Kategorien
Texte und Medien

Frau Richmodis von Aducht und die zwei Schimmel.

(Nach Kiefer, Sagen des Rheinlands S. 48. Poetisch behandelt v. E. v. Groote bei Ziehnert, Preuß. Sagen Bd. III. S. 215 etc.)

Um die Mitte des 14. Jhdts. lebte zu Cölln auf dem Neumarkt ein Herr von Aducht, reich und hochangesehen, mit seiner Ehefrau Richmodis. Die zwei Eheleute liebten sich zärtlich, was eins wollte, das wollte auch das andere und ihre Ehe war ein Muster für alle Hauswirthschaften. Da trug es sich zu, daß die Pest im Jahre 1357 auch in Cölln ausbrach und fürchterlich wüthete. Niemand kam mehr zu dem Andern, Jedermann sperrte sich ab und so kam es, daß als Frau Richmodis ebenfalls an der bösen Seuche erkrankte und im Laufe einiger Stunden derselben auch erlag, an eine genaue Untersuchung der Verblichenen, ob sie wirklich todt sei, Niemand dachte, sondern daß man, um Ansteckung zu verhüten, die Leiche so schnell als möglich aus dem Hause schaffte und dieselbe eiligst und in aller Stille auf dem Friedhofe zu St. Aposteln beisetzte. Doch hatte der tiefbetrübte Gatte, um sein geliebtes Weib wenigstens einigermaßen noch im Tode zu ehren, ihr ein kostbares Geschmeide und einen prachtvollen Ring ins Grab mitgegeben. Dieser Umstand war den Todtengräbern nicht entgangen, sie beschlossen das Grab zu öffnen und sich jener Kleinode zu bemächtigen. Sie stiegen also um die Mitternachtsstunde in die Gruft hinab und schon hatten sie die Leiche alles ihres Schmuckes beraubt, und bemühten sich eben ihr den etwas festsitzenden Ring vom Finger zu ziehen, als sie sich plötzlich aufrichtete und die Frevler mit großen Augen anstarrte – Frau Richmodis war nämlich nur scheintodt gewesen. Die Räuber in dem Wahn, der Geist der Abgeschiedenen wolle ihre Unthat rächen, ergriffen die Flucht und eilten so bestürzt davon, daß sie das Geschmeide sowohl als die Laterne, welche sie mitgebracht hatten, zurückließen. Nicht minder groß war aber das Entsetzen der aus dem Todesschlafe erwachten Frau Richmodis, als sie vollends zu sich kam und sah, an welchem Orte sie sich befand. Sie nahm jedoch nach und nach ihre Kräfte zusammen, raffte sich aus ihrer geistigen und körperlichen Betäubung auf, stieg aus dem Sarge und versuchte nun, die Leuchte in der Hand, aus der Gruft heraus zu klettern und den Weg nach ihrer Wohnung anzutreten. Dies gelang ihr auch, freilich mit vieler Mühe und sehr langsam, allein endlich langte sie doch an ihrem Hause an, wo Alles in tiefem Schlafe lag. Frau Richmodis mußte lange pochen, bis endlich einer der Diener des Hauses aufwachte und durchs Fenster hinaus fragte, wer da sei und so spät noch Einlaß begehre? Als sie dem Fragenden ihren Namen sagte und derselbe auch sofort die Stimme seiner Herrin erkannte, da eilte derselbe von Entsetzen ergriffen hinauf ins Schlafgemach des Hausherrn, weckte ihn und berichtete demselben zitternd vor Angst was er eben gehört hatte. Herr von Aducht aber wollte dem Diener nicht glauben, hieß ihn einen furchtsamen Thoren und rief endlich, da derselbe die Wahrheit seiner Aussage mit den feierlichsten Schwüren betheuerte: »Meine Hausfrau kann ebenso wenig vom Tode auferstanden sein, als meine zwei Pferde aus dem Stalle brechen und auf den Söller steigen werden, um von da hinab in die Straße zu schauen!«

Richmodis-Sage in einer Darstellung aus dem 17. Jhr. Kupferstich von Abraham Aubry

