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Zentralbibliothek der Stadtbibliothek Köln

»Die Töchter haben endlich eine Mutter«

Zentralbibliothek Köln © Foto Thomas Boxberger

Eine wesentliche Rolle in der Literaturvermittlung und -förderung kam seit ihrer Gründung 1890 der Kölner Stadtbibliothek zu, sie war und ist bis heute eine zentrale Anlaufstelle für Leser*innen und Autor*innen gleichermaßen. Bis 1979 war Köln jedoch die einzige Großstadt in Westdeutschland, ohne ein zentrales Bibliothekssystem. –

Anlässlich der Eröffnung einer Zweigstelle in der Antwerpener Straße, gab die »Neue-Rhein-Zeitung« am 16. November 1965 eine Äußerung des damaligen Kulturdezernenten Kurt Hackenberg wieder: »Hier sehen wir den seltenen Fall, daß eine Tochter vor der Mutter geboren worden ist.« Mit dieser geistreichen Bemerkung machte Hackenberg auf einen Umstand aufmerksam, der die schwierige Situation des Kölner Büchereiwesens auf den Punkt brachte:

Zwar verfügte die Stadt über ein gut ausgebautes Zweigstellennetz, das mit Hilfe privater Spenden im 19. Jahrhundert aufgebaut werden konnte, dennoch fehlte in der Mitte Kölns eine leistungsfähige, öffentliche, wissenschaftliche Bibliothek für die Kölner Bevölkerung.

Erste Pläne für den Bau einer Zentralbibliothek gab es bereits 1906. Unter den Stadtteilbibliotheken erwies sich die sogenannte »Volksbibliothek 1«, die mitten im Zentrum lag, als besonders erfolgreich. Hier wurden bereits 35% des Ausleihverkehrs des gesamten Bibliothekssystems abgewickelt. »Die Errichtung einer größeren und reicher ausgestatteten Zentrale anstelle der zu eng gewordenen Bibliothek 1« wurde im Verwaltungsbericht der Stadt Köln von 1910 als ein erstrebenswertes Ziel bezeichnet. Durch die enormen Kriegszerstörungen, insbesondere im Zweiten Weltkrieg, lag eine Umsetzung dieser Pläne jedoch in weiter Ferne. Während die Bestände der Universitätsbibliothek zum überwiegenden Teil während der Kriegsjahre ausgelagert werden konnten, hatten die Volksbüchereien der Stadt unter den Kriegshandlungen schwer gelitten. 1945 existierten hier von ehemals 170 000 Bänden nur noch 61 000, von denen wiederum lediglich 3600 zur Verfügung standen, da zunächst nur vor 1933 erschienen Werke zum Leihverkehr zugelassen wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Wiederaufbau des Kölner Büchereiwesens vor allem durch eine großflächige Literaturversorgung des Kölner Stadtraums betrieben. Der erste Direktor nach dem Krieg, Leo Schwering, stand 1945 vor den Trümmern. Keine der vierzehn Büchereien war verschont geblieben; die meisten waren vollständig zerstört. 1945 konnten bereits 4 Büchereien und die Musikbücherei in provisorisch hergerichteten Unterkünften und mit magerem Angebot eröffnet werden. 1946 war auch die Blindenbücherei wieder zugänglich. Die Weichen für den Aufbau der Kölner Büchereien waren gestellt. Bis 1958 wurden sieben weitere Ortsteilbüchereien eröffnet. Die Direktion, die abgetrennt von den Zweigstellen in Bürohäusern untergebracht war, bezog nach mehreren Umzügen 1953 ihr Standquartier im Johannishaus. Dort blieb sie über 25 Jahre. 1959 stimmte der Rat der Stadt dem Entwurf für den Bebauungsplan am Josef-Haubrich-Hof zu. Hier sollten langfristig, neben dem Museum Schnütgen, eine Volkshochschule, die Kunsthalle und die Zentralbibliothek entstehen. Erst zwanzig Jahre später kam es zur Ausführung dieser ambitionierten Vorhaben.

