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»Nach Köln hin wälzt der Rhein sein heiliges Wasser fort«

Die Marcel-Proust-Promenade

Ein Gastbeitrag von Martin Oehlen
Jacques-Emile Blanche: Porträt von Marcel Proust 1892, Öl auf Leinwand, 73,5 x 60,5 cm © RMN-Grand Palais (Musée d’Orsay) CC BY 3.0

Marcel Proust (1871–1922) ist nie in Köln gewesen. In Deutschland hat er es lediglich bis nach Bad Kreuznach geschafft. Dennoch ist Köln diejenige deutsche Stadt, in der dem Autor des siebenbändigen Romankolosses A la recherche du temps perdu (dt. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) besonders große Aufmerksamkeit zuteilwird. Die hier ansässige Marcel-Proust-Gesellschaft ist nicht nur damit befasst, ihre Mitglieder zu einschlägigen Versammlungen einzuladen. Auch leistet sie mit zahlreichen Veröffentlichungen ihren Beitrag zur Erforschung des Autors und seines Werks. Überdies hat der Kunst- und Literatursammler Reiner Speck in seiner »Bibliotheca Proustiana« einen außerordentlichen Schatz zusammengetragen. Dazu gehört seit 2021 jenes Manuskript, in dem Proust das einzige Mal in seinem Gesamtwerk die Stadt Köln erwähnt – sieht man einmal ab vom Duftwasser »Eau de Cologne«. In Les plaisirs et les jours (dt. Freuden und Tage), Prousts erster Veröffentlichung aus dem Jahre 1896, lautet eine Gedichtzeile: »Vers Cologne le Rhin roule ses eaux sacrées« (dt. »Nach Köln hin wälzt der Rhein sein heiliges Wasser fort«).

Die Kölner Wertschätzung für den großen Franzosen findet ihren allgemein wahrnehmbaren Ausdruck auf der Marcel-Proust-Promenade. Als sie Ende Juni 2009 im Stadtwald eröffnet wurde, auf Initiative von Reiner Speck, dem Präsidenten der Marcel-Proust-Gesellschaft, war sie deutschlandweit die erste Straße, die den Namen des Dichters erhielt.    

Vom Spazierengehen ist in der Suche nach der verlorenen Zeit oft die Rede. Da promenieren wir mit dem Ich-Erzähler am Atlantikstrand bei Balbec (dem realen Cabourg), auf dem Méséglise-Weg und auf dem Guermantes-Weg in Combray (dem realen Illiers-Combray), in den Gassen der »verzauberten Stadt« Venedig und im Bois de Boulogne in Paris. Mal ist er allein unterwegs und mal in Begleitung, mal hängt er seinen Träumen nach und mal lässt er seine Gedanken schweifen, mal beobachtet er Passanten und mal erfreut er sich an der Natur. Nicht zuletzt tut ihm die Bewegung gut: Gerade »nach langen Stunden über einem Buch« empfand sein Körper »das Bedürfnis, sich wie ein losgelassener Kreisel in alle Richtungen zu verausgaben«.

Reiner Speck an der Marcel-Proust-Promenade, Köln, 26.8.2009 © Foto Burkhard Maus

Zu alledem lädt die Marcel-Proust-Promenade ein. Sie beschreibt einen großen Halbkreis im Stadtwald, mit dessen Anlage 1895 nach einem Entwurf von Gartenbaudirektor Adolf Kowallek begonnen worden war. Das geschah zu jener Zeit, da Marcel Proust eine undotierte Stelle in der Bibliothèque Mazarine in Paris annahm. Allerdings war er in der ältesten Bibliothek des Landes – krankheitsbedingt – nur selten anzutreffen. Außerdem begann er in jenem Jahr 1895 den Fragment gebliebenen Roman Jean Santeuil. Dieses Werk empfiehlt Rudolf Steiert im Band 1 der Schriftenreihe Sur la lecture, herausgegeben von der Marcel-Proust-Gesellschaft, als einen möglichen Leseeinstieg für Proust-Anfänger: »Dieses (von ihm selbst verworfene) Frühwerk ist eine Art Vorstudie zur ›Recherche‹, leichter zu lesen als diese und meines Erachtens zur Einstimmung gut geeignet (auch zum Weitermachen, nach meiner Erfahrung, wenn die Lektüre des magnum opus mal ins Stocken gerät.)«.

Die asphaltierte Promenade zwischen Dürener Straße und Friedrich-Schmidt-Straße, auf dem Anfang der 1930er Jahre gelegentlich Motorradrennen veranstaltet wurden, führt durch Mischwald und über einen sehr sanften Hügel. An der Strecke liegen Tennisplätze, ein recht verwunschener Teich (mit einer kanalisierten Verbindung zum Kahnweiher nebst Wasserfontäne), eine Skaterbahn, eine Erinnerungstafel für die ehemalige »Waldschenke«, die 1889 »tief im Wald auf dem tieferliegenden Teil der Volkswiese« im sogenannten Villenstil errichtet worden ist, bald darauf der Tierpark und – wenn auch von Bäumen verdeckt und etwas distanziert – der Sitz der Marcel-Proust-Gesellschaft in der Brahmsstraße.

Zweimal quert eine eingleisige Bahntrasse den Weg. Auf ihr werden allerdings nur gelegentlich Güterwaggons zwischen dem Niehler Hafen und Frechen bewegt, so dass Spaziergänger, Jogger, Hundehalter und Radfahrer kaum einmal ausgebremst werden. Wer einen Ausblick über Wiese und Baumwipfel hinweg wünscht, muss auf dem Scheitelpunkt des Hügels nur einen winzigen Abstecher zum »Dreizehn-Linden-Platz« machen. Zwar sieht man hier weder »die feine Spitze des Glockenturms von Saint-Hilaire«, wie der Erzähler auf einem Spaziergang im Teilband Combray, noch die Spitzen des Kölner Doms. Schön ist es dort oben gleichwohl.

