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Eine kurze, glückliche Zeit

Luise Straus-Ernst in der Emmastraße

Ein Gastbeitrag von Eva Weissweiler

Die gebürtige Kölner Kunsthistorikerin, Schriftstellerin und Journalistin Luise Straus-Ernst wurde über viele Jahre nur als Ehefrau von Max Ernst und als »Muse der Dadaisten«. wahrgenommen. 2016 verfasste Eva Weissweiler eine Biographie über Straus-Ernst, in der sie erstmals umfassend  die Lebensgeschichte dieser außergewöhnlichen und faszinierenden Frau nachzeichnete und eine neue Perspektive auf ihr Leben und Werk ermöglichte.  – In ihrem Gastbeitrag beschreibt Eva Weissweiler die kurze aber glückliche Zeit, die Luise Straus-Ernst nach ihrer Trennung von Max Ernst, in der Emmastraße in Köln-Sülz verbracht. Weiterlesen.


Ankündigung:

Ausstellung: »Nomadengut. Die Kölner Schriftstellerin Luise Straus-Ernst«. Vom 24.9. bis 10.10.2021 in der Kulturkirche Ost. Gezeigt werden u.a. Fotografien von Hannes M. Flach und Klaus Kammerichs.
Vernissage: 24.9.2021, 19 Uhr, mit Eva Weissweiler und Sonja Kargel.
Informationen unter: http://www.kulturkirche-ost.de

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Wohnort von Luise Straus-Ernst

Emmastraße

Ein Gastbeitrag von Eva Weissweiler

Nein, das Haus in der Emmastraße 27 in Köln-Sülz, in das Luise Straus-Ernst 1929 einzog, hat nichts von dem »funkelnden Edelstein«, mit dem ihr Sohn Jimmy es später verglich. Es ist ein schmuckloser Bau, fast etwas trist in seinem Einheitsgrau, aber damals war es wohl richtig modern, vor allem im Vergleich zum Protz- und Prachtpalast am Kaiser-Wilhelm-Ring 14, wo sie vorher gewohnt hatte, im Haus eines deutsch-nationalen Zahnarztes mit Schmissen im Gesicht, der kein Hehl daraus machte, dass er sie nicht mochte: Jüdin, geschieden, mit dubiosen Künstlern und Kommunisten verkehrend, und dazu noch Schriftstellerin, Kunsthistorikerin und Journalistin – nichts Solides, sodass sie oft mit der Miete im Rückstand war.

Buchumschlag unter Verwendung einer Fotografie von August Sander, L. Straus-Ernst und Jimmy Ernst, Köln 1928

Sie war froh, als sie endlich ausziehen konnte aus diesem Haus, in dem alles noch an Max Ernst (1891–1976) erinnerte, ihren einstigen Mann, der sie 1922 verlassen hatte, obwohl ihr Sohn Jimmy (1920–1984) damals nicht einmal zwei Jahre alt war. In seinem ehemaligen Atelier lagen noch immer Bilderstapel, die er irgendwann abholen wollte, um sie zu verkaufen. Es roch noch immer nach Farbe, Leim und nach Ehestreit, denn er konnte furchtbar wütend werden, wenn sie nicht gut genug gefegt hatte oder ihm beim Malen über die Schulter sah. Das Wohnzimmer war mit seltsamem Nippeskram eingerichtet, auf den er, warum auch immer, bestanden hatte, Blumentöpfen, Mahagoni-Möbeln, Antiquitäten, Fotos in Goldrahmen und zerschlissenen Perserteppichen.

Das schaffte sie alles fort und kaufte sich neue, moderne Möbel, die sie zartgrün lackierte. Für die Wände wählte sie ein helles Grau und um die Lampen band sie Schleier aus rosa Gaze, die fast ein wenig frivol wirkten, ähnlich wie der breite, groß geblümte Diwan, auf dem schon viele Männer gesessen hatten, Kurt Weill, Hanns Eisler, Bertolt Brecht, Joachim Ringelnatz und »der kölsche Willi«.

Die Wohnung im vierten Stock war hell und freundlich, hatte einen Balkon und für jeden ein eigenes Zimmer, für sie selbst, für Jimmy und sogar für Maja, Jimmys Ersatzmutter, die sich um sein körperliches Wohl sorgte, während Luise für das geistige zuständig blieb und ihn mit ihren berühmten Freunden bekanntmachte.

Sie kamen gerne, seitdem sie umgezogen war und nicht mehr in der dunkeln Dachwohnung am Ring lebte. Ringelnatz zum Beispiel, der fast immer betrunken, aber meistens sehr gut gelaunt war. Als Jimmy einmal befürchtete, Maja könnte sein Frühstücksei zu weich gekocht haben, nahm Ringelnatz es in die Hand, trat auf den Balkon und ließ es hinunter auf die Emmastraße fallen, um zu prüfen, ob es nicht doch vielleicht hart genug sei?

