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Metthäppchen, Mammutbäume und Multikulti

Wasserturm Kalk © Foto Manos Meisen / Stadtbibliothek Köln

Notizen über Kalk und seinen Stadtgarten

Ein Gastbeitrag von Eva Weissweiler

Der Kölner Stadtteil Kalk ist ein sehr buntgemischtes, lebendiges und multikulturelles Viertel, das im 19 Jahrhundert durch die zunehmende Industrialisierung und die Ansiedlung chemischer und metallverarbeitender Fabriken geprägt wurde. Relikte aus dieser Zeit finden sich vereinzelt noch heute im Stadtbild so zum Beispiel der 1904 errichtete Wasserturm der »Chemischen Fabrik Kalk«, in dem sich seit 2014 die »minibib« der Stadtbibliothek Köln befindet. Ein beliebter Erholungsort im Viertel ist neben dem Bürgerpark der Kalker Stadtgarten, dem auch die Kölner Autorin Eva Weissweiler gerne einen Besuch abstattet. Lesen Sie hier ihre Notizen aus Kalk.

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Metthäppchen, Mammutbäume und Multikulti

Notizen über Kalk und seinen Stadtgarten

Wenn Sie das nächste Mal wieder nach Köln kommen, wagen Sie das Unglaubliche, das in keinem Reiseführer steht und fahren mit der Linie 1 oder 9 vom Neumarkt oder Heumarkt hinüber nach Kalk. Als Erstes werden Sie natürlich den Rhein überqueren, der für die meisten Kölnerinnen und Kölner viel mehr als ein Fluss ist, nämlich ein Ozean, hinter dem eine andere Welt anfängt, die sog. Schäl Sick, auf der in alter Zeit nicht die Römer oder die Erzbischöfe regiert haben, sondern germanische Räuber und Vandalen, die einem einäugigen, schielenden Gott huldigten. Viele behaupten sogar, dass hier Sibirien anfange. Aber ich kann Ihnen versichern, dass das stark übertrieben ist.

Wenn Sie den Rhein überqueren, setzen oder stellen Sie sich bitte so, dass Sie den Dom, Groß Sankt Martin und den Rathausturm sehen können. Das Panorama ist überwältigend. Luise Straus-Ernst, eine Kölner Schriftstellerin, die in Auschwitz ermordet wurde, hat sogar einmal gesagt, dass Rechtsrheinische sei überhaupt nur besiedelt und erfunden worden, damit man diesen großartigen Blick auf den Dom und Groß St. Martin habe.

An der Haltestelle Kalk Post verlassen Sie bitte die Bahn, gehen Sie hinauf und treten Sie in eine andere Welt ein. Vielleicht blinzeln Sie erst einmal ein wenig, um zu glauben, dass Sie hier immer noch in Köln und nicht in einem Banlieu von Brüssel oder Paris sind. Je nachdem, ob Sie die U-Bahn-Haltestelle an der rechten oder linken Seite verlassen, werden Sie entweder vor der Kalker Post oder den Köln-Arcaden landen. Der Platz vor der Post war früher ein Junkie-Treffpunkt. Davon merkt man aber heute nichts mehr. Werfen Sie einen Blick auf das Postgebäude, das aus dem Jahr 1899 stammt, als Kalk noch eine eigenständige kleine Stadt war. Es wirkt wie eine Trutzburg aus Sandstein. Immer noch wie aus der Kaiserzeit, auch wenn die Erker und Türmchen, die es ursprünglich hatte, nicht mehr da sind.

Neben Micki’s Bar oder Trattoria, wo Sie sich mit einem vorzüglichen Espresso stärken können, bietet ein Marokkaner frisches Obst und Gemüse an, Nüsse, Schafskäse, Lammfleisch, Couscous und exotische Gewürze. Sie können ruhig eintreten. Die Preise sind sehr zivil und die Betreiber sehr freundlich. Mit einer Tüte voller Pistazienkerne ausgestattet treten Sie nun Ihren Gang über die Kalker Hauptstraße an, der Sie bis zum Stadtgarten, meinem Lieblingsort, führen wird.