Kaum hatte er jedoch diese Worte gesprochen, da ließ sich auf der Treppe ein gewaltiges Trampeln und Poltern hören und mit Grauen sah Herr von Aducht, wie seine zwei Schimmel eben im Begriffe waren zum Speicher emporzuklimmen. Da leuchtete ihm ein, daß der Diener doch die Wahrheit gesprochen haben müsse und daß bei Gott kein Ding unmöglich sei, er eilte die Treppe hinunter, öffnete die Hausthüre und siehe vor derselben stand seine Gemahlin im Sterbekleide, vor Frost bebend, aber doch lebendig. Die sorgsamste Pflege verschaffte ihr bald ihre Kräfte wieder, sie lebte noch eine Reihe von Jahren gesund und glücklich mit ihrem Gatten, gab ihm auch noch drei Söhne, allein sie blieb seit dieser Auferstehung doch stets in sich gekehrt und ernst und Niemand hat sie seit dieser Zeit je wieder lachen sehen.

Noch lange zeigte man aber in Cölln das ehemalige Aducht’sche Haus, welches den Namen zum Papageien führte, auch ihr Grab ward lange erhalten, auch ein Gemälde, worauf die ganze Begebenheit abgebildet war, befand sich in der Apostelkirche zu Cölln in der Vorhalle bis zum Jahre 1585, wo dieselbe abgebrochen ward und das Bild wegkam. Noch heute aber zeigt man in der genannten Kirche ein Fastentuch, welches sie aus Dankbarkeit für ihre Errettung aus der Todesgefahr dieser Kirche geweiht und selbst kunstreich gewebt hatte. Auf diesem sind Maria und die Jünger dargestellt, wie sie zum Gekreuzigten flehen, am Kreuze aber liegt ein Schädel, auf dem drei Rosen blühen, aus diesen aber schweben drei Engel hinauf zum Heiland und rechts und links liegen Rittersleute auf den Knieen und beten. Der Schädel aber, die Rosen und Engel beziehen sich auf einen Traum, den sie einst vor ihrer Erkrankung geträumt hatte, aber nicht zu deuten vermochte. Sie hatte nämlich vorher, da ihre Ehe kinderlos geblieben war, oft zur h. Jungfrau gebetet, sie möchte ihr doch Kinder schenken. Da träumte sie einst, die h. Jungfrau trete aus ihrem Bilde, welches in ihrem Schlafzimmer hing, heraus, reiche ihr ein Todtenköpflein und aus dem Schädel erhöben sich drei Rosen, aus deren Dufte drei Englein sanft empor wuchsen. Jetzt wußte sie wohl, was der Traum gewollt, der Todtenkopf bezog sich auf ihre vorzeitige Beerdigung, die drei Englein aber auf die drei Knaben, die ihr der Herr später noch schenkte. Ein Paar hölzerne Pferde[1] als Wahrzeichen dieser wunderbaren Begebenheit sahen noch Jahrhunderte lang von den Speicherfenstern des ehemaligen Hackeneyschen Hauses auf dem Neuen Markte und zum Andenken hat man auch der an ihre Wohnung angrenzenden neuen Straße den Namen der Richmodisstraße gegeben.


Literatur: Grässe: Sagenbuch

[1] Nach Andern war aber das Haus der Frau von Aducht das gegenseitige Eckhaus, und das Pferdebild nur das Wappen der Familie Haquenay.

Kategorien
Texte und Medien

Joachim Ringelnatz: Gedichte

Köln von der Bastei gesehen

Es schlägt der Leuchtturm durch die Nacht
Seine unermüdlichen Strahlen.
Es schleichen Schiffe überwacht,
Die lassen sich bezahlen.

Wie Perlenreihen und Geschmeid
Lichtern die Ufer am Rheine.
Ein Mädchen weint ihr Herzeleid
Am Kai auf steile Steine.

Sie trägt ein helles Wiesenkleid
Und steht sonst ganz im Dunkel.
Das Wasser spiegelt kein Herzeleid,
Es spiegelt nur Gefunkel.

Ich rufe schmatzend den Ober herbei.
Er will mich nicht verstehen.
Ich wünsche: Es möchte sich die Bastei
Jetzt karussellartig drehen.


Nach kurzer Fahrt getrennt

Es reimt sich was,
Und es schleimt sich was,
In den Austern im Kölner September.
Ich sitze – und niemand sonst ist dabei –
Vor blinkenden Lichtern in der Bastei,
And I remember. Heute wird nicht gegeizt,

Wird mit Champagner geheizt,
Für dich söffe ich Tinte.
Paris ist nicht weit von hier.
Könnten wir! – Wollen wir
Uns dort treffen, Lobintte??


