werkstätten
gewohnt und gearbeitet und der Straße ihren Namen gegeben.
Eine Adresse, die mir besser gefiele als Taubengasse.


Die Katzen schlafen auf ihren Sesseln. Ich sitze am Tisch, vor
mir ein Blatt Papier, einen Stift, eine Teetasse und das Buch,
das ich rezensieren soll. Durchs Fenster sehe ich die Umrisse der Dächer, die Brandmauer, die Schornsteine, die Antennen.
Der Himmel darüber, der tagsüber bezogen war, hat sich aufgehellt.
Federwolken schieben vor einem blanken Blau zusammen.
Gleich werde ich das Licht anknipsen.
So selten beschreibt man die gewöhnlichen Minuten, das Stilleben,
das Interieur.


Literatur: Bender: In der Stadt, S. 30, 32.

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Rolf Steiner: Zwischen den Wassern

Severinsbrücke © Rolf Steiner

Hat sich mir eben noch die Brücke in ihrer ganzen, von Ufer zu Ufer gespannten Breite gezeigt, gerate ich nun, mich ihr auf der Dammkrone nähernd, mehr und mehr in ihren Einzugsbereich, und sie wird zu einem Bauwerk aus Eisen und Nieten, das seinen eigenen Wind erzeugt und seine Gegenwart ins Räumliche entfaltet. Steil und steiler ragt der Pfeiler empor, bis die Brückenfahrbahn ihn meinem Blick entzieht und ich einen überdachten Raum, oder ist es eine Zone?, betrete. Dort, unter der Fahrbahn, endet der Hafendamm in einer aus Basaltsteinen gemauerten, von zwei Absätzen durchzogenen, schräg zum Wasser hin abfallenden, mächtigen Rundung. Ist der Fluss, von der Mitte der Brücke aus betrachtet, scheinbar ohne Ufer, so tun sich hier unten Zwischenräume, Zwischenwasser auf, das strömende, Wellen schlagende des Flusses und das von Damm und senkrecht abfallender Ufermauer eingefasste, stehende der Hafeneinfahrt. Dazwischen, am Ende der Dammkrone, eine von einem Eisenring mit der Jahreszahl 1904 markierte Stelle, eine Art Aussichtsplatz, von dem man die Kirche Groß St. Martin vor der Apsis des Doms aufragen sieht, so, dass es den Anschein hat, als seien Romanik und Gotik eine Fusion eingegangen. Und doch will die Aussicht auf das linksrheinische Stadtpanorama nicht so recht in Gang kommen, zu schwer wiegt der Verlust des Himmels, zu stark nimmt die Brückenunterseite den Blick in Beschlag, dieses breite, stählerne, grüne Band, das sich über den Fluss hinweg zum anderen Ufer perspektivisch verjüngt, sichtbar gegliedert und verstärkt von den beidseitigen Hohlraumkästen und den querliegenden Versteifungsträgern, zusammen eine Kette von Gefachen bildend, und von einem nicht mehr als einen Steinwurf entfernten, breitbeinig dastehenden, A-förmigen Pfeiler getragen.

