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Irmgard Keuns Heimathafen – Eupener Straße 19

Ein Gastbeitrag von Michael Bienert
Irmgard Keun, Eupener Straße 19, 1955 © Foto: Peter Fischer / Historisches Archiv Stadt Köln, Best. 1401, Fo 42I, Bd. 1

»Es war grauenhaft, wie wir hier gehaust haben – es wurde immer schlimmer. Es regnete nicht, es goss durch die Decke in den armseligen Küchenraum. Möbel, Herd und Matratzen wurden eines Morgens mit Gewalt fortgeholt usw. Die Eltern schlafen augenblicklich in einem Zimmer in der Nähe. Ich schlafe in der Küche auf einem Notbett wie ein Fakir auf den nackten Sprungfedern, ohne Keile. Aber! Über Küche und Gartenzimmer ist eine Asphaltdecke gezogen worden und die Küche ist jetzt warm und trocken«, schreibt Irmgard Keun am 3. April 1946 aus ihrem kriegsbeschädigten Elternhaus in der Eupener Straße 19 an ihre Freundin Annemarie Schäfer. Sie hatte zwölf Jahre Diktatur und den Zweiten Weltkrieg überlebt. Ihr Bruder war im Feldzug gegen die Sowjetunion umgekommen, aber die Eltern waren noch da. Nun ging es darum, sich buchstäblich auf Trümmern ein neues Zuhause und eine neue Existenz aufzubauen. Ein eigenes Zimmer war da schon fast ein Luxus: »Ich habe oben ein Zimmer – früheres Arbeitszimmer von meinem Vater. Es kommt mir vor wie ein Märchen, dass aus diesen Trümmern ein Zimmer entstehen konnte – frage mich nicht, was es mich gekostet hat. In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht so viel Energie aufgebracht wie für dieses Zimmer. Glasfenster und Tür sind schon drin. Morgen werden Wände, Decke und Fussboden gestrichen.«

Einige Wochen später, am 30. Mai 1946, war Irmgard Keun zum ersten Mal im Kölner Studio des ›Nordwestdeutschen Rundfunks‹ eingeladen, um über ihre Zeit in der Emigration zu sprechen. Im selben Jahr druckte die Neue Berliner Illustrierte in der Sowjetzone ihren Roman Nach Mitternacht aus der Exilzeit nach. Die in der NS-Zeit verbotene und tot geglaubte Autorin war wieder da! Vor allem der Rundfunk verhalf ihr in den Westzonen zu neuer Popularität. Der Redakteur Lutz Kuessner, Leiter der Abteilung Varieté und Kabarett beim ›Nordwestdeutschen Rundfunk‹, suchte Keun in ihrer Ruine auf, weil er dringend eine Mitarbeiterin suchte, die nicht Mitglied der Nazipartei gewesen war. Küssner überredete Keun, Sketche für die Sendung Kabarett der Zeit zu schreiben. Auch bekam sie die Möglichkeit, ältere und neuere Texte selbst im Rundfunk zu lesen. Ihre zeitkritischen Glossen flossen in einen neuen Gegenwartsroman über den Kölner Alltag der ersten Nachkriegsjahre ein. Ferdinand, der Mann mit dem goldenen Herzen erschien allerdings erst nach der Währungsreform und Gründung der Bundesrepublik, ein Grund für seinen mäßigen Erfolg: Im Deutschland Adenauers und der Wirtschaftswunders mochten nur noch wenige an die Schiebereien der Trümmerjahre und Kontinuitäten zur Nazizeit erinnert werden.

Eupener Straße 19 © Foto: Michael Bienert, 2022

Das wiederaufgebaute Trümmerhaus in der Eupener Straße 19, Keuns Lebensmittelpunkt und Schreibort bis in die 1960er-Jahre, steht noch. Die Fassade ist aber bis zur Unkenntlichkeit modernisiert. Trotzdem verrät ein Spaziergang durch die Straße einiges über das Milieu, dem die Autorin entstammte. Das Elternhaus wird ursprünglich ähnlich ausgesehen haben wie die Reihenhäuser auf der anderen Straßenseite: Kleine zweistöckige Villen mit Vorgarten für wohlhabende, aber nicht schwerreiche Leute. Irmgard Keuns Vater war Geschäftsführer und Teilhaber der Cölner Benzin-Raffinerie (CBR). Das Fabrikgelände befindet sich heute noch an der Eupener Straße 144 (in dem eingangs zitierten Schreiben von 1946 als Postadresse Keuns angegeben). Der Lebensweg der Autorin war mit diesem Unternehmen eng verknüpft. Ohne die Raffinerie wäre sie nie eine bekannte Kölner Autorin geworden.

Cölner Benzin Raffinerie, Eupener Straße 144 © Foto: Michael Bienert, 2022

Denn tatsächlich war Irmgard Keun gebürtige Berlinerin, genauer: Charlottenburgerin, zur Welt gekommen in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms. 1905, in ihrem Geburtsjahr, war Charlottenburg noch eine selbständige und schwerreiche Gemeinde im Westen der Hauptstadt Berlin. Ihr Geburtshaus in der Meinekestraße 6 ist erhalten und mit einer Gedenktafel versehen. Auch die ehemalige Mädchenschule, in der sie eingeschult wurde, existiert noch. 1913 zog die Familie Keun nach Köln um, weil der Vater die Benzinraffinerie dort in Schwung bringen sollte. Seit 1920/21 lebte die Familie unweit der Fabrik in der Eupener Straße 19. Um diese Zeit beendete Irmgard Keun ihre Schullaufbahn mit der zehnten Klasse des Mädchen-Lyzeums Teschner in Köln. Erlebnisse in ihrer Schulzeit und während des Ersten Weltkriegs in Köln finden sich in ihrem Buch Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften wieder, das 1936 in einem Exilverlag erschien und zu ihren meistgelesenen zählt.

Nach der Schulzeit lernte Irmgard Keun Hauswirtschaft, Stenotypie, Schreibmaschine und Fremdsprachen, arbeitete als Stenotypistin für die ›Westdeutsche Gardinen Aktien-Gesellschaft‹ im Schwerthof und im väterlichen Betrieb. Als es der Firma nach dem Ende der Inflation besser ging, ermöglichten ihr die Eltern in der Mitte der 1920er-Jahre den Besuch der Kölner Schauspielschule, die dem Stadttheater angeschlossen war. Hier begegnete sie erstmals ihrem späteren Ehemann, dem 23 Jahre älteren Regisseur Johannes Tralow. Von 1927 bis 1929 war Keun als Schauspielerin in Hamburg und Greifswald engagiert, ohne durchschlagenden Erfolg. Danach kehrte sie nach Köln in ihr Elternhaus in der Eupener Straße zurück und entdeckte in den Jahren der Weltwirtschaftskrise das Schreiben als ihre eigentliche Berufung.

Anzeige im Vorwärts vom 18. Dezember 1932, Archiv Michael Bienert

Mit dem Manuskript ihres ersten Romans Gilgi – eine von uns, der in Köln spielt, ging Irmgard Keun 1931 nach Berlin, fand dort den richtigen Verlag und wurde schlagartig ein Star des Literaturbetriebs. Das Buch wurde 1932 verfilmt, im selben Jahr erschien Keuns zweiter Roman Das kunstseidene Mädchen. Wie in Gilgi ist die Hauptfigur Doris eine ausgebildete Stenotypistin, die nach einem glanzvolleren Leben strebt. Doris ergattert ein Engagement am Kölner Stadttheater und flieht von dort mit einem gestohlenen Pelz nach Berlin. Beide Romane wurden nach der Machtergreifung der  Nationalsozialisten im Jahr 1933 verboten, konfisziert und vernichtet. Die Aufnahme in den Reichsverband Deutscher Schriftsteller und die Reichsschrifttumskammer blieb der Autorin verwehrt, damit hatte sie faktisch Berufsverbot. Im Oktober 1933 verließ sie Berlin und lebte danach wieder überwiegend in Köln bei ihren Eltern.