Ob Sie die linke oder rechte Straßenseite wählen, ist eigentlich egal. Da ist die gleiche bunte Folge von türkischen Döner-Läden, arabischen Juwelieren, indischen Boutiquen, nordafrikanischen Schnellfriseuren und sagenhaft preiswerten Second-Hand-Shops, wo Sie sich für zehn Euro vollständig neu einkleiden können. Kaum was Deutsches dazwischen, beklagen sich Manche, Aber wer das nicht mag, kann ja in den Villenvorort Hahnwald gehen. Dort gibt es unter Garantie keine Migranten und erst recht keine „Nafris“, wie die Nordafrikaner hier eine Zeit lang despektierlich genannt wurden, sogar in der Presse und von der Polizei.

Eingangstor zum Kalker Stadtgarten © Klaus Kammerichs

Dann endlich, je nach Tempo dauert das fünf bis zehn Minuten, erreichen Sie den schon erwähnten Kalker Stadtgarten, meinen Lieblingsort. Er liegt etwas versteckt zwischen dem Café Schlechtrimen und zwei alten Pavillons, die aussehen wie aus einem Film über die Schneewittchen und die Sieben Zwerge. Am reich verschnörkelten, schmiedeeisernen Eingangstor, das wie fast alles hier noch aus dem Jahr 1912, dem Eröffnungsjahr, stammt, werden Sie lesen, dass der Park von der Drogenhilfe Vision sauber gehalten wird. Haben Sie keine Angst! Die jungen Leute machen das ganz vorzüglich! Kein Müll, kein Unkraut, keine leere Flasche ist zu sehen. Die Wege sind frisch geharkt, die Sträucher liebevoll beschnitten und begossen. Auf den sauberen, wenn auch etwas verwitterten Bänken können Sie sich beruhigt niederlassen und je nach Präferenz lesen, tief durchatmen oder Ihren Blick auf eine fast südliche Fülle von Bäumen richten: Zieräpfel, Kastanien, Platanen, Ahorn, japanische Kirschen, Kiefern, Zedern und viele mehr, in der Mitte ein über hundertjähriger Mammutbaum mit kegelförmiger Krone und rotbrauner Rinde, der den Ersten und den Zweiten Weltkrieg erlebt hat, die Trümmerfrauen und den Niedergang der einst blühenden chemischen Industrie, die ersten Gastarbeiter und wahrscheinlich auch Karl Küpper, den legendären kölschen Büttenredner und Karnevalisten, der wenige Meter entfernt, auf der Kalker Hauptstraße 215, gewohnt hat und dort während der NS-Zeit dichtete:

Es stand ein Baum am Waldesrand und war organisiert. Er war im NS-Baumverband, damit ihm nichts passiert.

Wenn Sie Ihren Spaziergang am Nachmittag machen, werden Sie bestimmt nicht allein sein. Sie werden Schüler und Studenten treffen, Eltern, Großeltern, Neu- und Alt-Kalker, Rentner, die ein Stück Kuchen aus dem Café Schlechtrimen verzehren. Vor allem aber Kinder nahezu aller Hautfarben, die auf dem Spielplatz ihre ersten Schritte machen, Karussell fahren, Sandburgen bauen, rutschen, wippen und jubeln, ob auf Arabisch, Türkisch, Russisch, Italienisch, Hindi, Urdu, Chinesisch oder Kinderkauderwelsch. Um 18 Uhr macht der Stadtgarten leider zu, damit niemand unter den herrlichen Bäumen sein Haupt niederlegt. Aber damit ist Ihr Ausflug noch längst nicht zu Ende. Gleich nebenan gibt es zwei kölsche Kneipen, in denen Sie noch so richtig kölsch essen und trinken können, Metthäppchen, kölschen Kaviar, Kalker Gulasch, Speckpfannkuchen und den berühmten ›halven Hahn‹, der gar kein Hahn ist, sondern ein Stück Gouda.

Ich glaube, ich kann Ihnen versprechen, dass Sie wiederkommen, wenn Sie noch einmal in Köln sind. Und dass Sie vielleicht irgendwann lieber in den Kalker Stadtgarten gehen als an den Aachener Weiher oder in die Flora. Denn Metthäppchen, Mammutbäume und Multikulti – wo findet man das schon, außer in Kalk?

