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Notizen eines Gereongängers

Ein Gastbeitrag von Michael Kohtes

Die romanische Kirche St. Gereon wurde auf den Resten eines spätantiken Vorgängerbaus aus dem 4. Jahrhundert errichtet, der in Teilen erhalten ist. Architekturgeschichtlich bedeutend ist vor allem das Dekagon und ursprüngliche Mausoleum, das als einziger spätantiker Bau der Stadt Köln weitgehend erhalten ist. Mit St. Pantaleon zählt die ehemalige Stiftskirche St. Gereon im Nordwesten der Stadt auch zu den ältesten christlichen Orten in Köln. – Warum der Schriftsteller Michael Kohtes dem »transzendentalen Obdachlosen« einen Besuch dieses beeindruckenden Bauwerks empfiehlt, lesen Sie hier.

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Notizen eines Gereongängers

Ein Gastbeitrag von Michael Kohtes
St. Gereon, Ostseite © Foto: Raimond Spekking CC BY-SA 4.0

Unter Kölns romanischen Gotteshäusern empfiehlt sich für den transzendental Obdachlosen als erste Adresse St. Gereon. Man bevorzuge die Tageszeiten, wenn die Messe gehalten und der Cicerone durch ist, dann winkt die Gnade, abgesehen von der einen oder anderen quer flitzenden Kirchenmaus mit dem Genius Loci allein zu sein – und eine Stunde der wahren Entrückung zu erleben.

Der Ort atmet Geschichte, die Luft seiner Legenden, den Staub der frühen Knochen. Hier, vor den Toren der antiken Colonia, begruben die Agrippinenser noch im 4. Jahrhundert ihre Toten. Es war der Acker, auf dem die Mythe nachmals das Massengrab des Heerführers Gereon und seinen thebäischen Mannen lokalisierte. Weil sie sich dem Befehl Kaiser Konstantins, alle Kölner Christen hinzuschlachten, widersetzt hätten, seien diese Standhaften von den eigenen Soldaten geköpft worden. Und über ihren Gebeinen habe Sankt Helena, die Mutter des Imperators, später die nämliche Kirche errichten lassen. So erzählte es unser Vater, wobei ihm seine »Heiligengeschichte« stets zu großem Sandalenkino geriet; jedenfalls hegten wir keinen Zweifel, dass zumal ein Verfechter des achten Gebots wie er die reine Wahrheit schilderte …

Überhaupt verringert sich hoc loco der Abstand zu den Ahnen merklich. Den Blick empor gerichtet, überkommt mich eine Ahnung, wie viel Blut, Schweiß und Spucke es Generationen von Baumeistern samt ihren Handlangern gekostet haben muss, bis aus den Mauern der römischen Nekropole jene romanische Stiftskirche erwachsen konnte, die ein Macht- und Pilgerzentrum von Rang war, als sie in den 1320er Jahren schließlich die eigenwillige Gestalt annahm, in der sie sich dem Auge seither präsentiert. Gereons Stiftsherren waren durch Geburt einem Adel verpflichtet, dem es gelegentlich am rechten Glauben gefehlt haben mochte, keineswegs jedoch an Geld und Geist. Derlei hatte das Abendland noch nicht gesehen: Zehn Ecken, vier Geschosse hoch, überwölbt von einem »Himmelsdach«, das dank Stein und Statik allen Wettern standhielt, so dass es der »Blutsäule« unseres Patrons – die jedem Bösewicht, der vor sie hintrat, ewige Verdammnis brachte! – ein sowohl beschirmtes als auch würdiges Wirkungsfeld bot.

Unter der Kuppel des Dekagons sucht ein vom Terminteufel heimgesuchtes Schäfchen wie unsereins, übrigens gerne auch mal länger als zehn Minuten, das Handy im Flugmodus, Zuflucht vor dem Lärm dort draußen ebenso wie vor den Tumulten in seinem Inneren. Nirgends steigt mir der Geruch erhitzten Kerzenwachses, vermischt mit einer Spur von Weihrauch, tröstlicher in die Nase als im Gemäuer dieser Märtyrerkirche. Und manchmal, wenn die Einkehr jene Tiefe der Betrachtung erreicht, mit der die Dinge aus ihren Bedeutungen treten, finde ich darüber wieder Anschluss an den rätselhaften Rhythmus des Universums. Vornehmlich dann, wenn das von den buntfarbigen Fenstern gefilterte Nachmittagslicht in die schattigen Gewölbe fällt und sich der Spiritus meiner prächtigen Enklave zur (gütigen) Gänze entfaltet.