Irmgard Keun publizierte weiterhin ohne Genehmigung in Zeitungen und Zeitschriften des Dritten Reiches und wurde deswegen 1935 von der Reichsschrifttumskammer mit einer Geldstrafe belegt. Redakteure der Frankfurter Zeitung bemühten sich um Keuns Aufnahme in die Kammer, als dies endgültig scheiterte, reiste Keun am 4. Mai 1936 aus Köln ins Exil nach Ostende ab. Ein Exilverlag in Amsterdam garantierte ihr Vorschüsse, auch die Eltern unterstützten sie bei ihrer Emigration. Im Ausland veröffentlichte sie 1937 ihren Roman Nach Mitternacht, in dem sie hellsichtig die Transformation der deutschen Gesellschaft unter der NS-Diktatur beschrieb. Auch in diesem Buch ist Köln einer der Schauplätze. Die Eltern fingen die Tochter wieder auf, als sie 1940 heimlich nach Deutschland zurückkehrte. Zuvor hatten Zeitungen im In- und Ausland gemeldet, sie habe in Amsterdam Selbstmord begangen, wo Keun nach dem Überfall der Deutschen Wehrmacht festsaß.

Das Elternhaus in der Eupener Straße 19 war für Irmgard Keun ein Heimathafen, der ihr immer offenstand, wenn ihre Bemühungen, sich eine unabhängige Existenz aufzubauen, scheiterten. Mindestens einmal erlebte sie dort einen schweren Bombenangriff auf Köln. Im Jahr 1943 wurde das Haus schwer beschädigt. Mit ihren Eltern kam Keun bis Kriegsende in Bad Hönnigen im Hotel Gülden unter, außerdem hatte sie ein Zimmer in Bad Godesberg. 1946 begann sie damit, die Ruine in Braunsfeld wieder bewohnbar zu machen.

Seit 1951 lebte als Keun alleinerziehende Mutter, unterstützt von den Eltern und Freunden wie dem Ehepaar Böll, in der Eupener Straße 19. Wer der Vater ihrer Tochter Martina war, blieb ihr Geheimnis. Sie hatte etliche Affären, wollte aber nicht von einem Mann abhängig sein. Nach dem Tod beider Elternteile verlor sie völlig die Kontrolle über ihr Leben. Seit den 1930er-Jahren war Keun Alkoholikerin. Sie besaß eine anziehende Persönlichkeit, doch ihr Suchtverhalten war für wohlmeinende Freunde und Kollegen auf Dauer kaum zu ertragen. Auch mit Geld konnte sie nicht umgehen. So rutschte sie immer tiefer in Isolation und Schulden hinein. 1966 wurde das Haus in der Eupener Straße zwangsversteigert. Bis 1972 lebte Irmgard Keun als Psychiatriepatientin im Landeskrankenhaus Bonn, weil es niemanden sonst gab, der sie hätte aufnehmen können oder wollen. In dieser Zeit wurde sie von einer jüngeren Generation als bedeutende Autorin der Weimarer Republik und des Exils wiederentdeckt. Irmgard Keun durfte die Klinik verlassen und zu einer Freundin ziehen, ab 1975 lebte sie in einer eigenen kleinen Wohnung in der Breiten Straße 115 in Bonn. Dort hängt mittlerweile eine Gedenktafel, anders als an ihrer letzten Adresse in Köln. Von 1977 bis zu ihrem Tod 1982 lebte sie im Haus Baden, Trajanstraße 10, ein paar Schritte entfernt vom alten Universitätsgebäude in der Claudiusstraße 1. Davor ist Irmgards Keuns Name in eine Gehwegplatte gemeißelt, neben den Namen anderer Autorinnen und Autoren, deren Bücher am 17. Mai 1933 an dieser Stelle verbrannt wurden.

– © Michael Bienert, 2022

Literatur
  • Irmgard Keun: Man lebt von einem Tag zum andern. Briefe 1935-1948. Hg. v. Michael Bienert. Berlin 2021, S. 112f.
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Loppa vom Spiegel –Buchkünstlerin und Nonne

Skizzenbuch des Justus. Vinckeboons, Seite 62: Sankt Klara und Römerturm, um 1670. Kölnisches Stadtmuseum, Graphische Sammlung, Köln © Foto: Rheinisches Bildarchiv, rba_d036942_04

Ein Hotspot der mittelalterlichen Buchkunst in Köln war das Klarissenkloster St. Klara – und Loppa vom Spiegel war sein hellster Stern. Jedenfalls ist sie die prominenteste Buchkünstlerin des Skriptoriums, das im 14. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte.

Das Klarissenkloster zählte um 1350 zu den elf Frauenklöstern der Stadt. Es befand sich auf dem Areal, das heute von den Straßen Zeughausstraße und Auf dem Berlich umfasst und von der Straße Am Römerturm durchschnitten wird. Das Kloster war eine Stiftung von Richardis von Geldern und ihren Söhnen aus dem Jahre 1297 und wurde 1306 geweiht. Rund 500 Jahre später, nämlich im Jahre 1802, wurden Kloster und Kirche im Rahmen der Säkularisation aufgelöst und nach und nach abgerissen. Der gotische Klarenaltar mit eingebautem Tabernakel, ein Prunkstück der einstigen Klosterkirche, befindet sich seit 1809 im Kölner Dom. Weitere Schätze konnten für die Kölner Museen gesichert werden. Im ehemaligen Gewölbe des Klosters befindet sich der Sancta Clara Keller, in dem zuweilen Veranstaltungen stattfinden. Dass der einstige Eckturm der römischen Stadtmauer gut erhalten ist, wird auf einer Gedenktafel dem Kloster zugeschrieben, das ihn als Abort nutzte.

Sancta Clara Keller, Köln, Am Römerturm 3 © Kaspar Kraemer, Foto: Stefan Schilling

Die exakten Lebensdaten der Loppa vom Spiegel (Loppa de Speculo) sind nicht überliefert. Sie wurde vermutlich zu Beginn des 14. Jahrhunderts in eine Kölner Patrizierfamilie geboren. Loppas Vater war demnach Heinrich van me Spegel, der dem Kölner Rat angehörte und auch als Bürgermeister tätig war. Das Klarissenkloster, dem sie sich anschloss, nahm zumal Frauen aus begüterten Häusern auf. Der Orden, der vom heiligen Franziskus und der heiligen Klara gegründet worden war, verlangte getreu dem Vorbild der Franziskaner ein frommes Leben in Klausur und Armut.  

Im Skriptorium der Klarissen wurde nicht nur für den Klostergebrauch zu Werke gegangen. Der Ruf der Schreibstube war derart gut, dass diese Auftragsarbeiten übernehmen konnte. Damit sorgten die Klarissen nicht nur für geistliche Literatur über die eigenen Klostermauern hinweg, sondern besserten auch ihre Finanzlage auf. Zu diesen bestellten Werken zählt ein Messbuch für den Kölner Domdechanten Konrad von Rennenberg und ein Graduale, ein Buch mit Messgesängen, für die Dominikanerinnen von St. Gertrud.

Der Nachweis fällt generell nicht leicht, welche mittelalterliche Handschrift von wem geschaffen wurde. War es eine Person oder war es eine arbeitsteilige Kooperation, waren es Mönche oder waren es Nonnen? Wer also zog die Linien übers Pergament und markierte solcherart den Zeilenabstand, wer schrieb die Buchstaben, wer setzte die Noten, wer entwarf die Fabeltiere, Jagdszenen, Musikanten, wer illuminierte die Initialen und das elegant ausschwingende Blattwerk?

