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Das erste Paradies

Über das Geburtshaus von Hilde Domin – und ihr Zuhause in Köln

Riehler Straße 23 © Foto: Willy Horsch, CC BY 3.0

Die gebürtige Kölner Lyrikerin und Schriftstellerin Hilde Domin verbrachte in ihrer Geburtsstadt glückliche Kinder- und Jugendjahre, die ein tragendes Fundament für ihr Leben im Exil und die weiteren Stationen ihres Lebens bildeten: »Irgendwann war ich zuhause, und auch gut zuhause. Davon lebe ich das Leben lang. Das war in Köln, in der Riehler Straße 23. Dort haben meine Eltern mich mit dem Vertrauen versorgt, dem Urvertrauen, das unzerstörbar scheint und aus dem ich die Kraft des ›Dennoch‹ nehme.« – Andreas Rossmann, von 1986 bis 2017 Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), folgt in seinem Beitrag Domins Spuren in Köln.

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Das erste Paradies

Über das Geburtshaus von Hilde Domin – und ihr Zuhause in Köln

Ein Gastbeitrag von Andreas Rossmann

Der Text auf der Tafel am Haus Riehler Straße 23 könnte knapper nicht sein:

Kein Wort zu viel. Dabei gibt es mehr dazu zu sagen. Viel mehr. Zu viel, als dass es auf eine Tafel passen würde.

Die Tafel wurde am 3. Dezember 2005 angebracht. Mehr als siebzig Jahre, nachdem Hilde Domin, die erst 1954 aus dem Exil, das zunächst nach Italien, später nach England und schließlich, für die letzten vierzehn Jahre, in die Dominikanische Republik führte, aus dem Haus ausgezogen war. Mehr als 95 Jahre, nachdem sie hier als Hildegard Dina Löwenstein geboren worden war. Keine drei Monate, bevor sie am 22. Februar 2006 in Heidelberg, wo sie seit 1961 lebte, verstarb. Die kleine Feier in windiger Kälte auf dem Treppenaufgang fand in ihrer Anwesenheit statt. Es war ihr letzter Besuch in Köln.

Das Anbringen der Tafel ist einer Bürgerinitiative zu verdanken, die Anregung ging von der Buchhändlerin Ingeborg Zanders (1921-2013) aus, die Hilde Domin seit 1961 freundschaftlich verbunden war. Dass inzwischen die Psychoanalytische Arbeitsgemeinschaft Köln-Düsseldorf hier residiert, passt ins Bild: In dem Haus, das an die Kindheit einer Künstlerin erinnert, ist die Wissenschaft zu Hause, deren zentrales Thema die Geschichte der Kindheit ist. Zugleich macht die Tafel auf ein Schicksal aufmerksam, wie es auch die Bewohner anderer Häuser in diesem Viertel erlitten haben; die von Gunter Demnig verlegten Stolpersteine erinnern daran.

Leser von Hilde Domin kennen diese Geschichte. Zwei Kapitel ihrer Autobiographie Von der Natur nicht vorgesehen (1974) handeln davon. Im Eingangsporträt »Mein Vater. Wie ich ihn erinnere« erzählt die Dichterin, wie sie von hier aus mit dem Fahrrad zur Schule fuhr, während die Mutter sie aus der Straßenbahn (es war schon damals die Linie 16, doch die Schienen lagen noch oberirdisch), überwachte und die Risiken abschätzte; wie sie mit dem Vater, einem promovierten Juristen und angesehenen Anwalt, der am Kaiser-Wilhelm-Ring 3 seine Kanzlei hatte, wenn sie zu Fuß gingen, über seine Fälle, Theaterstücke oder ihre Schulaufgaben sprachen; wie er mit ihr sonntags das Wallraf-Richartz-Museum oder den Kunstverein besuchte oder mit ihr morgens vor der Schule zum Schwimmen ging – »erst hatte ich eine Büchse auf dem Rücken, dann einen Korkgürtel um den Bauch. Damals ging man in kleine hölzerne weißgetünchte Badeanstalten auf dem Rhein. Unsere hieß Noldes …« Hier ist die Dichterin zur Welt gekommen; von hier aus ist sie auch in die Tanzstunde gegangen, wo der zwei Jahre ältere Hans Mayer ihr Partner war; von hier aus begann sie, sich die Welt zu erschließen.

»Der Stadtteil«, so schreibt Heinrich Böll in dem Text Hülchrather Straße Nr. 7, wo – gleich um die Ecke – seine letzte Kölner Adresse war, »ist zum größten Teil nach 1890 erbaut; Zeit einer ersten Bodenspekulation; Jugendstilfassaden, die Straßennamen klingen noch nach dem Triumph, der damals erst zwanzig Jahre zurücklag und noch frisch im Ohr klang: Sedan, Wörth, Belfort, Weissenburg; eine selbstbewusste Zeit, die unerschrocken den beginnenden Jugendstil in seinen verschiedensten popularisierbaren (vulgarisierbaren) Formen aufnahm und eine bemerkenswerte Vorliebe für langhaarige Weiber entwickelte, die über Haustüren melancholisch den Eintretenden begrüßen oder mit gekonnter Tristesse Balkone stützen.« Riehler Straße, nur benannt nach dem nächstnördlichen, 1888 eingemeindeten Vorort, hebt sich erfreulich ideologiefrei davon ab.

Als die Löwensteins, eine liberale, wohlhabende, assimilierte jüdische Familie, hierherzogen, war die Neustadt gerade erst im Halbkreis um die Altstadt gelegt worden. 1881 hatte Josef Stübben mit der Planung begonnen, die 1910 abgeschlossen wurde; erst im Jahr darauf wurde das neubarocke Oberlandesgericht, damals der größte Justizpalast in Preußen, am Reichensperger Platz fertig. Die Riehler Straße hatte noch große Bäume und einen Fußgängerweg in der Mitte: Etwa auf halber Strecke vom Reichensperger zum Deutschen Platz, wie der Ebert-Platz noch hieß, lag das Haus mit der Nummer 23 im Gerichtsviertel, das im Westen von der Neusser Straße und im Osten von der Riehler Straße eingefasst wurde. Besser, standesgemäßer konnte ein Jurist damals in Köln nicht wohnen.

Schon im April 1929 verließ Hilde Domin das Elternhaus, um an der Universität Heidelberg zunächst »Jura, wie mein Vater, natürlich« zu studieren. Zum Wintersemester wechselte sie an die Universität Köln, wo sie sich für Volkswirtschaft und Soziologie einschrieb, im Herbst 1931 an die Friedrich-Wilhelm- (heute: Humboldt-)Universität nach Berlin, zum Sommer 1931 erneut nach Heidelberg, wo sie den Archäologen und Kunsthistoriker Erwin Walter Palm (1910-1988) kennenlernte, mit dem sie bereits im Herbst 1932, noch vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, nach Italien auswanderte und ihr Studium in Rom und Florenz fortsetzte und abschloss. »Ich hatte keine ›repressive‹ Kindheit, im Gegenteil«, schreibt Hilde Domin in Mein Vater.

