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Metthäppchen, Mammutbäume und Multikulti

Notizen über Kalk und seinen Stadtgarten

Wenn Sie das nächste Mal wieder nach Köln kommen, wagen Sie das Unglaubliche, das in keinem Reiseführer steht und fahren mit der Linie 1 oder 9 vom Neumarkt oder Heumarkt hinüber nach Kalk. Als Erstes werden Sie natürlich den Rhein überqueren, der für die meisten Kölnerinnen und Kölner viel mehr als ein Fluss ist, nämlich ein Ozean, hinter dem eine andere Welt anfängt, die sog. Schäl Sick, auf der in alter Zeit nicht die Römer oder die Erzbischöfe regiert haben, sondern germanische Räuber und Vandalen, die einem einäugigen, schielenden Gott huldigten. Viele behaupten sogar, dass hier Sibirien anfange. Aber ich kann Ihnen versichern, dass das stark übertrieben ist.

Wenn Sie den Rhein überqueren, setzen oder stellen Sie sich bitte so, dass Sie den Dom, Groß Sankt Martin und den Rathausturm sehen können. Das Panorama ist überwältigend. Luise Straus-Ernst, eine Kölner Schriftstellerin, die in Auschwitz ermordet wurde, hat sogar einmal gesagt, dass Rechtsrheinische sei überhaupt nur besiedelt und erfunden worden, damit man diesen großartigen Blick auf den Dom und Groß St. Martin habe.

An der Haltestelle Kalk Post verlassen Sie bitte die Bahn, gehen Sie hinauf und treten Sie in eine andere Welt ein. Vielleicht blinzeln Sie erst einmal ein wenig, um zu glauben, dass Sie hier immer noch in Köln und nicht in einem Banlieu von Brüssel oder Paris sind. Je nachdem, ob Sie die U-Bahn-Haltestelle an der rechten oder linken Seite verlassen, werden Sie entweder vor der Kalker Post oder den Köln-Arcaden landen. Der Platz vor der Post war früher ein Junkie-Treffpunkt. Davon merkt man aber heute nichts mehr. Werfen Sie einen Blick auf das Postgebäude, das aus dem Jahr 1899 stammt, als Kalk noch eine eigenständige kleine Stadt war. Es wirkt wie eine Trutzburg aus Sandstein. Immer noch wie aus der Kaiserzeit, auch wenn die Erker und Türmchen, die es ursprünglich hatte, nicht mehr da sind.

Neben Micki’s Bar oder Trattoria, wo Sie sich mit einem vorzüglichen Espresso stärken können, bietet ein Marokkaner frisches Obst und Gemüse an, Nüsse, Schafskäse, Lammfleisch, Couscous und exotische Gewürze. Sie können ruhig eintreten. Die Preise sind sehr zivil und die Betreiber sehr freundlich. Mit einer Tüte voller Pistazienkerne ausgestattet treten Sie nun Ihren Gang über die Kalker Hauptstraße an, der Sie bis zum Stadtgarten, meinem Lieblingsort, führen wird.

Ob Sie die linke oder rechte Straßenseite wählen, ist eigentlich egal. Da ist die gleiche bunte Folge von türkischen Döner-Läden, arabischen Juwelieren, indischen Boutiquen, nordafrikanischen Schnellfriseuren und sagenhaft preiswerten Second-Hand-Shops, wo Sie sich für zehn Euro vollständig neu einkleiden können. Kaum was Deutsches dazwischen, beklagen sich Manche, Aber wer das nicht mag, kann ja in den Villenvorort Hahnwald gehen. Dort gibt es unter Garantie keine Migranten und erst recht keine „Nafris“, wie die Nordafrikaner hier eine Zeit lang despektierlich genannt wurden, sogar in der Presse und von der Polizei.

Eingangstor zum Kalker Stadtgarten © Klaus Kammerichs

Dann endlich, je nach Tempo dauert das fünf bis zehn Minuten, erreichen Sie den schon erwähnten Kalker Stadtgarten, meinen Lieblingsort. Er liegt etwas versteckt zwischen dem Café Schlechtrimen und zwei alten Pavillons, die aussehen wie aus einem Film über die Schneewittchen und die Sieben Zwerge. Am reich verschnörkelten, schmiedeeisernen Eingangstor, das wie fast alles hier noch aus dem Jahr 1912, dem Eröffnungsjahr, stammt, werden Sie lesen, dass der Park von der Drogenhilfe Vision sauber gehalten wird. Haben Sie keine Angst! Die jungen Leute machen das ganz vorzüglich! Kein Müll, kein Unkraut, keine leere Flasche ist zu sehen. Die Wege sind frisch geharkt, die Sträucher liebevoll beschnitten und begossen. Auf den sauberen, wenn auch etwas verwitterten Bänken können Sie sich beruhigt niederlassen und je nach Präferenz lesen, tief durchatmen oder Ihren Blick auf eine fast südliche Fülle von Bäumen richten: Zieräpfel, Kastanien, Platanen, Ahorn, japanische Kirschen, Kiefern, Zedern und viele mehr, in der Mitte ein über hundertjähriger Mammutbaum mit kegelförmiger Krone und rotbrauner Rinde, der den Ersten und den Zweiten Weltkrieg erlebt hat, die Trümmerfrauen und den Niedergang der einst blühenden chemischen Industrie, die ersten Gastarbeiter und wahrscheinlich auch Karl Küpper, den legendären kölschen Büttenredner und Karnevalisten, der wenige Meter entfernt, auf der Kalker Hauptstraße 215, gewohnt hat und dort während der NS-Zeit dichtete:

Es stand ein Baum am Waldesrand und war organisiert. Er war im NS-Baumverband, damit ihm nichts passiert.