Literatur: Ringelnatz: Gedichte

Kategorien
Texte und Medien

Anne Dorn: Gedanken zur Grosstadt

Noch immer bin ich neugierig, zu erfahren, was auf mich zukommt, wenn ich der Stadt entgegengehe. Einmal möchte ich ihr schlagendes Herz sehn…
Es gibt in der Malerei eine Richtung, die man Pointillismus nennt. Die Pointillisten haben alle Dinge aus ungemischten Farbpunkten zusammengesetzt oder umgekehrt, alle Dinge in Punkte aus ungemischter Farbe aufgelöst. In der Hohe Straße finden akustisch-pointillistische Ereignisse statt: Das große, amorphe Dröhnen der Stadt wird in punktuelles Absatzgeklapper aufgelöst. Ich habe einmal als Köln-Besucher im Hotel Callas in der Hohe Straße geschlafen. Die Glocken der Kirchen weckten mich mehrmals, ich drehte mich um und schlief weiter. Gegen neun Uhr überfiel mich eine merkwürdige Unruhe: Wie jemand, der den Verdacht schöpft, in seinem Hause zernagten Holzwürmer die Tragebalken, genauso beunruhigt merkte ich auf ein klopfendes, mitteilsames Geräusch. Es drang aus dem Straßenschacht zur vierten Etage. Ich trat ans Fenster: Menschen! Nichts weiter, als Menschen, die laufen. Aber was heißt da – ›nichts weiter‹?
Eine melancholische Unruhe sickert mit dem Menschenstrom vom Fußgängercentrum in die kleineren Gassen und auf die Plätze. Habe ich wirklich das Herz der Stadt passiert, oder ist es heute anderswo zu finden? Vielleicht liegt es vor meiner Haustür. Ich sehe zum Fenster hinaus auf die Straße. Da kommt gegen elf Uhr vormittags eine weiße Hochzeitskutsche mit zwei der letzten Pferdchen angeprescht. Die Ampel auf der Fahrbahn jenseits der Baumreihe steht auf rot, der Hochzeitskutschenkutscher zügelt die Pferde, die Kutsche hält, der rechte Schimmel bricht vor der roten Ampel zusammen, seine Hufeisen klappen ein letztes Mal, Funken sprühn, die Braut und der Bräutigam verlassen die Hochzeitskutsche, wie man ein brennendes Haus verläßt, Frack und Schleier wehn der Agneskirche zu, tatüütataa die Tierärzte kommen, tatüütataa die Feuerwehr kommt, zwölf behelmte Männer schreiten mit ihrer Bahre auf das Pferd zu, plötzlich umsteht eine schwarze Wolke von Menschen die Straßenecke, weil so viele Kölner Bürger ein Pferd mögen, schon gar ein umgefallenes. Ich sehe aus meinem Fenster auf einen brodelnden Menschenklumpen, – das Herz der Stadt? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, die Stadt hat ein Herz. Am starken Wechsel von Belebung und Belebtsein habe ich teil.


Literatur: Dorn: Gedanken

Kategorien
Texte und Medien

Erasmus Schöfer: Vogeltheater in der Südstadt

Der Rhein ist sehr flach gefallen. Durch das grüne Bogenskelett der Südbrücke sehe ich vor den Poller Wiesen das nackte, steinige Ufer mit den braungrauen Basaltbuhnen. Wenn ich scharf hinschaue, erkenne ich die Bewegung des Quecksilberstroms, den kein Motorschiff belebt. Auf der Rheinuferstraße kaum mal ein Auto — das sonst ständig hörbare Rauschen der tausend Reifen ist verstummt, und keiner der täglich mehrmals zwischen Bonn und Düsseldorf dem Strom folgenden Hubschrauber zerhackt mir die Stille. Selbst das alles übertönende Dröhnen der Züge auf der eisernen Brücke bleibt aus, als ob auch die Bundesbahn meinen Sonntagmorgen heiligen wollte.

