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Wohnorte von Heinrich Böll

Hülchrather Straße 7, Wohnhaus der Bölls von 1969 bis 1982

Hülchrather Straße

Heinrich Böll auf dem Balkon in der Hülchrather Straße © Foto: Harry Schumacher

1969 mietete Heinrich Böll, durch die Vermittlung Vilma Sturms, in der Hülchrather Straße im Agnesviertel eine geräumige Altbauwohnung mit sieben Zimmern. Neben den Privaträumen waren hier auch die umfangreiche Bibliothek (sie kann heute in der Kölner Zentralbibliothek besichtigt werden) und das Arbeitszimmer der Sekretärin untergebracht.

Die Hülchrather Straße 7 war in den 1970er Jahren eine der bekanntesten Kölner Adressen. Die Fassade des Hauses gelangte im Zusammenhang mit der Verleihung des Literatur-Nobelpreises im Jahr 1972 in internationalen filmischen Portraits und Interviews Heinrich Bölls eine gewisse Berühmtheit.

Für die Ausgestaltung seiner Erzählungen und Romane zog Böll häufig reale Stadttopographien heran, so dass sich konkrete Beziehungen zwischen Georäumen und Texträumen herausarbeiten lassen. In seinem 1971 veröffentlichtem Roman Gruppenbild mit Dame finden sich zahlreiche Passagen, in denen die Topographien rund um die Hülchrather Straße detailliert beschrieben werden und deutlich hervortreten. So wohnt die Protagonistin Leni in einer »Sieben-Zimmer-Wohnung« in der »Bitzerathstraße« in unmittelbarer Nähe eines alten Festungsgrabens in der »Neustadt«. Die Darstellung entspricht weitgehend den realen Wohnverhältnissen Bölls, der von 1969 bis 1982 mit seiner Familie in der nördlichen Kölner Neustadt nahe der alten Festungsanlage von Fort X in einer Sieben-Zimmer-Wohnung des Hauses Hülchrather Straße 7 lebte. Auch bei der Beschreibung der Hoyser GmhH, die im Roman ihren Sitz im 12. Stockwerk eines Hochhauses am Rhein hatte, orientierte sich Böll an dem zur Entstehungszeit des Romans im Bau begriffenen Hochhaus, des Kölner Versicherungskonzern Gerling.  Mit dem sogenannten Ringturm, der sich am zentralen Ebertplatz an den Kölner Ringen befindet, schuf sich der Konzern ein repräsentatives und weit sichtbares Hochhaus in unmittelbarer Nähe zum Rhein.

In seiner Wohnung in der Hülchrather Straße traf Böll viele prominente Gäste, zu denen u.a. der bildende Künstler Joseph Beuys oder die Schauspielerin Romy Schneider zählen. Andere Zeitgenoss*innen wohnten sogar für einige Zeit dort, so etwa Wolf Biermann nach seiner Ausbürgerung aus der DDR im November 1976 oder Raissa Orlowa und Lew Kopelew, denen während ihres Deutschlandbesuchs ihre russische Staatsbürgerschaft entzogen wurde.

Heinrich Böll im Arbeitszimmer der Hülchrather Straße © Foto: Harry Schumacher

1971 schrieb Böll ein Portrait über seine Wohnstraße im Agnesviertel. Hülchrather Straße Nr. 7, so der Titel, ist ein Text zu einem Fotofilm von Bernd Schauer (Regie) und Antonie Richter (Fotografie), der 1972 im Rahmen der dreiteiligen Serie »Schriftsteller in ihren Straßen« für den »Sender Freies Berlin« produziert wurde. Bölls Reflexionen und Gedanken umkreisen den Umzug aus dem damals noch ländlichen Vorort Müngersdorf zurück in die Innenstadt, von spielenden Kindern und dem nachbarschaftlichen Miteinander bis hin zum Lärm und Schmutz der Großstadt.