Eva Weissweiler

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Hans Mayer dirigiert im Stadtgarten

Der Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Kulturkritiker Hans Mayer wurde 1907 »in der gutbürgerlichen Neustadt, jenseits der Ringe« geboren. Hier verbrachte er seine ersten Lebensjahre. Mayers Geburtshaus, ein denkmalgeschütztes Jugendstilhaus, liegt in der Genter Straße unweit des Kölner Stadtgartens. Weiterlesen


Zusätzliche Informationen:

  • »Hans Mayer: Repräsentant und Außenseiter – ein deutsch-jüdischer Schriftsteller aus Köln« – Hanjo Kesting im Gespräch mit Heinrich Bleicher
Eine Online-Veranstaltung des Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) als Beitrag zum Aktionsjahr »1.700 Jahre jüdisches Leben in Köln und dem Rheinland«, 8.7.2021
  • »Hans Mayer über Köln und sein Judentum« – Ein Gastbeitrag von Heinrich Bleicher

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Hans Mayer dirigiert im Stadtgarten

Geburtshaus im Belgischen Viertel

Hans Mayer wurde am 19. März 1907 im »Belgischen Viertel«, einem bis heute beliebten und attraktiven Viertel der Stadt, geboren. Rings um den Brüsseler Platz, der mit der kath. Pfarrkirche St. Michael, das Zentrum des ›Belgischen Viertels‹ bildet, entstanden um die Wende zum 20. Jahrhundert repräsentative Wohnhäuser im Jugendstil. Der Kaufmann Rudolf Mayer und seine Ehefrau Ida, geb. Meyer-Wachmann, kamen nach ihrer Hochzeit von Neuss nach Köln und bezogen eine Wohnung im 1. Stock eines Wohnhauses in der Genter Str. 30. In unmittelbarer Nähe liegt der Stadtgarten, ein innerstädtischer Landschaftspark, der 1827/28 auf dem Gelände vor der Stadtmauer als Schmuckgarten mit einer angegliederten Baumschule angelegt wurde. Die Parkanlage war schon zu Mayers Zeit eine beliebte Freizeit- und Erholungsstätte für die Kölner Bevölkerung. In seinen Erinnerungen schrieb Mayer über seine musikalische Begabung und Früherziehung, die auch mit ersten Erlebnissen im Stadtgarten in Verbindung stehen.

»Wir wohnten damals in Köln noch in der gutbürgerlichen Neustadt, jenseits der Ringe, die an die Stelle der niedergelegten Stadtmauern getreten waren. Die Familie muß damals noch in meinem Geburtshaus (im Jugendstil) in der Genter Straße 30 gewohnt haben. Der Stadtgarten war ganz in der Nähe. Dort ging man dann am Samstag oder Sonntag hin: zu Kaffee und Kuchen oder einem »Kaffee mit Essen«, wie man das damals nannte. Als Essen waren Schwarzbrot und Rosinenbrot zu verstehen, mit Butter und Konfitüre. Im französischen Sinne also ein Café complet. Da saß man dann im Freien und lauschte der Musik. Die Musiker waren in einem schönen Pavillon untergebracht. Der übliche Pavillon sämtlicher Kurgärten im Deutschen Kaiserreich. Plötzlich war ich verlorengegangen, man stand auf, um mich zu suchen. Da stand ich allein vor dem Musikpavillon, wo gespielt wurde. Ich schaute starr nach oben, und ich dirigierte. Wie das zuging? Ich weiß es nicht. Ich dirigierte eben. Ein Ring von Leuten hatte sich gebildet, die mir lachend zuschauten. Ich wurde dann von der Mutter weggeschleppt. Sie war beschämt. So etwas! Allein, man hat viel später immer wieder diese Geschichte von mir erzählt. Ich selbst konnte mich an nichts erinnern.«

– GE

Literatur: Mayer: Gelebte Musik, S. 12

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Zum 90. Geburtstag von Erasmus Schöfer

Wir gratulieren!

Erasmus Schöfer in der Kölner Zentralbibliothek, 2012 © Foto: Stadtbibliothek Köln/LiK-Archiv

Der in Köln lebende Schriftsteller Erasmus Schöfer feiert heute seinen 90. Geburtstag. Seit vielen Jahren ist Schöfer mit dem LiK-Archiv und der Kölner Stadtbibliothek eng verbunden. Zahlreiche Veranstaltungen und Buchvorstellungen fanden in den Räumen der Zentralbibliothek statt. Erinnert sei auch an das Symposium »Schönheit und Gerechtigkeit«, 2013, in dessen Zentrum Schöfers Tetralogie Die Kinder des Sisyfos stand.