Riehler Straße 23, Foto Ludwigs 1973 © RBA 154696

Eine recht genaue Vorstellung von der Wohnung, ihrer Größe und ihrem Grundriss, ihrer Ausstattung und ihrem Komfort, gibt ein späteres, »Meine Wohnungen – ›Mis moradas‹« überschriebenes Kapitel: »Wir wohnten im 2. Stock, und mein Bruder und ich wurden ins Erdgeschoss oder ins Hochparterre getragen, wenn Fliegeralarm war, während des Ersten Weltkriegs […]. Das Speisezimmer hatte bunteingelegte Fenster, damit man den Hinterhof und die Brandmauer nicht sah, die man vom Schlafzimmer aus doch gut kannte, und war mit Schwarzer Eiche getäfelt.«

An die großzügige Wohnung (»mit zehn oder elf Zimmern«) erinnerte sich Hilde Domin in vielen Einzelheiten und Kleinigkeiten: »Das Zimmer nach vorne, zur Riehlerstraße heraus, das durch eine fast wandbreite Schiebetür mit dem Esszimmer verbunden war, und das jetzt offensichtlich als Nähzimmer diente, war in meiner ganzen Schulzeit sicher das wichtigste für mich: Dort stand der hohe glasverkleidete Bücherschrank, ebenfalls aus schwarzer Eiche, und oben drauf eine Bronzebüste, ein Donatellokopf. Rechts war ein schmaler Seitenschrank, in dem Vater die Liköre und die Zigaretten hatte, links Mutters Schrank, in dem sie das Nähzeug und den Schlüsselkorb verwahrte, und ich weiß nicht, was sonst noch alles. […] Im Esszimmer standen riesige schwarze Möbel, aus dem Nürnberger Deutschen Museum kopiert, und darin lagen in rotem Filz die Bestecke, und die Servierbestecke, und was man damals zur Heirat geschenkt bekommen hatte und noch von Eltern und Schwiegereltern dazu erbte. Und das Rosenthalporzellan mit dem goldenen Randstreifen (oder war es Meißen), das außerordentlich modern gewesen sein muss, denn ich stelle es mir heute noch chic vor. Benutzt wurde es nur zwei- oder dreimal im Jahr, bei den förmlichen Einladungen. In diesen Schränken gab es auch die großen Keksbüchsen, was sicher alleine ein Grund war, die Schlüssel abzuziehen. Einen Teil des Silbers und des kostbaren Porzellans, wie auch der Perserteppiche, bekamen wir unsrerseits zur Hochzeit geschenkt…«

Als Hilde Domin »1954 zum erstenmal nach zweiundzwanzig Jahren wieder nach Köln kam«, fielen ihr viele Veränderungen auf: »Die Wohnung war halbiert. In den vorderen Zimmern, den ehemaligen Wohnzimmern, wohnte eine Schneiderin. Unsere Schlafzimmer und den langen Gang, auf dem wir Stelzen gelaufen und Holländer gefahren waren bei schlechtem Wetter oder Rollschuh, wie die Kinder über uns und die Kinder unter uns, schön gehallt muss es haben, und Turngeräte waren auch auf dem Gang, diesen Teil der Wohnung konnte ich nicht sehen.« Einen anschaulichen Eindruck von der repräsentativen Gediegenheit der Wohnung vermittelt ein Foto auf der Website der Psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft, das den breiten Gang mit Jugendstil-Kronleuchter, verzierter Holztäfelung, großem Garderobenspiegel und Salontüren mit Glasdekor zeigt.

Die alte Colonia, die Stadt, wie sie war, ist, darüber haben Heinrich Böll und andere geschrieben, in den Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs untergegangen. Nicht viel mehr als die gotische Kathedrale ist stehengeblieben. Hilde Domins Gedicht Köln, das 1964 in ihrem dritten, Hier betitelten Lyrikband erschienen ist, erinnert daran:

Köln

Die versunkene Stadt
für mich
allein
versunken.

Ich schwimme
in diesen Straßen
Andere gehn.

Die alten Häuser
haben neue große Türen
aus Glas.

Die Toten und ich
wir schwimmen
durch die neuen Türen
unserer alten Häuser.

Ein dezidiert subjektiver Blick wird formuliert: »Die versunkene Stadt / für mich / allein / versunken.« Auch wie sich das lyrische Ich dort bewegt, »ich schwimme« umfasst beides, ohne festen Boden unter den Füßen und unsicher in der Orientierung, unterscheidet sich: »Ich schwimme / in diesen Straßen / Andere gehen.« Der Zugang ist wieder möglich, doch er hat sich verändert: »Die alten Häuser / haben neue große Türen / aus Glas.« Die Dichterin sieht sich und stellt sich auf die Seite der Opfer, solidarisiert sich mit ihnen: »Die Toten und ich.« Mit ihnen kehrt sie zurück. »Wir schwimmen / durch die neuen Türen / unserer alten Häuser.« Nur im Gedenken an die Toten lässt sich »die versunkene Stadt«, die Vergangenheit, wahrnehmen und verstehen, lassen sich »unsere(r) alten Häuser«, zu denen es neue Zugänge gibt (»durch die neuen Türen«), wieder erreichen.

Hilde Domin kann nicht unbelastet zurückkehren, auch wenn »unsere(r) alten Häuser« sich wieder öffnen (lassen) und »neue große Türen aus Glas« haben, wie sie sie am Gericht am Appellhofplatz gesehen hat. Köln ist für sie nicht Heimat und doch mehr als ein realer Ort, auch ein Erinnerungsraum. In einem Brief an ihren Verleger Klaus Piper schreibt sie 1981: »Köln ist die Stadt meiner Kindheit, in Köln kann ich noch meinen Eltern auf der Straße begegnen, in Köln spricht man Kölsch, Köln ist nicht ganz wirklich für mich, hat den Traumcharakter nie ganz verloren. Lebte ich dort, es wäre anders.« Köln ist für Hilde Domin nicht mehr Heimat, das entspräche weder ihrer Leidenserfahrung noch ihrem Selbstverständnis als Schriftstellerin. Für die »Dichterin der Rückkehr« (Hans-Georg Gadamer) ist Heimat, wie es in dem Gedicht Ars longa heißt, »immer das Wort / das heilige Wort«. In ihrer Dankesrede auf den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund 1983 sagte sie: »Der Glaube an das Wort, an die Dauer des Worts, und im besonderen an das Überstehen des deutschen Worts noch im Munde derer, denen die Zugehörigkeit zu Deutschland und zum deutschen Worte abgesprochen wurde, führt uns hier zusammen. Dies Wort war unsere Heimat, als wir keine andere hatten.« Oder knapper, in einem Gedicht für Christa Wolf: »Hand in Hand mit der Sprache / bis zuletzt.« In Gesprächen kam sie mehrfach darauf: »In irgendeiner Weise ist Köln mein Zuhause. Heimat wäre ein zu großes Wort. Die deutsche Sprache ist meine Heimat.«