Die Hülchrather Straße war die letzte Anschrift Heinrich und Annemarie Bölls in Köln bis zu ihrem Umzug aus der Stadt Ende des Jahres 1981. »Es gibt eben sehr viele Köln, in meiner Erinnerung drei, vier, fünf Köln, und das gegenwärtige ist mir schon durch den Autoverkehr fremd, völlig fremd. Ich finde die Stadt auch zerstört durch diese riesigen lauten Straßen. Die Überquerung einer Straße ist schon ein Abenteuer und ein gefährliches. Das hängt auch mit dem Alter zusammen. Es wird einem alles fremd.« Bölls verließen Köln, weil ihnen das Leben zu hektisch und die Stadt vom Autoverkehr zunehmend dominiert wurde.

Anlässlich des 100. Geburtstage von Heinrich Böll produzierte der WDR 2017 eine Augmented-Reality Entdeckungsreise auf den Spuren des Autors durch das Agnesviertel. Samay Böll, die Enkelin Bölls, führt die Betrachter auf einem Videowalk auch in die Hülchrather Straße Nr. 7. Böll folgen: Heinrich Böll – im Agnesviertel

© – GE und Markus Schäfer
  • Gabriele Ewenz, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)
  • Markus Schäfer ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin
Literatur

Siehe: Böll: Hülchrather Straße, Ders.: Weil die Stadt so fremd geworden ist, S. 217f.

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Aktuelles

Alle Gefühle auf einmal: der Ebertplatz

Ebertplatz, Luftaufnahme vom 31.8.2011 © Foto: Willy Horsch CC BY 3.0
Ein Gastbeitrag von Melanie Raabe

Im Kölner Norden bildet der Ebertplatz einen der wichtigsten innerstädtischen Verkehrsknotenpunkte. Er verbindet den Hansaring mit dem letzten der insgesamt zehn Ringabschnitte, dem Theodor-Heuss-Ring. Die Platzanlage entstand am Ende des 19. Jahrhunderts nach den Entwürfen der Architekten und Stadtplaner Joseph Stübben (1845–1936) und Karl Henric (1842–1927). – Die heutige Bebauung stammt aus den 1970er Jahren. Betontristess, Drogenkriminalität und Gewalt prägen das Image des Ebertplatzes. Für die Kölner Autorin Melanie Raabe bietet der Platz jedoch auch noch eine andere Lesart. Hier geht es zu ihrem Beitrag.

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Alle Gefühle auf einmal: der Ebertplatz

Ein Gastbeitrag von Melanie Raabe

Brennpunkt, Drogenumschlagplatz, städtebaulicher Alptraum, Inbegriff der Hässlichkeit. Er hat keinen guten Ruf, der Ebertplatz. Die meisten Menschen, die ich kenne, finden ihn schlicht scheußlich. Viele betreten ihn nur, wenn sie unbedingt müssen: auf dem Weg zur U-Bahn. Und es ist sicherlich angenehmer, irgendwo in Rodenkirchen oder Lindenthal in die Stadtbahn zu steigen, als am Ebertplatz. Dennoch ist er für mich kein durch und durch schlimmer, sondern ein ambivalenter Ort.

Eine Zeit lang kannte ich den Ebertplatz nur als dieses unschöne, nachts auch durchaus furchteinflößende Stück Köln, das es auf dem Weg zur Bahn hin und wieder zu durchqueren galt wie Feindesland. Ich hetzte zur KVB, schaute so wenig nach links und rechts wie möglich, warf ab und zu eine Münze in einen neben einer alten Matratze geparkten Pappbecher und war jedes Mal froh, wenn ich den Platz hinter mir gelassen hatte.

Das Engagement verschiedener Vereine hat meine Beziehung zum Ebertplatz jedoch verändert. Als ich eines Tages im Sommer von einer längeren Auslandsreise nach Hause und am Ebertplatz vorbeikam, erkannte ich ihn zunächst kaum wieder. Der Brunnen in der Mitte des Platzes spie plötzlich Wasser, Kinder tobten darin herum. Die Szene erinnerte an US-amerikanische Filme, in denen Kids in heißen New Yorker Sommern die Hydranten öffnen und in den Wasserfontänen herumtanzen. Eltern saßen entspannt daneben, plauderten, tranken Kaffee oder Fassbrause aus der Flasche. An Stellen, an denen sonst nur Glassplitter und Zigarettenkippen die verhärtete Erde bedeckten, blühten plötzlich Wild- und Sonnenblumen. Ein paar engagierte Menschen hatten sich des Platzes angenommen – und ihn transformiert. Zumindest tagsüber. Zumindest für eine Weile. Ich war erstaunt.