In dem Interview Unsichtbar lächelnd träumt er Befreiung, das Heinrich Bleicher mit dem Jubilar im Mai 2021 anlässlich des Geburtstages führte, spricht Schöfer über seinen Roman aber auch über seinen jüngst erschienenen Gedichtband Sisyfos Lust. Lauter ewige Lieben. Erasmus Schöfer und Heinrich Bleicher kennen sich seit vielen Jahren aus der Arbeit im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller VS. Während Erasmus Schöfer zeitweise als Vorstandsmitglied und auch als Delegierter an zahlreichen Konferenzen und Veranstaltungen teilgenommen hat, war Bleicher langjähriger Bundesgeschäftsführer des Schriftstellerverbandes. Außerdem ist er Mitglied im Freundeskreis der Kinder des Sisyfos.

Mit einem frühen Text, Vogeltheater in der Südstadt, ist Schöfer bereits in der LiK.map verortet. Eine kleine Sonderaufstellung seines Werks ehrt den Autor in der Literaturabteilung der Zentralbibliothek.

Erasmus Schöfer und Heinrich Bleicher im Gespräch, Mai 2021
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Die EDITIONALE

Ein Forum für Buchkunst

Die EDITIONALE ist eine internationale Messe für Handpressendrucke, Künstlerbücher, Mappenwerke und Editionen und wurde im Jahr 2000 von der Künstlerin Elisabeth Broel und dem Künstler Gernot Cepl ins Leben gerufen. Die Initiatorin starb am 1. Dezember 2020 an den Folgen einer Covid 19-Infektion. Weiterlesen

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Die EDITIONALE

Ein Forum für Buchkunst

Traueranzeige für Elisabeth Broel

Die EDITIONALE, eine kleine Messe für Handpressendrucke, Künstlerbücher, Mappenwerke und Editionen, wurde im Jahr 2000 von der Künstlerin Elisabeth Broel und dem Künstler Gernot Cepl ins Leben gerufen. Buchkünstler*innen aus dem In- und Ausland bot Broel Gelegenheit, sich mit ihren Werken einem interessierten Publikum in Köln vorzustellen: Bücher in kleinen Auflagen, Papierobjekte, Handkoloriertes, Collagen und Künstlerbücher. Die Messe öffnete bis 2016 alle zwei Jahre ihre Türen im Neuen Kunstforum (vormals Gothaer Kunstforum) am Alteburger Wall, um die Vielfalt der Buchkunst in allen Formen Farben und Materialien zu präsentieren. Der Verein des Neuen Kunstforums wurde im Januar 2021 aufgelöst. – Im April 2019 zog die EDITIONALE in die Räume der Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln. Die auf der EDITIONALE gezeigten Künstlerinnen und Künstler sind mit ihren Werken in vielen internationalen Sammlungen vertreten. Erstmals konnte die Messe im März 2020 auch in Wien ausgerichtet werden.

Am 1. Dezember 2020 starb die Initiatorin Elisabeth Broel, die 1958 in Bardenberg bei Aachen geboren wurde, an den Folgen einer Covid 19-Infektion. Wie und in welcher Form die Zukunft der EDIONALE aussehen wird, ist derzeit noch ungewiss.

– GE

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»Nach Köln hin wälzt der Rhein sein heiliges Wasser fort«

Die Marcel-Proust-Promenade

Ein Gastbeitrag von Martin Oehlen

Zu seinen bevorzugten Reisegebieten zählte Deutschland nicht, zweimal zog es den französischen Schriftsteller Marcel Proust (1871–1922) zur Kur nach Bad Kreuznach. In Köln war er jedoch nie und dennoch hinterließ Proust einige Spuren in der Domstadt. – In seinem Gastbeitrag begibt sich Martin Oehlen auf die Marcel-Proust-Promenade in Lindenthal und entdeckt dabei noch andere interessante Hinweise über den Verfasser der Recherche in Köln. Lesen Sie hier seinen spannenden Beitrag.