Von einem meiner späten winterlichen Sonnenaufgänge, drüben, hinter dem Poller Hochhaus, die mir oft die trüben Jahreszeiten so königlich vergolden, kann ich heute nicht berichten, noch die unfaßlich vielgestaltigen, bewegten Himmelslandschaften im Bilderrahmen meines Fensters skizzieren, denn eine amorphe, grauweiße Wolkendecke verhängt die Szene. Vor der ragt, kahl und zergliedert, die reglose Silhouette der großen Platane auf — weit hinaus über die Höhe meiner Wohnung im fünften Stock. In ihrer Krone hüpfen flatternd die beiden eng verheirateten Elstern herum, zanken sich mit einer Krähe, bis sie sich entschließen, den Streit zu beenden, direkt auf mein Fenster zufliegen, mit ihrem seltsam unregelmäßigen Flügelschlag, und erst unmittelbar vor der Hauswand, ihre Geschwindigkeit nutzend, den langen Schwanz und die Flügel ausgebreitet, hochziehen auf die Fernsehantenne. Ich höre ihr aufgeregtes Keckem durch das geschlossene Fenster.

Ein paar Dutzend Stare, unverkennbar durch ihre spitzen Dreiecksflügel, sind eben flattrig in einen Seitenast der Platane eingefallen, hocken jetzt dort wie schwarze Winterfrüchte. Nicht wegzudenken aus meinem Fensterbild auch die graubunten Haustauben, in Schwärmen, einzeln, zu Paaren. Sie scheinen ständig in irgendwelchen Geschäften unterwegs, und sei es nur dem, mir ihre Flugkünste, die vielfältigen Formen ihrer Flügelbewegungen zu zeigen, die viel zahlreicher sind, als es die gedruckten und gemalten Friedenstauben ahnen lassen.

Übertroffen werden sie nur von den Mauerseglern, deren hektische Lufttänze ich mal hoch unter den Wolken, mal unmittelbar vor dem Fenster beobachten kann, und ihr durchdringendes, schrilles Gellen dazu hört sich an, als wollten sie das ganze Severinsviertel darauf aufmerksam machen, welche Lust sie an ihrem scheinbar schwerelosen Fliegen und Jagen haben. Aber die geben jetzt ihre Vorstellung in Afrika. Dafür tschilpt ein Spatz aus der Regenrinne, aufgeregt klingt es, noch ein zweiter fällt ein, sie steigern sich zu einer zornigen Schimpftirade, offenbar das Begleitgeschrei zum Sonntagsausflug der Katze eines Nachbarn über die Dächer.

Diagonal durchs Bild, vom Rhein herüber, ein Entenzug, schon von weit erkennbar an der sich ständig verändernden, aber immer keilförmigen Gruppierung der Vögel, und auch der lange Hals, die weit hinten am Körper angesetzten Flügel, geben diesem Flug etwas Vorwärtsstrebendes, Zielgerichtetes. Da werden keine großen Kurvenfaxen gemacht — man ist unterwegs zum Volkspark in einer ernsthaften Angelegenheit.

Es ist ständig etwas los in meinem eintrittsfreien Lufttheater. Die weißschwarzen Silbermöven gehören längst nicht mehr nur zu den Küsten, sitzen in Scharen auf den Feldern längs der Autobahnen und kreisen als Aasvögel über den Müllkippen wie über den Ausflugsdampfern der Köln-Düsseldorfer, weiß- gebleichte Krähen. Aber wie sie jetzt gelassen, gewichtig, vom Strom hochziehen über die Brücke, ist ihrem Flug anzusehen, daß er die großen Winde gewohnt ist. Wenn die Herbst- und Frühlingsstürme über Köln fegen, dann sind nur noch sie am Himmel, weit verteilt in den brausenden Lüften, sich hochreißend, plötzlich abstürzend, segelnd auf ihren schmalen Sichelflügeln, im Spiel mit den unsichtbaren Windsbräuten, machen die Räume sichtbar.

Ich will nicht behaupten, daß ich heute den Besuch eines schnellen Sperbers oder eines ruhig in seinen hohen Kreisen segelnden Bussards bekommen hätte — diese Solisten verstehen es, sich kostbar zu machen, und die herbstlichen Ketten der großen Zugvögel, Wildgänse und Kraniche, habe ich nur in seltenen, mich dann seltsam erregenden Augenblicken entdeckt. Aber wenn ich jetzt ans Fenster trete, in den kleinen Römerpark hinabschaue, kann ich noch das graublaue Ringeltaubenpärchen mit seinen schönen schlanken Hälsen entdecken, und Kohlmeisen, Blaumeisen, Buchfinken, und Amseln — die gehören zur täglich garantierten Besetzung meines Ensembles. Da kann ich schon noch etwas warten, bis die schwarzen Gesangsmeister wieder oben auf der Antenne sitzen, ihren Schnabel in den Abendsonnenglanz stecken und den Frühling mit ihren unvergleichlichen Koloraturen herbeisingen.