Wenn Sie Ihren Spaziergang am Nachmittag machen, werden Sie bestimmt nicht allein sein. Sie werden Schüler und Studenten treffen, Eltern, Großeltern, Neu- und Alt-Kalker, Rentner, die ein Stück Kuchen aus dem Café Schlechtrimen verzehren. Vor allem aber Kinder nahezu aller Hautfarben, die auf dem Spielplatz ihre ersten Schritte machen, Karussell fahren, Sandburgen bauen, rutschen, wippen und jubeln, ob auf Arabisch, Türkisch, Russisch, Italienisch, Hindi, Urdu, Chinesisch oder Kinderkauderwelsch. Um 18 Uhr macht der Stadtgarten leider zu, damit niemand unter den herrlichen Bäumen sein Haupt niederlegt. Aber damit ist Ihr Ausflug noch längst nicht zu Ende. Gleich nebenan gibt es zwei kölsche Kneipen, in denen Sie noch so richtig kölsch essen und trinken können, Metthäppchen, kölschen Kaviar, Kalker Gulasch, Speckpfannkuchen und den berühmten ›halven Hahn‹, der gar kein Hahn ist, sondern ein Stück Gouda.

Ich glaube, ich kann Ihnen versprechen, dass Sie wiederkommen, wenn Sie noch einmal in Köln sind. Und dass Sie vielleicht irgendwann lieber in den Kalker Stadtgarten gehen als an den Aachener Weiher oder in die Flora. Denn Metthäppchen, Mammutbäume und Multikulti – wo findet man das schon, außer in Kalk?

Eva Weissweiler

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Hans Mayer dirigiert im Stadtgarten

Geburtshaus im Belgischen Viertel

Hans Mayer wurde am 19. März 1907 im »Belgischen Viertel«, einem bis heute beliebten und attraktiven Viertel der Stadt, geboren. Rings um den Brüsseler Platz, der mit der kath. Pfarrkirche St. Michael, das Zentrum des ›Belgischen Viertels‹ bildet, entstanden um die Wende zum 20. Jahrhundert repräsentative Wohnhäuser im Jugendstil. Der Kaufmann Rudolf Mayer und seine Ehefrau Ida, geb. Meyer-Wachmann, kamen nach ihrer Hochzeit von Neuss nach Köln und bezogen eine Wohnung im 1. Stock eines Wohnhauses in der Genter Str. 30. In unmittelbarer Nähe liegt der Stadtgarten, ein innerstädtischer Landschaftspark, der 1827/28 auf dem Gelände vor der Stadtmauer als Schmuckgarten mit einer angegliederten Baumschule angelegt wurde. Die Parkanlage war schon zu Mayers Zeit eine beliebte Freizeit- und Erholungsstätte für die Kölner Bevölkerung. In seinen Erinnerungen schrieb Mayer über seine musikalische Begabung und Früherziehung, die auch mit ersten Erlebnissen im Stadtgarten in Verbindung stehen.

»Wir wohnten damals in Köln noch in der gutbürgerlichen Neustadt, jenseits der Ringe, die an die Stelle der niedergelegten Stadtmauern getreten waren. Die Familie muß damals noch in meinem Geburtshaus (im Jugendstil) in der Genter Straße 30 gewohnt haben. Der Stadtgarten war ganz in der Nähe. Dort ging man dann am Samstag oder Sonntag hin: zu Kaffee und Kuchen oder einem »Kaffee mit Essen«, wie man das damals nannte. Als Essen waren Schwarzbrot und Rosinenbrot zu verstehen, mit Butter und Konfitüre. Im französischen Sinne also ein Café complet. Da saß man dann im Freien und lauschte der Musik. Die Musiker waren in einem schönen Pavillon untergebracht. Der übliche Pavillon sämtlicher Kurgärten im Deutschen Kaiserreich. Plötzlich war ich verlorengegangen, man stand auf, um mich zu suchen. Da stand ich allein vor dem Musikpavillon, wo gespielt wurde. Ich schaute starr nach oben, und ich dirigierte. Wie das zuging? Ich weiß es nicht. Ich dirigierte eben. Ein Ring von Leuten hatte sich gebildet, die mir lachend zuschauten. Ich wurde dann von der Mutter weggeschleppt. Sie war beschämt. So etwas! Allein, man hat viel später immer wieder diese Geschichte von mir erzählt. Ich selbst konnte mich an nichts erinnern.«

– GE

Literatur: Mayer: Gelebte Musik, S. 12

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Die EDITIONALE

Ein Forum für Buchkunst

Traueranzeige für Elisabeth Broel

Die EDITIONALE, eine kleine Messe für Handpressendrucke, Künstlerbücher, Mappenwerke und Editionen, wurde im Jahr 2000 von der Künstlerin Elisabeth Broel und dem Künstler Gernot Cepl ins Leben gerufen. Buchkünstler*innen aus dem In- und Ausland bot Broel Gelegenheit, sich mit ihren Werken einem interessierten Publikum in Köln vorzustellen: Bücher in kleinen Auflagen, Papierobjekte, Handkoloriertes, Collagen und Künstlerbücher. Die Messe öffnete bis 2016 alle zwei Jahre ihre Türen im Neuen Kunstforum (vormals Gothaer Kunstforum) am Alteburger Wall, um die Vielfalt der Buchkunst in allen Formen Farben und Materialien zu präsentieren. Der Verein des Neuen Kunstforums wurde im Januar 2021 aufgelöst. – Im April 2019 zog die EDITIONALE in die Räume der Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln. Die auf der EDITIONALE gezeigten Künstlerinnen und Künstler sind mit ihren Werken in vielen internationalen Sammlungen vertreten. Erstmals konnte die Messe im März 2020 auch in Wien ausgerichtet werden.

Am 1. Dezember 2020 starb die Initiatorin Elisabeth Broel, die 1958 in Bardenberg bei Aachen geboren wurde, an den Folgen einer Covid 19-Infektion. Wie und in welcher Form die Zukunft der EDIONALE aussehen wird, ist derzeit noch ungewiss.