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»Nach Köln hin wälzt der Rhein sein heiliges Wasser fort«

Die Marcel-Proust-Promenade

Ein Gastbeitrag von Martin Oehlen
Jacques-Emile Blanche: Porträt von Marcel Proust 1892, Öl auf Leinwand, 73,5 x 60,5 cm © RMN-Grand Palais (Musée d’Orsay) CC BY 3.0

Marcel Proust (1871–1922) ist nie in Köln gewesen. In Deutschland hat er es lediglich bis nach Bad Kreuznach geschafft. Dennoch ist Köln diejenige deutsche Stadt, in der dem Autor des siebenbändigen Romankolosses A la recherche du temps perdu (dt. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) besonders große Aufmerksamkeit zuteilwird. Die hier ansässige Marcel-Proust-Gesellschaft ist nicht nur damit befasst, ihre Mitglieder zu einschlägigen Versammlungen einzuladen. Auch leistet sie mit zahlreichen Veröffentlichungen ihren Beitrag zur Erforschung des Autors und seines Werks. Überdies hat der Kunst- und Literatursammler Reiner Speck in seiner »Bibliotheca Proustiana« einen außerordentlichen Schatz zusammengetragen. Dazu gehört seit 2021 jenes Manuskript, in dem Proust das einzige Mal in seinem Gesamtwerk die Stadt Köln erwähnt – sieht man einmal ab vom Duftwasser »Eau de Cologne«. In Les plaisirs et les jours (dt. Freuden und Tage), Prousts erster Veröffentlichung aus dem Jahre 1896, lautet eine Gedichtzeile: »Vers Cologne le Rhin roule ses eaux sacrées« (dt. »Nach Köln hin wälzt der Rhein sein heiliges Wasser fort«).

Die Kölner Wertschätzung für den großen Franzosen findet ihren allgemein wahrnehmbaren Ausdruck auf der Marcel-Proust-Promenade. Als sie Ende Juni 2009 im Stadtwald eröffnet wurde, auf Initiative von Reiner Speck, dem Präsidenten der Marcel-Proust-Gesellschaft, war sie deutschlandweit die erste Straße, die den Namen des Dichters erhielt.    

Vom Spazierengehen ist in der Suche nach der verlorenen Zeit oft die Rede. Da promenieren wir mit dem Ich-Erzähler am Atlantikstrand bei Balbec (dem realen Cabourg), auf dem Méséglise-Weg und auf dem Guermantes-Weg in Combray (dem realen Illiers-Combray), in den Gassen der »verzauberten Stadt« Venedig und im Bois de Boulogne in Paris. Mal ist er allein unterwegs und mal in Begleitung, mal hängt er seinen Träumen nach und mal lässt er seine Gedanken schweifen, mal beobachtet er Passanten und mal erfreut er sich an der Natur. Nicht zuletzt tut ihm die Bewegung gut: Gerade »nach langen Stunden über einem Buch« empfand sein Körper »das Bedürfnis, sich wie ein losgelassener Kreisel in alle Richtungen zu verausgaben«.

Reiner Speck an der Marcel-Proust-Promenade, Köln, 26.8.2009 © Foto Burkhard Maus

Zu alledem lädt die Marcel-Proust-Promenade ein. Sie beschreibt einen großen Halbkreis im Stadtwald, mit dessen Anlage 1895 nach einem Entwurf von Gartenbaudirektor Adolf Kowallek begonnen worden war. Das geschah zu jener Zeit, da Marcel Proust eine undotierte Stelle in der Bibliothèque Mazarine in Paris annahm. Allerdings war er in der ältesten Bibliothek des Landes – krankheitsbedingt – nur selten anzutreffen. Außerdem begann er in jenem Jahr 1895 den Fragment gebliebenen Roman Jean Santeuil. Dieses Werk empfiehlt Rudolf Steiert im Band 1 der Schriftenreihe Sur la lecture, herausgegeben von der Marcel-Proust-Gesellschaft, als einen möglichen Leseeinstieg für Proust-Anfänger: »Dieses (von ihm selbst verworfene) Frühwerk ist eine Art Vorstudie zur ›Recherche‹, leichter zu lesen als diese und meines Erachtens zur Einstimmung gut geeignet (auch zum Weitermachen, nach meiner Erfahrung, wenn die Lektüre des magnum opus mal ins Stocken gerät.)«.