Dann wird auch der Adler wieder vom Baumlaub des Parks verborgen sein, der furchterregend und sehr kriegerisch auf seiner Säule die bronzenen Schwingen über das Andenken der sinnlos umgebrachten Soldaten breitet. Die Stadt hat das alte Fort mit Bäumen und Rosen bepflanzt, zwischen den Kasematten einen Abenteuer-Spielplatz eingerichtet, aber der finstere Vogel blieb, droht noch immer wie ein apokalyptischer Bomber den zimmernden Kindern und boulespielenden Italienern. Vor zwei Jahren hatte die Friedensinitiative bei einem Stadtteilfest ihn mal vorübergehend als Taube verkleidet. Inzwischen hat der Stadtrat beschlossen, den Hindenburgpark Friedenspark zu nennen. Seitdem gehe ich noch lieber dort spazieren und versuche, den Adler als Denkmal für den auch nicht freiwillig ausgestorbenen König der Lüfte zu sehen. Plötzlich, drüben am Strom, eine langsame, weiße Bewegung, dicht überm Wasser, unter der Brücke durch – zwei Schwäne! Dieser schwere Flügelschlag, der überlange Hals, der den Weg sucht, selbst auf die Entfernung erkennbar — das sind zwei Luftschiffe, die ihren mächtigen Körpern das Fliegen abgetrotzt haben. Ich denke, sie sind das Sonntagsgeschenk, statt Sonnenaufgang, jetzt kann er ruhig regnen, der trübe Himmel. Und ich denke: nein – einen Kanarienvogel habe ich wirklich nicht nötig.


Für die Abdruckgenehmigung des Textes danken wir dem Autor.

Kategorien
Texte und Medien

Rolly Brings: Albertus Magnus

Gerhard Marcks: Albertus Magnus, 1956, Bronze © Foto: Michael Maye, 2010

Zischt hin wie Hiebe durch die vergessene Lehre von den zwei Schwertern, zu den Wegmarken im Wirrsal, setzt Leuchtfeuer an Klippen & lässt Nebelhörner rufen. Das Tropfen der Zeit, wenn sie zurück ins Ewige fällt. All dies aber gedacht & geschrieben unterm Kreuz am Pult in seiner Klosterzelle, weltentrückt & untergründig webend, bis an diesem Frühlingsabend er sinnend vor mir thront. Eben noch saßen wir im Audimax unter aufgespannten Utopien im ideologischen Regen. Vom heute Bestehenden sollte nichts mehr währen, & im Dunst unserer Antizipationen wuchs die Blume der Anarchie. Wir fochten dialektisch gegen ihn. Er parierte mit Schweigen.

Köln 1976

Der Text ist eine Erinnerung an die 60er Jahre, in denen ich (wie viele junge Menschen) Bestehendes radikal in Frage stellte. So setzte ich mich auch mit der Staatslehre des großen Gelehrten auseinander, besonders mit seiner Lehre von den beiden Schwertern, dem geistlichen & dem weltlichen Schwert. Albertus Magnus – der Zauberer, wie ich ihn als Kind nannte – gehörte schon immer zum Personal der Sagen & Legenden, die in meiner Familie erzählt wurden. Doch da spielte er eine ganz andere, eine märchenhafte sympathische Rolle.

Rolly Brings

Literatur: Brings: Albertus
Für die Abdruckgenehmigung des Textes danken wir dem Autor.

Kategorien
Texte und Medien

Ludwig Bechstein: Albertus Magnus

Es war ein berühmter Mönch und hochgelahrter Doktor des Namens Albertus Magnus, vordessen Bischof zu Regensburg und hernachmals zu Köln am Rheine gestorben und begraben. Er war in allen hohen Künsten erfahren, ja auch ein Baumeister. Manche sagen, daß Albertus Magnus den Grundplan des Kölner Doms erfunden und aufgezeichnet habe, und das Chor der vormaligen Dominikanerkirche habe er auch erbaut. In dieser Kirche ruhten seine Gebeine, kamen aber in St. Andreas‘ Kirche, als jene der Dominikaner ihre Zerstörung fand.