Es ist Zufall, dass Hilde Domin, als sie 1954, nach zweiundzwanzig Jahren, wieder nach Köln kam, einen Teil der Wohnung nicht wiedersehen und einen anderen Teil nicht wiedererkennen konnte: »Diese drei Zimmer zur Straße waren völlig verändert, auch die Stuckdecken im Jugendstil waren verschwunden, ich erinnere mich nicht mehr an das Wiedersehen mit ihnen, das im kommenden Jahr auch schon wieder zwei unvorstellbar lange Jahrzehnte zurückliegt.« Und doch ist dieser Zufall ähnlich bezeichnend wie der Umstand, dass hier heute eine Wissenschaft wohnt, deren Therapieverfahren bei frühkindlichen Prägungen und Erlebnissen der Jugend ansetzen.

Hilde Domin hatte in der Riehler Straße 23 eine, so schildert sie es selbst, schöne, behütete und glückliche Kindheit, auch die »erschreckende Genauigkeit«, mit der sie sich an die Wohnung erinnert (»die alte verschnörkelte Türklinke«) und sie nach zweiundzwanzig Jahre Veränderungen (»Meyers Klassiker«) registriert, verweist auf eine starke emotionale Bindung. Die einzige Erfahrung, die dem widerspricht, der Fliegeralarm während des Ersten Weltkriegs, bei dessen Beginn sie fünf Jahre alt war, findet eine bemerkenswert marginale Erwähnung.

Zuhause, nicht Heimat. Den Unterschied reflektiert Hilde Domin in Das zweite Paradies, ihrem einzigen Roman (»in Segmenten«), der 1968 erschienen ist: »Das Zuhause hat einem nicht wehzutun wie ein Hexenschuss oder ein hohler Zahn. Das Zuhause ist da, und man fühlt es nicht. Wenn man es erst fühlt und betastet, wenn man es erst in die Hand nimmt wie eine zerbrechliche Kostbarkeit, die gleich hinfallen kann – die auch vielleicht schon einmal geleimt wurde –, ist es mit dem Zuhause vorbei. Es ist etwas, was man abgenommen bekommt. Wenn man Glück hat, bekommt man es wieder, aber es ist zuviel Erstaunen dabei. Man freut sich zuviel, als dass es ganz wirklich wäre. Als müsse man dauernd ‚ich atme‘ denken. Das Atmen wäre dann ein Genuss. Eine schreckliche Vorstellung. Das Trauma macht überempfindlich für die Freude. Aber es ist etwas Schizophrenes an ihr. Wie das Zuhause ist die Liebe, wenn man es zuerst begriffen hat, dass sie etwas Widerrufliches sein kann. Das erste Paradies, das zweite Paradies …«

In diesem Sinn war das Haus in der Riehler Straße 23 für Hilde Domin das Zuhause, das erste Paradies. Alle späteren Wohnungen hat sie als »Fluchtwohnungen« bezeichnet. Das Zuhause, aber nicht Heimat, das ergibt sich auch aus dem berühmten Zitat von Ernst Bloch, das als Motto vorangestellt ist: »Was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.«

Die Wirklichkeit hat die Verlusterfahrung, die Hilde Domin mit dem Haus ihrer Kindheit verbindet, so banal wie einprägsam ins Bild gesetzt. »Kürzlich«, so schreibt sie in »Meine Wohnungen«, »fuhr ich an dem Hause vorbei. Gerade wunderte ich mich noch, dass Böll chauffieren kann, da waren wir schon um die Ecke, und ich vermisste den Mandelbaum am Eingang. ›Ja, da steht jetzt die Mülltonne‹, sagte er sofort, denn er hatte den Mandelbaum gekannt.«

– © Andreas Rossmann, 2022

Andreas Rossmann

geb. 1952 in Karlsruhe. Von 1986 bis 2017 Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Nordrhein-Westfalen mit Sitz in Köln, seit 2018 freier Autor. Publikationen u.a.: Max-Ernst-Museum: Van den Valentyn – Architektur, SMO-Architektur, 2005; Der Rauch verbindet die Städte nicht mehr. Ruhrgebiet: Orte, Bauten, Szenen, 2012; Mit dem Rücken zum Meer. Ein sizilianisches Tagebuch, 2017; Das kann nur Köln sein. Ein Glossar, 2020.

Literatur
  • Hilde Domin: Von der Natur nicht vorgesehen. Autobiographisches. München 1974.
  • Der Text geht auf die Rede zurück, die Andreas Rossmann am 3. Dezember 2005, als die Tafel am Geburtshaus von Hilde Domin angebracht wurde, gehalten hat. In den Zitaten werden (die abweichende) Interpunktion und Rechtschreibung beibehalten.
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Irmgard Keuns Heimathafen – Eupener Straße 19

Historische Ansichtskarte, Köln-Braunsfeld, Eupenerstraße

»Es war grauenhaft, wie wir hier gehaust haben – es wurde immer schlimmer. Es regnete nicht, es goss durch die Decke in den armseligen Küchenraum. Möbel, Herd und Matratzen wurden eines Morgens mit Gewalt fortgeholt usw. Die Eltern schlafen augenblicklich in einem Zimmer in der Nähe. Ich schlafe in der Küche auf einem Notbett wie ein Fakir auf den nackten Sprungfedern, ohne Keile. Aber! Über Küche und Gartenzimmer ist eine Asphaltdecke gezogen worden und die Küche ist jetzt warm und trocken«, schrieb Irmgard Keun am 3. April 1946 aus ihrem kriegsbeschädigten Elternhaus in der Eupener Straße 19. Das Haus in Köln-Braunsfeld war Keuns Lebensmittelpunkt und Schreibort bis in die 1960er Jahre. Michael Bienert begab sich auf Spurensuche, hier geht es zu seinem Beitrag.