Geplant wurde eine Bibliothek, die den Anforderungen an eine Großstadtbibliothek jener Jahre gerecht wird. Modernste Technik, große Benutzerfreundlichkeit sowie ästhetische und städtebauliche Gesichtspunkte wurden bei der Planung berücksichtigt.

 »Inhalt und Funktion sollen von Außen sichtbar und verständlich sein. Dieser Absicht kommt am besten ein transparentes Haus entgegen, in das man hineinsehen kann und dessen Lebendigkeit und Vielfalt nach außen wirken. Wie eine Vitrine, ein Schaufenster soll die Zentralbibliothek Neugier wecken und den Wunsch einzutreten.«  

Horst-Johannes Tümmers, 1979

Besonderen Wert wurde auch auf die Inneneinrichtung und das visuelle Erscheinungsbild gelegt, das von dem Designer Helmut Schmidt-Rehn konzipiert wurde.  Bauplanung und -ausführung ist das Ergebnis einer engen und konstruktiven Zusammenarbeit von Bibliothekar*innen, Architekt*innen, Designer*innen und bildenden Künstler*innen. Nach vierjähriger Bauzeit wurde Kölns erste Zentralbibliothek am 21. September 1979 feierlich im Forum der VHS am Josef-Haubrich-Hof, an dem neben den Stadthonoratioren auch der Ministerpräsident des Landes NRW Johannes Rau (1931–2006) und Heinrich Böll teilnahmen, eröffnet. Besonders erfreulich war, dass nun auch den Sondersammlungen gebührender Raum zugesprochen wurde. Vier Tiefgeschosse boten hinreichend Platz um die Bestände der Stadtbibliothek und der Archive adäquat zu lagern. Neben dem LiK– und Heinrich-Böll-Archiv konnte sich auch die von Heinrich Böll und Paul Schallück gegründete Spezialbibliothek zum deutschsprachigen Judentum, die »Germania Judaica« räumlich entfalten.

Umtrunk nach der Eröffnung: v.l.n.r.: Horst J. Tümmers, Johannes Rau, Marianne Kühn, Heinrich Böll, Peter Nestler © Foto Stadtbibliothek Köln
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Wohnorte von Heinrich Böll

Maternusstraße

Maternusstraße 32. Wohnhaus der Familie Böll. Aufnahme von 1998 © Viktor Böll

Mit dem Wohnungswechsel vom Ubierring in die Maternusstraße erlebte der jugendliche Heinrich Böll einen weiteren markanten Umbruch in seinem Leben.

»Wir wohnten nach einem weiteren Umzug innerhalb von zwei Jahren in der Maternusstraße 32, hatten uns gegenüber die triste Rückfront der damaligen Maschinenbauschule, waren immerhin nicht sehr weit vom Rhein entfernt, und vom Erkerfenster aus konnten wir das gotisierte dreigiebelige Lagerhaus der »Rhenus« sehen, das ich immer und immer wieder aquarellierte.«

In der Maternusstraße verbrachte Böll die längste und prägendste Zeit seiner Jugend, angefangen von den angenehmen Erinnerungen an den Geruch von Rohkakao aus der Nachbarschaft der Stollwerck-Schokoladenfabrik bis hin zum Erleben des aufkommenden Nationalsozialismus und den Straßenschlachten zwischen kommunistischen und nationalsozialistischen Gruppen in der Südstadt. Heinrich Böll war fünfzehn Jahre alt, als im Januar 1933 die NSDAP die Macht ergriff und er schildert in dem autobiographischen Essay Was soll aus dem Jungen bloß werden seine Schulzeit von 1933 bis zu seinem Abitur 1937. Darin beschreibt er die oppositionelle Haltung der Mutter gegenüber den Nazis, die widerständleriche Auffassung der Geschwister und Begegnungen mit Widerstandskämpfern, die ein illegales Treffen der katholischen Sturmscharführung in der Wohnung abhielten. In dem Text Über mich selbst erinnert Böll sich an diese Zeit in Köln, »wo man Hitler mit Blumentöpfen bewarf, Göring öffentlich verlachte, den blutrünstigen Gecken, der es fertigbrachte, sich innerhalb einer Stunde in drei verschiedenen Uniformen zu präsentieren; ich stand, zusammen mit Tausenden Kölner Schulkindern Spalier, als er in der dritten Uniform, einer weißen, durch die Stadt fuhr; ich ahnte, daß der bürgerliche Unernst der Stadt gegen die neu heraufziehende Mechanik des Unheils nichts ausrichten würde; geboren in Köln, das seines gotischen Domes wegen berühmt ist, es aber mehr seiner romanischen Kirchen wegen sein müßte; das die älteste Judengemeinde Deutschlands beherbergte und sie preisgab; Bürgersinn und Humor richteten gegen das Unheil nichts aus, jener Humor, so berühmt wie der Dom, in seiner offiziellen Erscheinungsform schreckenerregend, auf der Straße manchmal von Größe und Weisheit.«