Und dann schält sich aus dem Hintergrundsummen der Stadt ein dunkles Geräusch, vom jenseitigen Ufer kommt es, wird lauter, verliert vorübergehend in Höhe der Flussmitte an Kraft, nimmt dann an Lautstärke wieder zu, die Brücke, ja, die Brücke wird lauter, die Brücke ist das Geräusch, ihr entspringt es und sie führt es, geschient von den beidseitigen Hohlraumkästen entlang ihrer Unterseite, es rollt auf das rechtsrheinische Ufer zu, schon hat es den Brückenpfeiler erreicht, verwandelt jäh den Raum unter der Fahrbahn in einen Resonanzkörper, taucht ihn in gleißende Helle, rollt wie Meeresbrandung auf die nahe rechtsrheinische Küste zu, um dann von der Brückenrampe jenseits der Uferstraße verschluckt zu werden, im Schlepptau die Stille der leisen Geräusche und der stummen Bilder: Spaziergänger, Radfahrer, Dauerläufer, eine Frau, die unermüdlich einen Hulahoop-Reifen um ihre Taille kreisen lässt; ein Angler, der auf dem zweiten Absatz knapp über der Wasserlinie wieder und wieder seine Angel auswirft; ein schräg aus der Hafeneinfahrt ragender Holzpfosten, Überrest des letzten Hochwassers?; ein flussaufwärts fahrendes Schiff, dessen Ladung – mehrere, spitz zulaufende Kohlenberge – über den Sockel des Brückenpfeilers hinausragen; das leere Hafenbecken, aus dem Verlassenheit herüber weht; ein Kormoran, der abtaucht, lange nicht wieder an die Oberfläche kommt, und dann ganz woanders als erwartet; ein dunkles Rumoren, das mit einem Mal zwischen Brückenrampe und Brücke aufgesprungen ist, vom rechtsrheinischen Ufer kommt es rasch näher, flutet überfallartig die Luft, fächert sich auf, wird heller und lauter, erreicht seinen Zenit über dem Aussichtsplatz, rollt dann, Gefach um Gefach an Kraft verlierend, die Brücke entlang zum anderen Ufer und verschwindet im allgemeinen Hintergrundsummen der Stadt, in der Stille der leisen Geräusche und der stummen Bilder, in der ein Kajak flussabwärts gleitet; ein Polizeiboot auf den Scheitelpunkt des Hafendamms zuhält; zwei Gänse, in der Hafeneinfahrt landend, einen weißen Strich durch die Verlassenheit ziehen; das Flusswasser wellenschlagend die Wand des Pfeilersockels entlang strömt und nur wenige Meter von ihm entfernt kreisförmige glatte Zonen auf der Oberfläche hinterlässt; der Angler seine Ausrüstung zusammenpackt und die Dammschräge herauf kommt. Haben Sie etwas gefangen? Nein. Ist das eine gute Stelle da unten? Normalerweise ja. Da, wo stehendes und fließendes Wasser zusammentreffen, ist es immer gut, aber heute nicht. Achselzuckend geht er weiter, und die Sonne kommt hinter einer Wolke hervor und da liegt etwas dunkles auf dem Wasser, ein dunkler Streifen, ein Schatten, der Schatten des Brückenpfeilers, und auch der der Fahrbahn, ein breites dunkles Band, an dessen scharf gezogener Kante das sonnendurchstrahlte Wasser hell aufleuchtet, jetzt sind die dunklen Striche der Tragseile ebenfalls zu erkennen, und aus dem städtischen Hintergrundsummen schält sich ein Geräusch, von weit her, vom jenseitigen Ufer senkt sich aus der Luft herab, wird lauter, verliert vorübergehend über der Flussmitte an Kraft, nur um nach einigen Metern wieder zuzunehmen: die Brücke wird lauter, die Brücke ist das Geräusch – nein, sie ist es nicht –, es fließt von Gefach zu Gefach, von Becken zu Becken, nur schneller, viel schneller als Wasser strömt es heran – nein, die Brücke…, stumm spannt sie sich über den Fluss –, dringt aus allen Nieten, rollt durch die Hohlkästen – es muss der Brücke entspringen, keine andere Geräuschquelle weit und breit –, doch die Brücke schweigt, lässt sich kein Geräusch mehr andichten, wie aus Stein gehauen liegt sie da, und schlagartig trennen sich Auge und Ohr: sekundenlang schwebt das Geräusch ursprungslos über den Fluss hinweg, so, als käme es aus einer Vielzahl kleiner Lautsprecher, die längs der Unterseite der Brücke unsichtbar angebracht sind, und dann, im letzten Viertel des Flusses, gesellt sich ihm, gleichsam eine neue Herkunft bereithaltend, ein langgestreckter, auf der Kante des Fahrbahnschattens dahin gleitender, von einer Reihe rechteckiger Löcher durchzogener Schatten hinzu, sogleich gehen Ohr und Auge wieder ihre gewohnte Verbindung ein, und der Brückenkörper, den die beiden Sinne in trotziger Allianz nicht aufhörten als Geräuschquelle auszumachen, ist endgültig aus dem Spiel.