Proust-Leserinnen und Proust-Leser werden noch einen weiteren Aspekt zu würdigen wissen. Der Weißdorn nämlich, dessen »bitteren und süßen Mandelgeruch« der Erzähler der Recherche intensiv erlebt und der einige Male seine Erinnerung anregt, wächst auch entlang der Marcel-Proust-Promenade im Kölner Stadtwald.

Martin Oehlen

geb. 1955 in Kaldenkirchen, kam 1980 nach seinem Studium zum Kölner Stadt-Anzeiger. 1989 wurde er stellvertretender Leiter der Kulturredaktion, ab 2001 übernahm er die Leitung des Ressorts. Besonders verdienstvoll war Oehlens Engagement für die Aktionen »Kultursonntag«, »Ein Buch für die Stadt« und für das monatliche »Büchermagazin« des Kölner Stadt-Anzeiger. Als Autor und Rezensent arbeitet er auch nach seiner Pensionierung (2019) für den Kölner Stadt-Anzeiger, gemeinsam mit Petra Pluwatsch betreibt er den Literaturblog Bücheratlas.

Literatur
  • Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, dt. von Bernd-Jürgen Stuttgart 2013-2016.
  • Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, dt. von Eva Rechel-Mertens und überarbeitet von Luzius Keller. Frankfurter Ausgabe (7 Bde.)  Frankfurt/M.  2011.
  • Konrad Adenauer und Volke Gröbe: Lindenthal – Die Entwicklung eines Kölner Vorortes, Köln 2004.
  • Rudolf Steiert: Sur la lecture, Band 1. Hg. v. der Marcel-Proust-Gesellschaft. Köln 1995.

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»Colonia Claudia Ara Agrippinensium«

Ein Gastbeitrag von Martin Oehlen
Römischer Torbogen (Nordtor), Römisch-Germanisches Museum. Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_c001794, http://www.kulturelles-erbe-koeln.de

Die Annalen des P. Cornelius Tacitus gelten als ein Höhepunkt der antiken Geschichtsschreibung. Sie widmen sich der Julisch-Claudischen Dynastie, beginnend mit dem Tod von Kaiser Augustus im Jahre 14 n. Chr. und endend mit Kaiser Nero, der von 54 bis 68 regierte. Im 12. Buch dieser römischen Geschichte findet sich jene Passage, in der erstmals geschildert wird, wie aus der Stadt der Ubier, die einst Augustus hatte gründen lassen, die »Colonia Claudia Ara Agrippinensium« (CCAA) geworden ist, also die »Kolonie des Claudius am Altar der Agrippinensier«. Im 27. Kapitel lesen wir:

»Agrippina aber setzte durch, um auch den verbündeten Völkern ihre Macht zu demonstrieren, dass in der Stadt der Ubier, in der sie geboren worden war, Veteranen angesiedelt und eine nach ihr benannte Kolonie gegründet wurde. Zufällig fügte es sich, dass ihr Großvater Agrippa diesen Stamm, nachdem dieser den Rhein überschritten hatte, in den römischen Schutz aufgenommen hatte.«

Ausführlich widmet sich Tacitus dem Leben der Agrippina der Jüngeren (Agrippina minor), der Tochter des Feldherrn Germanicus und der Mutter Neros. Was wir hingegen vom Leben des Schriftstellers selbst wissen, ist mit den Worten des Altphilologen Manfred Fuhrmann »kümmerlich«, ja, sogar »so kümmerlich, dass sich daraus mehr Fragen als Antworten ergeben.« Umso beredter ist sein umfangreiches Werk, wenngleich einiges davon nur fragmentarisch überliefert ist: Agricola, Germania, Historiae und Annales.

Vermutlich unmittelbar nach der kaiserlichen Aufwertung der Stadt im Jahre 50 n. Chr., die mit einigen Privilegien verbunden war, entstand die römische Stadtmauer. Wer sich aus Richtung Novaesium näherte, dem heutigen Neuss, der sah auf dem mächtigen Nordtor die markanten Buchstaben prangen: CCAA. Der mittlere Bogen der dreitorigen Anlage ist eine der Attraktionen des Römisch-Germanischen Museums. Weitere Überreste sind am alten Standort zu besichtigen. Ein Seitenflügel, der als Durchgang für Fußgänger diente, ragt auf der Domplatte auf. Das freigelegte Fundament des rund 30 Meter breiten Nordtores erstreckt sich in der darunter liegenden Tiefgarage über zwei Etagen.

Seitenportal Römisches Nordtor © Foto Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (Via Wikimedia Commons)

Schon Strabo hatte festgehalten, dass Agrippa – also der bereits erwähnte Großvater der Agrippina – den Germanenstamm der Ubier auf der linken Reinseite angesiedelt hatte. Und Tacitus war bereits in seiner Germania auf das »Oppidum Ubiorum« eingegangen. Doch die Passage in den Annalen, den vermutlich zwischen 110 bis 120 n. Chr. entstandenen Jahrbüchern, ist eine Art Urschrift der Stadt. Es ist die älteste bekannte Erwähnung der CCAA in der Literatur. Aus der »Colonia«, dem ersten großen C, wurde viele Jahrhunderte später die Ortsangabe »Köln«.