Am Kaiser-Wilhelm-Ring hatten sie unter Ärzten, Bankiers und Kommerzienräten gelebt. Hier, auf der Emmastraße, wohnte der Mittelstand: kleine Kaufleute, Handwerker und Sekretärinnen, ein paar Lehrer und Buchhalter, eine Klavierlehrerin. Die Straße war kurz, schmal und sehr überschaubar. Jeder kannte jeden. Am bekanntesten war Hans Wocke (1904–1972), Sänger beim Westdeutschen Rundfunk, den man manchmal mit seinem schönen Bass-Bariton singen hörte:

Rose Marie, Rose Marie,
Sieben Jahre mein Herz nach Dir schrie,
Rose Marie, Rose Marie,
Aber du hörtest es nie.

Gleich um die Ecke fing Frankreich an, auf der Sülzburgstraße nämlich, wo es so bunt und so fröhlich zuging wie in einem Quartier von Paris und es buchstäblich alles zu kaufen gab: Schuhe, Nähmaschinen, Bücher, Süßigkeiten, Kolonialwaren, Fleisch, Seife, Obst, Blumen, Spielsachen, Brillen, ja, leider auch Kuchen, den Luise oft und gern zu sich nahm und mit einem Extra-Klecks Sahne versah, obwohl sie ohnehin schon zur Fülle neigte und nicht sehr groß war.

Sülz oder »Sölz«, wie die Kölner es nannten, wirkte überhaupt sehr französisch mit seinen vielen schön angelegten Plätzen, dem Auerbach-Platz, dem Hermeskeiler Platz, dem De-Noel-Platz und dem Manderscheider Platz, auf denen Jimmy und seine Freunde Fußball spielten oder als Cowboys, Trapper und Indianer miteinander kämpften. Nach solchen Nachmittagen kam er glücklich und erschöpft zurück in die Emmastraße, wo Maja ihm manchmal den Hintern versohlte, weil er sich schon wieder schmutzig gemacht hatte. Aber am Abend, wenn sie gemeinsam um den Ess-Tisch saßen, war alles wieder gut. »Die Themen reichten von Trivialitäten bis zu Tragödien«, schreibt Jimmy in seinen Erinnerungen. »Unser Beisammensein zwanglos und intim, als wären wir die drei einzigen Menschen auf der Welt.« Später, wenn er schon im Bett war, legte Lou eine Jazzplatte auf, schenkte sich ein Glas Wein ein und tanzte einen Tango mit sich selbst.

Sie lebte ganz für ihren Sohn, ihre Freunde und ihre Arbeit, ihre Artikel für den Querschnitt, die Vossische, den Westdeutschen Rundfunk und die Dresdner Neuesten Nachrichten. Dabei ging es um Kunst und Kultur, Reisen, den Dom, den kölschen Karneval, um moderne Architektur, manchmal um Frauenthemen, aber niemals um Politik, denn Politik interessierte sie nicht. »Ich hatte mich nie aktiv mit Politik befasst, die Zeitungen eher flüchtig gelesen und mich immer auf meine Arbeit konzentriert«, schreibt sie in ihren Erinnerungen.

Deshalb merkte sie nicht, dass seit 1932 in den Straßen gekämpft wurde, dass Nachbarn ein Hakenkreuzabzeichen am Revers trugen, sich im Park hinter der Nikolaus-Kirche trafen und das Horst-Wessel-Lied sangen, wobei es manchmal zu Schlägereien mit Kommunisten kam, nach denen Verletzte oder gar Tote im Gebüsch lagen. Sie glaubte auch nicht, dass es wirklich stimmte, als Jimmy mit tränenerstickter Stimme erzählte, drei SA-Leute hätten ihn an einer Straßenecke überfallen und ihm die Hose heruntergezogen, weil sie sehen wollten, ob er Jude sei. Das könne nicht sein, sagte sie, der Krieg sei vorbei, der Kaiser im Exil und der Oberbürgermeister, Konrad Adenauer, ein freundlicher Demokrat, der auch die Juden in ihrer Stadt beschützen würde.

Eines Nachts, kurz nach dem Reichstagsbrand, klingelten zwei SS-Leute an ihrer Tür. Sie verlangten, in die Wohnung eingelassen zu werden und durchwühlten Papiere, Kleider, Bücher und Kunstwerke, ja sogar Jimmys Spielsachen. Das war das Ende einer kurzen, glücklichen Zeit auf der Emmastraße. Luise beschloss, ins Pariser Exil zu gehen. Im Mai 1933 fuhr sie ab. Maja und Jimmy begleiteten sie zum Bahnhof und gingen zurück in die schon fast leer geräumte Wohnung, wo sie ein letztes Mittagessen zusammen einnahmen. Danach sollte Jimmy zu seinen Großeltern ziehen, die er nicht sonderlich liebte. Am nächsten Tag, einem Montag, ging er wie in Trance von der Schule zurück in die Emmastraße. Hinter der geschlossenen Wohnungstür hörte er gewaltigen Lärm. Es klang, als ob Möbel geschoben würden. Als er klingelte, öffnete ihm ein Unbekannter:

»Heißt du Ernst?« wurde er gefragt.
Er nickte. Der Mann machte die Tür wieder zu sagte:
»Du wohnst hier nicht mehr.«

Gunter Demnig: Stolpersteine für Dr. Louise Straus-Ernst, Emmastraße 27 © Foto: 1971markus CC BY-SA 4.