Graduale-Seite mit Loppas Hinweis, den Text geschrieben und die Noten gesetzt zu haben © Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, Graphische Sammlung, Inv. M 23, Foto Stanislaw Rusch

Im Falle der Loppa vom Spiegel kommt uns die Nonne selbst zu Hilfe. In einem Antiphonar, das die Gesänge für die Stundengebete festhält, steht am Fuße einer Seite in Rot geschrieben, dass sie praktisch alle anstehenden Aufgaben von der Linierung bis zur Illumination übernommen habe. So geschehen »Anno domini MCCCL, maxima pestilentia videlicet existente« – also im Jahre 1350, als in Europa und auch in Köln die Pest aufs Schlimmste wütete.  Eine weitere Angabe in eigener Sache steht in einem Graduale, von dem nur 15 Einzelblätter überliefert sind. Dort hält Loppa vom Spiegel fest, dass sie den Text geschrieben und die Noten gesetzt habe. Von der Ausmalung ist hier also nicht die Rede. Aber vielleicht war die Nonne auch nur zu bescheiden.

Zudem gibt es indirekte Hinweise. Dazu zählen die scheinbar beiläufig platzierten Zeichen der jeweiligen Künstlerin im Skriptorium. So verwendete Loppa – allerdings nicht nur sie – eine kleine rot-weiße Scheibe mit Kreis und Punkten (ja, in den Kölner Hansefarben Rot und Weiß). Überdies erkennt das geschulte Forscherauge aller Standardisierung zum Trotz die individuelle Handschrift. Karen Straub, auf deren Katalog-Beitrag anlässlich der Ausstellung Von Frauenhand – Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen im Museum Schnütgen wir uns hier vor allem stützen, sagt über Loppa vom Spiegel: »Ihr Schriftbild ist sehr gleichmäßig und ausgewogen, die Buchstaben dabei leicht nach links geneigt. Kennzeichnend sind zudem etwa feine, schräge Striche über dem i und das Auslaufen der Buchstaben in nach rechts aufsteigenden zarten Strichen, sogenannten Haarstrichen.«

Schließlich ragt Loppas Buchmalerei heraus. Die Darstellungen sind für die Betrachtenden noch heute ein Quell der Freude. Einerseits ist da die sorgfältige Darstellung biblischer Themen innerhalb der Initialen. Andererseits kommen Humor und Fantasie im Rankenwerk und in den Drolerien zum Ausdruck, woraus sich ein schöner Kontrast zum Ernst der religiösen Texte ergibt. Nicht zuletzt fallen die zahlreichen Nonnenfiguren auf, die am linken Blattrand knien. Sie sind nach Auffassung von Joachim M. Plotzek ein weiteres »Erkennungszeichen« des Skriptoriums der Klarissen, in dem Loppa vom Spiegel so nachhaltig gewirkt hat.  

– © Martin Oehlen, 2022

Martin Oehlen

geb. 1955 in Kaldenkirchen, kam 1980 nach seinem Studium zum Kölner Stadt-Anzeiger. 1989 wurde er stellvertretender Leiter der Kulturredaktion; gemeinsam mit Reiner Hartmann übernahm Oehlen 1994 die Leitung des Ressorts Kultur; ab 2001 war er alleiniger Ressortleiter. Besonders verdienstvoll war sein Engagement für die Aktionen »Kultursonntag«, »Ein Buch für die Stadt« und für das monatliche »Büchermagazin« des Kölner Stadt-Anzeiger. Als Autor und Rezensent arbeitet er auch nach seiner Pensionierung (2019) für den Kölner Stadt-Anzeiger; gemeinsam mit Petra Pluwatsch betreibt Oehlen den Literaturblog Bücheratlas.

Literatur
  • Harald Horst u. Karen Straub (Hg): Von Frauenhand. Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen. Katalog zur Ausstellung im Museum Schnütgen, Köln, in Kooperation mit der Erzbischöflichen Diozesan- und Dombibliothek Köln. München 2022.
  • Wolfgang Herborn u. Carl Dietmar: Geschichte der Stadt Köln. Bd. 4. Köln im Spätmittelalter. Köln 2019.
  • Joachim M. Plotzek, Katharina Winnekese u.a.: Glaube und Wissen im Mittelalter Die Kölner Dombibliothek. München 1998.
  • Renate Mattick hat mehrere Aufsätze zu den Kölner Klarissen verfasst, unter anderem nachzulesen in den Wallraf-Richartz-Jahrbüchern und in den Veröffentlichungen der Johannes-Duns-Skotus-Akademie.
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Wohnorte von Heinrich Böll

Neuenhöfer Allee

Neuenhöfer Allee 38, zeitgenössische Aufnahme, das Haus wurde im Krieg zerstört © Foto LiK-Archiv, Köln
Heinrich und Annemarie Böll in ihrer Wohnung in der Neuenhöfer Allee 38, 1942 © Foto Erbengemeinschaft Heinrich Böll

Am 6. März 1942 wurden Annemarie Čech und Heinrich Böll im Rathaus der Stadt Köln standesamtlich getraut. Heinrich Böll war zu diesem Zeitpunkt noch in seiner Heimatstadt stationiert. Seine Verlegung an die französische Kanalküste erfolgte wenige Wochen später, am 7. Mai 1942. So erlebte Annemarie Böll allein die Zerstörung der ersten gemeinsamen Wohnung in der Kleingedankstraße 20 infolge des sogenannten ›1000 Bomber-Angriffs‹ auf Köln am 30./31. Mai 1942. In einem Telegramm schrieb Annemarie Böll an ihren Mann: »Unsere Wohnung total vernichtet; keine Verletzten; erbitte sofort Urlaub.« Dieser »Sonderurlaub für Bombengeschädigte« wurde gewährt und Heinrich Böll konnte im Juni die in der Neuenhöfer Allee 38 in Köln-Sülz gelegene Wohnung ebenfalls beziehen.

»Mir schien eine Woche Urlaub ein unermeßliches Honorar für eine Wohnung, in der keiner verletzt worden war, den Tausch ging ich gerne ein, denn EINE WOCHE IST EINE WOCHE, zu Kriegszeiten also eine Ewigkeit. In unsere zweite Wohnung bekamen wir kein Telefon mehr genehmigt; ich glaube, wir hatten sie drei Jahre ›inne‹, und es mag sein, dass ich eineinhalb bis zwei dutzendmal dort geschlafen habe. Nach einigen Versuchen, dort so etwas wie Wohnung zu finden, mieden wir sie; jedesmal, wenn wir uns dort trafen, war ein besonders schwerer Bombenangriff fällig.«

Wie von Böll im Rückblick des Jahres 1966 angedeutet, wurde auch diese im Erdgeschoß des Hauses gelegene Wohnung infolge eines Luftangriffs am 26. Februar 1943 beschädigt. Zwar konnte die Wohnung nach Instandsetzungsarbeiten zunächst weiterhin bewohnt werden, wurde infolge des Luftangriffs am 21. April 1944 jedoch letztlich ebenfalls unbewohnbar.
In seinem 1985 publizierten »Brief an meine Söhne« beschreibt Böll, wie er im Februar 1945 mit dem Fahrrad von Much aus nach Köln fuhr, um in der zerstörten Wohnung in der Neuenhöfer Allee dort noch verbliebenen Schmuck und sowie Teile des Familiensilbers zu retten.

© – Markus Schäfer, 2022

Markus Schäfer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Literatur

Siehe: Böll: An einen Bischof …, S. 260f.