Der Althistoriker Werner Eck hat sich in seiner fundamentalen Untersuchung zu Köln in römischer Zeit ausführlich mit den Hintergründen der Umbenennung befasst. Für Agrippina spielten sentimentale Erwägungen gegenüber der Stadt, in der sie am 6. November des Jahres 15 n. Chr. geboren worden war, wohl keine zentrale Rolle. Vielmehr sieht Eck in der Koloniegründung einen Nachweis für Agrippinas Machtbewusstsein als Ehefrau des Kaisers Claudius. Er war ihr dritter Ehemann und zugleich ihr Onkel (den sie später angeblich mithilfe eines Pilzgerichts vergiften ließ). Nachdem Claudius seinem Geburtsort Lugdunum (Lyon) den Beinamen Claudia gewährt hatte, zog Agrippina mit der Aufwertung ihres Geburtstortes am Rhein nach. Werner Eck beschreibt die Einzigartigkeit des Vorgangs: »Agrippina war die erste und blieb die einzige Römerin, deren Name mit einer römischen Kolonie verbunden wurde.«

Martin Oehlen

geb. 1955 in Kaldenkirchen, kam 1980 nach seinem Studium zum Kölner Stadt-Anzeiger. 1989 wurde er stellvertretender Leiter der Kulturredaktion, ab 2001 übernahm er die Leitung des Ressorts. Besonders verdienstvoll war Oehlens Engagement für die Aktionen »Kultursonntag«, »Ein Buch für die Stadt« und für das monatliche »Büchermagazin« des Kölner Stadt-Anzeiger. Als Autor und Rezensent arbeitet er auch nach seiner Pensionierung (2019) für den Kölner Stadt-Anzeiger, gemeinsam mit Petra Pluwatsch betreibt er den Literaturblog Bücheratlas.

Literatur
  • Tacitus: Annalen, übersetzt und erläutert von Erich Heller, mit einer Einführung von Manfred Fuhrmann. München 1991.
  • Werner Eck: Köln in römischer Zeit – Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum, Band 1 der Geschichte der Stadt Köln. Köln 2004.
  • Marcus Trier und Friederike Naumann-Steckner: Agrippina – Kaiserin aus Köln. Begleitband zur Ausstellung im Römisch-Germanischen Museum, Köln 2015.

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Casanova ist glücklich in Köln

Francesco Casanova, Portrait seines Bruders Giacomo Casanova, Zeichnung, um 1750, Staatliches Historisches Museum Moskau

Kaum einer kennt ihn nicht, den berühmten Hochstapler, Frauenschwarm und Lebenskünstler Giacomo Casanova (1725–1798). Um sein Leben ranken sich die abenteuerlichsten Geschichten, die er detailliert in seinen fast 3000 Seiten umfassenden Memoiren beschrieb. – Eine kurze Zeit verweilte der Venezianer auch in Köln. Sein erster Besuch war nach eigener Angabe zur Karnevalszeit 1760. Aus Utrecht kommend, nahm er Quartier im Gasthof »Zum Heiligen Geist«, der unweit der Anlegestelle am Leystapel direkt an der Rheingasse lag. Es ist ungefähr die Stelle, an der heute das Gasthaus zum »Roten Ochsen« steht. Vor der Stadt, in der seit 1757 über 20.000 französische Soldaten einquartiert waren, entkam Casanova nur knapp einem Überfall französischer Deserteure, die es auf seine Börse abgesehen hatten. 

»… eine halbe Meile vor der Stadt legten fünf Deserteure, drei rechts und zwei links, auf mich an, indem sie mir zuriefen: Die Börse oder das Leben! Ich aber ergreife mein Pistol, lege auf den Postillion an und drohe ihn niederzuschießen, wenn er nicht im Galopp fortführe; die Meuchelmörder offen auf meinen Wagen, ohne weder einen Menschen noch die Pferde zu verwunden, da sie nicht verstand genug hatten, den Postillion herunterzuschießen.«

Eigentlich wollte er nur einen Tag in Köln bleiben und »wenn mich etwas in Köln zurückhalten könnte, wäre es sicherlich nicht die Neugier, der Hinrichtung einiger Unglücklichen beizuwohnen. Diese Art von Vergnügungen ist durchaus nicht nach meinem Geschmack.« Andere Gründe hingegen kamen da schon eher in Betracht. Casanova erhielt recht schnell nach seiner Ankunft Zutritt in die Kölner Gesellschaft. Über zwei Monate lang wohnte er Theateraufführungen und rauschenden Festen im Karneval bei. Mit der Elite des Kölner Adels besuchte er einen Hofmaskenball zu Bonn und wurde auch vom Kurfürsten huldreichst in seinem Schloss in Brühl empfangen. Von Köln selbst berichtet Casanova wenig, mit einem Lohndiener durchstreifte er zwischenzeitlich die Straßen und besichtigte »alle heroisch-komischen Wunder dieser alten Stadt«.

Der eigentliche Grund jedoch für sein längeres Verweilen in Köln war die Bekanntschaft mit einer jungen Frau, die ihn zum Bleiben überredet habe und zu der er direkt in Liebe entflammt sei. In seinen Erinnerungen berichtet Casanova über das amouröse Abenteuer, das er mit der Gattin eines Kölner Bürgermeisters hatte. Vermutlich handelte es sich um Maria Ursula Columba zum Pütz (1734–1768), die Ehefrau des Bürgermeister Franz Jacob de Groote (1721–1792), die Casanova in einer Theatervorstellung kennengelernt haben will.