– GE

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»Nach Köln hin wälzt der Rhein sein heiliges Wasser fort«

Die Marcel-Proust-Promenade

Ein Gastbeitrag von Martin Oehlen
Jacques-Emile Blanche: Porträt von Marcel Proust 1892, Öl auf Leinwand, 73,5 x 60,5 cm © RMN-Grand Palais (Musée d’Orsay) CC BY 3.0

Marcel Proust (1871–1922) ist nie in Köln gewesen. In Deutschland hat er es lediglich bis nach Bad Kreuznach geschafft. Dennoch ist Köln diejenige deutsche Stadt, in der dem Autor des siebenbändigen Romankolosses A la recherche du temps perdu (dt. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) besonders große Aufmerksamkeit zuteilwird. Die hier ansässige Marcel-Proust-Gesellschaft ist nicht nur damit befasst, ihre Mitglieder zu einschlägigen Versammlungen einzuladen. Auch leistet sie mit zahlreichen Veröffentlichungen ihren Beitrag zur Erforschung des Autors und seines Werks. Überdies hat der Kunst- und Literatursammler Reiner Speck in seiner »Bibliotheca Proustiana« einen außerordentlichen Schatz zusammengetragen. Dazu gehört seit 2021 jenes Manuskript, in dem Proust das einzige Mal in seinem Gesamtwerk die Stadt Köln erwähnt – sieht man einmal ab vom Duftwasser »Eau de Cologne«. In Les plaisirs et les jours (dt. Freuden und Tage), Prousts erster Veröffentlichung aus dem Jahre 1896, lautet eine Gedichtzeile: »Vers Cologne le Rhin roule ses eaux sacrées« (dt. »Nach Köln hin wälzt der Rhein sein heiliges Wasser fort«).

Die Kölner Wertschätzung für den großen Franzosen findet ihren allgemein wahrnehmbaren Ausdruck auf der Marcel-Proust-Promenade. Als sie Ende Juni 2009 im Stadtwald eröffnet wurde, auf Initiative von Reiner Speck, dem Präsidenten der Marcel-Proust-Gesellschaft, war sie deutschlandweit die erste Straße, die den Namen des Dichters erhielt.    

Vom Spazierengehen ist in der Suche nach der verlorenen Zeit oft die Rede. Da promenieren wir mit dem Ich-Erzähler am Atlantikstrand bei Balbec (dem realen Cabourg), auf dem Méséglise-Weg und auf dem Guermantes-Weg in Combray (dem realen Illiers-Combray), in den Gassen der »verzauberten Stadt« Venedig und im Bois de Boulogne in Paris. Mal ist er allein unterwegs und mal in Begleitung, mal hängt er seinen Träumen nach und mal lässt er seine Gedanken schweifen, mal beobachtet er Passanten und mal erfreut er sich an der Natur. Nicht zuletzt tut ihm die Bewegung gut: Gerade »nach langen Stunden über einem Buch« empfand sein Körper »das Bedürfnis, sich wie ein losgelassener Kreisel in alle Richtungen zu verausgaben«.

Reiner Speck an der Marcel-Proust-Promenade, Köln, 26.8.2009 © Foto Burkhard Maus

Zu alledem lädt die Marcel-Proust-Promenade ein. Sie beschreibt einen großen Halbkreis im Stadtwald, mit dessen Anlage 1895 nach einem Entwurf von Gartenbaudirektor Adolf Kowallek begonnen worden war. Das geschah zu jener Zeit, da Marcel Proust eine undotierte Stelle in der Bibliothèque Mazarine in Paris annahm. Allerdings war er in der ältesten Bibliothek des Landes – krankheitsbedingt – nur selten anzutreffen. Außerdem begann er in jenem Jahr 1895 den Fragment gebliebenen Roman Jean Santeuil. Dieses Werk empfiehlt Rudolf Steiert im Band 1 der Schriftenreihe Sur la lecture, herausgegeben von der Marcel-Proust-Gesellschaft, als einen möglichen Leseeinstieg für Proust-Anfänger: »Dieses (von ihm selbst verworfene) Frühwerk ist eine Art Vorstudie zur ›Recherche‹, leichter zu lesen als diese und meines Erachtens zur Einstimmung gut geeignet (auch zum Weitermachen, nach meiner Erfahrung, wenn die Lektüre des magnum opus mal ins Stocken gerät.)«.

Die asphaltierte Promenade zwischen Dürener Straße und Friedrich-Schmidt-Straße, auf dem Anfang der 1930er Jahre gelegentlich Motorradrennen veranstaltet wurden, führt durch Mischwald und über einen sehr sanften Hügel. An der Strecke liegen Tennisplätze, ein recht verwunschener Teich (mit einer kanalisierten Verbindung zum Kahnweiher nebst Wasserfontäne), eine Skaterbahn, eine Erinnerungstafel für die ehemalige »Waldschenke«, die 1889 »tief im Wald auf dem tieferliegenden Teil der Volkswiese« im sogenannten Villenstil errichtet worden ist, bald darauf der Tierpark und – wenn auch von Bäumen verdeckt und etwas distanziert – der Sitz der Marcel-Proust-Gesellschaft in der Brahmsstraße.

Zweimal quert eine eingleisige Bahntrasse den Weg. Auf ihr werden allerdings nur gelegentlich Güterwaggons zwischen dem Niehler Hafen und Frechen bewegt, so dass Spaziergänger, Jogger, Hundehalter und Radfahrer kaum einmal ausgebremst werden. Wer einen Ausblick über Wiese und Baumwipfel hinweg wünscht, muss auf dem Scheitelpunkt des Hügels nur einen winzigen Abstecher zum »Dreizehn-Linden-Platz« machen. Zwar sieht man hier weder »die feine Spitze des Glockenturms von Saint-Hilaire«, wie der Erzähler auf einem Spaziergang im Teilband Combray, noch die Spitzen des Kölner Doms. Schön ist es dort oben gleichwohl.