Für die Abdruckgenehmigung des bislang unpublizierten Textes danken wir dem Autor.

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Armin Foxius: Der Taubenbrunnen von Ewald Mataré

Man hat den Dom, und als Kölner wird man wohl tausend Mal vor diesem Trumm gestanden haben. Jaja, unser Dom, eben: Der Dom.

Nur fünfzig Meter entfernt, vor dem Westportal, leicht versetzt, unterhalb von drei Stufen zur Domplatte, die allein übrig geblieben sind von den Treppen und Auffahrten zum Domhügel, da findet man einen kleinen Brunnen. Man muss schon hinsehen.

Es ist keine Fontana di Trevi, nicht mal der große Petersbrunnen »Drüjer Pitter«, der seine Standorte schon fast überall um den Dom herum hatte. Nichts mit Gischt Wasserfahne, Delphinen, Fischen und Neptun. Nein, nur eine flache Schale, eine Kuhle, ein Kreis. Und drumherum ein Oval, der Boden ist ausgelegt mit Mosaiksteinchen, wie aus einem Geometriebuch. Es erinnert an ein Auge, mit Pupille. Blau sind die Steinchen, und weiß, und schwarz. 1953 hatte Ewald Mataré das Brünnchen fertig. Und durch die Kuhle zieht sich, wie gesagt im Kreis, eine Spirale, durch die Wasser linksherum Iäuft. Das Wasser kommt aus einem Basaltblock, ein Klotz, aber nicht klotzig. Zwei kleine Geländer geben Schutz, halten die Leute ein wenig ab, ein bisschen.

Als Kind wollte ich immer, wenn wir in der Nähe waren, zuerst zum Taubenbrunnen. Der war klein wie ich, den konnte ich gut überblicken, da konnte ich was mit anfangen, da konnte man ein Zettelchen schwimmen lassen und mit den Augen begleiten. Und im Sommer konnte man sein Taschentuch, nicht aus Papier, nein; richtig aus Stoff ins Wasser tunken, sich die Stirn wischen oder es in den Nacken legen. Und die Spatzen hüpften so nett und suchten was zum Picken. Und wenn eine Taube kam, wurde die verjagt. So war das damals. Da gab es Spatzen noch zuhauf. Jetzt haben wir nur noch Tauben und die kacken alles voll. – Diesem kleinen Brunnen hatte ich mich verschrieben. Damals war mir der Dom noch zu groß, bis in die Wolken ragte der. Der kam später dran.

Am 17. April 1950 machte der Bildhauer Ewald Mataré den ersten Eintrag in sein Tagebuch, dass er in Köln einen Taubenbrunnen vorschlagen will, für den Platz vor dem Hauptbahnhof. Dort würden die Menschen immer Tauben füttern, und dann sollten die Tauben auch etwas zu trinken haben. Am 4. August 1953 wurde der Brunnen dann eingeweiht, aber nicht vor dem Bahnhof. Das Gelände gehörte der Bahn, und die wollte nicht. Da sprang der Stifter ein, die Bank für Gemeinwirtschaft, die es schon lange nicht mehr gibt. Und vor deren Haus fand der Brunnen seinen Ort. In dem Haus ist jetzt das Domforum.

Mataré schreibt in seinem Tagebuch von fünfzig Leuten, die dabei waren, als der Oberbürgermeister Görlinger sprach, dass es eine Urkunde gab und dass jemand »La Paloma« auf der Trompete blies. Und dass eine Flasche Steinhäger geköpft wurde. Und dann habe das Wasser in drei kleinen Strahlen seinen Weg gesucht und gefunden. Vor Freude habe der Trötenmann noch zwei Strophen gespielt. Und am Ende, so gegen neun Uhr des Abends, sei die ganze Korona zu Denant gezogen, einem Lokal, das es damals noch gab.