»Da ich überzeugt war, daß man mich einigen Damen vorstellen werde, und da ich eine gute Figur während meines Hierseins spielen wollte, so verwendete ich eine Stunde auf meinen Anzug. […] So saß ich in einer Loge, einer hübschen Frau gegenüber, welche mich mehrmals ansah. Es bedurfte dessen kaum, um mich neugierig zu machen. […] Sie empfing mich mit anmuthigem Lächeln, befragte mich über Paris, Brüssel, wo sie erzogen war, und that dies, ohne meinen Antworten die geringste Beachtung zu schenken.«

Ein heimliches Treffen wurde alsbald im Haus des Bürgermeisters verabredet, während jener in Dienstgeschäften unterwegs war. Da das Kabinett der Angebeteten einen direkten Zugang vom Beichtstuhl einer benachbarten Kirche hatte, musste sich Casanova dort bis zur verabredeten Zeit einschließen lassen. In einer kleinen Kammer, die er durch einen privaten Zugang erreichte, wurde er schließlich von der Bürgermeisterfrau empfangen: »Sieben volle Stunden schwelgten wir, und sie schienen mir sehr kurz, obwohl wir uns keine Ruhe gegönnt hatten.« Ort des Geschehens war, nach den Recherchen des Lokalhistorikers F. Walter Jlges, die Wohnung des Küsters der Familienkirche »Im Elend« des Patriziergeschlechtes de Groote am Katharinengraben. Casanova verließ in allen Ehren als hochgeehrter Kavalier die Stadt und das Kurfürstentum Köln. Ein zweiter Aufenthalt in Köln ergab sich im Juli 1767, Casanova befand sich auf der Durchreise von Süddeutschland nach Aachen und Spa. Zu einem erneuten Treffen zwischen ihm und der einst umworbenen Dame kam es jedoch nach eigenem Bericht nicht mehr, er habe eine kühle Aufnahme gefunden, da sie inzwischen sehr fromm geworden sei. 

– GE

Literatur: Denkwürdigkeiten von Jakob Casanova von Seingalt. Von ihm selbst geschrieben. Hg. von M. G. Herni. Bd 6. Hamburg 1856, hier S. 51-75.

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Zentralbibliothek der Stadtbibliothek Köln

»Die Töchter haben endlich eine Mutter«

Zentralbibliothek Köln © Foto Thomas Boxberger

Eine wesentliche Rolle in der Literaturvermittlung und -förderung kam seit ihrer Gründung 1890 der Kölner Stadtbibliothek zu, sie war und ist bis heute eine zentrale Anlaufstelle für Leser*innen und Autor*innen gleichermaßen. Bis 1979 war Köln jedoch die einzige Großstadt in Westdeutschland, ohne ein zentrales Bibliothekssystem. –

Anlässlich der Eröffnung einer Zweigstelle in der Antwerpener Straße, gab die »Neue-Rhein-Zeitung« am 16. November 1965 eine Äußerung des damaligen Kulturdezernenten Kurt Hackenberg wieder: »Hier sehen wir den seltenen Fall, daß eine Tochter vor der Mutter geboren worden ist.« Mit dieser geistreichen Bemerkung machte Hackenberg auf einen Umstand aufmerksam, der die schwierige Situation des Kölner Büchereiwesens auf den Punkt brachte:

Zwar verfügte die Stadt über ein gut ausgebautes Zweigstellennetz, das mit Hilfe privater Spenden im 19. Jahrhundert aufgebaut werden konnte, dennoch fehlte in der Mitte Kölns eine leistungsfähige, öffentliche, wissenschaftliche Bibliothek für die Kölner Bevölkerung.

Erste Pläne für den Bau einer Zentralbibliothek gab es bereits 1906. Unter den Stadtteilbibliotheken erwies sich die sogenannte »Volksbibliothek 1«, die mitten im Zentrum lag, als besonders erfolgreich. Hier wurden bereits 35% des Ausleihverkehrs des gesamten Bibliothekssystems abgewickelt. »Die Errichtung einer größeren und reicher ausgestatteten Zentrale anstelle der zu eng gewordenen Bibliothek 1« wurde im Verwaltungsbericht der Stadt Köln von 1910 als ein erstrebenswertes Ziel bezeichnet. Durch die enormen Kriegszerstörungen, insbesondere im Zweiten Weltkrieg, lag eine Umsetzung dieser Pläne jedoch in weiter Ferne. Während die Bestände der Universitätsbibliothek zum überwiegenden Teil während der Kriegsjahre ausgelagert werden konnten, hatten die Volksbüchereien der Stadt unter den Kriegshandlungen schwer gelitten. 1945 existierten hier von ehemals 170 000 Bänden nur noch 61 000, von denen wiederum lediglich 3600 zur Verfügung standen, da zunächst nur vor 1933 erschienen Werke zum Leihverkehr zugelassen wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Wiederaufbau des Kölner Büchereiwesens vor allem durch eine großflächige Literaturversorgung des Kölner Stadtraums betrieben. Der erste Direktor nach dem Krieg, Leo Schwering, stand 1945 vor den Trümmern. Keine der vierzehn Büchereien war verschont geblieben; die meisten waren vollständig zerstört. 1945 konnten bereits 4 Büchereien und die Musikbücherei in provisorisch hergerichteten Unterkünften und mit magerem Angebot eröffnet werden. 1946 war auch die Blindenbücherei wieder zugänglich. Die Weichen für den Aufbau der Kölner Büchereien waren gestellt. Bis 1958 wurden sieben weitere Ortsteilbüchereien eröffnet. Die Direktion, die abgetrennt von den Zweigstellen in Bürohäusern untergebracht war, bezog nach mehreren Umzügen 1953 ihr Standquartier im Johannishaus. Dort blieb sie über 25 Jahre. 1959 stimmte der Rat der Stadt dem Entwurf für den Bebauungsplan am Josef-Haubrich-Hof zu. Hier sollten langfristig, neben dem Museum Schnütgen, eine Volkshochschule, die Kunsthalle und die Zentralbibliothek entstehen. Erst zwanzig Jahre später kam es zur Ausführung dieser ambitionierten Vorhaben.