– Markus Schäfer

Literatur: Böll: Was soll aus dem Jungen, S. 392; Über mich selbst, S. 31.

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Wohnorte von Heinrich Böll

Schillerstraße

Wohnhaus der Familie Böll in der Schillerstraße 99; Bölls Arbeitszimmer: Mansardenfenster rechts © Erbengemeinschaft Heinrich Böll

1946 kehrte die Familie aus dem rechtsrheinischen Dorf Neßhoven im Bergischen Land, wohin zunächst Annemarie und später Heinrich Böll nach den Zerstörungen in Köln evakuiert wurden, nach Köln in die Schillerstraße 99 zurück.

Als Schreiner hatte Heinrich Bölls Bruder Alois durch Instandsetzungsarbeiten im Kölner Stadtteil Bayenthal auf dem Grundstück der Schillerstraße 99 ein Haus gefunden und für den eigenen Bedarf bewohnbar gemacht.

»Wir begannen in einem Trümmerhaus in der Schillerstraße in Köln-Bayenthal – schlichtweg als Hausbesetzer, wurden später zu Instandbesetzern. (Zugegeben: diese Art von Besetzung war seinerzeit legal; auch unsere eigene Wohnung war legal besetzt worden – und futsch.) Interessant wäre nur, einmal festzustellen, wie viele Einwohner Kölns damals als Hausbesetzer begannen. Es gab da einen Stichtag, nach dem, was nicht bewohnt, für Besetzung frei war.«

Das zweigeschossige Einfamilienhaus mit sieben Zimmern und drei Mansarden war durch den Krieg zwar geschädigt, aber nicht völlig zerstört und wurde vom Kölner Wohnungsamt am 15. August 1945 Heinrich Bölls Vater Viktor Böll amtlich zugewiesen. Von den vier auf der ersten Etage gelegenen Zimmern bezogen zwei Annemarie und Heinrich Böll; eine Mansarde diente als Arbeitszimmer. Die übrigen fünf Räume und die noch verbliebenen zwei Mansarden teilten sich Viktor Böll, Mechthild Böll – beide ebenfalls auf der 1. Etage –, Alois und Maria Böll mit ihren 1948 dann sechs Kindern, die Schwester Gertrud, die aus Bonn zurückgekommen war, sowie einige Bekannte der Familie, so dass bis zu 17 Personen in dem Haus wohnten.

Heinrich Böll im Arbeitszimmer in der Schillerstraße, 1952 © Foto Hans Lenz

Die ersten Jahre in der Schillerstraße waren schwierig, denn obwohl Heinrich Böll heute als einer der erfolgreichsten Repräsentanten der Nachkriegsliteratur beschrieben wird, bedrängten ihn ständige Existenznöte. Annemarie Böll sicherte den Lebensunterhalt zunächst durch ihre Anstellung als Lehrerin, später, nach der Geburt der Söhne Raimund (1947), René (1948) und Vincent (1950) arbeitete sie als Übersetzerin. Für Heinrich Böll war diese Phase im Blick auf den Umfang der literarischen Produktion dennoch die intensivste Zeit. In der Liste der Arbeitsplätze werden für die Schillerstraße 99 im Zeitraum »bis 54«, also dem Umzug in die Belvederestraße 35 in Köln-Müngersdorf, 230 Texte notiert – darunter der 1946/47 geschriebene, umfangreiche Roman Kreuz ohne Liebe.