– Eva Weissweiler


Literatur: Straus-Ernst: Nomadengut, S. 125-130; Ernst: Nicht gerade ein Stilleben; Weissweiler: Notre Dame.

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Texte und Medien

Luise Straus-Ernst: Karneval

Der Karneval 1933 aber war ein Totentanz. Wir hatten es alle kommen sehen. Aber wir hatten nicht an den Ernst der Gefahr glauben wollen. So traf sie uns trotz allem unvorbereitet.

Ich hatte mich nie aktiv mit Politik befasst, die Zeitungen eher flüchtig gelesen und mich immer auf meine Arbeit konzentriert, die vor allem dem Gebiet der Künste galt.

Im Sommer hatte sich mein Berliner Freund bei einem Besuch in unserer Stadt über unsere Kaltblütigkeit gewundert. »Ihr lebt so abseits von dem, was bei uns in Berlin Geschieht«, sagte er. »Wir sind sehr beunruhigt. Wenn ›sie‹ ans Ruder kommen, wird es ja kaum für lange sein. Aber sie können in kurzer Zeit sehr sehr viel Unheil anrichten.«

Wie er das so sagte, im sonnigen Rheinpark unter schattigen Bäumen, hielt ich seine Worte für Übertreibung. Sie waren es nicht. Ganz im Gegenteil. Er sah bei weitem nicht schwarz genug. – Kurz darauf brachten die Reichstagswahlen den Nazis eine erschreckende Mehrheit.

Wir spürten die Gefahr näher, aber es änderte sich bei uns immer noch nichts. Im Rheinland mit seiner vorwiegend katholischen Bevölkerung gab es wenig Anhänger der Nazis, und Antisemitismus in größerem Maßstab war völlig unbekannt. Manchmal gab es nachts Schießereien irgendwo in den Außenvierteln. Kommunisten und Nazis lagen sich in den Haaren. Da meine Freunde und ich weder das eine noch das andere waren, ließen diese Kämpfe uns fast unberührt.

Wohl erschrak ich, als ich zum ersten Mal am 30. Januar 1933, im Radio die mir grotesk erscheinende Bezeichnung »Reichskanzler Hitler« hörte, aber auch jetzt wurde unsere Ruhe kaum gestört. In Berlin ging alles drunter und drüber. Aber bei uns?

»Solange wir unseren Adenauer haben, kann uns nichts geschehen«, sagten wir. Adenauer war der Kölner Oberbürgermeister, eine weit über die Grenzen der Stadt hinaus bedeutende Persönlichkeit voll Initiative und unabhängiger Ideen. Zugleich Vorsitzender des Staatsrates übte er eine entschiedene politische Macht aus. »Der ungekrönte König von Preußen«, sagte man wohl von ihm.

Nein, solange wir ihn haben würden, konnte in unserer Stadt nichts geschehen, waren auch wir Journalisten in unserer Arbeit geschützt. Gewiss! Aber – wie fest saß er denn? […]

Rosenmontag. Die ungewohnt heftige Wahlpropaganda musste an diesem Tag schweigen. Es war Fest. Keiner wollte durch Politik gestört werden in dieser lebenslustigen Stadt. Alle Geschäfte, alle Schulen waren geschlossen, und vom frühen Morgen an schob sich eine bunt kostümierte Menge durch die engen Straßen der Altstadt, nur darauf bedacht, den Festzug von einer günstigen Stelle aus zu sehen.

Am späten Nachmittag hatte ich Jimmy und Maja allein weiter spazieren lassen und ging ins Rathaus. Es war sozusagen Berufspflicht eines Journalisten, den Festzug von dieser offiziellen Stelle aus zu sehen. Aber natürlich war es vor allem Vergnügen; Vergnügen, in dem hübschen Rokokosaal von vielen, gut gelaunten Kollegen fröhlich empfangen zu werden, Vergnügen, den guten Rheinwein aus dem Ratskeller zu trinken und zu der Musik, die von der Straße heraufklang, ein wenig zu tanzen. Vergnügen vor allem, am offenen Fenster zu lehnen und auf den Platz hinunter zu blicken, der schwarz von Menschen war, nein, eigentlich nicht schwarz, denn da waren bunte Federhüte und spitze Clownskappen, fuchsrote Perücken und zerrissene Regenschirme, von deren nacktem Gestänge bunte Bänder flatterten. Da stelzte ein Riese durch die Menge, oder ein ganz Dicker ließ sich auf einem Wagen schieben. […]

Die schmalen, alten Häuser mit ihren hohen, spitzen Giebeln sahen auf dies alljährlich wiederkehrende Bild nieder und gegenüber die ernsten Türme von St. Martin. Ahnte niemand, was vorging? Spürte keiner dieser Ausgelassenen, dass die Festfreude sich bald in Schrecken verwandeln würde, dass etwas im Anzuge war, das harmloser Freude und unabhängiger Meinung für lange Zeit ein Ende machen würde? […]

Noch ein Tango mit Jo. Dann packte einer der Stadträte uns in seinen großen Wagen und fuhr uns zu seiner Villa, wo es einen Imbiss und wieder wunderbaren Wein gab.