Ankündigung: Buchvorstellung am 10. Mai 2022, um 19 Uhr, in der Zentralbibliothek
Irmgard Keun: Man lebt von einem Tag zum andern. Briefe 1935 bis 1948. 
Informationen unter: Stadt Köln Veranstaltungen  
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Irmgard Keuns Heimathafen – Eupener Straße 19

Ein Gastbeitrag von Michael Bienert
Irmgard Keun, Eupener Straße 19, 1955 © Foto: Peter Fischer / Historisches Archiv Stadt Köln, Best. 1401, Fo 42I, Bd. 1

»Es war grauenhaft, wie wir hier gehaust haben – es wurde immer schlimmer. Es regnete nicht, es goss durch die Decke in den armseligen Küchenraum. Möbel, Herd und Matratzen wurden eines Morgens mit Gewalt fortgeholt usw. Die Eltern schlafen augenblicklich in einem Zimmer in der Nähe. Ich schlafe in der Küche auf einem Notbett wie ein Fakir auf den nackten Sprungfedern, ohne Keile. Aber! Über Küche und Gartenzimmer ist eine Asphaltdecke gezogen worden und die Küche ist jetzt warm und trocken«, schreibt Irmgard Keun am 3. April 1946 aus ihrem kriegsbeschädigten Elternhaus in der Eupener Straße 19 an ihre Freundin Annemarie Schäfer. Sie hatte zwölf Jahre Diktatur und den Zweiten Weltkrieg überlebt. Ihr Bruder war im Feldzug gegen die Sowjetunion umgekommen, aber die Eltern waren noch da. Nun ging es darum, sich buchstäblich auf Trümmern ein neues Zuhause und eine neue Existenz aufzubauen. Ein eigenes Zimmer war da schon fast ein Luxus: »Ich habe oben ein Zimmer – früheres Arbeitszimmer von meinem Vater. Es kommt mir vor wie ein Märchen, dass aus diesen Trümmern ein Zimmer entstehen konnte – frage mich nicht, was es mich gekostet hat. In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht so viel Energie aufgebracht wie für dieses Zimmer. Glasfenster und Tür sind schon drin. Morgen werden Wände, Decke und Fussboden gestrichen.«

Einige Wochen später, am 30. Mai 1946, war Irmgard Keun zum ersten Mal im Kölner Studio des ›Nordwestdeutschen Rundfunks‹ eingeladen, um über ihre Zeit in der Emigration zu sprechen. Im selben Jahr druckte die Neue Berliner Illustrierte in der Sowjetzone ihren Roman Nach Mitternacht aus der Exilzeit nach. Die in der NS-Zeit verbotene und tot geglaubte Autorin war wieder da! Vor allem der Rundfunk verhalf ihr in den Westzonen zu neuer Popularität. Der Redakteur Lutz Kuessner, Leiter der Abteilung Varieté und Kabarett beim ›Nordwestdeutschen Rundfunk‹, suchte Keun in ihrer Ruine auf, weil er dringend eine Mitarbeiterin suchte, die nicht Mitglied der Nazipartei gewesen war. Küssner überredete Keun, Sketche für die Sendung Kabarett der Zeit zu schreiben. Auch bekam sie die Möglichkeit, ältere und neuere Texte selbst im Rundfunk zu lesen. Ihre zeitkritischen Glossen flossen in einen neuen Gegenwartsroman über den Kölner Alltag der ersten Nachkriegsjahre ein. Ferdinand, der Mann mit dem goldenen Herzen erschien allerdings erst nach der Währungsreform und Gründung der Bundesrepublik, ein Grund für seinen mäßigen Erfolg: Im Deutschland Adenauers und der Wirtschaftswunders mochten nur noch wenige an die Schiebereien der Trümmerjahre und Kontinuitäten zur Nazizeit erinnert werden.

Eupener Straße 19 © Foto: Michael Bienert, 2022

Das wiederaufgebaute Trümmerhaus in der Eupener Straße 19, Keuns Lebensmittelpunkt und Schreibort bis in die 1960er-Jahre, steht noch. Die Fassade ist aber bis zur Unkenntlichkeit modernisiert. Trotzdem verrät ein Spaziergang durch die Straße einiges über das Milieu, dem die Autorin entstammte. Das Elternhaus wird ursprünglich ähnlich ausgesehen haben wie die Reihenhäuser auf der anderen Straßenseite: Kleine zweistöckige Villen mit Vorgarten für wohlhabende, aber nicht schwerreiche Leute. Irmgard Keuns Vater war Geschäftsführer und Teilhaber der Cölner Benzin-Raffinerie (CBR). Das Fabrikgelände befindet sich heute noch an der Eupener Straße 144 (in dem eingangs zitierten Schreiben von 1946 als Postadresse Keuns angegeben). Der Lebensweg der Autorin war mit diesem Unternehmen eng verknüpft. Ohne die Raffinerie wäre sie nie eine bekannte Kölner Autorin geworden.

Cölner Benzin Raffinerie, Eupener Straße 144 © Foto: Michael Bienert, 2022

Denn tatsächlich war Irmgard Keun gebürtige Berlinerin, genauer: Charlottenburgerin, zur Welt gekommen in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms. 1905, in ihrem Geburtsjahr, war Charlottenburg noch eine selbständige und schwerreiche Gemeinde im Westen der Hauptstadt Berlin. Ihr Geburtshaus in der Meinekestraße 6 ist erhalten und mit einer Gedenktafel versehen. Auch die ehemalige Mädchenschule, in der sie eingeschult wurde, existiert noch. 1913 zog die Familie Keun nach Köln um, weil der Vater die Benzinraffinerie dort in Schwung bringen sollte. Seit 1920/21 lebte die Familie unweit der Fabrik in der Eupener Straße 19. Um diese Zeit beendete Irmgard Keun ihre Schullaufbahn mit der zehnten Klasse des Mädchen-Lyzeums Teschner in Köln. Erlebnisse in ihrer Schulzeit und während des Ersten Weltkriegs in Köln finden sich in ihrem Buch Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften wieder, das 1936 in einem Exilverlag erschien und zu ihren meistgelesenen zählt.

Nach der Schulzeit lernte Irmgard Keun Hauswirtschaft, Stenotypie, Schreibmaschine und Fremdsprachen, arbeitete als Stenotypistin für die ›Westdeutsche Gardinen Aktien-Gesellschaft‹ im Schwerthof und im väterlichen Betrieb. Als es der Firma nach dem Ende der Inflation besser ging, ermöglichten ihr die Eltern in der Mitte der 1920er-Jahre den Besuch der Kölner Schauspielschule, die dem Stadttheater angeschlossen war. Hier begegnete sie erstmals ihrem späteren Ehemann, dem 23 Jahre älteren Regisseur Johannes Tralow. Von 1927 bis 1929 war Keun als Schauspielerin in Hamburg und Greifswald engagiert, ohne durchschlagenden Erfolg. Danach kehrte sie nach Köln in ihr Elternhaus in der Eupener Straße zurück und entdeckte in den Jahren der Weltwirtschaftskrise das Schreiben als ihre eigentliche Berufung.