Dass es in den Ebertplatzpassagen einen netten Copyshop und ein alteingesessenes afrikanisches Restaurant gibt, wusste ich schon länger. Auch die Kunstszene, die sich hier angesiedelt hat, ist spannend. Das Projekt Gold + Beton beispielsweise.

Im Frühjahr 2021 wurde der Ebertplatz sogar zeitweise zu einem Ort der Literatur: Als während der Pandemie die Schauplätze von Kunst und Kultur in der Stadt schließen mussten, fand am Ebertplatz die Outdoor-Installation TRANSIT statt, ein Literaturprojekt für den öffentlichen Raum. Dafür hatte man ein über fünfzig Meter langes LED-Laufband installiert, auf dem kurze literarische Texte von Kölner Autorinnen und Autoren präsentiert wurden. Ich erinnere mich, wie Menschen stehen blieben und innehielten, um zu lesen. Schön war das.

Der Ebertplatz ist immer noch Brennpunkt, Drogenumschlagplatz, städtebaulicher Alptraum, Inbegriff der Hässlichkeit. Aber er ist auch ein Ort der Kreativität.

Vor allem aber ist der Ebertplatz ein Ort der Emotion. Ich habe hier schon so ziemlich alles gefühlt. Angst, und das nicht zu knapp. Mitleid, Traurigkeit. Ekel. Geschäftigkeit und Eile. Aber angesichts des Engagements und der Kreativität und des Gestaltungswillens, der hier an manchen Stellen immer wieder durchbricht – wie eine Blume, die durch eine Ritze im Beton hindurch wächst und gegen alle Widerstände blüht – auch Erstaunen, Dankbarkeit, Rührung und Freude.

Wenn ich das Leben an sich mit einem Ort beschreiben müsste, wäre der Ebertplatz gar keine schlechte Wahl. Er ist hart und hässlich aber, wenn man genauer hinschaut, dann ist er irgendwo auch schön, manchmal.

Melanie Raabe, 2021

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Aktuelles

Heinrich-Böll-Preisträger 2021

José F. A. Oliver liest am 25.11.2021 in der Kölner Zentralbibliothek
José F. A. Oliver beim Hausacher LeseLenz © José Oliver

Unter dem Vorsitz von Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat sich die Jury für den Lyriker und Essayisten José F. A. Oliver als neuen Träger des Heinrich-Böll-Preises entschieden. In der Begründung wurde vor allem Olivers Sprachmagie der Verse sowie seiner Prosa hervorgehoben. Oliver begreife Lyrik als »Seinsform und damit Literatur als grundlegend für die Existenz, weil sie es bei aller erzählerischer Stringenz ermöglicht, die poetische Vieldeutigkeit aufrecht zu erhalten und so das Nebeneinander von Sichtweisen bejaht«. Das aufklärerische Moment in seiner Literatur, die Auseinandersetzung mit Migration, mit Fragen der Integration, mit der Sprache als trennendem und verbindendem Element, stehe, so die Jury, unverkennbar in der Tradition des Denkens Heinrich Bölls.

Den nach dem Kölner Ehrenbürger und Nobelpreisträger Heinrich Böll benannten Preis verleiht die Stadt Köln seit 1985. Am Vorabend der offiziellen Preisverleihung spricht José F. A. Oliver mit Beate Tröger in der Kölner Zentralbibliothek – dort, wo auch das Heinrich-Böll-Archiv beheimatet ist.

José F. A. Oliver, andalusischer Herkunft, wurde in Hausach im Schwarzwald geboren und lebt dort als freier Schriftsteller. Er ist Verfasser von Gedichten, Kurzprosa und Essays zu kulturpolitischen Themen. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.

Beate Tröger studierte Germanistik, Anglistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in Erlangen und Berlin. Sie lebt in Frankfurt/Main und arbeitet als Literaturkritikerin, Moderatorin und Jurorin.