– Markus Schäfer

Literatur: Böll: Hoffentlich kein Heldenlied, S. 79f.

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Wohnorte von Heinrich Böll

Belvederestraße

Wohnhaus der Familie Böll in der Belvederestraße 35 © Erbengemeinschaft Heinrich Böll

Von Juli 1954 bis 1969 wohnten Annemarie und Heinrich Böll, die Kinder Raimund, René, Vincent sowie der Vater Viktor und die Schwester Mechthild Böll in einem neuerrichteten Haus in der Belvederestraße 35 im Stadtteil Müngersdorf.

Erste Pläne für einen Hausbau entstanden bereits im Dezember 1952, da die Wohnverhältnisse in der seit 1946 bewohnten Schillerstraße für die Familie zu beengt geworden waren. Im Sommer 1953 wurde mit dem Bau des neuen Domizils in Köln-Müngersdorf begonnen. Das Gebäude hob sich nicht nur mit dem unverputzten Mauerwerk von den Nachbarhäusern ab, sondern auch durch seine Architektur mit der Verwendung eines Pultdaches. Durch den Hausbau entstand eine angespannte Finanzlage und Böll versuchte das Budget durch Lesungen und Tagungen aufzubessern. Für den Zeitraum vom September 1954 bis zum Dezember 1955 bestritt er mehr als 51 Lesungen. Zwischen den vielen Reisen fand er in dem Haus dennoch nicht die Ruhe für komplexere Arbeiten, etwa die Romanprojekte. Für diese Arbeitsphasen mietete er sich zunächst Wohnungen in der Innenstadt oder in anderen Stadtteilen, etwa in Lövenich. Anfang der 1960er Jahre baute er in seinem Garten eine Holzlaube, vielmehr ein Arbeitszimmer, in das er sich für die Arbeit zurückziehen konnte. In einem Rundfunkbeitrag mit dem Titel Stichwort äußert sich Böll 1964 recht ausführlich zu seiner Müngersdorfer »Örtlichkeit«:

»Der Vorort, in dem wir wohnen, ist immer noch Dorf. Kaum fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, erhält sich die Dörflichkeit aus geographischen Gründen. Jedenfalls im oberen Teil des Dorfes. […] Große Bauernhöfe, die schon lange nicht mehr als solche betrieben werden, alte Bäume, von denen einer – das sind Einzelheiten, wie die Kinder sie aus dem Heimatkundeunterricht mitbrachten –, von denen einer als die zweitgrößte Rotbuche Nordrhein-Westfalens bezeichnet wird: ein wahrhaft majestätischer Baum. Wir sehen ihn vom Fenster aus; er steht ungefähr an der Stelle, von der aus, wie die Dorflegende berichtet, Napoleon, als er hier einmarschierte, auf das ihm zu Füßen liegende Köln geblickt haben soll.«

Heinrich Böll: Stichwort: Örtlichkeit, 1964

1969 zogen Annemarie und Heinrich Böll und die drei Söhne wieder in die Innenstadt in die Nähe des Rheins:

»Fast fünfzehn Jahre lang wohnten wir zu weit von ihm entfernt, war der Rhein nur Ausflugsziel. In seiner permanenten, wer weiß wie alten Vergänglichkeit sagt er nichts, indem er für sich selbst spricht; er ist beruhigender als das Rasenmäherkonzert.«

Heinrich Böll: Hülchrather Straße, 1972

Besonders störend für Böll waren neben dem oft angeprangerten Autolärm, die ruhestörenden Geräusche von Rasenmähern, die für ihn Anlass genug boten, um aus der ländlichen Idylle zurück in die »Großstadtschluchten« zu ziehen: »[…] vielleicht zieht man nur um, um den mißlichen Zwang eines dauernd nach Pflege schreienden Rasens loszuwerden«.

2007 ließ der Bürgerverein Köln-Müngersdorf eine bronzene Gedenktafel anlässlich des 90. Geburtstages des Schriftstellers an der Mauer vor Bölls Haus in der Belvederestraße anbringen.