Anzeige im Vorwärts vom 18. Dezember 1932, Archiv Michael Bienert

Mit dem Manuskript ihres ersten Romans Gilgi – eine von uns, der in Köln spielt, ging Irmgard Keun 1931 nach Berlin, fand dort den richtigen Verlag und wurde schlagartig ein Star des Literaturbetriebs. Das Buch wurde 1932 verfilmt, im selben Jahr erschien Keuns zweiter Roman Das kunstseidene Mädchen. Wie in Gilgi ist die Hauptfigur Doris eine ausgebildete Stenotypistin, die nach einem glanzvolleren Leben strebt. Doris ergattert ein Engagement am Kölner Stadttheater und flieht von dort mit einem gestohlenen Pelz nach Berlin. Beide Romane wurden nach der Machtergreifung der  Nationalsozialisten im Jahr 1933 verboten, konfisziert und vernichtet. Die Aufnahme in den Reichsverband Deutscher Schriftsteller und die Reichsschrifttumskammer blieb der Autorin verwehrt, damit hatte sie faktisch Berufsverbot. Im Oktober 1933 verließ sie Berlin und lebte danach wieder überwiegend in Köln bei ihren Eltern.

Irmgard Keun publizierte weiterhin ohne Genehmigung in Zeitungen und Zeitschriften des Dritten Reiches und wurde deswegen 1935 von der Reichsschrifttumskammer mit einer Geldstrafe belegt. Redakteure der Frankfurter Zeitung bemühten sich um Keuns Aufnahme in die Kammer, als dies endgültig scheiterte, reiste Keun am 4. Mai 1936 aus Köln ins Exil nach Ostende ab. Ein Exilverlag in Amsterdam garantierte ihr Vorschüsse, auch die Eltern unterstützten sie bei ihrer Emigration. Im Ausland veröffentlichte sie 1937 ihren Roman Nach Mitternacht, in dem sie hellsichtig die Transformation der deutschen Gesellschaft unter der NS-Diktatur beschrieb. Auch in diesem Buch ist Köln einer der Schauplätze. Die Eltern fingen die Tochter wieder auf, als sie 1940 heimlich nach Deutschland zurückkehrte. Zuvor hatten Zeitungen im In- und Ausland gemeldet, sie habe in Amsterdam Selbstmord begangen, wo Keun nach dem Überfall der Deutschen Wehrmacht festsaß.

Das Elternhaus in der Eupener Straße 19 war für Irmgard Keun ein Heimathafen, der ihr immer offenstand, wenn ihre Bemühungen, sich eine unabhängige Existenz aufzubauen, scheiterten. Mindestens einmal erlebte sie dort einen schweren Bombenangriff auf Köln. Im Jahr 1943 wurde das Haus schwer beschädigt. Mit ihren Eltern kam Keun bis Kriegsende in Bad Hönnigen im Hotel Gülden unter, außerdem hatte sie ein Zimmer in Bad Godesberg. 1946 begann sie damit, die Ruine in Braunsfeld wieder bewohnbar zu machen.

Seit 1951 lebte als Keun alleinerziehende Mutter, unterstützt von den Eltern und Freunden wie dem Ehepaar Böll, in der Eupener Straße 19. Wer der Vater ihrer Tochter Martina war, blieb ihr Geheimnis. Sie hatte etliche Affären, wollte aber nicht von einem Mann abhängig sein. Nach dem Tod beider Elternteile verlor sie völlig die Kontrolle über ihr Leben. Seit den 1930er-Jahren war Keun Alkoholikerin. Sie besaß eine anziehende Persönlichkeit, doch ihr Suchtverhalten war für wohlmeinende Freunde und Kollegen auf Dauer kaum zu ertragen. Auch mit Geld konnte sie nicht umgehen. So rutschte sie immer tiefer in Isolation und Schulden hinein. 1966 wurde das Haus in der Eupener Straße zwangsversteigert. Bis 1972 lebte Irmgard Keun als Psychiatriepatientin im Landeskrankenhaus Bonn, weil es niemanden sonst gab, der sie hätte aufnehmen können oder wollen. In dieser Zeit wurde sie von einer jüngeren Generation als bedeutende Autorin der Weimarer Republik und des Exils wiederentdeckt. Irmgard Keun durfte die Klinik verlassen und zu einer Freundin ziehen, ab 1975 lebte sie in einer eigenen kleinen Wohnung in der Breiten Straße 115 in Bonn. Dort hängt mittlerweile eine Gedenktafel, anders als an ihrer letzten Adresse in Köln. Von 1977 bis zu ihrem Tod 1982 lebte sie im Haus Baden, Trajanstraße 10, ein paar Schritte entfernt vom alten Universitätsgebäude in der Claudiusstraße 1. Davor ist Irmgards Keuns Name in eine Gehwegplatte gemeißelt, neben den Namen anderer Autorinnen und Autoren, deren Bücher am 17. Mai 1933 an dieser Stelle verbrannt wurden.

– © Michael Bienert, 2022

Literatur
  • Irmgard Keun: Man lebt von einem Tag zum andern. Briefe 1935-1948. Hg. v. Michael Bienert. Berlin 2021, S. 112f.
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Loppa vom Spiegel – Buchkünstlerin und Nonne

Loppa vom Spiegel, kniend hinter einem Franziskaner, mit dem Hinweis den Text geschrieben zu haben. Detail aus einer Graduale-Seite © Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, Graphische Sammlung, Inv. M 23, Foto Stanislaw Rusch

Ein Hotspot der mittelalterlichen Buchkunst in Köln war das Klarissenkloster St. Klara, das um 1350 zu den elf Frauenklöstern der Stadt gehörte. Die Nonne Loppa vom Spiegel zählt zu den prominentesten Buchkünstlerinnen des Skriptoriums. Das Klarissenkloster befand sich auf dem Areal, das heute von den Straßen Zeughausstraße und Auf dem Berlich umfasst und von der Straße Am Römerturm durchschnitten wird. In seinem Beitrag folgt Martin Oehlen der Spur dieser außergewöhnlichen Frau.

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Loppa vom Spiegel –Buchkünstlerin und Nonne

Skizzenbuch des Justus. Vinckeboons, Seite 62: Sankt Klara und Römerturm, um 1670. Kölnisches Stadtmuseum, Graphische Sammlung, Köln © Foto: Rheinisches Bildarchiv, rba_d036942_04

Ein Hotspot der mittelalterlichen Buchkunst in Köln war das Klarissenkloster St. Klara – und Loppa vom Spiegel war sein hellster Stern. Jedenfalls ist sie die prominenteste Buchkünstlerin des Skriptoriums, das im 14. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte.