Als ich endlich heimkam, waren schon Freunde da, um mich zum Ball abzuholen. Schnell machten wir uns zurecht. […] War ich müde an dem Abend? Oder spürte ich eine Vorahnung? Über dem Fest in den kleinen, verräucherten Sälen schien mir eine Wolke zu lasten. Es waren die gleichen kostümierten Menschen, fast alles Bekannte, die gleichen Lieder, der gleiche fröhliche Lärm, der sich zeitweise zu wildem Stampfen und Geschrei steigerte. – Und es war doch nicht das Gleiche.

Die Menschen hier, das war schließlich keine namenlose Masse. Das waren Künstler, Intellektuelle, die eigentlich ahnen mussten, um was es im Lande ging. Wie viele von ihnen würden nächstes Jahr noch hier tanzen? Heute tanzten sie auf einem Vulkan … Und viele von ihnen wussten es auch …

Ich hatte keine Lust, mitzutoben wie sonst, drückte mich in den Ecken herum. Kurz nach Mitternacht kam ein Junge auf mich zu, der ein Cabarett leitete. Seine schwarzen Augen glänzten.

»Der Reichstag brennt«, sagte er mir leise. Nichts weiter. Dann sprach er mit Anderen. Die Nachricht machte die Runde, flüsternd. Man wusste nichts von den näheren Umständen, offiziellen oder inoffiziellen. Man konnte eigentlich die Folgen jetzt nicht übersehen. Aber trotzdem zeigte der Ernst auf vielen Gesichtern, dass sie begriffen hatten.

Das Fest ging weiter … Ohne mich von Jemandem zu verabschieden, fuhr ich nach Hause … Für mich war das Fest zu Ende …


Literatur: Straus-Ernst: Nomadengut, S. 125-130.

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Aktuelles

»Weh dem, der den edlen Fürsten von Köln erschlug!«

Walther von der Vogelweide preist Erzbischof Engelbert I.

Ein Gastbeitrag von Martin Oehlen

Kaum zu glauben! Der größte Lyriker und Minnesänger des deutschen Mittelalters Walther von der Vogelweide hat auch in Köln eine Spur hinterlassen, der Martin Oehlen in seinem Beitrag folgt und dabei Erhellendes zu Tage fördert. Die Gebeine des Kölner Erzbischofs Engelbert I., die heute in einem prachtvollen Schrein in der Domschatzkammer aufbewahrt werden, finden ebenso Erwähnung. Warum? Das erfahren Sie hier. 

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»Weh dem, der den edlen Fürsten von Köln erschlug!«

Walther von der Vogelweide preist Erzbischof Engelbert I.

Ein Gastbeitrag von Martin Oehlen
»Herr Walther von der Vogelweide«. In: Codex Manesse, UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 124r

Nichts gegen Latein. Aber welches ist die älteste literarische Erwähnung Kölns in deutscher Sprache? Zum Kreis der Favoriten zählen die mittelhochdeutschen Verse von Walther von der Vogelweide (um 1170 – um 1230) auf den Kölner Erzbischof Engelbert I. (um 1185 – 1225). Wenig weiß man über den herausragenden Dichter. Weder sein Geburtsort ist gesichert noch seine letzte Ruhestätte. Es ist von ihm nur ein einziges zeitgenössisches Dokument überliefert, demzufolge er vom Passauer Bischof Wolfger von Erla einen Pelzmantel erhalten hat. Für den 12. November 1203 ist im Rechnungsbuch des Bischofs vermerkt: »Walthero cantori de Vogelweide pro pellicio V. sol. Longos« (für den Sänger Walther von der Vogelweide fünf »solidi longos«, was in der Forschung zuweilen mit »fünf Schillinge« übersetzt wird).

Vieles mehr wird nicht aus historischen Quellen, sondern aus Walthers Werk erschlossen. Aus dem Minnesang, den er fulminant aufmischte, und aus der sogenannten Sangspruchdichtung, mit der er sich in die politischen Verhältnisse einmischte – schimpfend, schmeichelnd, ironisch, keck und kunstvoll. Selbstverständlich sind solche biografischen Rückschlüsse aus der Dichtung riskant. Allerdings kann aus den Texten mit Gewissheit geschlossen werden, dass Walther als fahrender Sänger bestrebt war, Gönner zu gewinnen. Sei es als längerfristiges Engagement oder als einmalige Unterstützung. So lobt er den Geiz des einen und die Großzügigkeit des anderen. Er wendet sich in seiner Lyrik an Fürsten, Könige und Kaiser – und an Erzbischof Engelbert I. von Köln.