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Rolf Persch – Der dichtende Dandy

Ein Gastbeitrag von Sabine Schiffner

Rolf Persch ist ein Vagabund gewesen, ein ruheloser Wanderer, ein Mensch, der lange Zeit keinen festen Raum brauchte. Aber es gab Räume in Köln, die für ihn wichtig waren, Räume, die auch mit seinem Schreiben zu tun hatten. Einige dieser Räume sind in der Kölner Südstadt. Ein ganz besonderer Raum war für ihn das Ladenlokal »235«, das sich auf der Bonner Str. 60 befand. Dorthin geführt hatte ihn Anfang der 80er Jahre der Geldmangel. Immer wenn er Geld brauchte, suchte er sich Jobs, gerne vermittelt von Freunden aus seinem Dunstkreis, in denen sich der Künstler und Philosoph, der scharfzüngige Beobachter und Sprachkünstler mit dem phänomenalen Gedächtnis bewegte. Von München aus, wo er eine Ausbildung bei einer Schauspiellehrerin begonnen und bald wieder abgebrochen hatte, um sich dem Schreiben zu widmen, ging er Anfang der 80er Jahre zurück nach Köln, wo er in der Südstadt in dem neu eröffneten Laden »235« auf der Bonner Straße 60 eine Anstellung als Verkäufer fand. Dort gab es Avantgardekleidung und Zeitungen wie die damals sehr trendige »Interview« genauso wie die ersten Tattooshows.

Schaufenster des Ladenlokals in der Bonner Straße 60 © Sabine Schiffner

Gleichzeitig leierten die Besitzer des Ladens, Ulrich Leistner und Axel Wirths, erste Medienprojekte an, verkauften Videos von Künstlern und Minieditionen zusammen mit Bootlegs. Bis heute existiert die Medienproduktionsfirma »235« unter diesem Namen, aber jetzt in anderen Räumlichkeiten. Das Schaufenster wurde damals jedoch nicht nur für Kleidung und Videos genutzt, sondern diente auch dazu, anarchistisch-politische Slogans zu verbreiten. In diesem Laden also, in dem Persch angestellt war, um Klamotten zu verkaufen, hängte er bald seine Gedichte, hochkopiert, ins Schaufenster. Schlafen tat er mal hier mal da, manchmal bei wechselnden Freundinnen, manchmal in Ateliers von Künstlerkollegen oder im besetzten »Stollwerck«. Zuweilen schreckte er nachts hoch, weil ihm einfiel, dass eines der Gedichte, die er im Schaufenster ausgestellt hatte, korrigiert werden musste. Dann stand er auch schon mal im Mondschein auf, ging zu dem Laden auf der Bonner Straße, schloss ihn auf und änderte es.

Schaufenster des Ladenlokals in der Bonner Straße 60 © Sabine Schiffner

Persch war beim Schreiben von Anfang an perfektionistisch bis hin zur Pingeligkeit. Die Gedichte im Schaufenster erregten Aufsehen und machten auf den Rückkehrer aus München, den man bis dahin in der Domstadt nicht kannte und der schon einige Jahre als Straßenbauer, Beleuchter bei Roncalli, Fixer und auch einen Gefängnisaufenthalt hinter sich hatte, aufmerksam. Literaturverleger und Herausgeber kamen in die Südstadt und fragten nach dem Verfasser dieser Texte. Er wurde auf Partys und zu Empfängen eingeladen, wo er bald gern gesehener exzentrischer Gast war. Seine ersten Bücher erschienen in der »Edition fundamental« von Richard Müller, die in Nippes beheimatet war, in kleiner Auflage, handgedruckt.

Die Form, das fertige, getippte und gedruckte Gedicht, spielte bei seinem Schreiben immer eine große Rolle. Vielleicht hat sich hier das väterliche Buchdruckererbe beim Sohn durchgesetzt. Die gedruckte Fassung war für ihn wie ein Bild, und die Gedichte, die er in dem Schaufenster ausstellte, gestaltete er wie Kunstwerke.  Auch sein äußeres Erscheinungsbild, das er nicht nur für die Bühne kultivierte, war immer ein künstlerisches, das er genauso pingelig korrigierte wie seine Gedichte.

Rolf Persch © Foto: Isabel Oestreich

Bei seinen Lesungen und öffentlichen Auftritten lebte er sein theatralisches Temperament aus, indem er sich, oft gegen den Stil der Zeit, sehr elegant kleidete, auffällig angezogen war, was durch unzählige exzentrisch wirkende Fotos, die auch in seinen Büchern erschienen, dokumentiert wurde. Er versteckte den ständig unter Geldmangel leidenden armen Dichter hinter dem gut und teuer angezogenen Junggesellen, dem dichtenden Dandy, den er nach außen gab, dem scharfzüngigen witzigen Poeten, der bald eine kleine Kölner Fangemeinde um sich scharte. Das brachte ihn auf die Idee, sich von 1998 an mit Abogedichten sein Leben zu finanzieren. Er schuf sich einen kleinen Kreis von Abonnenten, für die er monatlich ein Gedicht verfasste. Das Gedicht wurde per Hand und mit Durchschlag getippt, der Durchschlag als Titelseite mit dem Original zusammengetackert, darauf kam noch Datum und Unterschrift, auf Wunsch brachte er dann dieses Gedicht bei den Abonnenten, die ab 1998 für monatlich 50 Mark Mitglied in seinem illustren Kreis werden konnten, auch zu Hause vorbei und trug es vor. So konnte er weiterhin, jetzt in der Eifel, sein unabhängiges Leben führen, das vor allem dem Gedichteschreiben gewidmet war. Er fühlte sich in der offiziellen Literaturwelt nie wirklich wohl und zugehörig. Er war ein Vagabund und ein Autodidakt und er wurde dieses Gefühl bis ans Ende seines Lebens nicht mehr los. Ihm war die kleine Form am liebsten, die sich direkt an den Menschen wandte, der vielleicht zufällig vorbeikam, den Passanten, der am Laden vorbeiging, stehen blieb und anfing zu lesen. Für seine frühen Gedichte war das Schaufenster in der Bonner Straße 60, in der sich heute ein skandinavischer Concept Store befindet, ein optimaler Rahmen.

– © Sabine Schiffner, 2022


Eine kleine Auswahl von Rolf Perschs Gedichten finden Sie hier.

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Die Hans-Mayer-Gesellschaft e.V.

Ein Gastbeitrag von Heinrich Bleicher

In Köln, der Geburtsstadt Ihres Namensgebers, hat die »Hans-Mayer-Gesellschaft« (HMG) ihren Sitz gefunden. Genauer gesagt, am Leipziger Platz in Nippes. Dies mag eine gewisse Reminiszenz an Mayers ersten Lehrstuhl als Literaturwissenschaftler an der Universität in Leipzig hervorrufen. Dort lehrte er von 1948 bis 1963. Eng befreundet mit anderen aus dem Exil zurückgekehrten Emigranten wie Ernst Bloch oder Widerstandskämpfern wie Werner Krauss und Walter Markov, die die Nazizeit überlebt hatten.

Der 1907 in Köln geborene Sohn einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie verbrachte seine Schulzeit am Schillergymnasium, das damals noch in Köln-Ehrenfeld beheimatet war. Anschließend studierte er von 1925-1929 in Köln – mit einer Unterbrechung durch ein Studienjahr in Berlin – Rechtswissenschaften und Geschichte. Bei dem jüdischen Professor Fritz Stier-Somlo promovierte er 1930 mit einer Arbeit über „Die Krisis der deutschen Staatslehre und die Staatsauffassung Rudolf Smends“. Kurze Zeit darauf erhielt der jüdische Marxist Hans Kelsen eine Professur für Völkerrecht und Rechtsphilosophie an der Kölner Universität. Er wurde einer der maßgeblichen Förderer des jungen Hans Mayer.