– Markus Schäfer

Literatur: Böll: Hülchrather Straße, S. 77-78; Stichwort, S. 298.

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Unter Krahnenbäumen

Buchumschlag von Chargesheimer: »Unter Krahnenbäumen«, Köln 1958

Der Kölner Fotograf Chargesheimer (1924-1971) veröffentlichte 1958 den Bildband Unter Krahnenbäumen – Bilder aus einer Straße« mit einem autobiographischen Nachwort von Heinrich Böll. Der Band erzählt in Bildern die Geschichte einer Straße im Ablauf eines Jahres. ›UKB‹, wie die Straße auch genannt wird, gilt als Inbegriff des ›alten Kölns‹. Chargesheimer zeigte mit den Mitteln der Fotografie den Alltag und die Festtage der Menschen, die in dieser Straße lebten. Weit davon entfernt, das Spektakuläre zu sehen, hält er mit seinen Bildern menschliche Schicksale fest, dokumentiert Einsamkeit und Gemeinschaft der Bewohner dieses Viertels. Bölls Nachwort Straßen wie diese fasst mit den Mitteln der Poesie, was Chargesheimer bildkünstlerisch gestaltete:

»Durch Straßen wie diese führte mein Schulweg, sieben Jahre lang; viele tausend Male bin ich durch solche Straßen gegangen, aber nie in sie eingedrungen; erst viel später – in der Erinnerung begriff ich, was Straßen wie diese bedeuten, ich begriff es, wie man plötzlich Träume begreift, wenn ich in fremden Städten stundenlang durch Straßen ging und eine wie diese suchte, aber nicht fand.«

Heinrich Böll: Straßen wie diese (1958)

Der durch Böll und Chargesheimer formulierte Charakter der Straße ging durch den Bau einer Schnellstraße, der sogenannten Nord-Süd-Fahrt, verloren. Die Herkunft des Straßennamens ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Anfang des 19. Jh. hieß die Straße noch »Hinter Cranenbaumen«. Der Cranenboym war ein mittelalterlicher Ausdruck für den Wacholderbaum, auf dem sich gerne Krähen niederließen. Möglich ist auch ein Bezug zu dem in diesem Bereich dokumentierten Gutshof »Zum Kranich«, auch Krahnenhof genannt. Musikalische Denkmäler wurden der Straße u. a. von Willi Ostermann mit seinem kölschen Heimatlied Kinddauf-Fess Unger Krahnebäume (1909) und von der Gruppe BAP errichtet, deren Lied Unger Krahnebäume als melancholischer Abgesang auf das Eigelsteinviertel zu verstehen ist.

– GE

Literatur: Böll: Straßen wie diese, S. 427.

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Wohnorte von Heinrich Böll

Ubierring

Ubierring 27. Bölls Wohnhaus wurde im Krieg zerstört. Aufnahme von 1998 © Viktor Böll

Heinrich Böll erlebte als Elfjähriger im Herbst 1929 die Zwangsveräußerung des Hauses in Raderberg und den Umzug in die Kölner Innenstadt. Für ihn war der Wechsel in die urbane Umgebung mit der Mietwohnung am Ubierring 27 ein Schock. Als 21jähriger schrieb er über das »herrschaftliche Mietshaus«, in dem er sich »beim Schein einer ärmlichen Lampe, im trübsinnigen Schlafzimmer« der Wohnung, »deren Zimmer aneinandergereiht an einem langen Flur lagen« den Büchern widmete und die Literatur als Form der Auseinandersetzung mit der Welt für sich entdeckte:

»Aus dem Fenster gab es nur einen Blick, in einen engen, schachtähnlichen, schmutzigen Hof. Wenn man den Himmel sehen wollte, musste man sich schon weit hinaus recken. Da las ich Dostojewski. Ich warf mittags die Schultasche in eine Ecke und verkroch mich, ob draußen Sonnenschein oder Regen war, in das finstere Zimmer.«

Heinrich Böll: Wenn ich danken müßte (1938).