Geplant wurde eine Bibliothek, die den Anforderungen an eine Großstadtbibliothek jener Jahre gerecht wird. Modernste Technik, große Benutzerfreundlichkeit sowie ästhetische und städtebauliche Gesichtspunkte wurden bei der Planung berücksichtigt.

 »Inhalt und Funktion sollen von Außen sichtbar und verständlich sein. Dieser Absicht kommt am besten ein transparentes Haus entgegen, in das man hineinsehen kann und dessen Lebendigkeit und Vielfalt nach außen wirken. Wie eine Vitrine, ein Schaufenster soll die Zentralbibliothek Neugier wecken und den Wunsch einzutreten.«  

Horst-Johannes Tümmers, 1979

Besonderen Wert wurde auch auf die Inneneinrichtung und das visuelle Erscheinungsbild gelegt, das von dem Designer Helmut Schmidt-Rehn konzipiert wurde.  Bauplanung und -ausführung ist das Ergebnis einer engen und konstruktiven Zusammenarbeit von Bibliothekar*innen, Architekt*innen, Designer*innen und bildenden Künstler*innen. Nach vierjähriger Bauzeit wurde Kölns erste Zentralbibliothek am 21. September 1979 feierlich im Forum der VHS am Josef-Haubrich-Hof, an dem neben den Stadthonoratioren auch der Ministerpräsident des Landes NRW Johannes Rau (1931–2006) und Heinrich Böll teilnahmen, eröffnet. Besonders erfreulich war, dass nun auch den Sondersammlungen gebührender Raum zugesprochen wurde. Vier Tiefgeschosse boten hinreichend Platz um die Bestände der Stadtbibliothek und der Archive adäquat zu lagern. Neben dem LiK– und Heinrich-Böll-Archiv konnte sich auch die von Heinrich Böll und Paul Schallück gegründete Spezialbibliothek zum deutschsprachigen Judentum, die »Germania Judaica« räumlich entfalten.

Umtrunk nach der Eröffnung: v.l.n.r.: Horst J. Tümmers, Johannes Rau, Marianne Kühn, Heinrich Böll, Peter Nestler © Foto Stadtbibliothek Köln
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Wohnort von Dieter Kühn

»Mülheimer Freiheit« – Wiener Platz

Bull-Hochhaus am Wiener-Platz, Köln-Mülheim, Ansichtskarte von 1977 © Stadtbibliothek Köln/LiK-Archiv

Auf der Suche nach einer neuen Wohnung in Köln kontaktierte Dieter Kühn u. a. seine Verlegerin Gertraud Middelhauve, die ihm ein Angebot vermitteln konnte. Neben ihren Verlagsräumen im 16. Stockwerk des »Bull-Hochhauses« am Wiener Platz, wurde gerade eine Wohnung frei, die von Helmut Lotz mit seinem auf lateinamerikanischer Literatur spezialisierten Verlag »día«, bis zu seinem Umzug nach Berlin genutzt wurde. Kühns Bedenken mögen in Anbetracht der Wohnlage berechtigt gewesen sein. Ein Hochhaus am Verkehrsknotenpunkt Wiener Platz war für einen Schriftsteller, der einen ruhigen Arbeitsplatz benötigte, nicht unbedingt ein idealer Ort.

»Erleichterung dann aber beim ersten Inspektionsgang: Das Hochhaus steht mit dem Rücken zum Verkehrskarussell, ist ausgerichtet nach Südosten, Südwesten; vor dem gestaffelten Bau der Stadtgarten mit Weiher. Im Flur der Verlagswohnung setze ich mich auf einen Stuhl, prüfe den Geräuschpegel im Bau. Der Ausblick hinunter auf den kleinen Park, hinüber zum Hügelkamm des Bergischen Landes, hinaus zum Siebengebirge, hat mich sofort bestochen. […] Die Wohnung selbst, sehr helle Räume. Und kaum ein rechter Winkel: Der in den sechziger Jahren gefeierte Architekt hat den Räumen meist rhombischen oder trapezförmigen Grundriss verliehen; mein Arbeitszimmer hat neun Seitenkanten – fast wie ein Turmzimmer.«

Inspirierend wirkt die Aussicht von seinem Arbeitsplatz auf das Siebengebirge, als Kühn seinen Roman Beethoven und der schwarze Geiger (1996) schrieb. »Das Siebengebirge, das Beethoven in Bonn sah, in Sichtnähe. Meine Postanschrift ist ebenso bezeichnungsreich: Wiener Platz, Beethoven in Wien – alles wie arrangiert.« Neben dem Blick in die Ferne betrachtete Kühn mit großem Interesse das Treiben in der Tiefe, denn unter ihm breitete sich, nur wenige Meter vom hektischen Wiener Platz entfernt, der Mülheimer Stadtgarten aus.

»Doch sedierend der Blick hinab auf den kleinen Park mit den Wiesenflächen. Und dem Teich – für mich Mittelpunkt des Areals. Wasser, vielfach windgeriffelt, vielfach sonnengleißend, zumindest vormittags, und durch die Windriffelungen, durch das Lichtgleißen schwimmen Blessrallen und Enten in Grüppchen. Nachts, wenn der Geräuschpegel dieser viertgrößten Stadt der Republik gesenkt ist, höre ich, bei offnem Fenster, zuweilen eine Ente quaken, ja vor sich hin schimpfen, als würde sie den Schauspieler Hans Moser imitieren.«

Entstanden ist die »grüne Lunge« des Stadtteils 1913 nach Plänen von Gartenarchitekt Josef Vincentz in der Senke eines alten Rheinarms. Besonders beliebt ist der Märchenbrunnen des Kölner Bildhauers Wilhelm Albermann (1835–1913). Er zeigt eine aus Bronze gegossene Gruppe spielender Knaben im Mittelpunkt des Brunnens, die von einem wasserspeienden Otter, einem Seelöwen, einer Schildkröte und einer Echse umrundet werden. Ein Denkmal im Park zeigt Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz (1658–1716), einst bergischer Herrscher über die selbstständige Stadt Mülheim und von den Mülheimern wegen seiner Volksnähe verehrt. Gestiftet wurde die Bronzestatue 1914, als die bis dahin selbstständige Stadt »Mülheim am Rhein« eingemeindet wurde.