Aus der Familie der Grafen von Berg stammend, zählte Engelbert zu den mächtigsten Personen im Reich. Als Kölner Erzbischof wurde er im Jahre 1220 von Kaiser Friedrich II. zum Reichsverweser ernannt. Auch war er Vormund des kaiserlichen Sohnes Heinrich, den er 1222 in Aachen zum König krönte. Walther von der Vogelweide rief diesem Engelbert in den Sprüchen seines sogenannten Kaiser Friedrichston zu:

»Von Kölne werder bischof, sît von schulden frô!

ir hât dem rîche wol gedienet, und alsô

daz iuwer lop da enzweschen stîget unde sweibet hô.

sî iuwer werdekeit dekeinen bœsen zagen swære

fürsten meister, daz sî iu als ein unnütze drô.

getriuwer küneges pflegære, ir sît hôher mære,

keisers êren trôst baz danne ie kanzelære,

drîer künege und einlif tûsent megde kamerære.«

(»Edler Bischof von Köln, Ihr dürft Euch freuen! Ihr habt dem Kaiser und dem Reiche so gut gedient, dass Euer Ruhm nun immer steigt und höher schwebt. Wenn, Herr der Fürsten, Euer hohes Amt dem gemeinen Feigling lästig ist und er Euch droht, beachtet seine leere Drohung nicht. Treuer Königsvormund, Ihr seid berühmt und wahrt des Kaisers Ansehen besser als es je ein Kanzler tat – Kämmerer von elftausend Jungfrauen und drei Königen.« Übersetzung zitiert nach Joerg Schaefer.)

Walther verweist in seiner Lobeshymne bemerkenswerterweise auf Drohungen gegen den Erzbischof. Unumstritten war Engelbert weder in der Metropole noch im riesigen Erzbistum. Ein Konflikt um Vogteirechte des Essener Damenstiftes, so stellen es Hugo Stehkämper und Carl Dietmar in dem Band Köln im Hochmittelalter dar, führte zu Engelberts Ermordung am 7. November 1225. Auf der Rückreise nach Köln wurde er bei Gevelsberg überfallen. Eine moderne gerichtsmedizinische Untersuchung der überlieferten Gebeine, die 1978 stattgefunden hat, führt Dutzende Verletzungen der Knochen auf. Als einer der Initiatoren des Anschlags gilt Friedrich von Isenberg, ein Neffe zweiten Grades, wenngleich unklar ist, ob er nicht nur eine Gefangennahme geplant hatte.

Detailansicht des Engelbertschreins in der Domschatzkammer in Köln. Dargestellt ist Erzbischoff Engelbert
Köln, Domschatzkammer, Engelbertschrein, Deckel, Detailansicht: Erzbischof Engelbert © Hohe Domkirche Köln, Dombauhütte; Foto: Matz und Schenk

Die Nachricht vom Tod des Erzbischofs erreichte auch Walther von der Vogelweide. Er schrieb in seinem zweiten Engelbertspruch im Rahmen des Kaiser Friedrichtons:

»Swes leben ich lobe, des tôt den wil ich iemer klagen.

sô wê im der den werden fürsten habe erslagen

von Kölne! owê des daz in diu erde mac getragen!

Ine kan im nâch sîner schulde keine marter vinden:

im wære alze senfte ein eichîn wit umb sînen kragen.

In wil sîn ouch niht brennen noch zerliden noch schinden

noch mit dem rade zerbrechen noch ouch dar ûf binden,

ich warte allez ob diu helle in lebende welle slinden.«

(»Ich preise sein Leben, und immer klage ich um seinen Tod. Weh dem, der den edlen Fürsten von Köln erschlug! O dass ihn die Erde noch tragen will! Ich weiß keine Marter groß genug für seine Schuld. Ein Eichenstrang um seinen Hals wäre ihm zu sanft. Ich will ihn nicht verbrennen noch ihn zerstückeln noch ihm die Haare abziehen, auch ihn nicht mit dem Rad zermalmen noch aufs Rad ihn flechten; ich warte nur jeden Tag, ob ihn nicht die Hölle lebendig verschlingt.« Übersetzung zitiert nach: Joerg Schaefer)

Walthers speziellem Wunsch, den Täter nicht aufs Rad zu flechten, entsprach Engelberts Nachfolger Heinrich von Müllenark allerdings nicht. Am 13. November 1226 wurde Friedrich von Isenberg vor dem Severinstor in Köln gerädert.

Engelberts Nachruhm entwickelte sich schnell. Dazu trug die Biografie des Zisterziensermönchs Caesarius von Heisterbach bei: Vita, passio et miracula beati Engelberti Coloniensis archiepiscopi (»Leben, Leiden und Wunder des heiligen Engelbert, des Erzbischofs von Köln«). Bald schon wurde der Erzbischof als Märtyrer und wunderwirkender Heiliger verehrt, wenngleich er nie offiziell kanonisiert worden ist. Die Gebeine ruhten zunächst in einem umgitterten Steingrab im Alten Dom in Köln. Seit 1633 befinden sie sich in einem barocken, vom Goldschmied Conradt Duisbergh nach Entwürfen von Jeremias Geisselbrunn und Augustin Braun gefertigten Silbersarkophag, der heute in der Schatzkammer des Kölner Doms steht. Weitere Reliquien des ermordeten Erzbischofs werden unter anderem im Altenberger Dom, in Essen, Wien und Gevelsberg aufbewahrt.