Der Taubenbrunnen war in Köln der erste Brunnen nach dem Krieg, und der erste moderne, abstrakte. Da denkt man nun, dass so etwas geschätzt wird, dass man damit ordentlich und angemessen umgeht. Aber nein, und da ist Köln dann doch nur Köln. Man hat hier aber auch so viel, wo andere Städte und Länder sich die Finger nach lecken! Vielleicht zu viel. Wie oft schon sind Mosaiksteinchen fortgebrochen, dann wurden mal alle blauen abgekratzt. Gerade die blauen, die wie Splitter das Blau des Himmels spiegeln sollten! Die zierliche, fein ziselierte flache Schüssel mit widerlichen Flecken und Placken. Dann lief lange Zeit kein Wasser mehr. Und die Bänke, die mal hier standen, sind schon lange weg. Da könnten ja Penner drauf liegen. Du lieber Gott! – Die blauen Steinchen hat man mittlerweile wieder eingesetzt. Ewald Mataré, der große Bildhauer und Maler, hat gewusst, wie man eine Brücke schlägt Das Intime und Zerbrechliche des Brünnleins in unmittelbarer Nachbarschaft zu dieser tausendfachen Ansammlung von Filigranem an diesem Riesengebirge Dom, an dessen Südportal die Ecke rum er die Türen gestaltet hat, zusammen mit seinem Lehrjungen Beuys. Der große, schwarze Dom, die kleine Kuhle, mit ihren Wassertropfen für Vögel und Hunde, Kühlung für Stirn und Hände, ein kleiner Platz, um ruhig zu werden in dem Gebrabbel, Geschrei und Gerenne.


Literatur: Foxius: Taubenbrunnen
Für die Abdruckgenehmigung des Textes danken wir dem Autor.

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Armin Foxius: Meine Lieblingsstraße

Baumstraße im Cäcilien-Viertel, 2020 © Stadtbibliothek Köln/LiK-Archiv

Meine Lieblingsstraße in Köln ist nicht die Severinstraße, auch wenn die sich jetzt neu gestaltet präsentiert, mit Fahrbahn und Trottoir auf einem Niveau, mit U-Bahn-Stationen, fast wie in einer richtigen Großstadt mit einem immer noch vorhandenen Mix von Läden, wo man alles bekommen kann. Wo gibt es das in Köln sonst noch?

Auch nicht auf dem Eigelstein, wo die große Figur des Kölschen Boor am Stadttor Wache hält über Kölsche, Türken, Kurden und wer sonst noch hier lebt. Nun ist die Gaffel-Brauerei fortgezogen, aber ein paar Kneipen und vor allem das »Weinhaus Vogel« halten ihre Position zwischen all den Läden für Brautmoden und 1 Euro-Shops.

Nein, auch nicht die Hohe Straße und die Schildergasse, wo es keine Türen mehr gibt, nur noch große viereckige Löcher, wo man direkt hineinfällt und laut beschallt wird. Und auch nicht die Breite Straße, wo man froh sein muss, dass man sie noch lebend erreicht, wenn man von Kolumba kommt und die Nord-Süd-Fahrt überstanden hat.

Nein, meine Lieblingsstraße liegt im Herzen von Köln, in der Nähe des Neumarkts. Es ist eine kleine Straße, eine ganz kleine Straße, die eigentlich eine Gasse ist und von zwei Straßen, größeren Straßen, begrenzt wird, die aber Gasse heißen.

Meine Straße heißt »Baumstraße«. Das kann man auch auf dem einzigen Straßenschild lesen das diesen Namen trägt. Das steht da, wo die Straße in die Lungengasse abbiegt. Linker Hand ist die Deutsche Rentenversicherung, die wohl viele Kölner kennen. Die liegt fast nur an meiner Baumstraße, hat aber als Adresse Lungengasse 35. Auf der rechten Seite ist ein großes Parkhaus, so vier, fünf Etagen; so ist meine Straße ziemlich düster. In dem Parkhaus befindet sich auch die Gastronomie für das Karree hier, ein Stehcafé.

lm Parterre gibt es die »RheinenergieTanke«, wo man Elektroautos mit Ökostrom versorgen kann. Aber so richtig viele sind das noch nicht.