Das Klarissenkloster zählte um 1350 zu den elf Frauenklöstern der Stadt. Es befand sich auf dem Areal, das heute von den Straßen Zeughausstraße und Auf dem Berlich umfasst und von der Straße Am Römerturm durchschnitten wird. Das Kloster war eine Stiftung von Richardis von Geldern und ihren Söhnen aus dem Jahre 1297 und wurde 1306 geweiht. Rund 500 Jahre später, nämlich im Jahre 1802, wurden Kloster und Kirche im Rahmen der Säkularisation aufgelöst und nach und nach abgerissen. Der gotische Klarenaltar mit eingebautem Tabernakel, ein Prunkstück der einstigen Klosterkirche, befindet sich seit 1809 im Kölner Dom. Weitere Schätze konnten für die Kölner Museen gesichert werden. Im ehemaligen Gewölbe des Klosters befindet sich der Sancta Clara Keller, in dem zuweilen Veranstaltungen stattfinden. Dass der einstige Eckturm der römischen Stadtmauer gut erhalten ist, wird auf einer Gedenktafel dem Kloster zugeschrieben, das ihn als Abort nutzte.

Sancta Clara Keller, Köln, Am Römerturm 3 © Kaspar Kraemer, Foto: Stefan Schilling

Die exakten Lebensdaten der Loppa vom Spiegel (Loppa de Speculo) sind nicht überliefert. Sie wurde vermutlich zu Beginn des 14. Jahrhunderts in eine Kölner Patrizierfamilie geboren. Loppas Vater war demnach Heinrich van me Spegel, der dem Kölner Rat angehörte und auch als Bürgermeister tätig war. Das Klarissenkloster, dem sie sich anschloss, nahm zumal Frauen aus begüterten Häusern auf. Der Orden, der vom heiligen Franziskus und der heiligen Klara gegründet worden war, verlangte getreu dem Vorbild der Franziskaner ein frommes Leben in Klausur und Armut.  

Im Skriptorium der Klarissen wurde nicht nur für den Klostergebrauch zu Werke gegangen. Der Ruf der Schreibstube war derart gut, dass diese Auftragsarbeiten übernehmen konnte. Damit sorgten die Klarissen nicht nur für geistliche Literatur über die eigenen Klostermauern hinweg, sondern besserten auch ihre Finanzlage auf. Zu diesen bestellten Werken zählt ein Messbuch für den Kölner Domdechanten Konrad von Rennenberg und ein Graduale, ein Buch mit Messgesängen, für die Dominikanerinnen von St. Gertrud.

Der Nachweis fällt generell nicht leicht, welche mittelalterliche Handschrift von wem geschaffen wurde. War es eine Person oder war es eine arbeitsteilige Kooperation, waren es Mönche oder waren es Nonnen? Wer also zog die Linien übers Pergament und markierte solcherart den Zeilenabstand, wer schrieb die Buchstaben, wer setzte die Noten, wer entwarf die Fabeltiere, Jagdszenen, Musikanten, wer illuminierte die Initialen und das elegant ausschwingende Blattwerk?

Graduale-Seite mit Loppas Hinweis, den Text geschrieben und die Noten gesetzt zu haben © Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, Graphische Sammlung, Inv. M 23, Foto Stanislaw Rusch

Im Falle der Loppa vom Spiegel kommt uns die Nonne selbst zu Hilfe. In einem Antiphonar, das die Gesänge für die Stundengebete festhält, steht am Fuße einer Seite in Rot geschrieben, dass sie praktisch alle anstehenden Aufgaben von der Linierung bis zur Illumination übernommen habe. So geschehen »Anno domini MCCCL, maxima pestilentia videlicet existente« – also im Jahre 1350, als in Europa und auch in Köln die Pest aufs Schlimmste wütete.  Eine weitere Angabe in eigener Sache steht in einem Graduale, von dem nur 15 Einzelblätter überliefert sind. Dort hält Loppa vom Spiegel fest, dass sie den Text geschrieben und die Noten gesetzt habe. Von der Ausmalung ist hier also nicht die Rede. Aber vielleicht war die Nonne auch nur zu bescheiden.

Zudem gibt es indirekte Hinweise. Dazu zählen die scheinbar beiläufig platzierten Zeichen der jeweiligen Künstlerin im Skriptorium. So verwendete Loppa – allerdings nicht nur sie – eine kleine rot-weiße Scheibe mit Kreis und Punkten (ja, in den Kölner Hansefarben Rot und Weiß). Überdies erkennt das geschulte Forscherauge aller Standardisierung zum Trotz die individuelle Handschrift. Karen Straub, auf deren Katalog-Beitrag anlässlich der Ausstellung Von Frauenhand – Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen im Museum Schnütgen wir uns hier vor allem stützen, sagt über Loppa vom Spiegel: »Ihr Schriftbild ist sehr gleichmäßig und ausgewogen, die Buchstaben dabei leicht nach links geneigt. Kennzeichnend sind zudem etwa feine, schräge Striche über dem i und das Auslaufen der Buchstaben in nach rechts aufsteigenden zarten Strichen, sogenannten Haarstrichen.«

Schließlich ragt Loppas Buchmalerei heraus. Die Darstellungen sind für die Betrachtenden noch heute ein Quell der Freude. Einerseits ist da die sorgfältige Darstellung biblischer Themen innerhalb der Initialen. Andererseits kommen Humor und Fantasie im Rankenwerk und in den Drolerien zum Ausdruck, woraus sich ein schöner Kontrast zum Ernst der religiösen Texte ergibt. Nicht zuletzt fallen die zahlreichen Nonnenfiguren auf, die am linken Blattrand knien. Sie sind nach Auffassung von Joachim M. Plotzek ein weiteres »Erkennungszeichen« des Skriptoriums der Klarissen, in dem Loppa vom Spiegel so nachhaltig gewirkt hat.  

– © Martin Oehlen, 2022

Martin Oehlen

geb. 1955 in Kaldenkirchen, kam 1980 nach seinem Studium zum Kölner Stadt-Anzeiger. 1989 wurde er stellvertretender Leiter der Kulturredaktion; gemeinsam mit Reiner Hartmann übernahm Oehlen 1994 die Leitung des Ressorts Kultur; ab 2001 war er alleiniger Ressortleiter. Besonders verdienstvoll war sein Engagement für die Aktionen »Kultursonntag«, »Ein Buch für die Stadt« und für das monatliche »Büchermagazin« des Kölner Stadt-Anzeiger. Als Autor und Rezensent arbeitet er auch nach seiner Pensionierung (2019) für den Kölner Stadt-Anzeiger; gemeinsam mit Petra Pluwatsch betreibt Oehlen den Literaturblog Bücheratlas.