Als kritischer junger Student in der Weimarer Republik war dieser ein von Georg Lukács‘ Geschichte und Klassenbewusstsein geprägter Linker. Im Herbst 1927 begann er seine Mitarbeit in der »Vereinigung sozialistischer Studenten«. Anfang 1931 wurde er Mitherausgeber der Zeitschrift Roter Kämpfer und schloss sich nachdem er als SPD-Kandidat nicht förmlich aufgenommen wurde, der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an, wechselte aber nicht lange danach zur Kommunistischen Partei Opposition (KP-O).

Das Studium der Rechtswissenschaften schloss er am 4. Juli 1933 in Berlin mit der zweiten großen Staatsprüfung ab. Im Nachhinein erscheint es makaber, dass die Urkunde vom damaligen Staatssekretär Roland Freisler, dem späteren Präsidenten von Hitlers »Volksgerichtshof«, unterzeichnet ist. Nach Köln konnte Mayer nicht zurückkehren. Die Nazis hatten seine Wohnung schon durchsucht. Er war als Gerichtsreferendar Teilnehmer an einem Prozess in Köln gewesen, bei dem der damalige Gauleiter der NSDAP und Herausgeber des Westfälischen Beobachters, Robert Ley, verurteilt worden war. Dessen Schlägertrupps hatten ihm danach in einer Sommernacht aufgelauert und ihn zusammengeschlagen. In sein Elternhaus ist er nicht mehr zurückgekehrt. Seine Eltern und weitere Verwandte sind 1941 zunächst nach Lodz (Litzmannstadt) dann nach Chelmo (Kulmhof) deportiert und dort ermordet worden. Für sie liegen Stolpersteine vor ihrem Haus in der Siemensstraße 60 in Köln-Ehrenfeld.

Mitglieder der KP-O verhalfen Mayer nach dem Abschluss seines zweiten Staatsexamens in Berlin zur Flucht über Belgien ins französische Exil. Von dort ging er später in das schweizerische Exil, wo er für Kelsen und Horkheimer arbeitete.

Berlin sah Mayer erst in seiner Leipziger Zeit und einige Jahre später, nach dem Weggang von dort – vertrieben durch die SED – in den 80er Jahren als Mitglied der Akademie der Künste wieder. Nach vielen Jahren in Tübingen – wo er sein umfangreiches schriftstellerisches Alterswerk verfasst hat, und dort auch starb – wurde Mayer 2001 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin nicht weit von Hegel, Fichte, Brecht, Helene Weigel, Anna Seghers und anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern begraben.

(v.l.) Dr. Heiner Wittmann (Stellvertretender Vorsitzender), Heinrich Bleicher (Vorsitzender) u. Rudolf Zink (Kassierer)

In Berlin wurde am 10. Juni 2018 in der Bibliothek der Bildungs- und Begegnungsstätte der Gewerkschaft ver.di, die »Hans-Mayer-Gesellschaft« (HMG) gegründet. Der Gründungsvorstand, bestehend aus dem Vorsitzenden Heinrich Bleicher, dem stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Heiner Wittmann und dem Kassierer Rudolf Zink wurde bei der Mitgliederversammlung Ende Dezember 2021 erneut einstimmig im Amt bestätigt

Das Ziel der HMG ist es, Mayers literarisches Vermächtnis zu bewahren und der Öffentlichkeit durch Publikationen und Veranstaltungen zugänglich zu machen. Am Werk Hans Mayers kann man lernen, wie Kunst und Literatur zum Verständnis der Subjekte und der Gesellschaft beitragen können. Ihm ging es darum,

Reflexionen sowohl über die Perioden der deutschen Literaturentwicklung wie über die Geschichte der deutsch-jüdischen Symbiose … mit meinem eigenen Unterfangen, das eigene Erleben als Erzähler zu fassen und dadurch zu tradieren.

Hans Mayer: Reisen nach Jerusalem. Frankfurt a.M. 1997, S. 97.

Für Nachforschungen und Recherchen ist Köln der maßgebliche Ort. Dem Historischen Archiv der Stadt Köln hat Hans Mayer 1985 seinen umfangreichen schriftstellerischen Nachlass überlassen. Desweiteren verfügt das Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) der Stadtbibliothek Köln über eine umfangreiche Zeitungsausschnittsammlung sowie über die maßgebliche Primär- und Sekundärliteratur von und über Hans Mayer.

In den zurückliegenden drei Jahren hat die HMG – trotz Einschränkungen durch die Pandemie – mit mehreren Veranstaltungen über die Person und das Werk Hans Mayers informiert. Eine der größeren Veranstaltungen war Walter Benjamin aus Anlass seines 80. Todestages im Oktober 2020 gewidmet. Hans Mayer hat sich mit Benjamins Werk mehrfach auseinandergesetzt und zum 100. Geburtstag in der Leipziger Universität eine seiner berühmtesten Reden gehalten. Diese ist zugänglich über das Filmportal auf der Homepage der HMG, das in Kooperation mit »Zeitzeugen-TV« eingerichtet wurde.

Im Rahmen der Veranstaltungen zu »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« wurde in Kooperation mit dem »Literatur-in-Köln-Archiv (LiK)« eine Veranstaltung unter dem Titel Repräsentant und Außenseiter über den Schriftsteller Mayer durchgeführt. Hanjo Kesting, der zahlreiche Rundfunksendungen mit ihm gemacht hat, war dabei im Gespräch mit dem Vorsitzenden der HMG, Heinrich Bleicher, ein ausgezeichneter Gesprächspartner. Die Veranstaltung kann auf dem Youtube-Kanal der Stadtbibliothek Köln gesehen werden.

Auf den Seiten der »LiK.map« finden sich auch weitere Informationen zu Hans Mayer, u. a. ein Beitrag über dessen Geburtshaus im Belgischen Viertel und eine Ehrung anlässlich des 20. Todestages. 1980 erhielt Mayer den Literaturpreis der Stadt Köln, der später in Heinrich-Böll-Preis umbenannt wurde.

Im Laufe seines Lebens erhielt Mayer zahlreiche Ehrungen für sein Werk: Den Nationalpreis der DDR 1955; den Deutschen Kritiker-Preis 1966; die Ehrendoktorwürde der Universitäten Brüssel 1969, Wisconsin 1972, Leipzig 1992; sowie das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband 1987; die Medaille für Kunst und Wissenschaft, Hamburg 1987; den Ernst-Bloch-Preis 1988; das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 1990; das Goldene Ehrenzeichen des Landes Wien 1992; den Officier dans l’Ordre des Arts et des Lettres 1993; sowie den Heinrich-Mann-Preis 1995.

Anfang 2022 erschien das von Heinrich Bleicher herausgegebene Buch Der unbequeme Aufklärer, das der im Dezember 2021 verstorbenen Literaturwissenschaftlerin Dr. Inge Jens, Ehrenmitglied der HMG, gewidmet wurde. In Gesprächen mit Personen, die Mayer noch persönlich gekannt haben, wird über diesen herausragenden Literatur- und Kulturwissenschaftler sowie Schriftsteller informiert. Neben Inge Jens und Pieke Biermann, der Preisträgerin des Übersetzerpreises der Leipziger Buchmesse 2020, zählen u. a. Christoph Hein, Professor em. Jost Hermand (†) und Professor em. Leo Kreutzer, Nachfolger von Hans Mayer auf dem Lehrstuhl in Hannover, zu den Gesprächspartnern des HMG-Vorsitzenden.

Dr. Inge Jens (1927-2021) mit Heinrich Bleicher © Foto: Heinrich Bleicher

Mit verschiedenen Veranstaltungen wird sich die Hans-Mayer-Gesellschaft auch 2022 zu Wort melden (u.a. mit der »Sartre-Gesellschaft Deutschland« und dem Talheimer-Verlag). Geplant ist auch eine Veröffentlichung zu Rundfunksendungen von Hans Mayer über Shakespeare.