Proust-Leserinnen und Proust-Leser werden noch einen weiteren Aspekt zu würdigen wissen. Der Weißdorn nämlich, dessen »bitteren und süßen Mandelgeruch« der Erzähler der Recherche intensiv erlebt und der einige Male seine Erinnerung anregt, wächst auch entlang der Marcel-Proust-Promenade im Kölner Stadtwald.

(M. Oe.)

Literatur

  • Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, dt. von Bernd-Jürgen Stuttgart 2013-2016.
  • Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, dt. von Eva Rechel-Mertens und überarbeitet von Luzius Keller. Frankfurter Ausgabe (7 Bde.)  Frankfurt/M.  2011.
  • Konrad Adenauer und Volke Gröbe: Lindenthal – Die Entwicklung eines Kölner Vorortes, Köln 2004.
  • Rudolf Steiert: Sur la lecture, Band 1. Hg. v. der Marcel-Proust-Gesellschaft. Köln 1995.
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»Colonia Claudia Ara Agrippinensium«

Ein Gastbeitrag von Martin Oehlen
Römischer Torbogen (Nordtor), Römisch-Germanisches Museum. Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_c001794, http://www.kulturelles-erbe-koeln.de

Die Annalen des P. Cornelius Tacitus gelten als ein Höhepunkt der antiken Geschichtsschreibung. Sie widmen sich der Julisch-Claudischen Dynastie, beginnend mit dem Tod von Kaiser Augustus im Jahre 14 n. Chr. und endend mit Kaiser Nero, der von 54 bis 68 regierte. Im 12. Buch dieser römischen Geschichte findet sich jene Passage, in der erstmals geschildert wird, wie aus der Stadt der Ubier, die einst Augustus hatte gründen lassen, die »Colonia Claudia Ara Agrippinensium« (CCAA) geworden ist, also die »Kolonie des Claudius am Altar der Agrippinensier«. Im 27. Kapitel lesen wir:

»Agrippina aber setzte durch, um auch den verbündeten Völkern ihre Macht zu demonstrieren, dass in der Stadt der Ubier, in der sie geboren worden war, Veteranen angesiedelt und eine nach ihr benannte Kolonie gegründet wurde. Zufällig fügte es sich, dass ihr Großvater Agrippa diesen Stamm, nachdem dieser den Rhein überschritten hatte, in den römischen Schutz aufgenommen hatte.«

Ausführlich widmet sich Tacitus dem Leben der Agrippina der Jüngeren (Agrippina minor), der Tochter des Feldherrn Germanicus und der Mutter Neros. Was wir hingegen vom Leben des Schriftstellers selbst wissen, ist mit den Worten des Altphilologen Manfred Fuhrmann »kümmerlich«, ja, sogar »so kümmerlich, dass sich daraus mehr Fragen als Antworten ergeben.« Umso beredter ist sein umfangreiches Werk, wenngleich einiges davon nur fragmentarisch überliefert ist: Agricola, Germania, Historiae und Annales.

Vermutlich unmittelbar nach der kaiserlichen Aufwertung der Stadt im Jahre 50 n. Chr., die mit einigen Privilegien verbunden war, entstand die römische Stadtmauer. Wer sich aus Richtung Novaesium näherte, dem heutigen Neuss, der sah auf dem mächtigen Nordtor die markanten Buchstaben prangen: CCAA. Der mittlere Bogen der dreitorigen Anlage ist eine der Attraktionen des Römisch-Germanischen Museums. Weitere Überreste sind am alten Standort zu besichtigen. Ein Seitenflügel, der als Durchgang für Fußgänger diente, ragt auf der Domplatte auf. Das freigelegte Fundament des rund 30 Meter breiten Nordtores erstreckt sich in der darunter liegenden Tiefgarage über zwei Etagen.

Seitenportal Römisches Nordtor © Foto Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (Via Wikimedia Commons)

Schon Strabo hatte festgehalten, dass Agrippa – also der bereits erwähnte Großvater der Agrippina – den Germanenstamm der Ubier auf der linken Reinseite angesiedelt hatte. Und Tacitus war bereits in seiner Germania auf das »Oppidum Ubiorum« eingegangen. Doch die Passage in den Annalen, den vermutlich zwischen 110 bis 120 n. Chr. entstandenen Jahrbüchern, ist eine Art Urschrift der Stadt. Es ist die älteste bekannte Erwähnung der CCAA in der Literatur. Aus der »Colonia«, dem ersten großen C, wurde viele Jahrhunderte später die Ortsangabe »Köln«.

Der Althistoriker Werner Eck hat sich in seiner fundamentalen Untersuchung zu Köln in römischer Zeit ausführlich mit den Hintergründen der Umbenennung befasst. Für Agrippina spielten sentimentale Erwägungen gegenüber der Stadt, in der sie am 6. November des Jahres 15 n. Chr. geboren worden war, wohl keine zentrale Rolle. Vielmehr sieht Eck in der Koloniegründung einen Nachweis für Agrippinas Machtbewusstsein als Ehefrau des Kaisers Claudius. Er war ihr dritter Ehemann und zugleich ihr Onkel (den sie später angeblich mithilfe eines Pilzgerichts vergiften ließ). Nachdem Claudius seinem Geburtsort Lugdunum (Lyon) den Beinamen Claudia gewährt hatte, zog Agrippina mit der Aufwertung ihres Geburtstortes am Rhein nach. Werner Eck beschreibt die Einzigartigkeit des Vorgangs: »Agrippina war die erste und blieb die einzige Römerin, deren Name mit einer römischen Kolonie verbunden wurde.«

 (M. Oe.)