Bedingt durch die zunehmende schwieriger werdende wirtschaftliche Situation, konnten die Bölls die Miete für die Wohnung nicht mehr aufbringen. 1932 erfolgte ein erneuter Umzug der Familie in die ebenfalls in der Südstadt gelegene Maternusstraße.

– Markus Schäfer

Literatur: Böll: Wenn ich danken müßte, S. 282.

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Wohnorte von Heinrich Böll

Kreuznacher Straße

Wohnhaus der Familie Böll in der Kreuznacher Straße 49 © Erbengemeinschaft Heinrich Böll

Im Juli 1922 bezog die Familie Böll eines von sechs neuerrichteten Wohnhäusern in der Siedlung »Am Rosengarten« im Stadtteil Raderberg. Das Haus wurde von einer Baugenossenschaft errichtet, zu der sich einige Familienmitglieder zusammengeschlossen hatten. Ihr Vorsitzender Theodor Böll war wie der Architekt Aloys Böll ein Onkel Heinrich Bölls. Alle anfallenden Schreinerarbeiten wurden von seinem Vater Viktor übernommen.

Heinrich Böll verbrachte in Raderberg zunächst die wohl unbeschwertesten Jahre seiner Kindheit und ersten Schulzeit. Als Klaus Wagenbach 1965 Böll dazu aufforderte, einen besonderen Ort zu porträtieren, wählte er Raderberg und widmete vor allem dem angrenzenden Vorgebirgspark eine ausführliche Beschreibung.

»Acht Jahre lang wohnten wir in dieser Straße, die von zwei ›Lagern‹ bestimmt war, dem bürgerlichen und dem sozialistischen (das waren damals noch wirkliche Gegensätze!), oder von den ›Roten‹ und den ›besseren Leuten‹. Ich habe nie, bis heute nicht begriffen, was an den besseren Leuten besser gewesen wäre oder hätte sein können.«

Heinrich Böll: Raderberg, Raderthal (1965)

Bölls sorglose Kindheit wurde jäh beendet, als in Folge der Weltwirtschaftskrise 1929 die »Rheinische Kredit-Anstalt«, für die Viktor Böll als Bürge gezeichnet hatte, liquidiert wurde. Durch die 1930 abgerufenen Bürgschaften geriet die Familie in massive wirtschaftliche Bedrängnis, sodass letztlich das Haus in der Kreuznacher Straße veräußert werden musste. »Es war ein düsteres Jahr. Totaler finanzieller Zusammenbruch, nicht gerade eine klassische ›Pleite‹, nur ein ›Vergleichsverfahren‹, ein Vorgang, den ich nicht durchschaute, es klang jedenfalls vornehmer als ›Bankerott‹, hing mit dem Zusammenbruch einer Handwerkerbank zusammen, deren Direktor dann auch, wenn ich mich recht entsinne, hinter Gitter kam. Mißbrauchtes Vertrauen, verfallene Bürgschaften, unseriöse Spekulationen. Unser Haus im Grünen mußte verkauft werden, und es blieb kein Pfennig von der Kaufsumme übrig.«

– Markus Schäfer

Literatur: Böll: Raderberg; Böll: Husten

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Wohnort von Anne Dorn

Weißenburgstraße

Anne Dorn kam 1969 nach der Trennung von ihrem zweiten Ehemann mit vier Kindern von Kleve nach Köln. Zuerst wohnte sie am Fröbelplatz 9. Ins Agnesviertel, Weißenburgstraße 19, zog die Familie dann 1972. Dorn wohnte hier bis zu ihrem Tod im Jahr 2017. Ihre erste Erzählung Die Familie erschien 1967 in der von Dieter Wellershoff herausgegebenen Anthologie Wochenende. Sechs Autoren variieren ein Thema. Die Anfänge in Köln waren für die angehende Autorin und alleinerziehende Mutter nicht einfach.

Als ich nach Köln kam, hatte ich hier weder Freunde noch Bekannte. Auch meine Arbeit als ›freie‹ Schriftstellerin bedeutete eher, daß ich vogelfrei und allein war, als daß ich ein ›freies Leben‹ hätte führen können.