Über alle Veranstaltungen und Initiativen der Hans-Mayer-Gesellschaft wird auf ihrer Homepage berichtet. Wer unmittelbar über die Aktivitäten informiert werden möchte, kann sich in den Verteiler des Infobriefes der HMG eintragen lassen.

Die Hans-Mayer-Gesellschaft ist auch Mitglied der »Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten e.V.« (ALG) und arbeitet mit deren Mitgliedern wie z.B. der »Sartre-Gesellschaft Deutschland« sowie der »Internationalen Peter-Weiss-Gesellschaft« zusammen. Bei der Verleihung des Literaturpreises der Stadt Köln an Peter Weiss hat Hans Mayer 1981 die Laudatio gehalten.

– © Heinrich Bleicher, 2022
Vorsitzender der Hans-Mayer-Gesellschaft e.V.

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Norbert Scheuers Lieblingsorte in Köln

Ein Gastbeitrag von Martin Oehlen

Mit Kall ist Norbert Scheuer persönlich und literarisch aufs Engste verbunden. Mittlerweile hat er erzählend einen ganzen Kosmos um den Ort in der Eifel erschaffen. Selbstverständlich ist das fiktive Kall nicht identisch mit dem real existierenden Kall. Gleichwohl finden sich kulturhistorisch-topographische Verbindungen zuhauf.

Allerdings gibt es auch die eine oder andere Beziehung zu Köln. So hat Norbert Scheuer in den 1970er Jahren einige Jahre zwischen Lehre und Studium, wie er sagt, als Elektriker beim WDR gearbeitet. In unmittelbarer Nachbarschaft zum WDR-Areal in der Straße An der Rechtschule befand sich damals noch das »Wallraf-Richartz-Museum«, das später erst ins damalige Doppelmuseum am Dom und dann ans Rathaus gezogen ist. Der Schriftsteller erinnert sich, dass er zwei Jahre lang nahezu jede Mittagspause dort verbracht habe, um die Kunstsammlung zu besuchen.

MAKK. Innenhof mit Café und dem Lochner-Brunnen von Ewald Mataré. Rechts im Hintergrund: die Minoritenkirche. © Foto Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0, 2011

Seit 1989 ist in dem Gebäude, das 1957 von Rudolf Schwarz in Zusammenarbeit mit Josef Bernard neben der Minoritenkirche errichtet wurde, das »Museum für Angewandte Kunst« zuhause. Dem Ort ist Norbert Scheuer auch über seine Zeit beim WDR hinaus treu geblieben. »Seither ist die Restauration im Innenhof des Museums für Angewandte Kunst immer meine erste Anlaufstelle in Köln, zwischen moderner Architektur und den alten Mauern der Kirche zu sitzen, quasi mitten in der Stadt und doch völlig abgeschieden im Schatten eines schönen Baumes, dessen Namen ich immer noch nicht kenne.« Zu seiner Zeit als Mitarbeiter des WDR sei er allerdings nur im Museum selbst gewesen. »Ich weiß nicht einmal mehr, ob es in den 70ern bereits das Café im Innenhof gegeben hat.«

Und noch eine zweite Anlaufstelle hat Norbert Scheuer in Köln: „Das ist für mich die Stadtbibliothek am Neumarkt.« Der Schriftsteller sagt: »In bestimmten Phasen meiner Arbeit sitze ich gerne dort in der zweiten oder dritten Etage am Fenster, blicke in den Haubrich-Hof hinunter, lese und exzerpiere für ein neues Romanprojekt. Später gehe ich dann endlich hinunter zur Eisdiele und trinke auf der Terrasse einen Cappuccino und sehe den Menschen zu, die in die Bibliothek hinein- und hinausgehen. Mittlerweile ist mir der Platz dort fast wichtiger geworden als die Bibliothek.«

Beim Nachsinnen über seine Kölner Lieblingsplätze kommt Nobert Scheuer ein Gedanke: »Übrigens fällt mir jetzt gerade auf, dass die Orte, die mir gefallen, immer irgendwie am Rande des Zentrums liegen, als wollte ich irgendwie dabei sein, aber doch nicht dazu gehören.«

– © Martin Oehlen, 2021

Martin Oehlen

geb. 1955 in Kaldenkirchen, kam 1980 nach seinem Studium zum Kölner Stadt-Anzeiger.1989 wurde er stellvertretender Leiter der Kulturredaktion; gemeinsam mit Reiner Hartmann übernahm Oehlen 1994 die Leitung des Ressorts Kultur; ab 2001 war er alleiniger Ressortleiter. Besonders verdienstvoll war sein Engagement für die Aktionen »Kultursonntag«, »Ein Buch für die Stadt« und für das monatliche »Büchermagazin« des Kölner Stadt-Anzeiger. Als Autor und Rezensent arbeitet er auch nach seiner Pensionierung (2019) für den Kölner Stadt-Anzeiger; gemeinsam mit Petra Pluwatsch betreibt Oehlen den Literaturblog Bücheratlas.

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Wohnorte von Heinrich Böll

Hülchrather Straße 7, Wohnhaus der Bölls von 1969 bis 1982

Hülchrather Straße

Heinrich Böll auf dem Balkon in der Hülchrather Straße © Foto: Harry Schumacher

1969 mietete Heinrich Böll, durch die Vermittlung Vilma Sturms, in der Hülchrather Straße im Agnesviertel eine geräumige Altbauwohnung mit sieben Zimmern. Neben den Privaträumen waren hier auch die umfangreiche Bibliothek (sie kann heute in der Kölner Zentralbibliothek besichtigt werden) und das Arbeitszimmer der Sekretärin untergebracht.

Die Hülchrather Straße 7 war in den 1970er Jahren eine der bekanntesten Kölner Adressen. Die Fassade des Hauses gelangte im Zusammenhang mit der Verleihung des Literatur-Nobelpreises im Jahr 1972 in internationalen filmischen Portraits und Interviews Heinrich Bölls eine gewisse Berühmtheit.

Für die Ausgestaltung seiner Erzählungen und Romane zog Böll häufig reale Stadttopographien heran, so dass sich konkrete Beziehungen zwischen Georäumen und Texträumen herausarbeiten lassen. In seinem 1971 veröffentlichtem Roman Gruppenbild mit Dame finden sich zahlreiche Passagen, in denen die Topographien rund um die Hülchrather Straße detailliert beschrieben werden und deutlich hervortreten. So wohnt die Protagonistin Leni in einer »Sieben-Zimmer-Wohnung« in der »Bitzerathstraße« in unmittelbarer Nähe eines alten Festungsgrabens in der »Neustadt«. Die Darstellung entspricht weitgehend den realen Wohnverhältnissen Bölls, der von 1969 bis 1982 mit seiner Familie in der nördlichen Kölner Neustadt nahe der alten Festungsanlage von Fort X in einer Sieben-Zimmer-Wohnung des Hauses Hülchrather Straße 7 lebte. Auch bei der Beschreibung der Hoyser GmhH, die im Roman ihren Sitz im 12. Stockwerk eines Hochhauses am Rhein hatte, orientierte sich Böll an dem zur Entstehungszeit des Romans im Bau begriffenen Hochhaus, des Kölner Versicherungskonzern Gerling.  Mit dem sogenannten Ringturm, der sich am zentralen Ebertplatz an den Kölner Ringen befindet, schuf sich der Konzern ein repräsentatives und weit sichtbares Hochhaus in unmittelbarer Nähe zum Rhein.