Ob Walther – der vor allem in Wien, in Südtirol und im Süddeutschen verortet wird – jemals in Köln gewesen ist, steht dahin. Zwar behauptet das lyrische Ich eines seiner Lieder, es sei »von der Elbe unz an den Rîn / und her wider unz an Ungerland« unterwegs gewesen, also von der Elbe bis an den Rhein und dann zurück nach Ungarn. Doch zum einen ist dies eben doch ein Ich, das nicht zwingend mit dem Autor gleichzusetzen ist. Und zweitens ist der Rhein ein langer Fluss mit vielen Verweilmöglichkeiten.

(M. Oe.)

Literatur

  • Becks, Leonie; Lauer, Rolf: Die Schatzkammer des Kölner Domes. Köln 2000.
  • Hahn, Gerhard: Walther von der Vogelweide. München u. Zürich 1986.
  • Legner, Anton: Kölner Heilige und Heiligtümer. Köln 2003.
  • Schaefer, Joerg (Hg.): Walther von der Vogelweide – Werke. Darmstadt 1972.
  • Stehkämper, Hugo; Dietmar, Carl: Köln im Hochmittelalter. Köln 2016.

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Ulla Hahn: »…wie die Steine am Rhein«. – Über Geborgenheit, Heimat und Sprache

Druckfrisch: Der neue Band der Schriftenreihe »lik« ist erschienen 

Die mehrfach ausgezeichnete Autorin und Dichterin Ulla Hahn hat sich sowohl in ihrem lyrischen Werk als auch in ihren Romanen intensiv mit dem Heimatbegriff auseinandergesetzt. In Anlehnung an Martin Heideggers Anschauung über »Die Sprache ist das Haus des Seins« entwickelt Hahn in ihrem neuen Text, den sie für den 6. Band der Schriftenreihe »lik« konzipiert und geschrieben hat, eine eigene Betrachtung des Gegenstandes.

Das Thema Heimat, das Hahn in ihrem Text essayistisch und literarisch zu fassen versucht, ist in heutiger Zeit höchst aktuell. Fragen nach heimatlicher Orientierung, nach regionaler Identität sowie die problematischen Vereinnahmungsversuche des Begriffes durch rechte Parteien und andere politische Gruppierungen, verlangen nach einer steten Standortbestimmung im gesamtgesellschaftlichen Umfeld. Einen wichtigen Beitrag in dieser tagesaktuellen Debatte bietet eine engagierte Literatur, die hier stellvertretend durch Ulla Hahn geboten wird.

Das Rheinland als Heimatort war und ist immer ein zentrales Motiv im Werk der Autorin. Über viele Jahre lebte Ulla Hahn in Köln, einer ihrer Sehnsuchtsorte, wie sie schreibt. Das Interview im zweiten Teil des Bandes thematisiert ihre Beziehung zur Rheinmetropole: Während ihres Studiums an der Kölner Universität nahm sie an den Vorgängen der Protestbewegungen im Umfeld der 1968er Jahre teil, die sie literarisch in Spiel der Zeit, dem 3. Teil ihrer Tetralogie verarbeitete. – Kontakte hatte Ulla Hahn später auch zu anderen renommierten Kölner Autor*innen wie Hans Bender, Heinrich Böll und vor allem zu Hilde Domin, die maßgeblich ihr lyrisches Schreiben beeinflusste.

lik 06 – Ulla Hahn: »…wie die Steine am Rhein«. Über Geborgenheit, Heimat und Sprache. Hrsg. von Stadtbibliothek Köln. Ausgewählt, zusammengestellt und bearbeitet von Gabriele Ewenz. Köln: Verlag der Buchhandlung Klaus Bittner 2021.
Preis: 16,80 Euro – ISBN 978-3-926397-52-2

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Notizen eines Gereongängers

Ein Gastbeitrag von Michael Kohtes

Die romanische Kirche St. Gereon wurde auf den Resten eines spätantiken Vorgängerbaus aus dem 4. Jahrhundert errichtet, der in Teilen erhalten ist. Architekturgeschichtlich bedeutend ist vor allem das Dekagon und ursprüngliche Mausoleum, das als einziger spätantiker Bau der Stadt Köln weitgehend erhalten ist. Mit St. Pantaleon zählt die ehemalige Stiftskirche St. Gereon im Nordwesten der Stadt auch zu den ältesten christlichen Orten in Köln. – Warum der Schriftsteller Michael Kohtes dem »transzendentalen Obdachlosen« einen Besuch dieses beeindruckenden Bauwerks empfiehlt, lesen Sie hier.

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Notizen eines Gereongängers

Ein Gastbeitrag von Michael Kohtes
St. Gereon, Ostseite © Foto: Raimond Spekking CC BY-SA 4.0

Unter Kölns romanischen Gotteshäusern empfiehlt sich für den transzendental Obdachlosen als erste Adresse St. Gereon. Man bevorzuge die Tageszeiten, wenn die Messe gehalten und der Cicerone durch ist, dann winkt die Gnade, abgesehen von der einen oder anderen quer flitzenden Kirchenmaus mit dem Genius Loci allein zu sein – und eine Stunde der wahren Entrückung zu erleben.