Meine Straße war mal eine Durchfahrtsstraße, jetzt ist es eine Sackgasse; also für Autos. Räder und Fußgänger fahren und gehen gern durch. Die erste Hälfte, von der Lungengasse aus gesehen, ist asphaltiert und es gibt zwei Laternen, eine sogar mit einer Mülltonne dran. Dann kommen fünf Poller, das heißt: Hallo, keine Autos! Damit man das auch sieht und unter den Füßen bemerkt, ist in diesem Teil alles gepflastert. Und jetzt vier Bäumchen, die noch gar nicht wissen, dass sie mal Bäume werden sollen, so in einer richtigen Baumstraße.

Dann sechs Poller; damit ja nichts den Bäumchen geschieht. Und damit alles ordentlich bleibt, stehen da zwei Glascontainer, weiß/weiß und grün/braun. Und dann kommt die Spinnmühlengasse. Als meine Baumstraße noch eine Durchgangsstraße war, also eine richtige Straße, gab es keine Bäume. Jetzt stehen hier Bäume, aber es ist keine richtige Straße mehr. Und morgen gehe ich mal wieder vorbei. Ich will meinen Bäumchen beim Wachsen zusehen.


Literatur: Foxius: Lieblingsstraße
Für die Abdruckgenehmigung des Textes danken wir dem Autor.

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Jovan Nikolić: Der Park am Aachener Weiher

Bei Ankunft in Köln, noch vor dem Verlassen des Hauptbahnhofs und der Begegnung mit dem unwirklich großen Dom, spürte ich im Plexus-Solaris, meinem zuverlässigen Radar, dass ich mich in einer Stadt mit besonderen Schwingungen befinde, in einer Stadt, die auf den Menschen zugeschnitten ist und meiner Heimatstadt Belgrad ähnelt, die ich verlassen musste. Die Könige unter den Straßen und Boulevards, Parks und Plätzen, die vor den Augen der Spaziergänger verborgen waren, lernte ich kennen, indem ich mit dem Fahrrad fuhr, das in den 2000er Jahren die Verlängerung meiner Beine war, ich könnte auch sagen mein Alter-Ego. Ich lernte viele Plätze und Parks in Köln kennen; Orte, die in mir positive und negative Schwingungen hervorriefen, Orte, an denen ich mich ruhig und zufrieden fühlte, Schönheit und Behaglichkeit erlebte in dieser einzigartigen Stadt voller freundlicher und geselliger Menschen.

Jeder Ort hat seine eigene Lebendigkeit und Energie, durch die er die Menschen, die eine besondere Sinneswahrnehmung besitzen, anzieht oder abstößt. Diese Energie kann als Geist eines Raums bezeichnet werden. Unbehaglich fühle ich mich am Chlodwigplatz und in Nippes, positiv an der Rennbahn, entlang der Promenaden beider Rheinufer und eher unwohl bei Spaziergängen durch den Park vom Hans-Böckler-Platz aus in Richtung Mensa. Jedes Quadrat dieser grünen Oase hat seine persönliche Besonderheit, doch die größte Energie fühle ich im Park am Aachener Weiher, am künstlichen See. Hier halte ich mich sehr gern zum Spaziergang, zur meditativen Ruhepause auf einer Bank oder im Garten eines Restaurants auf, wo ich sonnengebräunte, junge Besucher sehe, einen klaren Himmel und den Widerschein der Sonne auf der Oberfläche des Sees, in dem Wildgänse, Enten, Schnepfenvögel, Haubentaucher und manchmal Schwäne schwimmen. Wunderschön ist die Gegend rund um das Museum für Ostasiatische Kunst im Hiroshima-Nagasaki-Park, dessen Hügel in der Nachkriegszeit aus Trümmern aufgeschüttet wurden und auf dem herausgeputzte Studenten und Jugendliche mit Gitarren und Percussion-Instrumenten zu finden sind. Wenn sie wüssten, an welche persönlichen Tragödien, Familiendramen und Schrecken des Leidens sie sich erinnern und welche Ruinen sie unter ihren Füßen fühlen werden, dann würden die jungen Leute, die leichtsinnig auf dieser Erhebung entlang spazieren, vielleicht barfuß, mit den Schuhen in der Hand, auf Zehenspitzen gehen.