Anne Dorn

Dorn schlug sich mit Jobs beim Hörfunk durch, verfasste gesellschaftskritische Features, es entstanden die ersten Autorenfilme für den WDR, in denen sie auch Regie führte. Dorn eroberte sich die Stadt, knüpft Kontakte und versucht heimisch zu werden. »Zunächst habe ich das getan, was nur ein Fremder in Köln tut, ich habe mir Köln angeschaut.« Auch wenn Köln nie ihre sächsische Heimat ersetzen konnte, so fand sie am Rhein doch ein neues Zuhause. Sie war befreundet mit Heinrich Böll, der sie auch finanziell unterstützte, mit Dorothee Sölle und Lew Kopelew.
In Dorns Gedichten und Prosatexten finden sich immer wieder Bezüge zu ihrer Wohnung in der Weißenburgstraße und zum Agnesviertel. Der Autorenfilm Eines Tages brachte ich meinen Sohn zum reden wurde 1973 teilweise ihrer Wohnung gedreht. 1974 erschien Gedanken zur Grosstadt, ein kurzer stimmungsvoller Text über Köln, ferner schrieb sie über die Romanischen Kirchen St. Gereon und St. Andreas.

– GE

Literatur: Dorn: Autobiographischer Text

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Wohnort von Vilma Sturm

Merlostraße

Vilma Sturm in ihrem Arbeitszimmer in der Merlostraße © LiK-Archiv

Vilma Sturm beschrieb in dem Erinnerungsband Barfuß auf Asphalt ihren Wohnortwechsel von Königsstein i. T. nach Köln. 1954 erhielt sie eine Anfrage von Pater Rainulf Schmücker, Chefredakteur und Leiter des 1953 in Köln gegründeten »Katholischen Rundfunk-Instituts« (ab 1973 »Katholisches Institut für Medieninformation«). Er bat sie um Mitarbeit an der Redaktion der »FUNK-Korrespondenz«, ferner bot er ihr die Möglichkeit, Hörspiele und Features mit religiösen Inhalten und Morgenandachten für den Kirchenfunk zu schreiben. Rückblickend schrieb Sturm, dass die Hörspiele Gelegenheitsarbeiten waren, »Lückenbüßer, vielfach dramatisierte religiöse Erzählungen und Romane, nicht der Rede wert. Eher die Morgenandachten; sie brachten mir so viel Hörerpost ein, wie ich sie auch nach den erfolgreichsten Zeitungsbeiträgen nicht bekommen habe. Ich hatte keinen Augenblick die Vorstellung gehabt, die Arbeit im Institut würde mir angenehm sein. Sie bedeutete: in der Stadt wohnen, täglichen Dienst im Büro, Beschäftigung mit einem Stoff, der mich kaum interessierte, der mir fremd war, gegen den ich Widerstand spürte. Aber die Aussicht auf ein normales, festes, mich aller Existenzsorgen enthebendes Gehalt war verführerisch.«
Schmücker besorgte ihr nicht nur eine Stelle, die den Lebensunterhalt der alleinerziehenden Mutter einer Tochter sicherte, sondern auch noch eine Wohnung im Agnesviertel, Merlostraße 22, in der Sturm dann 30 Jahre lang lebte.