Literatur:

  • Tacitus: Annalen, übersetzt und erläutert von Erich Heller, mit einer Einführung von Manfred Fuhrmann. München 1991.
  • Werner Eck: Köln in römischer Zeit – Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum, Band 1 der Geschichte der Stadt Köln. Köln 2004.
  • Marcus Trier und Friederike Naumann-Steckner: Agrippina – Kaiserin aus Köln. Begleitband zur Ausstellung im Römisch-Germanischen Museum, Köln 2015.
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Casanova ist glücklich in Köln

Francesco Casanova, Portrait seines Bruders Giacomo Casanova, Zeichnung, um 1750, Staatliches Historisches Museum Moskau

Kaum einer kennt ihn nicht, den berühmten Hochstapler, Frauenschwarm und Lebenskünstler Giacomo Casanova (1725–1798). Um sein Leben ranken sich die abenteuerlichsten Geschichten, die er detailliert in seinen fast 3000 Seiten umfassenden Memoiren beschrieb. – Eine kurze Zeit verweilte der Venezianer auch in Köln. Sein erster Besuch war nach eigener Angabe zur Karnevalszeit 1760. Aus Utrecht kommend, nahm er Quartier im Gasthof »Zum Heiligen Geist«, der unweit der Anlegestelle am Leystapel direkt an der Rheingasse lag. Es ist ungefähr die Stelle, an der heute das Gasthaus zum »Roten Ochsen« steht. Vor der Stadt, in der seit 1757 über 20.000 französische Soldaten einquartiert waren, entkam Casanova nur knapp einem Überfall französischer Deserteure, die es auf seine Börse abgesehen hatten. 

»… eine halbe Meile vor der Stadt legten fünf Deserteure, drei rechts und zwei links, auf mich an, indem sie mir zuriefen: Die Börse oder das Leben! Ich aber ergreife mein Pistol, lege auf den Postillion an und drohe ihn niederzuschießen, wenn er nicht im Galopp fortführe; die Meuchelmörder offen auf meinen Wagen, ohne weder einen Menschen noch die Pferde zu verwunden, da sie nicht verstand genug hatten, den Postillion herunterzuschießen.«

Eigentlich wollte er nur einen Tag in Köln bleiben und »wenn mich etwas in Köln zurückhalten könnte, wäre es sicherlich nicht die Neugier, der Hinrichtung einiger Unglücklichen beizuwohnen. Diese Art von Vergnügungen ist durchaus nicht nach meinem Geschmack.« Andere Gründe hingegen kamen da schon eher in Betracht. Casanova erhielt recht schnell nach seiner Ankunft Zutritt in die Kölner Gesellschaft. Über zwei Monate lang wohnte er Theateraufführungen und rauschenden Festen im Karneval bei. Mit der Elite des Kölner Adels besuchte er einen Hofmaskenball zu Bonn und wurde auch vom Kurfürsten huldreichst in seinem Schloss in Brühl empfangen. Von Köln selbst berichtet Casanova wenig, mit einem Lohndiener durchstreifte er zwischenzeitlich die Straßen und besichtigte »alle heroisch-komischen Wunder dieser alten Stadt«.

Der eigentliche Grund jedoch für sein längeres Verweilen in Köln war die Bekanntschaft mit einer jungen Frau, die ihn zum Bleiben überredet habe und zu der er direkt in Liebe entflammt sei. In seinen Erinnerungen berichtet Casanova über das amouröse Abenteuer, das er mit der Gattin eines Kölner Bürgermeisters hatte. Vermutlich handelte es sich um Maria Ursula Columba zum Pütz (1734–1768), die Ehefrau des Bürgermeister Franz Jacob de Groote (1721–1792), die Casanova in einer Theatervorstellung kennengelernt haben will.

»Da ich überzeugt war, daß man mich einigen Damen vorstellen werde, und da ich eine gute Figur während meines Hierseins spielen wollte, so verwendete ich eine Stunde auf meinen Anzug. […] So saß ich in einer Loge, einer hübschen Frau gegenüber, welche mich mehrmals ansah. Es bedurfte dessen kaum, um mich neugierig zu machen. […] Sie empfing mich mit anmuthigem Lächeln, befragte mich über Paris, Brüssel, wo sie erzogen war, und that dies, ohne meinen Antworten die geringste Beachtung zu schenken.«

Ein heimliches Treffen wurde alsbald im Haus des Bürgermeisters verabredet, während jener in Dienstgeschäften unterwegs war. Da das Kabinett der Angebeteten einen direkten Zugang vom Beichtstuhl einer benachbarten Kirche hatte, musste sich Casanova dort bis zur verabredeten Zeit einschließen lassen. In einer kleinen Kammer, die er durch einen privaten Zugang erreichte, wurde er schließlich von der Bürgermeisterfrau empfangen: »Sieben volle Stunden schwelgten wir, und sie schienen mir sehr kurz, obwohl wir uns keine Ruhe gegönnt hatten.« Ort des Geschehens war, nach den Recherchen des Lokalhistorikers F. Walter Jlges, die Wohnung des Küsters der Familienkirche »Im Elend« des Patriziergeschlechtes de Groote am Katharinengraben. Casanova verließ in allen Ehren als hochgeehrter Kavalier die Stadt und das Kurfürstentum Köln. Ein zweiter Aufenthalt in Köln ergab sich im Juli 1767, Casanova befand sich auf der Durchreise von Süddeutschland nach Aachen und Spa. Zu einem erneuten Treffen zwischen ihm und der einst umworbenen Dame kam es jedoch nach eigenem Bericht nicht mehr, er habe eine kühle Aufnahme gefunden, da sie inzwischen sehr fromm geworden sei. 

– GE

Literatur: Denkwürdigkeiten von Jakob Casanova von Seingalt. Von ihm selbst geschrieben. Hg. von M. G. Herni. Bd 6. Hamburg 1856, hier S. 51-75.