Eines Winters sah ich den zugefrorenen See, auf dem eine Gruppe junger Leute mit Schlittschuhen einen improvisierten Tanz tanzte, der dem Eishockey ähnelte. Ich war nicht frei von Angst und mir der Gefahr bewusst, dass das Eis unter ihrem Gewicht nachgeben könnte, aber es beruhigte mich, zu erfahren, dass die Tiefe des Sees nicht mehr als 1,60 Meter beträgt.

An Frühlings- und Sonnentagen atme und absorbiere ich mit meinen Lungen und Augen, zusammen mit der reinen Luft, die Ästhetik und den Egregor (wie diese Energie von Esoterikern genannt wird) des Ortes, wo sich mein Sein, mein Körper, mein Geist und alle meine Sinne mit Freude befinden. Wenn ich im Gras sitze, spüre ich, wie sich all meine angesammelte unreine Energie auf meinen Füßen ablagert, und wie die Erde sie wegzieht und aufsaugt. Es ist eine Leichtigkeit und Entspannung, die ich in diesen Momenten empfinde, so als ob ich sie mit allen Menschen um mich herum teile und eins werde mit ihnen und mit diesen Schwingungen des Ortes, an dem ich bin. Ich bleibe gerne mit meinem Sohn David in diesem Park, und dort führen wir die besten und klarsten Gespräche.

Auf dem staubigen Weg schieben Eltern Kinderwagen mit Babys, Bierverkäufer erscheinen und junge Mädchen gehen fröhlich mit einer Flasche Bier in der Hand spazieren. In dieser Szene liegt eine freudige Erotik, die charakteristisch für die Mädchen während des Karnevals ist. Erotik in dem Sinne, dass den Männern die Exklusivität entzogen wird, mit einer Flasche Bier herum zu laufen. Eine Erotik, die nicht nur durch die Attribute des Geschlechts, sondern durch die Attribute der Präsentation persönlicher Kühnheit und Freiheit verstärkt wird. Sie verdienen es. Eine Flasche Bier ist nicht bloß ein Ausdruck für Durst oder die Notwendigkeit einer kurzen und leichten Anästhesie, sie ist in diesem Fall nichts anderes als ein Symbol für jene Freiheit, die die moderne Frau in Köln im Namen von Agrippina erlangt hat. Sie war es, die der Stadt den Namen Köln gab, und die gegen die Legende vom Leiden der Heiligen Ursula und der 11.000 Jungfrauen rebellierte. Somit repräsentieren die Mädchen, die freudig mit einer Flasche Bier spazieren gehen, unbewusst das Symbol der Stadt Köln. All diese mehrdeutigen Zaubersprüche kann ich nur in diesem Teil des Parks in Köln erleben. Deshalb setze ich ihm mit der Spitze meines Bleistifts ein Zeichen.


Aus dem Serbischen von Cornelia Marks
Für die Abdruckgenehmigung des bisher unveröffentlichten Textes danken wir dem Autor.

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Sappho: »…der purpurgegürteten Musen«

Gedicht von Sappho (Fragment) © Papyrussammlung des Instituts für Altertumskunde, Universität Köln, Inv.Nr. 21351 u. 21376

[…] der purpurgegürteten
[Musen] schöne Gaben, Mädchen,
[…] die den Gesang liebende,
helltönende Leier.
[Ergriffen hat mir (?)] die einst
[zarte] Haut das Alter schon,
[weiss] geworden sind die Haare
aus schwarzen;
schwer ist mir das Herz (thymos)
gemacht worden, die Knie
(gona) tragen nicht,
die doch einst leicht waren zu
tanzen, jungen Rehen gleich.
Das beseufze ich oft. Aber was
kann ich machen?
Alterslos kann man nicht werden, wenn man ein Mensch ist.
Denn sagte man auch über Tithonos, dass einst die rosenarmige Eos
ihn aus Liebesverlangen (?) zum
Ende der Erde getragen habe,
den schönen und jungen, aber
dennoch ergriff ihn
mit der Zeit das graue Alter, obwohl er doch eine unsterbliche
Gattin hatte.