Heilig ist mir der Ort aber auch, weil just hier, vor dem Altar des gemarterten Meuterers Gereon, sich meine Eltern feierlich die Ehe versprachen; mit dem Segen von Stadtdechant Robert Grosche, jenem Kunstkenner und klerikalen Künstlerfreund, der vormals, als Pfarrer in Vochem bei Brühl, unseren Herrn Papa bereits getauft hatte und auf dem Hof der Großeltern ein gern gesehener Gast war. Opa, so die Überlieferung, erörterte mit Dr. Grosche, meist schon vor dem Essen, Fragen zum bevorstehenden Weltuntergang wie zur Wahrscheinlichkeit der Jungfrauengeburt, er schätzte seine festen Ansichten über das »Herrjöttche«.

Ab und an ist Gereon für eine handfeste Überraschung gut. Gestern, in einer der hinteren Bänke, Langchor rechts, beim Sortieren meiner inneren Angelegenheiten, brach plötzlich der mächtige, raumfüllende Klang der Orgel über die stille Versenkungsübung herein. Alles Gewaltige kam von oben, aus den silbern glänzenden Pfeifen, die der kleinen Empore entragen – und Händen gehorchen, die drei Manuale und 36 Register beherrschen, umso imposanter, wenn das Pedal den wechselnden Füßen pariert. Es war der Anfang einer längeren freien Improvisation, sakrale Festmusik, bei der sogar einem Sünderlein wie mir die Himmel des Erhabenen aufsprangen.

Michael Kohtes, 2021

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Wilde Feste am Friesenplatz

Sabine Schiffner erinnert sich

Die in Köln lebende Lyrikerin Sabine Schiffner wohnte zehn Jahre lang in unmittelbarer Nähe des Friesenplatzes. 1986 bezog sie eine Wohnung über dem legendären Lichtspieltheater »Rex Am Ring«, eines der ältesten noch in Betrieb befindlichen deutschen Kinos, das 1928 am Hohenzollernring eröffnet wurde. Im Friesenviertel, das lange vor allem als Rotlichtmilieu und Treffpunkt der Kölner Unterwelt bekannt war, liegen die Wurzeln ihrer schriftstellerischen Arbeit. Schiffners Erlebnisse und Eindrücke aus dieser Zeit schlagen sich literarisch auch in ihren frühen Gedichten nieder. Lesen Sie hier ihren Beitrag.

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Wilde Feste am Friesenplatz

Sabine Schiffner erinnert sich

Als ich meine Wohnung am Hohenzollernring 60 im Mai 1986 zum ersten Mal betrat, sah ich aus dem Fenster und dachte: Ja, so möchtest du in Köln wohnen: Denn ich konnte von hier aus in der Ferne den Dom sehen! Damals fuhr unten auf den Ringen die Straßenbahn noch oberirdisch. Die Bauarbeiten für die U-Bahn hatten aber schon begonnen und kleine Bäume wurden auf den Ringen gepflanzt. Noch drängten sich aber die Prostituierten im Hauseingang, wenn wir nachts nach Hause kamen, nachdem wir in einer der Bhagwandiscos getanzt hatten, im ›Pink Champagne‹ getrunken und anschließend bei WurstWilly oder im Wienerwald schräg gegenüber gespeist, denn diese beiden hatten bis vier Uhr morgens auf.