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Zentralbibliothek der Stadtbibliothek Köln

»Die Töchter haben endlich eine Mutter«

Zentralbibliothek Köln © Foto Thomas Boxberger

Eine wesentliche Rolle in der Literaturvermittlung und -förderung kam seit ihrer Gründung 1890 der Kölner Stadtbibliothek zu, sie war und ist bis heute eine zentrale Anlaufstelle für Leser*innen und Autor*innen gleichermaßen. Bis 1979 war Köln jedoch die einzige Großstadt in Westdeutschland, ohne ein zentrales Bibliothekssystem. –

Anlässlich der Eröffnung einer Zweigstelle in der Antwerpener Straße, gab die »Neue-Rhein-Zeitung« am 16. November 1965 eine Äußerung des damaligen Kulturdezernenten Kurt Hackenberg wieder: »Hier sehen wir den seltenen Fall, daß eine Tochter vor der Mutter geboren worden ist.« Mit dieser geistreichen Bemerkung machte Hackenberg auf einen Umstand aufmerksam, der die schwierige Situation des Kölner Büchereiwesens auf den Punkt brachte:

Zwar verfügte die Stadt über ein gut ausgebautes Zweigstellennetz, das mit Hilfe privater Spenden im 19. Jahrhundert aufgebaut werden konnte, dennoch fehlte in der Mitte Kölns eine leistungsfähige, öffentliche, wissenschaftliche Bibliothek für die Kölner Bevölkerung.

Erste Pläne für den Bau einer Zentralbibliothek gab es bereits 1906. Unter den Stadtteilbibliotheken erwies sich die sogenannte »Volksbibliothek 1«, die mitten im Zentrum lag, als besonders erfolgreich. Hier wurden bereits 35% des Ausleihverkehrs des gesamten Bibliothekssystems abgewickelt. »Die Errichtung einer größeren und reicher ausgestatteten Zentrale anstelle der zu eng gewordenen Bibliothek 1« wurde im Verwaltungsbericht der Stadt Köln von 1910 als ein erstrebenswertes Ziel bezeichnet. Durch die enormen Kriegszerstörungen, insbesondere im Zweiten Weltkrieg, lag eine Umsetzung dieser Pläne jedoch in weiter Ferne. Während die Bestände der Universitätsbibliothek zum überwiegenden Teil während der Kriegsjahre ausgelagert werden konnten, hatten die Volksbüchereien der Stadt unter den Kriegshandlungen schwer gelitten. 1945 existierten hier von ehemals 170 000 Bänden nur noch 61 000, von denen wiederum lediglich 3600 zur Verfügung standen, da zunächst nur vor 1933 erschienen Werke zum Leihverkehr zugelassen wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Wiederaufbau des Kölner Büchereiwesens vor allem durch eine großflächige Literaturversorgung des Kölner Stadtraums betrieben. Der erste Direktor nach dem Krieg, Leo Schwering, stand 1945 vor den Trümmern. Keine der vierzehn Büchereien war verschont geblieben; die meisten waren vollständig zerstört. 1945 konnten bereits 4 Büchereien und die Musikbücherei in provisorisch hergerichteten Unterkünften und mit magerem Angebot eröffnet werden. 1946 war auch die Blindenbücherei wieder zugänglich. Die Weichen für den Aufbau der Kölner Büchereien waren gestellt. Bis 1958 wurden sieben weitere Ortsteilbüchereien eröffnet. Die Direktion, die abgetrennt von den Zweigstellen in Bürohäusern untergebracht war, bezog nach mehreren Umzügen 1953 ihr Standquartier im Johannishaus. Dort blieb sie über 25 Jahre. 1959 stimmte der Rat der Stadt dem Entwurf für den Bebauungsplan am Josef-Haubrich-Hof zu. Hier sollten langfristig, neben dem Museum Schnütgen, eine Volkshochschule, die Kunsthalle und die Zentralbibliothek entstehen. Erst zwanzig Jahre später kam es zur Ausführung dieser ambitionierten Vorhaben.

Geplant wurde eine Bibliothek, die den Anforderungen an eine Großstadtbibliothek jener Jahre gerecht wird. Modernste Technik, große Benutzerfreundlichkeit sowie ästhetische und städtebauliche Gesichtspunkte wurden bei der Planung berücksichtigt.

 »Inhalt und Funktion sollen von Außen sichtbar und verständlich sein. Dieser Absicht kommt am besten ein transparentes Haus entgegen, in das man hineinsehen kann und dessen Lebendigkeit und Vielfalt nach außen wirken. Wie eine Vitrine, ein Schaufenster soll die Zentralbibliothek Neugier wecken und den Wunsch einzutreten.«  

Horst-Johannes Tümmers, 1979

Besonderen Wert wurde auch auf die Inneneinrichtung und das visuelle Erscheinungsbild gelegt, das von dem Designer Helmut Schmidt-Rehn konzipiert wurde.  Bauplanung und -ausführung ist das Ergebnis einer engen und konstruktiven Zusammenarbeit von Bibliothekar*innen, Architekt*innen, Designer*innen und bildenden Künstler*innen. Nach vierjähriger Bauzeit wurde Kölns erste Zentralbibliothek am 21. September 1979 feierlich im Forum der VHS am Josef-Haubrich-Hof, an dem neben den Stadthonoratioren auch der Ministerpräsident des Landes NRW Johannes Rau (1931–2006) und Heinrich Böll teilnahmen, eröffnet. Besonders erfreulich war, dass nun auch den Sondersammlungen gebührender Raum zugesprochen wurde. Vier Tiefgeschosse boten hinreichend Platz um die Bestände der Stadtbibliothek und der Archive adäquat zu lagern. Neben dem LiK– und Heinrich-Böll-Archiv konnte sich auch die von Heinrich Böll und Paul Schallück gegründete Spezialbibliothek zum deutschsprachigen Judentum, die »Germania Judaica« räumlich entfalten.