Das 64 Meter hohe »Bull-Hochhaus« ist eines der innovativsten und frühesten Hochhausbauten in Köln. Es entstand 1959/1960 als 16-geschossiges Gebäude auf einem mächtigen, farblich abgesetzten Sockel und wurde im Auftrag der französischen Elektrofirma »Compagnie des maschines Bull«, die in Köln ihre Deutschland-Zentrale hatte, gebaut.  Der Entwurf stammte von dem Architekten Karl Hell, der in Köln bereits mehrere Bauten, u.a. das Gebäude der Industrie- und Handelskammer zu Köln (Unter Sachsenhausen 10-26) realisieren konnte. Seit den 1990er Jahren steht das »Bull-Hochhaus« unter Denkmalschutz. Über viele Jahre prangte der Namensschriftzug der Firma Bull an der Außenfassade.

– GE

Literatur: Kühn: Magische Auge, S. 1072, 1075f.

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Gastbeitrag: Buchhandlung Klaus Bittner

Klaus Bittner © Foto Hermann Baus

Als ich 1973 nach meinem Studium in der Kunstbuchhandlung Walther König meine Lehre begonnen habe, war ich erstaunt über die Begegnungen mit unzähligen Künstlern, denen ich zwei Jahre zuhören durfte. Eigentlich habe ich fast alles, was ich über Kunst weiß, durch diese Gespräche gelernt. Als ich meine eigene Buchhandlung aufmachte, war das mein Ziel: eine Begegnungsstätte der Gesprächs- und Diskussionskultur über Literatur und Philosophie zu schaffen. Mir war klar, dass dies unter anderem durch Veranstaltungen in der Buchhandlung und mit Kooperationspartnern erreicht werden konnte. Des Weiteren wollte ich kleinen, unabhängigen Verlagen eine Plattform bieten.

Die Buchhandlung wurde 1980 gegründet. 1990 wurde sie umgebaut und erweitert; 1992 erfolgte die Umwandlung in eine GmbH. Schwerpunkte des Sortiments sind Belletristik, Sach- und Fachbuch, Kinder- und Jugendbuch, fremdsprachige Literatur, Hörbücher, Theater, Lyrik, Graphic Novels, Geisteswissenschaften und Antiquariat. In der jüngsten Vergangenheit wurde speziell das Lyrik-Segment vergrößert.

Mit Joachim Sartorius habe ich in den neunziger Jahren das Poesiefestival Atlas der neuen Poesie gegründet, 1996 mit Reinhold Neven DuMont das Literaturhaus Köln, dessen 2. Vorsitzender ich einige Jahre war. In den Anfangsjahren der Lit.Cologne war ich beratend tätig. Darüber hinaus saß ich seit Jahren in diversen Ausschüssen und Jurys (Deutscher Buchpreis 1995, Kurt-Wolff-Preis von 2001-2003, Crime Cologne Award 2015 und 2016, Kölner Kulturrat e.V., Kurator im KunstSalon Köln sowie Preis der Stiftung Buchkunst). Wir begleiten zudem die phil.Cologne und die POETICA mit Büchertischen bei jeder Veranstaltung.

Buchhandlung Bittner, Albertusstraße © Foto Hermann Baus

Seit 1986 habe ich mehr als fünfzig Titel im Verlag der Buchhandlung Klaus Bittner verlegt, darunter die Reihen TransLit, Schriftenreihe des Heinrich-Böll-Preises der Stadt Köln, des LIK-Archivs/ Heinrich-Böll-Archivs der Stadtbibliothek Köln, die Thyssen Lectures sowie die Beiträge zur rheinisch-jüdischen Geschichte (Miqua).

41 Jahre nach Gründung meiner Buchhandlung scheint meine Idee aufgegangen zu sein. Keinen Raum zu schaffen, in dem weihevoll geflüstert wird, sondern eine Atmosphäre, in der ein lebendiger Austausch zwischen Kunden und Buchhändlern und Kunden mit Kunden stattfinden kann. Privatkunden und Institutionen aus dem In- und Ausland, die wir regelmäßig beliefern, loben unseren Web-Auftritt mit seinem Onlineshop.

Seit 2017 sind wir auch bei Facebook und Instagram vertreten, hier weisen wir auf Veranstaltungen hin, stellen regelmäßig Novitäten und Aktuelles vor.

Wir sind ein Team von insgesamt sechs Kolleginnen und Kollegen (ein Auszubildender & eine studentische Teilzeitkraft). 2014 erhielten wir den Julius-Campe-Preis für die Verdienste um den deutschen Buchhandel; 2016, 2017 und 2018 (Kategorie: Beste Buchhandlung) sind wir mit dem Deutschen Buchhandelspreis ausgezeichnet worden.