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Aktuelles

Buchsalon Ehrenfeld

Ein Gastbeitrag von Martin Sölle

Die kleine Buchhandlung in der Wahlenstraße 1 kann auf eine Tradition zurückschauen, die bis in die 1980er Jahre zurückgeht. Heute hat sich der Buchladen in Ehrenfeld als attraktive Stadtteilbuchhandlung mit einem feinen ausgewogenen Sortiment etabliert. Martin Sölle, der gemeinsam mit Claudia Haas die Buchhandlung führt, blickt zurück auf die Anfänge im Kollektiv und markiert in seinem Beitrag die verschiedenen Entwicklungsstadien seiner Buchhandlung.  

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Buchsalon Ehrenfeld

Ein Gastbeitrag von Martin Sölle
Buchsalon Ehrenfeld, Wahlenstraße 1 © Buchsalon Ehrenfeld

Entstanden in den 1970er Jahren wollte das Kollektiv des Anderen Buchladens Bücher und Informationen vertreiben, die man andernorts nicht bekam. Der andere Buchladen verstand sich nicht nur als Buchhandlung, sondern vor allem auch als Ort der Vermittlung politischer Inhalte im Kontext der linken »Sponti-Bewegung« jener Zeit. Der Buchladen war also nicht nur Verkaufsstelle, sondern ebenso Infopoint um Flugblätter auszulegen und mitzunehmen. Darüber hinaus verstand sich das Kollektiv als Anlaufadresse für politische Gruppen und war mit Büchertischen an der Uni und bei Veranstaltungen vertreten.

Veränderungen in der politischen Bewegung sowie Wechsel und Schwierigkeiten in der kollektiven Struktur machten in den 90er Jahren eine Neugestaltung erforderlich. Ebenso hatte sich die Verlagslandschaft gewandelt, nachdem viele Autor*innen jetzt auch in etablierten Verlagen veröffentlicht wurden.

Der andere Buchladen am alten Standort in Sülz, Zülpicher Str. 197 © Buchsalon Ehrenfeld

Eine neue unternehmerische Konstellation ab 1990 machte den Spagat zwischen den bisherigen Inhalten einerseits und einem höheren literarischen Anspruch andererseits möglich. Dies spiegelte sich vor allem in einem umfangreichen Veranstaltungsprogram u.a. bei den Dienstagsgesprächen im Stadtgarten wider. Seit den 1980er Jahren in Köln-Ehrenfeld präsent, wurde dort 1990 ein neuer Ansatz gewählt: ein Buchladen in Kombination mit einem Café. Über viele Jahre war das »Anders« – Restaurant und Literaturcafé – Partner der Buchhandlung und ein beliebter Veranstaltungsort, so dass sich beide Einrichtung vortrefflich ergänzten. Dauerhaft ließ sich das Konzept mit wechselnden Pächtern der Gastronomie jedoch nicht mehr umsetzen. Mit einem engagierten Buchprogramm kam später die »Büchergilde Gutenberg«, die älteste Buchgemeinschaft in Deutschland, als Partner hinzu. Seit 2013 firmiert der Buchladen in der Wahlenstraße unter dem Namen Buchsalon Ehrenfeld und hat sich als Stadtteilbuchhandlung etabliert, ohne die alten Wurzeln zu vergessen. Zum Angebot gehören regelmäßige »Salonabende« mit Lesungen und Themenschwerpunkten. 2018 und 2019 wurde der Buchsalon Ehrenfeld von Staatsministerin Monika Grütters mit dem Deutschen Buchhandelspreis ausgezeichnet.

– Martin Sölle, 2021

Den anderen Buchladen gibt es noch an folgenden Standorten:
- Weyertal 30-32, 50937 Köln-Sülz
- Ubierring 42, 50678 Köln-Südstadt
Kontakt: www.der-andere-buchladen-koeln.de
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Aktuelles

Radtour zum Rhein oder der Weg zur Schriftstellerei

Welche Auswirkungen eine Fahrradtour entlang der Rodenkirchener Riviera für den beruflichen Werdegang von Petra Reategui hatte, beschreibt die Autorin in ihrem spannenden Beitrag. Und was am 6. Februar 1758 im heutigen Naturschutzgebiet Weißer Bogen geschah, bleibt auch nicht unbeantwortet. Hier erfahren sie mehr.