In seiner Wohnung in der Hülchrather Straße traf Böll viele prominente Gäste, zu denen u.a. der bildende Künstler Joseph Beuys oder die Schauspielerin Romy Schneider zählen. Andere Zeitgenoss*innen wohnten sogar für einige Zeit dort, so etwa Wolf Biermann nach seiner Ausbürgerung aus der DDR im November 1976 oder Raissa Orlowa und Lew Kopelew, denen während ihres Deutschlandbesuchs ihre russische Staatsbürgerschaft entzogen wurde.

Heinrich Böll im Arbeitszimmer der Hülchrather Straße © Foto: Harry Schumacher

1971 schrieb Böll ein Portrait über seine Wohnstraße im Agnesviertel. Hülchrather Straße Nr. 7, so der Titel, ist ein Text zu einem Fotofilm von Bernd Schauer (Regie) und Antonie Richter (Fotografie), der 1972 im Rahmen der dreiteiligen Serie »Schriftsteller in ihren Straßen« für den »Sender Freies Berlin« produziert wurde. Bölls Reflexionen und Gedanken umkreisen den Umzug aus dem damals noch ländlichen Vorort Müngersdorf zurück in die Innenstadt, von spielenden Kindern und dem nachbarschaftlichen Miteinander bis hin zum Lärm und Schmutz der Großstadt.

Die Hülchrather Straße war die letzte Anschrift Heinrich und Annemarie Bölls in Köln bis zu ihrem Umzug aus der Stadt Ende des Jahres 1981. »Es gibt eben sehr viele Köln, in meiner Erinnerung drei, vier, fünf Köln, und das gegenwärtige ist mir schon durch den Autoverkehr fremd, völlig fremd. Ich finde die Stadt auch zerstört durch diese riesigen lauten Straßen. Die Überquerung einer Straße ist schon ein Abenteuer und ein gefährliches. Das hängt auch mit dem Alter zusammen. Es wird einem alles fremd.« Bölls verließen Köln, weil ihnen das Leben zu hektisch und die Stadt vom Autoverkehr zunehmend dominiert wurde.

Anlässlich des 100. Geburtstage von Heinrich Böll produzierte der WDR 2017 eine Augmented-Reality Entdeckungsreise auf den Spuren des Autors durch das Agnesviertel. Samay Böll, die Enkelin Bölls, führt die Betrachter auf einem Videowalk auch in die Hülchrather Straße Nr. 7. Böll folgen: Heinrich Böll – im Agnesviertel

© Gabriele Ewenz / Markus Schäfer, 2022

Gabriele Ewenz

Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Markus Schäfer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Literatur

Siehe: Böll: Hülchrather Straße, Ders.: Weil die Stadt so fremd geworden ist, S. 217f.

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Alle Gefühle auf einmal: der Ebertplatz

Ein Gastbeitrag von Melanie Raabe

Brennpunkt, Drogenumschlagplatz, städtebaulicher Alptraum, Inbegriff der Hässlichkeit. Er hat keinen guten Ruf, der Ebertplatz. Die meisten Menschen, die ich kenne, finden ihn schlicht scheußlich. Viele betreten ihn nur, wenn sie unbedingt müssen: auf dem Weg zur U-Bahn. Und es ist sicherlich angenehmer, irgendwo in Rodenkirchen oder Lindenthal in die Stadtbahn zu steigen, als am Ebertplatz. Dennoch ist er für mich kein durch und durch schlimmer, sondern ein ambivalenter Ort.

Eine Zeit lang kannte ich den Ebertplatz nur als dieses unschöne, nachts auch durchaus furchteinflößende Stück Köln, das es auf dem Weg zur Bahn hin und wieder zu durchqueren galt wie Feindesland. Ich hetzte zur KVB, schaute so wenig nach links und rechts wie möglich, warf ab und zu eine Münze in einen neben einer alten Matratze geparkten Pappbecher und war jedes Mal froh, wenn ich den Platz hinter mir gelassen hatte.

Das Engagement verschiedener Vereine hat meine Beziehung zum Ebertplatz jedoch verändert. Als ich eines Tages im Sommer von einer längeren Auslandsreise nach Hause und am Ebertplatz vorbeikam, erkannte ich ihn zunächst kaum wieder. Der Brunnen in der Mitte des Platzes spie plötzlich Wasser, Kinder tobten darin herum. Die Szene erinnerte an US-amerikanische Filme, in denen Kids in heißen New Yorker Sommern die Hydranten öffnen und in den Wasserfontänen herumtanzen. Eltern saßen entspannt daneben, plauderten, tranken Kaffee oder Fassbrause aus der Flasche. An Stellen, an denen sonst nur Glassplitter und Zigarettenkippen die verhärtete Erde bedeckten, blühten plötzlich Wild- und Sonnenblumen. Ein paar engagierte Menschen hatten sich des Platzes angenommen – und ihn transformiert. Zumindest tagsüber. Zumindest für eine Weile. Ich war erstaunt.

Dass es in den Ebertplatzpassagen einen netten Copyshop und ein alteingesessenes afrikanisches Restaurant gibt, wusste ich schon länger. Auch die Kunstszene, die sich hier angesiedelt hat, ist spannend. Das Projekt Gold + Beton beispielsweise.

Im Frühjahr 2021 wurde der Ebertplatz sogar zeitweise zu einem Ort der Literatur: Als während der Pandemie die Schauplätze von Kunst und Kultur in der Stadt schließen mussten, fand am Ebertplatz die Outdoor-Installation TRANSIT statt, ein Literaturprojekt für den öffentlichen Raum. Dafür hatte man ein über fünfzig Meter langes LED-Laufband installiert, auf dem kurze literarische Texte von Kölner Autorinnen und Autoren präsentiert wurden. Ich erinnere mich, wie Menschen stehen blieben und innehielten, um zu lesen. Schön war das.

Der Ebertplatz ist immer noch Brennpunkt, Drogenumschlagplatz, städtebaulicher Alptraum, Inbegriff der Hässlichkeit. Aber er ist auch ein Ort der Kreativität.

Vor allem aber ist der Ebertplatz ein Ort der Emotion. Ich habe hier schon so ziemlich alles gefühlt. Angst, und das nicht zu knapp. Mitleid, Traurigkeit. Ekel. Geschäftigkeit und Eile. Aber angesichts des Engagements und der Kreativität und des Gestaltungswillens, der hier an manchen Stellen immer wieder durchbricht – wie eine Blume, die durch eine Ritze im Beton hindurch wächst und gegen alle Widerstände blüht – auch Erstaunen, Dankbarkeit, Rührung und Freude.

Wenn ich das Leben an sich mit einem Ort beschreiben müsste, wäre der Ebertplatz gar keine schlechte Wahl. Er ist hart und hässlich aber, wenn man genauer hinschaut, dann ist er irgendwo auch schön, manchmal.

Melanie Raabe, 2021

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Buchsalon Ehrenfeld

Ein Gastbeitrag von Martin Sölle
Buchsalon Ehrenfeld, Wahlenstraße 1 © Buchsalon Ehrenfeld

Entstanden in den 1970er Jahren wollte das Kollektiv des Anderen Buchladens Bücher und Informationen vertreiben, die man andernorts nicht bekam. Der andere Buchladen verstand sich nicht nur als Buchhandlung, sondern vor allem auch als Ort der Vermittlung politischer Inhalte im Kontext der linken »Sponti-Bewegung« jener Zeit. Der Buchladen war also nicht nur Verkaufsstelle, sondern ebenso Infopoint um Flugblätter auszulegen und mitzunehmen. Darüber hinaus verstand sich das Kollektiv als Anlaufadresse für politische Gruppen und war mit Büchertischen an der Uni und bei Veranstaltungen vertreten.