– Klaus Bittner

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Victor Hugos Besuch in Köln

»Besser in Deutz wohnen und Köln sehen, als in Köln wohnen und Deutz sehen.«

Victor Hugo, 1840

Achille Devéria: Victor Hugo, 1829, Lithographie © NGA 208390, CC0 1.0 via Wikimedia Commons

In seinem Buch Le Rhin. Lettre à une ami (1842), das als Höhepunkt der romantischen Reiseliteratur gilt, berichtet der französische Dichter Victor Hugo (1802-1885) von seinen Reisen entlang des Rheins in den Jahren 1839 und 1840. Hugo weist seinen Bericht als Ergebnis zweier getrennter Rheinreisen aus und datiert den Hauptteil von 1840 auf 1839. Notizen, die während seiner ersten Rheinreise entstanden sind, fügte er mit ein. Der in der Ich-Form geschriebene Bericht richtet sich an einen imaginären Freund, der in Wahrheit Hugos Ehefrau Adèle im heimischen Paris ist. Auf beiden Reisen wurde er von der Schauspielerin Juliette Drouet (1806-1883), seiner langjährigen Geliebten, begleitet. – Hugos Rheinreise hebt sich insofern von anderen Reiseberichten ab, da es dem Verfasser nicht um das bloße Zusammentragen von Fakten oder die Wiedergabe allseits bekannter Sagen ging. Stattdessen bilden erzählende und beschreibende Passagen zusammen mit historischen und geografischen Exkursen eine vielseitige Darstellung, in der das subjektiv Erlebte im Vordergrund der Beschreibungen steht.

Auf Hugos Reiseplan stand neben zahlreichen anderen Stationen auch ein Aufenthalt in Köln. Unterkunft fand er in Deutz, im Gasthaus »Hotel Bellevue«. Durch die Schiffbrücke wurde Deutz das Ziel zahlreicher Kölner bei abendlichen und Sonntagsspaziergängen; ein bevorzugtes Lokal am Rheinufer war das alte Marienbildchen, das seit 1833 zum »Hotel Bellevue« umgestaltet wurde. Auch Hugo genoss von hier aus die phantastische Aussicht auf Köln. Die Stadtbesichtigung umfasste den damals noch unvollendeten Dom, das Rathaus, Haus Jabach sowie das Museum Wallraf im ehemaligen Quartier der Kölner Erzbischöfe in der Trankgasse. – Statt eines geplanten zweiwöchigen Aufenthaltes, brach Hugo seinen Aufenthalt in Köln jedoch schon frühzeitig nach einer Woche wegen Dauerregen und Unwetter ab. Mit dem Dampfschiff ging es weiter, rheinaufwärts, nach St. Goar. – Nachfolgend ein Auszug aus Hugos Reiseaufzeichnung aus Köln:

– GE

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Wohnort von Hans Bender

Taubengasse

Hans Bender und Köln gehörten seit mehr als einem halben Jahrhundert untrennbar zusammen. Die Stadt hinterließ Spuren im Werk des Autors und umgekehrt. Trotz allen Widrigkeiten wurde Köln für den aus dem Kraichgau Hinzugezogenen immer mehr zur eigentlichen Stätte seines Wirkens. Auf die Frage, »Wo möchten Sie leben?«, die ihm das Magazin der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« im Dezember 1988 stellte, gab er ohne Umschweife zur Antwort: »In der Taubengasse in Köln.« Ein schönes Bekenntnis für einen Wohnort und eine postalische Adresse.

Von 1969 bis 2015 lebte Bender in der ruhig gelegenen Taubengasse, unweit des turbulenten Zülpicher Platzes. Die Wohnung erhielt er, nach eigener Aussage, durch die Vermittlung des Kunsthistorikers Eduard Trier. Benders Refugium, im obersten Stockwerk eines in den sechziger Jahren erbauten Backsteingebäudes, gelegen, war gleichzeitig Wohn- und Arbeitsstätte. Über viele Jahre war hier das Redaktionsbüro der von Bender herausgegebenen Literaturzeitschrift »Akzente«. Wenn jemand seit über vierzig Jahren die Wohnstätte nicht wechselt, zeugt das von Beständigkeit und ist ein Zeichen dafür, dass die äußeren Rahmenbedingungen stimmen. Die Wohnung als Refugium des kreativen Geistes, als Ort des Rückzugs nach Innen und der Abschottung vor der Außenwelt gleichermaßen, ist thematisch auch in zahlreichen Aufzeichnungen und Gedichten Hans Benders eingeschrieben. Im Wechselspiel des Hinaustretens auf die Straße und dem Zurückkehren in die Intimität der häuslichen Umgebung ergab sich ein Spannungsbogen, der die Ambiguität des urbanen Raumes aufzeigte und ein facettenreiches Portrait der Stadt entstehen ließ. Neugierig durchstreifte Bender von seinem ›Basislager‹ in der Taubengasse die Straßen Kölns, besichtigte die Romanischen Kirchen, die Museen, beschrieb das kulturelle und gesellschaftliche Leben und gab Einblick in den Prozess des Schreibens im privaten Domizil. Im Kontrast zum naturfernen Raum der Stadtlandschaft stand bei Bender aber immer auch der urbane Naturraum. Bäume, Pflanzen und Tiere, die er von seiner Wohnung beobachtete gehörten für ihn unabdingbar zum großstädtischen Leben dazu und bildeten den Fokus der Betrachtung und der literarischen Auseinandersetzung. Eine Auswahl dieser poetischen Reflexionen bietet der erste Band der Schriftenreihe »lik«.

– GE

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Wohnorte von Heinrich Böll

Maternusstraße

Maternusstraße 32. Wohnhaus der Familie Böll. Aufnahme von 1998 © Viktor Böll

Mit dem Wohnungswechsel vom Ubierring in die Maternusstraße erlebte der jugendliche Heinrich Böll einen weiteren markanten Umbruch in seinem Leben.