Umtrunk nach der Eröffnung: v.l.n.r.: Horst J. Tümmers, Johannes Rau, Marianne Kühn, Heinrich Böll, Peter Nestler © Foto Stadtbibliothek Köln
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Wohnort von Dieter Kühn

»Mülheimer Freiheit« – Wiener Platz

Bull-Hochhaus am Wiener-Platz, Köln-Mülheim, Ansichtskarte von 1977 © Stadtbibliothek Köln/LiK-Archiv

Auf der Suche nach einer neuen Wohnung in Köln kontaktierte Dieter Kühn u. a. seine Verlegerin Gertraud Middelhauve, die ihm ein Angebot vermitteln konnte. Neben ihren Verlagsräumen im 16. Stockwerk des »Bull-Hochhauses« am Wiener Platz, wurde gerade eine Wohnung frei, die von Helmut Lotz mit seinem auf lateinamerikanischer Literatur spezialisierten Verlag »día«, bis zu seinem Umzug nach Berlin genutzt wurde. Kühns Bedenken mögen in Anbetracht der Wohnlage berechtigt gewesen sein. Ein Hochhaus am Verkehrsknotenpunkt Wiener Platz war für einen Schriftsteller, der einen ruhigen Arbeitsplatz benötigte, nicht unbedingt ein idealer Ort.

»Erleichterung dann aber beim ersten Inspektionsgang: Das Hochhaus steht mit dem Rücken zum Verkehrskarussell, ist ausgerichtet nach Südosten, Südwesten; vor dem gestaffelten Bau der Stadtgarten mit Weiher. Im Flur der Verlagswohnung setze ich mich auf einen Stuhl, prüfe den Geräuschpegel im Bau. Der Ausblick hinunter auf den kleinen Park, hinüber zum Hügelkamm des Bergischen Landes, hinaus zum Siebengebirge, hat mich sofort bestochen. […] Die Wohnung selbst, sehr helle Räume. Und kaum ein rechter Winkel: Der in den sechziger Jahren gefeierte Architekt hat den Räumen meist rhombischen oder trapezförmigen Grundriss verliehen; mein Arbeitszimmer hat neun Seitenkanten – fast wie ein Turmzimmer.«

Inspirierend wirkt die Aussicht von seinem Arbeitsplatz auf das Siebengebirge, als Kühn seinen Roman Beethoven und der schwarze Geiger (1996) schrieb. »Das Siebengebirge, das Beethoven in Bonn sah, in Sichtnähe. Meine Postanschrift ist ebenso bezeichnungsreich: Wiener Platz, Beethoven in Wien – alles wie arrangiert.« Neben dem Blick in die Ferne betrachtete Kühn mit großem Interesse das Treiben in der Tiefe, denn unter ihm breitete sich, nur wenige Meter vom hektischen Wiener Platz entfernt, der Mülheimer Stadtgarten aus.

»Doch sedierend der Blick hinab auf den kleinen Park mit den Wiesenflächen. Und dem Teich – für mich Mittelpunkt des Areals. Wasser, vielfach windgeriffelt, vielfach sonnengleißend, zumindest vormittags, und durch die Windriffelungen, durch das Lichtgleißen schwimmen Blessrallen und Enten in Grüppchen. Nachts, wenn der Geräuschpegel dieser viertgrößten Stadt der Republik gesenkt ist, höre ich, bei offnem Fenster, zuweilen eine Ente quaken, ja vor sich hin schimpfen, als würde sie den Schauspieler Hans Moser imitieren.«

Entstanden ist die »grüne Lunge« des Stadtteils 1913 nach Plänen von Gartenarchitekt Josef Vincentz in der Senke eines alten Rheinarms. Besonders beliebt ist der Märchenbrunnen des Kölner Bildhauers Wilhelm Albermann (1835–1913). Er zeigt eine aus Bronze gegossene Gruppe spielender Knaben im Mittelpunkt des Brunnens, die von einem wasserspeienden Otter, einem Seelöwen, einer Schildkröte und einer Echse umrundet werden. Ein Denkmal im Park zeigt Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz (1658–1716), einst bergischer Herrscher über die selbstständige Stadt Mülheim und von den Mülheimern wegen seiner Volksnähe verehrt. Gestiftet wurde die Bronzestatue 1914, als die bis dahin selbstständige Stadt »Mülheim am Rhein« eingemeindet wurde.

Das 64 Meter hohe »Bull-Hochhaus« ist eines der innovativsten und frühesten Hochhausbauten in Köln. Es entstand 1959/1960 als 16-geschossiges Gebäude auf einem mächtigen, farblich abgesetzten Sockel und wurde im Auftrag der französischen Elektrofirma »Compagnie des maschines Bull«, die in Köln ihre Deutschland-Zentrale hatte, gebaut.  Der Entwurf stammte von dem Architekten Karl Hell, der in Köln bereits mehrere Bauten, u.a. das Gebäude der Industrie- und Handelskammer zu Köln (Unter Sachsenhausen 10-26) realisieren konnte. Seit den 1990er Jahren steht das »Bull-Hochhaus« unter Denkmalschutz. Über viele Jahre prangte der Namensschriftzug der Firma Bull an der Außenfassade.

– GE

Literatur: Kühn: Magische Auge, S. 1072, 1075f.

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Gastbeitrag: Buchhandlung Klaus Bittner

Klaus Bittner © Foto Hermann Baus

Als ich 1973 nach meinem Studium in der Kunstbuchhandlung Walther König meine Lehre begonnen habe, war ich erstaunt über die Begegnungen mit unzähligen Künstlern, denen ich zwei Jahre zuhören durfte. Eigentlich habe ich fast alles, was ich über Kunst weiß, durch diese Gespräche gelernt. Als ich meine eigene Buchhandlung aufmachte, war das mein Ziel: eine Begegnungsstätte der Gesprächs- und Diskussionskultur über Literatur und Philosophie zu schaffen. Mir war klar, dass dies unter anderem durch Veranstaltungen in der Buchhandlung und mit Kooperationspartnern erreicht werden konnte. Des Weiteren wollte ich kleinen, unabhängigen Verlagen eine Plattform bieten.