Veränderungen in der politischen Bewegung sowie Wechsel und Schwierigkeiten in der kollektiven Struktur machten in den 90er Jahren eine Neugestaltung erforderlich. Ebenso hatte sich die Verlagslandschaft gewandelt, nachdem viele Autor*innen jetzt auch in etablierten Verlagen veröffentlicht wurden.

Der andere Buchladen am alten Standort in Sülz, Zülpicher Str. 197 © Buchsalon Ehrenfeld

Eine neue unternehmerische Konstellation ab 1990 machte den Spagat zwischen den bisherigen Inhalten einerseits und einem höheren literarischen Anspruch andererseits möglich. Dies spiegelte sich vor allem in einem umfangreichen Veranstaltungsprogram u.a. bei den Dienstagsgesprächen im Stadtgarten wider. Seit den 1980er Jahren in Köln-Ehrenfeld präsent, wurde dort 1990 ein neuer Ansatz gewählt: ein Buchladen in Kombination mit einem Café. Über viele Jahre war das »Anders« – Restaurant und Literaturcafé – Partner der Buchhandlung und ein beliebter Veranstaltungsort, so dass sich beide Einrichtung vortrefflich ergänzten. Dauerhaft ließ sich das Konzept mit wechselnden Pächtern der Gastronomie jedoch nicht mehr umsetzen. Mit einem engagierten Buchprogramm kam später die »Büchergilde Gutenberg«, die älteste Buchgemeinschaft in Deutschland, als Partner hinzu. Seit 2013 firmiert der Buchladen in der Wahlenstraße unter dem Namen Buchsalon Ehrenfeld und hat sich als Stadtteilbuchhandlung etabliert, ohne die alten Wurzeln zu vergessen. Zum Angebot gehören regelmäßige »Salonabende« mit Lesungen und Themenschwerpunkten. 2018 und 2019 wurde der Buchsalon Ehrenfeld von Staatsministerin Monika Grütters mit dem Deutschen Buchhandelspreis ausgezeichnet.

– Martin Sölle, 2021

Den anderen Buchladen gibt es noch an folgenden Standorten:
- Weyertal 30-32, 50937 Köln-Sülz
- Ubierring 42, 50678 Köln-Südstadt
Kontakt: www.der-andere-buchladen-koeln.de
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Radtour zum Rhein oder der Weg zur Schriftstellerei

Ein Gastbeitrag von Petra Reategui

Es war ein strahlender Herbsttag, als ich vor vielen Jahren mein Fahrrad aus dem Keller holte und einen Ausflug zum Rhein machte. Hätte mir an diesem Morgen jemand gesagt, dass ich danach Bücher schreiben würde, hätte ich sie oder ihn für verrückt erklärt; ich war Journalistin und hatte nicht die geringste Absicht, meinen Beruf zu wechseln. Doch genau das geschah. Natürlich nicht sofort, es dauerte. Dass sich etwas änderte, merkte ich daran, dass es in meinem Kopf zu arbeiten und zu brodeln begann, und eines Tages tippte ich wagemutig die ersten Sätze eines Romans in den PC. Schuld daran war ein Wegekreuz.

Wegekreuz zum Andenken an Johann Stemmeler © Foto: Petra Reategui

Aber der Reihe nach: An besagtem Herbsttag radelte ich also von Köln kommend die Rodenkirchener Riviera entlang, vorbei an Wassersportclubs, Campern und Ausflüglern, hinein in den Weißer Bogen. Beinahe hätte ich das kleine Kreuz mit den barock-anmutenden geschwungenen Steinkanten übersehen, so versteckt stand es zwischen Sträuchern und hohem Gras am Rande des Wegs. Wahrscheinlich hielt ich überhaupt nur an, weil mir im letzten Moment die ungewöhnlich lange Inschrift auf dem Stein aufgefallen war. Neugierig entzifferte ich die eingemeißelten Wörter:

ANNO 1758 DEN 6TEN FEBRUARŸ WURDE

IOAN STEMMELER VON BRUEL ERMORDET

R • I • P

Trotz helllichten Tags wurde mir unheimlich. Doch dann ließ mich Ioan Stemmeler nicht mehr los; mein journalistisches Interesse erwachte.

Wer war der Mann? Was war passiert? Wer hat ihm das Kreuz gesetzt? Ich fing zu recherchieren an. Kölner Stadtverwaltung, Amt für Denkmalschutz, Historisches Archiv, Brühler Stadtarchiv, Bibliotheken – das Ergebnis war bescheiden, aber wenigstens wusste ich danach, dass Johann Stemmeler der Sohn eines Brühler Stadtmüllers und bei seinem Tod 21 Jahre alt gewesen war. Zur Mordsache selbst fand ich nichts. Bis ich schließlich auf die geniale Idee kam, die Polizei anzurufen. Nein, nicht den Notruf! Die Pressestelle.

»Entschuldigen Sie, ich ermittle in einem Mordfall. Wer kann mir Auskunft geben?« Vorsichtshalber fügte ich hinzu, dass besagte Tat mehr als zweihundert Jahre zurückliege.

Die Pressestelle der Kölner Polizei scheint jeden Tag dergleichen Anfragen zu bekommen, denn die Stimme des freundlichen Mannes am anderen Ende der Leitung verriet keinerlei Verwunderung, die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: »Wenden Sie sich ans Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf, Akte Kurköln. Viel Erfolg.«

Ausschnitt aus der Prozessakte zum Mordfall Johann Stemmeler. LAV NRW R Kurköln III Nr. 255, Blatt 386

Und tatsächlich! In einer dicken, nach abgestandenem Staub riechenden Akte aus dem 18. Jahrhundert, die ein Mitarbeiter des Archivs mir in den Lesesaal bringt, entdecke ich nach geduldigem Blättern ein Schriftstück mit dem Namen »meines« Toten. Sehr viel mehr kann ich nicht lesen, das Dokument ist in der alten deutschen Kurrentschrift verfasst, doch ich lasse mich nicht entmutigen. Ich bitte um ein Faksimile der Archivalien und brüte danach Abend für Abend über dem Text, um ihn in unsere heutige lateinische Schrift zu transkribieren. Auf sechzehn Seiten erhalte ich nun von dem nicht genannten Verfasser, offenbar ein Jurist, Einblick in das, was geschehen ist, dazu seine Ansicht zu dem Fall. Bald schon fühle ich mich zurückversetzt in die engen Gassen und schummrigen Wirtshäuser des barocken Brühl, rieche Pferdemist und Tabakrauch, atme den Mehlstaub der Stemmeler’schen Mühle ein und friere in der winterkalten Luft, die in der Nacht des 6. Februars 1758 aus den Auwäldern am Rhein emporsteigt. Nur wenige Tage später wird der Fluss zugefroren sein.

Als ich den letzten Satz in den Computer getippt und meine Abschrift gespeichert habe, köpfe ich eine Flasche Schampus und beschließe, Johann Stemmeler in einem Buch auferstehen zu lassen.

Nachwort: Es blieb nicht bei diesem einen historischen Kriminalroman über das Verbrechen an dem Brühler Müllersohn. Weitere Bücher folgten, und neue Themen spuken mir im Kopf herum. Meistens sind es Wegekreuze, Gedenkorte, Archivvermerke oder menschliche Schicksale und Ereignisse, die meine Aufmerksamkeit erregen und mich packen. Dann fange ich wieder zu recherchieren an …

– Petra Reategui

Quellen
  • Petra Reategui: Falkenlust. Historischer Kriminalroman. Köln 2006.
  • Christa Zingsheim: Wegkreuze und Bildstöcke in Köln. Köln 1981.
  • Akten zum Mordfall Johann Stemmeler, LAV NRW Kurköln III, Protokolle 143A, 143B, 255, Blatt 368-394.