Ankündigung: Am 21. Oktober 2021, um 19 Uhr, liest Petra Reategui gemeinsam mit Dorothea Renckhoff in der Zentralbibliothek.
Informationen unter: https://www.stadt-koeln.de/leben-in-koeln/freizeit-natur-sport/veranstaltungskalender/verfuehrung-verbrechen-vergangenheit

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Radtour zum Rhein oder der Weg zur Schriftstellerei

Ein Gastbeitrag von Petra Reategui

Es war ein strahlender Herbsttag, als ich vor vielen Jahren mein Fahrrad aus dem Keller holte und einen Ausflug zum Rhein machte. Hätte mir an diesem Morgen jemand gesagt, dass ich danach Bücher schreiben würde, hätte ich sie oder ihn für verrückt erklärt; ich war Journalistin und hatte nicht die geringste Absicht, meinen Beruf zu wechseln. Doch genau das geschah. Natürlich nicht sofort, es dauerte. Dass sich etwas änderte, merkte ich daran, dass es in meinem Kopf zu arbeiten und zu brodeln begann, und eines Tages tippte ich wagemutig die ersten Sätze eines Romans in den PC. Schuld daran war ein Wegekreuz.

Wegekreuz zum Andenken an Johann Stemmeler © Foto: Petra Reategui

Aber der Reihe nach: An besagtem Herbsttag radelte ich also von Köln kommend die Rodenkirchener Riviera entlang, vorbei an Wassersportclubs, Campern und Ausflüglern, hinein in den Weißer Bogen. Beinahe hätte ich das kleine Kreuz mit den barock-anmutenden geschwungenen Steinkanten übersehen, so versteckt stand es zwischen Sträuchern und hohem Gras am Rande des Wegs. Wahrscheinlich hielt ich überhaupt nur an, weil mir im letzten Moment die ungewöhnlich lange Inschrift auf dem Stein aufgefallen war. Neugierig entzifferte ich die eingemeißelten Wörter:

ANNO 1758 DEN 6TEN FEBRUARŸ WURDE

IOAN STEMMELER VON BRUEL ERMORDET

R • I • P

Trotz helllichten Tags wurde mir unheimlich. Doch dann ließ mich Ioan Stemmeler nicht mehr los; mein journalistisches Interesse erwachte.

Wer war der Mann? Was war passiert? Wer hat ihm das Kreuz gesetzt? Ich fing zu recherchieren an. Kölner Stadtverwaltung, Amt für Denkmalschutz, Historisches Archiv, Brühler Stadtarchiv, Bibliotheken – das Ergebnis war bescheiden, aber wenigstens wusste ich danach, dass Johann Stemmeler der Sohn eines Brühler Stadtmüllers und bei seinem Tod 21 Jahre alt gewesen war. Zur Mordsache selbst fand ich nichts. Bis ich schließlich auf die geniale Idee kam, die Polizei anzurufen. Nein, nicht den Notruf! Die Pressestelle.

»Entschuldigen Sie, ich ermittle in einem Mordfall. Wer kann mir Auskunft geben?« Vorsichtshalber fügte ich hinzu, dass besagte Tat mehr als zweihundert Jahre zurückliege.

Die Pressestelle der Kölner Polizei scheint jeden Tag dergleichen Anfragen zu bekommen, denn die Stimme des freundlichen Mannes am anderen Ende der Leitung verriet keinerlei Verwunderung, die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: »Wenden Sie sich ans Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf, Akte Kurköln. Viel Erfolg.«

Ausschnitt aus der Prozessakte zum Mordfall Johann Stemmeler. LAV NRW R Kurköln III Nr. 255, Blatt 386