Diese so bescheidene Wohnung in Köln, zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad, ohne Garten, ohne Balkon, mit Ofenheizung, erfüllte langgehegte Wünsche. Nach zehn Jahren wieder ein Badezimmer! Ich badete unablässig, unablässig durchmaß ich die Räume und konnte es nicht fassen, daß ich darüber die Herrin sein sollte. Mächtige Lindenbäume standen vor dem Fenster und schickten grünes Licht in das Wohnzimmer. Heute sind ihre Reihen gelichtet, früh werfen sie ihr Laub ab, stehen im September schon kahl, krank, leidend, ihre Todesstunde ist nahe. . .
Die Wohnung wurde mit dem Vorhandenen eingerichtet, das Schlafzimmer mit diesen kastenartigen Möbeln aus Rüsterholz, die jetzt niemand mehr leiden mag; der Wohnraum mit den alten Bücherregalen aus dem Elternhaus, Couch, Sesselchen und Nierentisch. Nur wenig habe ich im Lauf der nächsten fünfundzwanzig Jähre dazugekauft, nur weniges ausgewechselt – zuerst natürlich den Nierentisch -, einige alte Stücke geerbt. Es ist peinlich alles vermieden, was aufs Prächtige hinzielen könnte. Wertvoll sind, außer der Truhe, dem Glasschrank und dem Hausaltar, nur die Bilder: die expressionistische Graphik, die ich vom Vater bekam, ein schönes Blatt von Otto Mueller, außerdem Heckel, Kirchner, Schmitt-Rottluff und Nauen, dazu ein Grieshaber, den Heinrich Böll mir zum Geschenk machte. Die Wohnung hatte von Anfang an etwas Karges und Strenges – ich hatte leere Wände gern.

Vilma Sturm, Barfuß auf Asphalt

Vilma Sturm bereute den Umzug nach Köln in keiner Weise, im Gegenteil, hier bekam sie Kontakt zu verschiedenen politischen Gruppierungen und stellte sich, nach eigenem Bekunden, den Herausforderungen der Zeit: Sie schrieb und demonstrierte gegen den Vietnamkrieg, setzte sich für Fürsorgezöglinge, Obdachlose und Haftentlassene ein und gehörte zu den Mitbegründern des »Politischen Nachtgebets«. Wichtig waren für Sturm vor allem die persönlichen Begegnungen und die daraus entstandenen Freundschaften mit politischen Weggefährten, zu denen u.a. Dorothee Sölle und Heinrich Böll zählten.

– GE

Literatur: Sturm: Barfuß

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Wohnorte von Heinrich Böll

Kleingedankstraße

Kleingedankstraße, historische Aufnahme © Foto Erbengemeinschaft Heinrich Böll

In der Kleingedankstraße 20 lag die erste gemeinsame Wohnung von Annemarie und Heinrich Böll, die sie nach ihrer Trauung am 6.3.1942 bezogen. Beim ersten Luftangriff auf Köln, in der »Nacht der Tausend Bomber« am 30.5.1942 durch die brit. Royal Air Force, wurde auch die Wohnstätte der Bölls zerstört. Heinrich Böll, der als Soldat in Frankreich stationiert war, erhielt daraufhin vom 19.6.1942 bis zum 21.6.1942 »Sonderurlaub für Bombengeschädigte«. Annemarie Böll zog für kurze Zeit zu Bölls Eltern in die Wohnung am Karolingerring 17.

Die Wohnung in der Kleingedankstraße, die Heinrich Böll nach eigener Aussage wegen seines Militäreinsatzes nie bewohnte, lag direkt am Volksgarten in einer Wohngegend, die bereits um 1900 sehr beliebt war. Hohe Räume mit Stuckdecken waren kennzeichnend für die Gründerzeithäuser in diesem Wohngebiet. Böll erwähnte zwar das schöne Mobiliar über das die Wohnung verfügte, der wichtigste Einrichtungsgegenstand war für ihn jedoch ein Telefon, das ihm den Kontakt zu seiner Frau ermöglichte: »Ich habe also nie in der Wohnung gewohnt, aber oft dort angerufen, um wenigstens die Stimme zu hören, über verbotene Leitungen, die ich durch Überredung oder Bestechung öffnete«. Ein Telegramm von seiner Frau informierte ihn über die Zerstörung der Wohnung durch eine Brandbombe, Annemarie Böll blieb glücklicherweise unverletzt. –

In einer biographischen Notiz von 1956 erwähnte Böll, dass bei dem Bombenangriff im Mai 1942 seine Manuskripte, Gedichte, Erzählungen und ein Roman, verbrannten, »und das ist der einzige Verlust, den ich nicht bedaure«. Wie viele und welche Manuskripte Bölls bei der Zerstörung der Wohnung vernichtet wurden, lässt sich nicht eruieren.

– GE

Literatur: Böll: An einen Bischof …; Böll: Biographische Notiz