Die Buchhandlung wurde 1980 gegründet. 1990 wurde sie umgebaut und erweitert; 1992 erfolgte die Umwandlung in eine GmbH. Schwerpunkte des Sortiments sind Belletristik, Sach- und Fachbuch, Kinder- und Jugendbuch, fremdsprachige Literatur, Hörbücher, Theater, Lyrik, Graphic Novels, Geisteswissenschaften und Antiquariat. In der jüngsten Vergangenheit wurde speziell das Lyrik-Segment vergrößert.

Mit Joachim Sartorius habe ich in den neunziger Jahren das Poesiefestival Atlas der neuen Poesie gegründet, 1996 mit Reinhold Neven DuMont das Literaturhaus Köln, dessen 2. Vorsitzender ich einige Jahre war. In den Anfangsjahren der Lit.Cologne war ich beratend tätig. Darüber hinaus saß ich seit Jahren in diversen Ausschüssen und Jurys (Deutscher Buchpreis 1995, Kurt-Wolff-Preis von 2001-2003, Crime Cologne Award 2015 und 2016, Kölner Kulturrat e.V., Kurator im KunstSalon Köln sowie Preis der Stiftung Buchkunst). Wir begleiten zudem die phil.Cologne und die POETICA mit Büchertischen bei jeder Veranstaltung.

Buchhandlung Bittner, Albertusstraße © Foto Hermann Baus

Seit 1986 habe ich mehr als fünfzig Titel im Verlag der Buchhandlung Klaus Bittner verlegt, darunter die Reihen TransLit, Schriftenreihe des Heinrich-Böll-Preises der Stadt Köln, des LIK-Archivs/ Heinrich-Böll-Archivs der Stadtbibliothek Köln, die Thyssen Lectures sowie die Beiträge zur rheinisch-jüdischen Geschichte (Miqua).

41 Jahre nach Gründung meiner Buchhandlung scheint meine Idee aufgegangen zu sein. Keinen Raum zu schaffen, in dem weihevoll geflüstert wird, sondern eine Atmosphäre, in der ein lebendiger Austausch zwischen Kunden und Buchhändlern und Kunden mit Kunden stattfinden kann. Privatkunden und Institutionen aus dem In- und Ausland, die wir regelmäßig beliefern, loben unseren Web-Auftritt mit seinem Onlineshop.

Seit 2017 sind wir auch bei Facebook und Instagram vertreten, hier weisen wir auf Veranstaltungen hin, stellen regelmäßig Novitäten und Aktuelles vor.

Wir sind ein Team von insgesamt sechs Kolleginnen und Kollegen (ein Auszubildender & eine studentische Teilzeitkraft). 2014 erhielten wir den Julius-Campe-Preis für die Verdienste um den deutschen Buchhandel; 2016, 2017 und 2018 (Kategorie: Beste Buchhandlung) sind wir mit dem Deutschen Buchhandelspreis ausgezeichnet worden.

– Klaus Bittner

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Victor Hugos Besuch in Köln

»Besser in Deutz wohnen und Köln sehen, als in Köln wohnen und Deutz sehen.«

Victor Hugo, 1840

Achille Devéria: Victor Hugo, 1829, Lithographie © NGA 208390, CC0 1.0 via Wikimedia Commons

In seinem Buch Le Rhin. Lettre à une ami (1842), das als Höhepunkt der romantischen Reiseliteratur gilt, berichtet der französische Dichter Victor Hugo (1802-1885) von seinen Reisen entlang des Rheins in den Jahren 1839 und 1840. Hugo weist seinen Bericht als Ergebnis zweier getrennter Rheinreisen aus und datiert den Hauptteil von 1840 auf 1839. Notizen, die während seiner ersten Rheinreise entstanden sind, fügte er mit ein. Der in der Ich-Form geschriebene Bericht richtet sich an einen imaginären Freund, der in Wahrheit Hugos Ehefrau Adèle im heimischen Paris ist. Auf beiden Reisen wurde er von der Schauspielerin Juliette Drouet (1806-1883), seiner langjährigen Geliebten, begleitet. – Hugos Rheinreise hebt sich insofern von anderen Reiseberichten ab, da es dem Verfasser nicht um das bloße Zusammentragen von Fakten oder die Wiedergabe allseits bekannter Sagen ging. Stattdessen bilden erzählende und beschreibende Passagen zusammen mit historischen und geografischen Exkursen eine vielseitige Darstellung, in der das subjektiv Erlebte im Vordergrund der Beschreibungen steht.

Auf Hugos Reiseplan stand neben zahlreichen anderen Stationen auch ein Aufenthalt in Köln. Unterkunft fand er in Deutz, im Gasthaus »Hotel Bellevue«. Durch die Schiffbrücke wurde Deutz das Ziel zahlreicher Kölner bei abendlichen und Sonntagsspaziergängen; ein bevorzugtes Lokal am Rheinufer war das alte Marienbildchen, das seit 1833 zum »Hotel Bellevue« umgestaltet wurde. Auch Hugo genoss von hier aus die phantastische Aussicht auf Köln. Die Stadtbesichtigung umfasste den damals noch unvollendeten Dom, das Rathaus, Haus Jabach sowie das Museum Wallraf im ehemaligen Quartier der Kölner Erzbischöfe in der Trankgasse. – Statt eines geplanten zweiwöchigen Aufenthaltes, brach Hugo seinen Aufenthalt in Köln jedoch schon frühzeitig nach einer Woche wegen Dauerregen und Unwetter ab. Mit dem Dampfschiff ging es weiter, rheinaufwärts, nach St. Goar. – Nachfolgend ein Auszug aus Hugos Reiseaufzeichnung aus Köln:

– GE