Die asphaltierte Promenade zwischen Dürener Straße und Friedrich-Schmidt-Straße, auf dem Anfang der 1930er Jahre gelegentlich Motorradrennen veranstaltet wurden, führt durch Mischwald und über einen sehr sanften Hügel. An der Strecke liegen Tennisplätze, ein recht verwunschener Teich (mit einer kanalisierten Verbindung zum Kahnweiher nebst Wasserfontäne), eine Skaterbahn, eine Erinnerungstafel für die ehemalige »Waldschenke«, die 1889 »tief im Wald auf dem tieferliegenden Teil der Volkswiese« im sogenannten Villenstil errichtet worden ist, bald darauf der Tierpark und – wenn auch von Bäumen verdeckt und etwas distanziert – der Sitz der Marcel-Proust-Gesellschaft in der Brahmsstraße.

Zweimal quert eine eingleisige Bahntrasse den Weg. Auf ihr werden allerdings nur gelegentlich Güterwaggons zwischen dem Niehler Hafen und Frechen bewegt, so dass Spaziergänger, Jogger, Hundehalter und Radfahrer kaum einmal ausgebremst werden. Wer einen Ausblick über Wiese und Baumwipfel hinweg wünscht, muss auf dem Scheitelpunkt des Hügels nur einen winzigen Abstecher zum »Dreizehn-Linden-Platz« machen. Zwar sieht man hier weder »die feine Spitze des Glockenturms von Saint-Hilaire«, wie der Erzähler auf einem Spaziergang im Teilband Combray, noch die Spitzen des Kölner Doms. Schön ist es dort oben gleichwohl.

Proust-Leserinnen und Proust-Leser werden noch einen weiteren Aspekt zu würdigen wissen. Der Weißdorn nämlich, dessen »bitteren und süßen Mandelgeruch« der Erzähler der Recherche intensiv erlebt und der einige Male seine Erinnerung anregt, wächst auch entlang der Marcel-Proust-Promenade im Kölner Stadtwald.

(M. Oe.)

Literatur

  • Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, dt. von Bernd-Jürgen Stuttgart 2013-2016.
  • Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, dt. von Eva Rechel-Mertens und überarbeitet von Luzius Keller. Frankfurter Ausgabe (7 Bde.)  Frankfurt/M.  2011.
  • Konrad Adenauer und Volke Gröbe: Lindenthal – Die Entwicklung eines Kölner Vorortes, Köln 2004.
  • Rudolf Steiert: Sur la lecture, Band 1. Hg. v. der Marcel-Proust-Gesellschaft. Köln 1995.
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20. Todestag von Hans Mayer

Ein Gastbeitrag von Heinrich Bleicher

Köln, Paris, Leipzig, Tübingen mit Zwischenstationen in der Schweiz in Hannover und Berlin, wo Hans Mayer auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in unmittelbarer Nachbarschaft zu Bertolt Brecht seine letzte Ruhestätte fand. Lebensstationen eines außergewöhnlichen Menschen.
Der Wissenschaftler, Kulturkritiker und Schriftsteller wurde am 19. März 1907 in Köln geboren, genauer gesagt in der Genter Straße 30, und starb am 19. Mai 2001 in Tübingen. Zu seiner Geburtsstadt hatte Mayer stets eine ambivalente Beziehung: »Ich sehe mich sicher als Kölner und der Rhein ist nach wie vor meine Landschaft« bekannte er sich und dennoch war Köln eine verlorengegangene Heimat. – Heinrich Bleicher, Vorsitzender der in Köln ansässigen Hans-Mayer-Gesellschaft, erinnert in seinem Beitrag Hans Mayer über Köln und sein Judentum aus gegebenem Anlass an Hans Mayer, den »Homme de lettres«, wie Walter Jens ihn einmal nannte.


Ankündigung:

»Hans Mayer: Repräsentant und Außenseiter – ein deutsch-jüdischer Schriftsteller aus Köln«

Online-Veranstaltung am 8. Juni 2021, 18 Uhr

Anmeldung unter: https://www.edudip.com/de/webinar/hans-mayer/1365140

Eine Veranstaltung des Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) der Stadtbibliothek Köln in Kooperation mit der Hans-Mayer-Gesellschaft