Und tatsächlich! In einer dicken, nach abgestandenem Staub riechenden Akte aus dem 18. Jahrhundert, die ein Mitarbeiter des Archivs mir in den Lesesaal bringt, entdecke ich nach geduldigem Blättern ein Schriftstück mit dem Namen »meines« Toten. Sehr viel mehr kann ich nicht lesen, das Dokument ist in der alten deutschen Kurrentschrift verfasst, doch ich lasse mich nicht entmutigen. Ich bitte um ein Faksimile der Archivalien und brüte danach Abend für Abend über dem Text, um ihn in unsere heutige lateinische Schrift zu transkribieren. Auf sechzehn Seiten erhalte ich nun von dem nicht genannten Verfasser, offenbar ein Jurist, Einblick in das, was geschehen ist, dazu seine Ansicht zu dem Fall. Bald schon fühle ich mich zurückversetzt in die engen Gassen und schummrigen Wirtshäuser des barocken Brühl, rieche Pferdemist und Tabakrauch, atme den Mehlstaub der Stemmeler’schen Mühle ein und friere in der winterkalten Luft, die in der Nacht des 6. Februars 1758 aus den Auwäldern am Rhein emporsteigt. Nur wenige Tage später wird der Fluss zugefroren sein.

Als ich den letzten Satz in den Computer getippt und meine Abschrift gespeichert habe, köpfe ich eine Flasche Schampus und beschließe, Johann Stemmeler in einem Buch auferstehen zu lassen.

Nachwort: Es blieb nicht bei diesem einen historischen Kriminalroman über das Verbrechen an dem Brühler Müllersohn. Weitere Bücher folgten, und neue Themen spuken mir im Kopf herum. Meistens sind es Wegekreuze, Gedenkorte, Archivvermerke oder menschliche Schicksale und Ereignisse, die meine Aufmerksamkeit erregen und mich packen. Dann fange ich wieder zu recherchieren an …

– Petra Reategui

Quellen
  • Petra Reategui: Falkenlust. Historischer Kriminalroman. Köln 2006.
  • Christa Zingsheim: Wegkreuze und Bildstöcke in Köln. Köln 1981.
  • Akten zum Mordfall Johann Stemmeler, LAV NRW Kurköln III, Protokolle 143A, 143B, 255, Blatt 368-394.
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DuMont: Start-up mit 401 Jahren Tradition

Ein Gastbeitrag von Joachim Frank
Außenansicht des Neven DuMont Hauses in der Amsterdamer Straße 192.
Das Neven DuMont Haus an der Amsterdamer Straße © Foto: Matthias Heinekamp, 7.2.2020.

Wenn es etwas gibt, was den Menschen und die Gesellschaft weiterbringt, dann ist es die Lust auf Neues, auf Veränderung und – auf Kommunikation. Seit 401 Jahren steht das Medienhaus DuMont für Information und Innovation. Aus seiner Geschichte als Zeitungsverlag speist sich der Sinn für Journalismus, aber auch der Drang, sich ständig weiterzuentwickeln: ein Start-up mit 401-jähriger Tradition.

Das Feuer dieser Tradition, das das Medienunternehmen DuMont 2021 ins fünfte Jahrhundert seines Bestehens trägt, wird im frühen 17. Jahrhundert von Bertram Hilden entfacht. In der Kölner Straße Unter sechzehn Häusern (heute: Unter Sachsenhausen) richtet er eine Druckerei ein. Sie stellt Gebetbücher und Festschriften her. Ältestes bekannteste Erzeugnis ist das Programm einer Schüleraufführung am damaligen Montanergymnasium, datiert auf das Jahr 1620.

Die nachfolgenden Generationen widmen sich bereits dem Zeitungsgeschäft, und zwar im Auftrag der Kölner Universität. 1664 beantragt Peter Hilden beim Rat der Stadt, eine Zeitung drucken und herausgeben zu dürfen. Sie soll sich »an die Stützen der Gesellschaft wenden, an die Gebildeten in der Stadt und an die Adligen in der Umgebung«. Das Blatt wird aber auch in alle Städte geschickt, mit denen Köln eine Postverbindung hat. In den nächsten Jahrzehnten etablieren die Hildens einen Nachrichtendienst mit Korrespondenten an bedeutenden Handelsplätzen der Stadt Köln wie Den Haag, Brüssel, Paris, London oder Wien.