Im Jahre 1248 kam Kaiser Wilhelm von Holland, Kaiser Friedrich des Zweiten Gegenkaiser, mit ziemlichem Hofstaate gen Köln, und zwar am Tage der heiligen drei Könige, den bat, samt seinem Hofe, Albertus in seinen Klostergarten zu den Predigern zu Gaste. Es war große Kälte eingetreten und fiel ein starker tiefer Schnee, da meinten die Räte und vornehmen Dienstmannen, der Mönch möge wohl sein Gehirn erfroren haben, daß er zu solcher Jahreszeit zu einem Gartenvergnügen einlade, und rieten dem Kaiser, ihrem Herrn, der Einladung keine Folge zu geben. Aber der Kaiser ließ sich dazu nicht bewegen, hieß vielmehr die Seinen ihm folgen, und kamen zu dem Predigerkloster, wurden auch alsobald in den Garten geleitet. Da lagen alle Bäume und Sträucher dick voll Schnee, und waren alle Wege verschneit, und alles Laub und Gras war bedeckt, unter den Bäumen aber standen die Tafeln mit kostbaren Gedecken und Aufsätzen und herrliche Sessel und schmucke Diener zur Aufwartung.

Dem Kaiser machte das Seltsame solcher Anordnung eine Lust, und setzte sich auf den für ihn bereiten Stuhl, da mußten die andern sich auch setzen, und die Tafel hub an. Da klärte sich der Himmel auf, und trat lieblicher Sonnenschein herfür, und verging der Schnee wie ein Dunst, und hoben sich Gras und Laub frischgrün zu Tage, und kamen Blumen aus dem Boden hervorgesproßt, und die Bäume alle trieben Laub und Blüten. Auch Vöglein kamen geflogen und sangen gar lieblich, und wurde sehr heiß allmählich, so daß der Bäume Blüten abfielen und die Fruchtkeime schwollen und die Früchte reiften. Und der Kaiser tät seine winterliche Pelzschaube ab, weil ihm allzu warm wurde, und die andern auch die ihrigen.

Da nun die Mahlzeit mit großen Freuden geendet war, obschon niemand wußte, wer und von wannen die zierlichen und willfährigen Diener waren und wo die Speisen alle zubereitet wurden, da verloren sich die Diener, und die Vögel sangen nicht mehr und entflohen, die Blumen blühten ab, die Bäume wurden fahl, es ward kühl, dann kalt, die Winterschauben wurden wieder umgehangen, der Kaiser hob die Tafel auf, die Sonne verschwand, der Himmel ward grau, und auf Bäumen, Laub und Gras lag wieder Schnee. Alles eilte in das Kloster, um im warmen Refektorium vor der Kälte gesichert zu sein. Kaiser Wilhelm aber pries seinen kunstfertigen Wirt und begabte ihn und den Konvent mit Gütern reichlich und erlebte nie wieder solch wunderseltsames Gastmahl.


Literatur: Bechstein: Albertus.

Kategorien
Texte und Medien

Joachim Rönneper: Kölner Denkmal im Lockdown

Gerhard Marcks: Albertus Magnus, 1956, Bronze © Foto: Joachim Rönneper 2020

Er, der da sitzt, ist nicht in ein Buch vertieft, schmökert nicht, nein, er schaut ins Weite, vielleicht mit einem Wort auf den Lippen nur, welches er soeben las, mit einer Erkenntnis, die er durch die Lektüre nachsinnend gewann oder mit einem Gedan­kengang, der sich erst in der Ferne erschließt, wer weiß. Doch gewiss ist eines: Er denkt besonnen und ruhig; kein Hellseher, aber ein heller Kopf. Der geistige Horizont ist ihm auf jeden Fall näher als der eigene Tellerrand. Seine Augen sind geöffnet, weit geöffnet. Sein Haupt seitwärts gewandt, der Blick geradeaus. Er trägt Sandalen, einfachstes Schuhwerk ohne Socken, und einen Umhang, nicht wallend und wehend, schnörkellose Reduktion. Alles konzentriert sich. Nichts schweift ab. Auch seine Frisur ist weder wüst noch wild. »Akkurat« scheint das rechte Wort für sei­nen Haarschnitt zu sein, der den Nacken nicht bedeckt, die Ohren frei. Die Nase eher spitz, von Hochnäsigkeit keine Spur. Er sitzt auf einem Hocker mit rechteckig wuchtigen Beinen, Wanken und Wackeln unwahrscheinlich.