Der Ort atmet Geschichte, die Luft seiner Legenden, den Staub der frühen Knochen. Hier, vor den Toren der antiken Colonia, begruben die Agrippinenser noch im 4. Jahrhundert ihre Toten. Es war der Acker, auf dem die Mythe nachmals das Massengrab des Heerführers Gereon und seinen thebäischen Mannen lokalisierte. Weil sie sich dem Befehl Kaiser Konstantins, alle Kölner Christen hinzuschlachten, widersetzt hätten, seien diese Standhaften von den eigenen Soldaten geköpft worden. Und über ihren Gebeinen habe Sankt Helena, die Mutter des Imperators, später die nämliche Kirche errichten lassen. So erzählte es unser Vater, wobei ihm seine »Heiligengeschichte« stets zu großem Sandalenkino geriet; jedenfalls hegten wir keinen Zweifel, dass zumal ein Verfechter des achten Gebots wie er die reine Wahrheit schilderte …

Überhaupt verringert sich hoc loco der Abstand zu den Ahnen merklich. Den Blick empor gerichtet, überkommt mich eine Ahnung, wie viel Blut, Schweiß und Spucke es Generationen von Baumeistern samt ihren Handlangern gekostet haben muss, bis aus den Mauern der römischen Nekropole jene romanische Stiftskirche erwachsen konnte, die ein Macht- und Pilgerzentrum von Rang war, als sie in den 1320er Jahren schließlich die eigenwillige Gestalt annahm, in der sie sich dem Auge seither präsentiert. Gereons Stiftsherren waren durch Geburt einem Adel verpflichtet, dem es gelegentlich am rechten Glauben gefehlt haben mochte, keineswegs jedoch an Geld und Geist. Derlei hatte das Abendland noch nicht gesehen: Zehn Ecken, vier Geschosse hoch, überwölbt von einem »Himmelsdach«, das dank Stein und Statik allen Wettern standhielt, so dass es der »Blutsäule« unseres Patrons – die jedem Bösewicht, der vor sie hintrat, ewige Verdammnis brachte! – ein sowohl beschirmtes als auch würdiges Wirkungsfeld bot.

Unter der Kuppel des Dekagons sucht ein vom Terminteufel heimgesuchtes Schäfchen wie unsereins, übrigens gerne auch mal länger als zehn Minuten, das Handy im Flugmodus, Zuflucht vor dem Lärm dort draußen ebenso wie vor den Tumulten in seinem Inneren. Nirgends steigt mir der Geruch erhitzten Kerzenwachses, vermischt mit einer Spur von Weihrauch, tröstlicher in die Nase als im Gemäuer dieser Märtyrerkirche. Und manchmal, wenn die Einkehr jene Tiefe der Betrachtung erreicht, mit der die Dinge aus ihren Bedeutungen treten, finde ich darüber wieder Anschluss an den rätselhaften Rhythmus des Universums. Vornehmlich dann, wenn das von den buntfarbigen Fenstern gefilterte Nachmittagslicht in die schattigen Gewölbe fällt und sich der Spiritus meiner prächtigen Enklave zur (gütigen) Gänze entfaltet.

Heilig ist mir der Ort aber auch, weil just hier, vor dem Altar des gemarterten Meuterers Gereon, sich meine Eltern feierlich die Ehe versprachen; mit dem Segen von Stadtdechant Robert Grosche, jenem Kunstkenner und klerikalen Künstlerfreund, der vormals, als Pfarrer in Vochem bei Brühl, unseren Herrn Papa bereits getauft hatte und auf dem Hof der Großeltern ein gern gesehener Gast war. Opa, so die Überlieferung, erörterte mit Dr. Grosche, meist schon vor dem Essen, Fragen zum bevorstehenden Weltuntergang wie zur Wahrscheinlichkeit der Jungfrauengeburt, er schätzte seine festen Ansichten über das »Herrjöttche«.

Ab und an ist Gereon für eine handfeste Überraschung gut. Gestern, in einer der hinteren Bänke, Langchor rechts, beim Sortieren meiner inneren Angelegenheiten, brach plötzlich der mächtige, raumfüllende Klang der Orgel über die stille Versenkungsübung herein. Alles Gewaltige kam von oben, aus den silbern glänzenden Pfeifen, die der kleinen Empore entragen – und Händen gehorchen, die drei Manuale und 36 Register beherrschen, umso imposanter, wenn das Pedal den wechselnden Füßen pariert. Es war der Anfang einer längeren freien Improvisation, sakrale Festmusik, bei der sogar einem Sünderlein wie mir die Himmel des Erhabenen aufsprangen.

Michael Kohtes, 2021

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Wilde Feste am Friesenplatz

Sabine Schiffner erinnert sich

Die in Köln lebende Lyrikerin Sabine Schiffner wohnte zehn Jahre lang in unmittelbarer Nähe des Friesenplatzes. 1986 bezog sie eine Wohnung über dem legendären Lichtspieltheater »Rex Am Ring«, eines der ältesten noch in Betrieb befindlichen deutschen Kinos, das 1928 am Hohenzollernring eröffnet wurde. Im Friesenviertel, das lange vor allem als Rotlichtmilieu und Treffpunkt der Kölner Unterwelt bekannt war, liegen die Wurzeln ihrer schriftstellerischen Arbeit. Schiffners Erlebnisse und Eindrücke aus dieser Zeit schlagen sich literarisch auch in ihren frühen Gedichten nieder. Lesen Sie hier ihren Beitrag.