Durch Heiratsverbindungen gelangt der Verlag in den Besitz der Familie Schauberg. 1763 erhält sie den Druckauftrag für die »Kaiserliche Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitung zu Cölln«. Aus ihr geht um das Jahr 1800 die »Kölnische Zeitung« hervor. 1802 kaufen die Schaubergs das Blatt und gaben es fortan selbst heraus. 1805 heiratet die Erbin Katharina Schauberg den Kölner Rechtsanwalt Marcus DuMont. Der Jurist erfindet sich auch beruflich neu. Mit dem Kauf der »Kölnischen Zeitung« samt Druckerei, Buchverlag und Papierhandlung begründet er die Tradition des Unternehmens M. DuMont Schauberg.

In den folgenden Generationen ist die Verleger-Familie auf Innovation und technischen Fortschritt bedacht. Joseph DuMont führt 1833 als erster in Deutschland die auf Dampfdrucktechnik basierende Schnellpresse ein. Die Zeit zum Druck der Auflage von damals 3300 Exemplaren sinkt von zwölf auf vier Stunden.

Um Schnelligkeit geht es auch als der Verlag 1849 erstmals Brieftauben zwischen Paris Brüssel und Aachen einsetzt: eine Luftpost der besonderen Art zur Übermittlung der Börsenkurse. Die »Kölnische Zeitung« bringt später auch die erste telegrafisch übermittelte Nachricht.

Führende liberale Zeitung in Deutschland

Im 19. Jahrhundert avanciert die »Kölnische« zur führenden liberalen Zeitung in ganz Deutschland. Doch große Politik ist für eine Tageszeitung und ihre Leserschaft nicht alles. So steht der Service-Gedanke Pate für eine folgenreiche Neugründung. Als kostenloses Anzeigenblatt kommt am 14. November 1876 erstmals der »Stadt-Anzeiger« als Beilage zur »Kölnischen Zeitung« heraus. 1923 wird daraus eine »richtige« Zeitung mit redaktionellem Schwerpunkt auf dem Lokalen.

Die Jahre der NS-Diktatur von 1933 bis 1945 sind auch für den Verlag Schicksals- und Katastrophenjahre. Der Familie Neven DuMont gelingt es, den Bestand ihrer Firma und der Zeitungen zu sichern, die unter strikter Zensur des Regimes weiter erscheinen. Doch am Kriegsende sind das Pressehaus in der Breite Straße weitgehend zerstört. Viele Betriebsangehörige sind gefallen oder in Gefangenschaft geraten. Nach vierjähriger Zwangspause titelt die Zeitung in ihrer Erstausgabe am 29. Oktober 1949: »Der Stadt-Anzeiger ist wieder da!«

1964 kommt als eigene Stimme der EXPRESS hinzu, der rasch zu einer der meistgelesenen Boulevardzeitungen in Deutschland wird. Den frechen kleinen Bruder des »Stadt-Anzeiger« nennt ihn Gründungsherausgeber Alfred Neven DuMont. In der Zeit der Wende 1989/90 wird DuMont auch zu einem gesamtdeutschen Verlag: Das Stammhaus übernimmt in Halle/Saale die ehemalige SED-Bezirkszeitung »Freiheit« und macht daraus die »Mitteldeutsche Zeitung« (MZ) als unabhängiges, überparteiliches Blatt. Zur gleichen Zeit beginnt das DuMont-Engagement in den elektronischen Medien: Radio Köln und Radio Leverkusen, Bonn/Rhein-Sieg, Euskirchen, Rur, Erft sowie Berg gehen auf Sendung.

1996 und 1997 gehen die Internetauftritte von EXPRESS und »Stadt-Anzeiger« online. In den 2000er Jahren, die für die Zeitungsbranche eine Zeit der Krise und des Umbruchs sind, treibt DuMont den digitalen Wandel weiter voran. 2014 und 2015 werden zu Jahren der Neuorientierung. Seit dem Tod Alfred Neven DuMonts 2015 tragen die Herausgeber Isabella Neven DuMont und Christian DuMont Schütte die publizistische Verantwortung. An der Spitze des DuMont-Aufsichtsrats führen sie das Familienunternehmen in der zwölften Generation. Unter seinem Vorstandsvorsitzenden Christoph Bauer fokussiert DuMont seine Aktivitäten auf drei Geschäftsfelder: Regionalmedien, Business Information und Marketing Technology.