Seit 1956 sitzt er da, leicht vornüber geneigt. Den Mann, auf den die Gründung der Kölner Universität im Jahre 1388 zurückgeht, hier sehen wir ihn: den Kirchenlehrer Albertus Magnus (um 1200–1280), den der Bildhauer Gerhard Marcks (1889–1981) eindrucksvoll schuf. Die Bronzestatue misst eine Höhe von 270 cm, auf einem Steinsockel platziert. Schon von weitem erkennt man, dass ein aufgeschlagenes Buch, ein Foliant, im Schoß des Gelehrten liegt. Mit seiner rechten Hand hält er einen Finger zwischen zwei Seiten wie ein Lesezeichen für die nächste zum Weiterlesen – ein geistiges Innehalten vor dem Umblättern; entspannt liegt der Arm auf seinem Oberschenkel. Anders der linke Arm. Der Ellenbogen ist aufgestützt, die Hand unverkrampft. Daumen und Zeigefinger berühren sich, als gäbe es etwas Feinsinniges taktil zu erspüren. Sein ovales Gesicht ist bis auf drei gerundete Stirnfalten glatt, der schmale Mund geschlossen.

Er schweigt, und ich frage mich, was er, der Denker, sagen würde, wenn er heute lebte: ein Denkmal ohne Mundschutz am Eingang der Universität zu Köln.

Köln im April 2020


Literatur: Rönneper: Corona. Siehe auch »Baudriplatz«
Für die Abdruckgenehmigung des Textes danken wir dem Autor.

Kategorien
Texte und Medien

Ernst Weyden: Die Heinzelmännchen

(Mündlich)

Es mag noch nicht über fünfzig Jahre seyn, daß in Cöln die sogenannten Heinzelmännchen ihr abendtheuerliches Wesen trieben. Kleine nackende Männchen waren es, die allerhand thaten, Brodbacken, waschen und dergleichen Hausarbeiten mehrere; so wurde erzählt; doch hatte sie Niemand gesehen. Zu der Zeit nun, als die Heinzelmännchen noch waren, gab es in Cöln mancher Bäcker, der keine Knechte hielt, denn die Kleinen machten über Nacht immer so viel Schwarz- und Weißbrod, als der Bäcker in seinem Laden brauchte. In manchen Häusern wuschen sie und thaten den Mägden alle ihre Arbeiten vor. So war auch eben um diese Zeit ein erfahrner Schneider in Cöln, dem sie gar gewogen schienen, denn als er heirathete, fand er am Hochzeittage die herrlichsten Speisen und das schönste Geräthe in seiner Wohnung, welches die Kleinen anderwärts gestohlen, und ihrem Lieblinge gebracht hatten. Als seine Familie sich nun mit der Zeit vermehrte, thaten die Kleinen der Frau des Schneiders merklichen Vorschub in ihren häuslichen Geschäften, wuschen ihr, und scheurten ihr bei festlichen Gelegenheiten ihren Kupfer und Zinn, und das Haus vom Söller bis in den Keller. Hatte der Schneider zuweilen gar dringende Arbeit; so fand er sie Morgens ganz und gar von den Heinzelmännchen fertig gemacht. Nun plagte aber die Schneidersfrau der Vorwitz, und sie wollte die Heinzelmännchen gern einmal sehen; wie sie sich aber anstellte, wollte es ihr doch nie gelingen. Sie streute daher einmal die Treppe voller Erbsen, auf daß die Heinzelmännchen fallen mögten, Schaden litten, und sie dieselben am andern Morgen sehen könnte. Dieser Anschlag schlug aber fehl, und seit dieser Zeit verloren sich die Heinzelmännchen ganz; wie überhaupt überall durch den Vorwitz der Leute, der schon so manches Schöne in der Welt zerstört hat. Die Heinzelmännchen zogen darauf in gesammter Masse unter klingendem Spiele aus der Stadt; man hörte aber nur das Spiel, denn Niemand konnte die Männlein sehen, die sich darauf in ein Schiff setzten und wegfuhren, wohin? weiß Niemand. Doch sollen mit den Heinzelmännchen auch die guten Zeiten Cölns verschwunden seyn.