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Wilde Feste am Friesenplatz

Sabine Schiffner erinnert sich

Als ich meine Wohnung am Hohenzollernring 60 im Mai 1986 zum ersten Mal betrat, sah ich aus dem Fenster und dachte: Ja, so möchtest du in Köln wohnen: Denn ich konnte von hier aus in der Ferne den Dom sehen! Damals fuhr unten auf den Ringen die Straßenbahn noch oberirdisch. Die Bauarbeiten für die U-Bahn hatten aber schon begonnen und kleine Bäume wurden auf den Ringen gepflanzt. Noch drängten sich aber die Prostituierten im Hauseingang, wenn wir nachts nach Hause kamen, nachdem wir in einer der Bhagwandiscos getanzt hatten, im ›Pink Champagne‹ getrunken und anschließend bei WurstWilly oder im Wienerwald schräg gegenüber gespeist, denn diese beiden hatten bis vier Uhr morgens auf.

Sabine Schiffner in ihrer Wohnung am Hohenzollernring, um 1985 © Sabine Schiffner

Der Friesenplatz war auf unserer, der Neustadtseite, Teil des Rotlichtbezirks und auf der anderen Seite von rotgekleideten Bhagwananhängern besiedelt, die sich an schönen Tagen in Scharen draußen trafen. In unserem Haus, das einen Fahrstuhl hatte, der seit 1945 nicht mehr in Betrieb war, der aber nach einem Jahr zu unserer Freude wieder instandgesetzt wurde, gab es nur fünf Wohnungen. Der Rest des Hauses wurde vom Rexkino eingenommen, weshalb wir, wenn wir unsere Adresse angeben mussten, nur zu sagen brauchten: Wir wohnen über dem Rexkino. Über uns wohnte Frau Gmylkowski, geborene Johannsen, die Kassiererin vom Kino, die immer unten in ihrer Kassiererinnenkasse saß und vor der ich ein wenig Angst hatte, weil sie so schick geschminkt und gestylt war, künstliche Wimpern und Haare trug und so viel redete. Wenn sie manchmal von ihrer Dachterrasse herunterguckte, erkannte ich sie nicht wieder, weil sie zu Hause keine Perücke trug, dann sah sie auf einmal uralt aus. Hinter dem Haus waren lange Flachdächer, die sich bis zum Friesenwall zogen und die zum Kino gehörten. Manchmal stieg Herr B., der Verwalter des Kinos, der immer Scherze machte, wenn er mich sah, Scherze allerdings, die ich nie verstand, aus einer Luke dieses Daches und ging dann auf den Stegen über den Dächern spazieren. Er war sehr klein und trug einen Bart und auch vor ihm hatte ich Respekt. Wenn er aus der Luke kletterte, sah er aus wie Rumpelstilzchen, darüber musste ich dann immer sehr lachen.

Unser Haus, das zu betreten immer auch eine olfaktorische Freude war, weil der Duft des süßen Popcorns beharrlich im ansonsten eher heruntergekommenen Treppenhaus zu riechen war, hielt ich seines Aussehens wegen für ein Nachkriegshaus. Später las ich in einem Buch über Architektur in Köln, das es eines der zwei ältesten Häuser am Neustadtring zwischen Friesenplatz und Rudolfplatz ist und aus den 1880er Jahren stammt. Davon ist aber rein äußerlich nichts mehr zu sehen. In diesem Haus also, das wenig Charme hatte, aber von dem aus man so phantastisch über Kölns Dächer hinweggucken und bis zum Dom sehen konnte, richteten meine Freundin und Mitbewohnerin Berit B. Böhm und ich uns auf 60qm mit Durchgangszimmer und winzigem Bad einen künstlerischen Elfenbeinturm ein, in dem wir literarische und musikalische Salons abhielten und wilde Feste feierten, bei denen manches Mal die Polizei für abschließende Ordnung sorgen musste. Hier trafen sich angehende Schauspieler, Sänger, Komponisten, Philosophen, Filmemacher, sehr viele Künstler und Schriftsteller, Drogenabhängige, Obdachlose, Lebenskünstler und manchmal auch ganz normale Mitstudenten. Hier redeten wir über Gott und die Welt, hängten verrückte Bilder auf, sorgten für gehörig Unordnung, sammelten alles was wir in die Hände bekamen und machten avantgardistische Performances. Hier schrieb und hier las ich meine ersten guten Gedichte. Hier lebte ich zehn Jahre. Als die Bäume vor der Tür schon fast bis zu meinem Fenster im 3. Stock hochgewachsen waren, wurde ich mit meinem Sohn schwanger und zog nach Braunsfeld, von wo aus ich den Dom nicht mehr sehen konnte, aber dafür in einen riesigen verwunschenen Garten blickte.

 – Sabine Schiffner


In den Gedichten schreibschreib und orangenmarmelade, die in den 1980er Jahren entstanden, beschreibt Sabine Schiffner atmosphärisch verdichtet die Zeit am Friesenplatz.