»Wir wohnten nach einem weiteren Umzug innerhalb von zwei Jahren in der Maternusstraße 32, hatten uns gegenüber die triste Rückfront der damaligen Maschinenbauschule, waren immerhin nicht sehr weit vom Rhein entfernt, und vom Erkerfenster aus konnten wir das gotisierte dreigiebelige Lagerhaus der »Rhenus« sehen, das ich immer und immer wieder aquarellierte.«

In der Maternusstraße verbrachte Böll die längste und prägendste Zeit seiner Jugend, angefangen von den angenehmen Erinnerungen an den Geruch von Rohkakao aus der Nachbarschaft der Stollwerck-Schokoladenfabrik bis hin zum Erleben des aufkommenden Nationalsozialismus und den Straßenschlachten zwischen kommunistischen und nationalsozialistischen Gruppen in der Südstadt. Heinrich Böll war fünfzehn Jahre alt, als im Januar 1933 die NSDAP die Macht ergriff und er schildert in dem autobiographischen Essay Was soll aus dem Jungen bloß werden seine Schulzeit von 1933 bis zu seinem Abitur 1937. Darin beschreibt er die oppositionelle Haltung der Mutter gegenüber den Nazis, die widerständleriche Auffassung der Geschwister und Begegnungen mit Widerstandskämpfern, die ein illegales Treffen der katholischen Sturmscharführung in der Wohnung abhielten. In dem Text Über mich selbst erinnert Böll sich an diese Zeit in Köln, »wo man Hitler mit Blumentöpfen bewarf, Göring öffentlich verlachte, den blutrünstigen Gecken, der es fertigbrachte, sich innerhalb einer Stunde in drei verschiedenen Uniformen zu präsentieren; ich stand, zusammen mit Tausenden Kölner Schulkindern Spalier, als er in der dritten Uniform, einer weißen, durch die Stadt fuhr; ich ahnte, daß der bürgerliche Unernst der Stadt gegen die neu heraufziehende Mechanik des Unheils nichts ausrichten würde; geboren in Köln, das seines gotischen Domes wegen berühmt ist, es aber mehr seiner romanischen Kirchen wegen sein müßte; das die älteste Judengemeinde Deutschlands beherbergte und sie preisgab; Bürgersinn und Humor richteten gegen das Unheil nichts aus, jener Humor, so berühmt wie der Dom, in seiner offiziellen Erscheinungsform schreckenerregend, auf der Straße manchmal von Größe und Weisheit.«

Markus Schäfer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Literatur

Siehe: Böll: Was soll aus dem Jungen, S. 392; Über mich selbst, S. 31.

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Wohnorte von Heinrich Böll

Schillerstraße

Wohnhaus der Familie Böll in der Schillerstraße 99; Bölls Arbeitszimmer: Mansardenfenster rechts © Erbengemeinschaft Heinrich Böll

1946 kehrte die Familie aus dem rechtsrheinischen Dorf Neßhoven im Bergischen Land, wohin zunächst Annemarie und später Heinrich Böll nach den Zerstörungen in Köln evakuiert wurden, nach Köln in die Schillerstraße 99 zurück.

Als Schreiner hatte Heinrich Bölls Bruder Alois durch Instandsetzungsarbeiten im Kölner Stadtteil Bayenthal auf dem Grundstück der Schillerstraße 99 ein Haus gefunden und für den eigenen Bedarf bewohnbar gemacht.

»Wir begannen in einem Trümmerhaus in der Schillerstraße in Köln-Bayenthal – schlichtweg als Hausbesetzer, wurden später zu Instandbesetzern. (Zugegeben: diese Art von Besetzung war seinerzeit legal; auch unsere eigene Wohnung war legal besetzt worden – und futsch.) Interessant wäre nur, einmal festzustellen, wie viele Einwohner Kölns damals als Hausbesetzer begannen. Es gab da einen Stichtag, nach dem, was nicht bewohnt, für Besetzung frei war.«

Das zweigeschossige Einfamilienhaus mit sieben Zimmern und drei Mansarden war durch den Krieg zwar geschädigt, aber nicht völlig zerstört und wurde vom Kölner Wohnungsamt am 15. August 1945 Heinrich Bölls Vater Viktor Böll amtlich zugewiesen. Von den vier auf der ersten Etage gelegenen Zimmern bezogen zwei Annemarie und Heinrich Böll; eine Mansarde diente als Arbeitszimmer. Die übrigen fünf Räume und die noch verbliebenen zwei Mansarden teilten sich Viktor Böll, Mechthild Böll – beide ebenfalls auf der 1. Etage –, Alois und Maria Böll mit ihren 1948 dann sechs Kindern, die Schwester Gertrud, die aus Bonn zurückgekommen war, sowie einige Bekannte der Familie, so dass bis zu 17 Personen in dem Haus wohnten.

Heinrich Böll im Arbeitszimmer in der Schillerstraße, 1952 © Foto Hans Lenz

Die ersten Jahre in der Schillerstraße waren schwierig, denn obwohl Heinrich Böll heute als einer der erfolgreichsten Repräsentanten der Nachkriegsliteratur beschrieben wird, bedrängten ihn ständige Existenznöte. Annemarie Böll sicherte den Lebensunterhalt zunächst durch ihre Anstellung als Lehrerin, später, nach der Geburt der Söhne Raimund (1947), René (1948) und Vincent (1950) arbeitete sie als Übersetzerin. Für Heinrich Böll war diese Phase im Blick auf den Umfang der literarischen Produktion dennoch die intensivste Zeit. In der Liste der Arbeitsplätze werden für die Schillerstraße 99 im Zeitraum »bis 54«, also dem Umzug in die Belvederestraße 35 in Köln-Müngersdorf, 230 Texte notiert – darunter der 1946/47 geschriebene, umfangreiche Roman Kreuz ohne Liebe.

Markus Schäfer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Literatur

Siehe: Böll: Hoffentlich kein Heldenlied, S. 79f.