Wiedergegeben nach: Hans Bernsdorff: »Das beseufze ich oft …«

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Joachim Rönneper: »Nach Corona ist vor Corona«

Parkbank auf dem Baudriplatz © Joachim Rönneper

Heute Nachmittag ging ich wieder, wie so häufig zum Baudriplatz in Köln Nippes, setzte mich auf die grüne Bank, es steht nur eine dort, trank einen Kaffee aus einem Becher, Mineralwasser, rauchte und aß etwas Süßes. Ich beobachtete ein Insekt, das vor mir auf dem Steinboden zwischen Unkraut und Ritzen umher krabbelte: eine »gemeine Feuerwanze« (Pyrrhocoris apterus). Sie fällt durch ihre markante Färbung und Zeichnung aus: »Der Kopf und die Fühler sind schwarz gefärbt. Der Halsschild ist am Rand rot, in der Mitte trägt er einen annähernd rechteckigen, schwarzen Fleck, der oft in einen größeren vorderen und zwei kleinere hintere Teilflecke aufgelöst ist.« (wikipedia). In einem Anflug von Neid sah ich die »gemeine Feuerwanze«, die weder Impfstoff noch Kontaktsperre kennt. Das Datum von heute kreuzte ich später in meinen Kalender für das Jahr 2021 rot an. Dann werde ich mich in einem Jahr mit Kaffee, Mineralwasser und Süßem auf die besagte Bank setzen und mich fragen wollen, was ich von der Corona-Zeit, sollte sie überhaupt vorüber sein, im Gedächtnis behalten habe.


Kürzlich lag auf meiner »Corona-Bank« ein Stadtplan für Paris: ein gemeines Geschenk zum Mitnehmen angesichts aktueller Reiseverbote. Ich faltete den Plan auseinander und sah auf Anhieb die Champs-Élysées, die Prachtstraße mit ihren Bars und Cafes, alle geschlossen. Bon jour Tristesse. Die Pandemie ist ein Straßenfeger. Kein Flaneur, kein Liebespaar in der Weltstadt der Liebe unterwegs, verklungene Chansons. Das pralle Leben steht still, totenstill. Nichts geht mehr rien ne va plus. Von der Einmaligkeit und Unwiederbringlichkeit des Lebens erzählt Charlotte Grasnick in ihrem Gedicht Kaffee schwarz lyrisch. Ein alltäglicher Vorgang und Genuss in Gestalt einer Tasse Kaffee symbolisiert akzeptiertes Werden, Sein und Vergehen in Einmütigkeit. Eine vielleicht henkellose Tasse mit schwarzem Kaffee vergleicht sie mit einem Auge aller Menschen: schwarze Pupille – die Sklera weiß. Der Bodensatz, ein Sinnbild unergründlichen Sinns, bleibt verborgen. Alles kühlt im weiteren Lebensverlauf ab. Es gibt kein Aufwärmen, keine Wiederholung. Was war, war – jenseits von Fatalismus und Schicksalsgläubigkeit und sie, die Dichterin, trinkt ihren Kaffee schwarz, wie es überall alltäglich vorkommt, sie trinkt ihn, die Tasse aus: ein anregendes und tröstliches Gedicht. Ich faltete den Stadtplan wieder zusammen, ging und ließ den Stadtplan liegen für einen, der da kommen wird – Paris.


Literatur: Rönneper: Corona, S. 54, 133ff. Siehe auch: Kölner Denkmal im Lockdown
Für die Abdruckgenehmigung der Texte danken wir dem Autor.