Literatur: Weyden: Die Heinzelmännchen

Kategorien
Texte und Medien

August Kopisch: Die Heinzelmännchen zu Cölln

August Kopisch

Wie war zu Cölln es doch vordem,
Mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn, war man faul: … man legte sich
Hin auf die Bank und pflegte sich:
              Da kamen bei Nacht,
              Ehe man’s gedacht,
       Die Männlein und schwärmten
       Und klappten und lärmten
              Und rupften
              Und zupften
       Und hüpften und trabten
       Und putzten und schabten
Und eh ein Faulpelz noch erwacht, …
War all‘ sein Tagewerk … bereits gemacht!

Die Zimmerleute streckten sich
Hin auf die Spän‘ und reckten sich;
Indessen kam die Geisterschar
Und sah, was da zu zimmern war:
             Nahm Meißel und Beil
             Und die Säg‘ in Eil:
     Sie sägten und stachen
     Und hieben und brachen,
             Berappten
             Und kappten,
      Visirten wie Falken
      Und setzten die Balken …
Eh sich’s der Zimmermann versah,
Klapp, stand das ganze Haus … schon fertig da!

Beim Bäckermeister war nicht Noth,
Die Heinzelmännchen backten Brodt,
Die faulen Burschen legten sich,
Die Heinzelmännchen regten sich –
           Und ächzten daher
           Mit den Säcken schwer!
    Und kneteten tüchtig
     Und wogen es richtig
             Und hoben
             Und schoben
      Und fegten und backten
      Und klopften und hackten.
Die Burschen schnarchten noch im Chor:
Da rückte schon das Brodt, … das neue, vor!

Beim Fleischer ging es just so zu:
Gesell und Bursche lag in Ruh.
Indessen kamen die Männlein her
Und hackten das Schwein die Kreuz und Quer.
              Das ging so geschwind
              Wie die Mühl‘ im Wind.
     Die klappten mit Beilen,
     Die schnitzten an Speilen,
               Die spülten,
               Die wühlten
         Und mengten und mischten
         Und stopften und wischten.
That der Gesell die Augen auf –
Wapp, hing die Wurst schon da zum Ausverkauf!

Beim Schenken war es so: es trank
Der Küfer, bis er niedersank,
Am hohlen Fasse schlief er ein,
Die Männlein sorgten um den Wein
             Und schwefelten fein
             Alle Fässer ein.
       Und rollten und hoben
       Mit Winden und Kloben
             Und schwenkten
             Und senkten
       Und gossen und panschten
       Und mengten und manschten.
Und eh der Küfer noch erwacht:
War schon der Wein geschönt und fein gemacht.

Einst hatt‘ ein Schneider große Pein:
Der Staatsrock sollte fertig sein;
Warf hin das Zeug und legte sich
Hin auf das Ohr und pflegte sich.
          Da schlüpften sie frisch
           In den Schneidertisch;
    Da schnitten und rückten
    Und nähten und stickten
             Und faßten
                 Und paßten
          Und strichen und guckten
          Und zupften und ruckten
Und eh mein Schneiderlein erwacht:
War Bürgermeisters Rock bereits gemacht!

Neugierig war des Schneiders Weib,
Und macht sich diesen Zeitvertreib:
Streut Erbsen hin die andre Nacht.
Die Heinzelmännchen kommen sacht:
               Eins fähret nun aus,
               Schlägt hin im Haus,
     Die gleiten von Stufen,
     Und plumpen in Kufen,
              Die fallen
              Mit Schallen,
      Die lärmen und schreien,
      Und vermaledeien!
Sie springt hinunter auf den Schall
Mit Licht: husch, husch, husch, husch! -Verschwinden all! O weh! nun sind sie alle fort
Und keines ist mehr hier am Ort!
Man kann nicht mehr wie sonsten ruh‘n,
Man muß nun Alles selber thun!
             Ein jeder muß fein
             Selbst fleißig sein,
      Und kratzen und schaben
      Und rennen und traben
             Und schniegeln
             Und biegeln
      Und klopfen und hacken
      Und kochen und backen.
Ach, daß es noch wie damals wär!
Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her!


Literatur: Kopisch: Heinzelmännchen