Literatur
  • Harald Horst u. Karen Straub (Hg): Von Frauenhand. Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen. Katalog zur Ausstellung im Museum Schnütgen, Köln, in Kooperation mit der Erzbischöflichen Diozesan- und Dombibliothek Köln. München 2022.
  • Wolfgang Herborn u. Carl Dietmar: Geschichte der Stadt Köln. Bd. 4. Köln im Spätmittelalter. Köln 2019.
  • Joachim M. Plotzek, Katharina Winnekese u.a.: Glaube und Wissen im Mittelalter Die Kölner Dombibliothek. München 1998.
  • Renate Mattick hat mehrere Aufsätze zu den Kölner Klarissen verfasst, unter anderem nachzulesen in den Wallraf-Richartz-Jahrbüchern und in den Veröffentlichungen der Johannes-Duns-Skotus-Akademie.
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Wohnorte von Heinrich Böll

Neuenhöfer Allee

Neuenhöfer Allee 38, zeitgenössische Aufnahme, das Haus wurde im Krieg zerstört © Foto LiK-Archiv, Köln
Heinrich und Annemarie Böll in ihrer Wohnung in der Neuenhöfer Allee 38, 1942 © Foto Erbengemeinschaft Heinrich Böll

Am 6. März 1942 wurden Annemarie Čech und Heinrich Böll im Rathaus der Stadt Köln standesamtlich getraut. Heinrich Böll war zu diesem Zeitpunkt noch in seiner Heimatstadt stationiert. Seine Verlegung an die französische Kanalküste erfolgte wenige Wochen später, am 7. Mai 1942. So erlebte Annemarie Böll allein die Zerstörung der ersten gemeinsamen Wohnung in der Kleingedankstraße 20 infolge des sogenannten ›1000 Bomber-Angriffs‹ auf Köln am 30./31. Mai 1942. In einem Telegramm schrieb Annemarie Böll an ihren Mann: »Unsere Wohnung total vernichtet; keine Verletzten; erbitte sofort Urlaub.« Dieser »Sonderurlaub für Bombengeschädigte« wurde gewährt und Heinrich Böll konnte im Juni die in der Neuenhöfer Allee 38 in Köln-Sülz gelegene Wohnung ebenfalls beziehen.

»Mir schien eine Woche Urlaub ein unermeßliches Honorar für eine Wohnung, in der keiner verletzt worden war, den Tausch ging ich gerne ein, denn EINE WOCHE IST EINE WOCHE, zu Kriegszeiten also eine Ewigkeit. In unsere zweite Wohnung bekamen wir kein Telefon mehr genehmigt; ich glaube, wir hatten sie drei Jahre ›inne‹, und es mag sein, dass ich eineinhalb bis zwei dutzendmal dort geschlafen habe. Nach einigen Versuchen, dort so etwas wie Wohnung zu finden, mieden wir sie; jedesmal, wenn wir uns dort trafen, war ein besonders schwerer Bombenangriff fällig.«

Wie von Böll im Rückblick des Jahres 1966 angedeutet, wurde auch diese im Erdgeschoß des Hauses gelegene Wohnung infolge eines Luftangriffs am 26. Februar 1943 beschädigt. Zwar konnte die Wohnung nach Instandsetzungsarbeiten zunächst weiterhin bewohnt werden, wurde infolge des Luftangriffs am 21. April 1944 jedoch letztlich ebenfalls unbewohnbar.
In seinem 1985 publizierten »Brief an meine Söhne« beschreibt Böll, wie er im Februar 1945 mit dem Fahrrad von Much aus nach Köln fuhr, um in der zerstörten Wohnung in der Neuenhöfer Allee dort noch verbliebenen Schmuck und sowie Teile des Familiensilbers zu retten.

© – Markus Schäfer, 2022

Markus Schäfer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Literatur

Siehe: Böll: An einen Bischof …, S. 260f.

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Aktuelles

Rolf Persch – Der dichtende Dandy

Ein Gastbeitrag von Sabine Schiffner

Der Lyriker und Rezitator Rolf Persch gehörte zu den wenigen Autoren, die sich dem Literaturbetrieb konsequent verweigerten: Ein Sonderling, ein Außenseiter, der mit seiner Literatur eigene Wege beschritt. Seine Gedichte erschienen in wenigen Exemplaren im Handpressendruck oder als Abonnement-Gedichte, die er einem exklusiven Kreis zustellte und vortrug. – Perschs Schriftsteller-Kollegin Sabine Schiffner erinnert in ihrem Beitrag an diesen außergewöhnlichen Kölner Lyriker.

Rolf Persch © Foto Isabel Oestreich
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Rolf Persch – Der dichtende Dandy

Ein Gastbeitrag von Sabine Schiffner

Rolf Persch ist ein Vagabund gewesen, ein ruheloser Wanderer, ein Mensch, der lange Zeit keinen festen Raum brauchte. Aber es gab Räume in Köln, die für ihn wichtig waren, Räume, die auch mit seinem Schreiben zu tun hatten. Einige dieser Räume sind in der Kölner Südstadt. Ein ganz besonderer Raum war für ihn das Ladenlokal »235«, das sich auf der Bonner Str. 60 befand. Dorthin geführt hatte ihn Anfang der 80er Jahre der Geldmangel. Immer wenn er Geld brauchte, suchte er sich Jobs, gerne vermittelt von Freunden aus seinem Dunstkreis, in denen sich der Künstler und Philosoph, der scharfzüngige Beobachter und Sprachkünstler mit dem phänomenalen Gedächtnis bewegte. Von München aus, wo er eine Ausbildung bei einer Schauspiellehrerin begonnen und bald wieder abgebrochen hatte, um sich dem Schreiben zu widmen, ging er Anfang der 80er Jahre zurück nach Köln, wo er in der Südstadt in dem neu eröffneten Laden »235« auf der Bonner Straße 60 eine Anstellung als Verkäufer fand. Dort gab es Avantgardekleidung und Zeitungen wie die damals sehr trendige »Interview« genauso wie die ersten Tattooshows.

Schaufenster des Ladenlokals in der Bonner Straße 60 © Sabine Schiffner

Gleichzeitig leierten die Besitzer des Ladens, Ulrich Leistner und Axel Wirths, erste Medienprojekte an, verkauften Videos von Künstlern und Minieditionen zusammen mit Bootlegs. Bis heute existiert die Medienproduktionsfirma »235« unter diesem Namen, aber jetzt in anderen Räumlichkeiten. Das Schaufenster wurde damals jedoch nicht nur für Kleidung und Videos genutzt, sondern diente auch dazu, anarchistisch-politische Slogans zu verbreiten. In diesem Laden also, in dem Persch angestellt war, um Klamotten zu verkaufen, hängte er bald seine Gedichte, hochkopiert, ins Schaufenster. Schlafen tat er mal hier mal da, manchmal bei wechselnden Freundinnen, manchmal in Ateliers von Künstlerkollegen oder im besetzten »Stollwerck«. Zuweilen schreckte er nachts hoch, weil ihm einfiel, dass eines der Gedichte, die er im Schaufenster ausgestellt hatte, korrigiert werden musste. Dann stand er auch schon mal im Mondschein auf, ging zu dem Laden auf der Bonner Straße, schloss ihn auf und änderte es.