Einschneidenden Schritten wie dem Verkauf der Verlagsanteile an der »Frankfurter Rundschau«, der Trennung vom Berliner Verlag und auch vom Verlag der »MZ« steht eine Reihe von Beteiligungen und Neuerwerbungen gegenüber, mit denen DuMont erfolgreich auf den Zukunftsmärkten des Mediengeschäfts agiert und – wieder einmal – selbst zum Motor der Innovation wird.

Unter dem Dach des Regionalmedienverlags sind heute neben den Zeitungstiteln zum Beispiel die Event-Agentur LiveKon oder der Eintrittskarten-Service »Köln-Ticket« zu finden.

Im Geschäftsfeld Business Information hilft DuMont Unternehmen und Institutionen mit hochwertigen Daten und digitalen Tools – ein entscheidender Erfolgsfaktor in der nächsten technischen Revolution mit der Künstlichen Intelligenz. Die Online-Plattform DTAD ist mit ihrer Datenbank zu mehr als 200.000 Firmen und Vergabestellen und jährlich 700.000 Ausschreibungen führend bei den Themen Marktbeobachtung und -analyse. »Validatis Data Services« unterstützt insbesondere Banken und Versicherungen, etwa bei der Prävention von Geldwäsche. Auch die Weiterentwicklung eines Fachverlags wie »Reguvis« mit mehr als 1000 Büchern, Zeitschriften, Infodiensten sowie über 50 Fachportalen und Datenbanken zu einem Dienstleister mit Weiterbildungen zu Themen wie Außenwirtschaft, Vergabe, Bau und Immobilien zeigt die DuMont-Philosophie als Lösungsanbieter.

Der Bereich Marketing Technology vereint Unternehmen, die mit Softwarelösungen die Digitalisierung und Automatisierung des Marketings unterstützen. Innovative Software hilft den Kunden, den Vertrieb und die Kommunikation mit ihren Zielgruppen zu optimieren. Im Bereich des Social Media Marketing ist »facelift« einer der führenden Anbieter in Europa. »censhare« stellt Hunderten von Unternehmen eine Content- und Marketing-Plattform bereit. DuMont setzt auf Talente aus der ganzen Welt, ist mit Standorten in den USA, Frankreich, Großbritannien, Dubai, Indien und weiteren Ländern international aufgestellt.

Mit Kreativität und Mut gestaltet DuMont den medialen und gesellschaftlichen Wandel mit. Erfindungsreichtum, Pioniergeist und technologischer Fortschritt gehören zu DuMont. Heute wie vor 401 Jahren.

Joachim Frank

geb. 1965 in Ulm, ist Chefkorrespondent der DuMont Mediengruppe und Mitglied der Chefredaktion beim Kölner Stadt-Anzeiger. Von 2009 bis 2011 war er Chefredakteur der Frankfurter Rundschau. Frank hat katholische Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte studiert. Im Ehrenamt ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP). Für seine journalistische Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem »Wächterpreis der Tagespresse«.

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DuMont – ein Kölner Verlag mit langer Tradition

Ein Gastbeitrag von Joachim Frank

Die DuMont Mediengruppe mit Sitz in Köln ist eines der größten und ältesten deutschen Medienunternehmen. Seit 1998 befinden sich die Redaktionen und die Druckerei des Verlags im Neven-DuMont-Haus, einem repräsentativen Glasbau an der Amsterdamer Straße in Köln-Niehl. 2020 hätte DuMont das 400ste Gründungsjubiläum begehen können, die Feierlichkeiten wurden jedoch durch die Corona-Pandemie vereitelt. Joachim Frank, Chefkorrespondent des Kölner Stadt-Anzeiger, beschreibt in seinem Beitrag den Wandel des Hauses von einer einfachen Druckerei zum Tageszeitungs-Verlag und schließlich zum Medien- und Technologiekonzern.