Schaufenster des Ladenlokals in der Bonner Straße 60 © Sabine Schiffner

Persch war beim Schreiben von Anfang an perfektionistisch bis hin zur Pingeligkeit. Die Gedichte im Schaufenster erregten Aufsehen und machten auf den Rückkehrer aus München, den man bis dahin in der Domstadt nicht kannte und der schon einige Jahre als Straßenbauer, Beleuchter bei Roncalli, Fixer und auch einen Gefängnisaufenthalt hinter sich hatte, aufmerksam. Literaturverleger und Herausgeber kamen in die Südstadt und fragten nach dem Verfasser dieser Texte. Er wurde auf Partys und zu Empfängen eingeladen, wo er bald gern gesehener exzentrischer Gast war. Seine ersten Bücher erschienen in der »Edition fundamental« von Richard Müller, die in Nippes beheimatet war, in kleiner Auflage, handgedruckt.

Die Form, das fertige, getippte und gedruckte Gedicht, spielte bei seinem Schreiben immer eine große Rolle. Vielleicht hat sich hier das väterliche Buchdruckererbe beim Sohn durchgesetzt. Die gedruckte Fassung war für ihn wie ein Bild, und die Gedichte, die er in dem Schaufenster ausstellte, gestaltete er wie Kunstwerke.  Auch sein äußeres Erscheinungsbild, das er nicht nur für die Bühne kultivierte, war immer ein künstlerisches, das er genauso pingelig korrigierte wie seine Gedichte.

Rolf Persch © Foto: Isabel Oestreich

Bei seinen Lesungen und öffentlichen Auftritten lebte er sein theatralisches Temperament aus, indem er sich, oft gegen den Stil der Zeit, sehr elegant kleidete, auffällig angezogen war, was durch unzählige exzentrisch wirkende Fotos, die auch in seinen Büchern erschienen, dokumentiert wurde. Er versteckte den ständig unter Geldmangel leidenden armen Dichter hinter dem gut und teuer angezogenen Junggesellen, dem dichtenden Dandy, den er nach außen gab, dem scharfzüngigen witzigen Poeten, der bald eine kleine Kölner Fangemeinde um sich scharte. Das brachte ihn auf die Idee, sich von 1998 an mit Abogedichten sein Leben zu finanzieren. Er schuf sich einen kleinen Kreis von Abonnenten, für die er monatlich ein Gedicht verfasste. Das Gedicht wurde per Hand und mit Durchschlag getippt, der Durchschlag als Titelseite mit dem Original zusammengetackert, darauf kam noch Datum und Unterschrift, auf Wunsch brachte er dann dieses Gedicht bei den Abonnenten, die ab 1998 für monatlich 50 Mark Mitglied in seinem illustren Kreis werden konnten, auch zu Hause vorbei und trug es vor. So konnte er weiterhin, jetzt in der Eifel, sein unabhängiges Leben führen, das vor allem dem Gedichteschreiben gewidmet war. Er fühlte sich in der offiziellen Literaturwelt nie wirklich wohl und zugehörig. Er war ein Vagabund und ein Autodidakt und er wurde dieses Gefühl bis ans Ende seines Lebens nicht mehr los. Ihm war die kleine Form am liebsten, die sich direkt an den Menschen wandte, der vielleicht zufällig vorbeikam, den Passanten, der am Laden vorbeiging, stehen blieb und anfing zu lesen. Für seine frühen Gedichte war das Schaufenster in der Bonner Straße 60, in der sich heute ein skandinavischer Concept Store befindet, ein optimaler Rahmen.

– © Sabine Schiffner, 2022


Eine kleine Auswahl von Rolf Perschs Gedichten finden Sie hier.

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Texte und Medien

Rolf Persch: Gedichte

Rolf Persch: abschied nehme ich schon immer. Abo-Gedicht, 27.11.2000 © LiK-Archiv, Köln

bonn köln, köln bonn

bonn köln, köln bonn, bereits in jungen jahren.
gabs dort, was in bonn nicht zu bekommen war, gings nach köln.
später gleich nach amsterdam.
vater nahm mich mit, im ford taunus 12m, wir fuhren, er geschäftlich,
von bonn nach köln und zurück über die autobahn, auf der es weder
eine mittelleitplanke gegeben hat, noch einen die gegeneinander laufenden fahrspuren trennenden grünstreifen, diese autobahn kam aus
dem tausendjährigen reich.

es gab auch das hin und her mit rheinufer und vorgebirgsbahn, zeit
um zu sehn und zu träumen. beides scheint mir das damalige
zugmaterial bestens befördert zu haben.bonner straße, kölnstraße; linksrheinisch startet, was linksrheinisch
aufwacht. hin durch die ville, am fluss entlang zurück, oder umgekehrt. den gedankenstau bricht der gedankenfluss, das kann, ausgiebig zu fuß gegangen, gehn.

vom chlodwigplatz immer geradeaus. severin, hohe pforte, hohestraße,
dom, marzellusstraße, eigelstein, ebertplatz, neusser straße, in nippes
rechts ab, in die gellertstraße, zur edition fundamental, zu richard
müller. vielleicht druckt er wählerisch auf seiner handpresse etwas von
dem, das während des gehens erste gestalt annahm.

aus bonn fahrgäste zum köln-bonner flughafen befördern, das war
eine einträgliche, »eine gute fahrt«. wars die letzte nach einer langen
nacht, drohte auf dem rückweg ohne fahrgast der sekundenschlaf.
flog ich davon, wars immer höchste zeit, ob ich nun aus köln oder
bonn kommend abhob.

bin inzwischen in »preußisch sibirien«, der eifel gelandet; beim bonn-köln-köln-bonn-verkehr bleibts, hier die alte mutter, da der alte freund.


versuch einer verführung

unterwegs
von riehl
vorbei an der bastei
nach krummer büchel 2.

Handzettel einer Veranstaltungsankündigung © LiK-Archiv, Köln

unterhalb der deutzer brücke
umtost von strömen
verweilend:

ach rhein

mein reise
fieber ist ab
geklungen

unermüdlich scheinst du.

der rhein:
badehose ist nicht nötig
komm ins bett
steig ein

ich führe dich
dein traum vom meer wird wahr
auf auf
dein und mein sei die see!

nee nee sage ich
noch gilt

soweit
die fü
ße tra
gen!

29. Juni 2005


das sacko

mit ihm möcht ich spazieren,
aus dem bekleidungshaus.
ich kann es nicht bezahlen,
soll ohne es hier raus

weil wunder nicht geschehn,
zieh ich es wieder aus.
kann sein, dass wir uns wiedersehn
im sommerschlussverkauf.


Literatur

  • bonn köln. In: 47 & 11. Hg. v. Axel Kutsch. Weilerswist 2006, S. 57.
  • versuch einer verführung, in: Persch: Abschied, S. 137
  • das sacko, in: Rolf Persch: das kleid unseres dufts. Köln 1999, S. 9.

Für die Abdruckgenehmigung der Texte danken wir der Rechteinhaberin.