Sabine Schiffner in ihrer Wohnung am Hohenzollernring, um 1985 © Sabine Schiffner

Der Friesenplatz war auf unserer, der Neustadtseite, Teil des Rotlichtbezirks und auf der anderen Seite von rotgekleideten Bhagwananhängern besiedelt, die sich an schönen Tagen in Scharen draußen trafen. In unserem Haus, das einen Fahrstuhl hatte, der seit 1945 nicht mehr in Betrieb war, der aber nach einem Jahr zu unserer Freude wieder instandgesetzt wurde, gab es nur fünf Wohnungen. Der Rest des Hauses wurde vom Rexkino eingenommen, weshalb wir, wenn wir unsere Adresse angeben mussten, nur zu sagen brauchten: Wir wohnen über dem Rexkino. Über uns wohnte Frau Gmylkowski, geborene Johannsen, die Kassiererin vom Kino, die immer unten in ihrer Kassiererinnenkasse saß und vor der ich ein wenig Angst hatte, weil sie so schick geschminkt und gestylt war, künstliche Wimpern und Haare trug und so viel redete. Wenn sie manchmal von ihrer Dachterrasse herunterguckte, erkannte ich sie nicht wieder, weil sie zu Hause keine Perücke trug, dann sah sie auf einmal uralt aus. Hinter dem Haus waren lange Flachdächer, die sich bis zum Friesenwall zogen und die zum Kino gehörten. Manchmal stieg Herr B., der Verwalter des Kinos, der immer Scherze machte, wenn er mich sah, Scherze allerdings, die ich nie verstand, aus einer Luke dieses Daches und ging dann auf den Stegen über den Dächern spazieren. Er war sehr klein und trug einen Bart und auch vor ihm hatte ich Respekt. Wenn er aus der Luke kletterte, sah er aus wie Rumpelstilzchen, darüber musste ich dann immer sehr lachen.

Unser Haus, das zu betreten immer auch eine olfaktorische Freude war, weil der Duft des süßen Popcorns beharrlich im ansonsten eher heruntergekommenen Treppenhaus zu riechen war, hielt ich seines Aussehens wegen für ein Nachkriegshaus. Später las ich in einem Buch über Architektur in Köln, das es eines der zwei ältesten Häuser am Neustadtring zwischen Friesenplatz und Rudolfplatz ist und aus den 1880er Jahren stammt. Davon ist aber rein äußerlich nichts mehr zu sehen. In diesem Haus also, das wenig Charme hatte, aber von dem aus man so phantastisch über Kölns Dächer hinweggucken und bis zum Dom sehen konnte, richteten meine Freundin und Mitbewohnerin Berit B. Böhm und ich uns auf 60qm mit Durchgangszimmer und winzigem Bad einen künstlerischen Elfenbeinturm ein, in dem wir literarische und musikalische Salons abhielten und wilde Feste feierten, bei denen manches Mal die Polizei für abschließende Ordnung sorgen musste. Hier trafen sich angehende Schauspieler, Sänger, Komponisten, Philosophen, Filmemacher, sehr viele Künstler und Schriftsteller, Drogenabhängige, Obdachlose, Lebenskünstler und manchmal auch ganz normale Mitstudenten. Hier redeten wir über Gott und die Welt, hängten verrückte Bilder auf, sorgten für gehörig Unordnung, sammelten alles was wir in die Hände bekamen und machten avantgardistische Performances. Hier schrieb und hier las ich meine ersten guten Gedichte. Hier lebte ich zehn Jahre. Als die Bäume vor der Tür schon fast bis zu meinem Fenster im 3. Stock hochgewachsen waren, wurde ich mit meinem Sohn schwanger und zog nach Braunsfeld, von wo aus ich den Dom nicht mehr sehen konnte, aber dafür in einen riesigen verwunschenen Garten blickte.

 – Sabine Schiffner


In den Gedichten schreibschreib und orangenmarmelade, die in den 1980er Jahren entstanden, beschreibt Sabine Schiffner atmosphärisch verdichtet die Zeit am Friesenplatz.

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Sabine Schiffner: Zwei Gedichte

schreibschreib

vom friesenplatz fällt
gold aufs gitterkreuz vor dem ich
stehe und auf das abgeblätterte am
fensterrahmen sehe
und durch das glas das mich vom draußen trennt
und den libellen hinterher die
richtung rodenkirchen fliegen wo sie
wohl wärmeres vermuten
das ist nur ein moment
dann lasse ich
den blick zurück zum hohenzollernring
zu dem es mich seit vielen jahren treibt
ganz sein
mit unverständnis darauf reagiert mein kopf
während die hand stets fleißig
weiterschreibt


orangenmarmelade

und all die zigaretten die wir bis zum bittren
filter rauchten die goldene butter die wir aus dem
supermarkt geklaut ungekühlt schmierten auf das
immer weiße brot der künstler den wir liebten
kam oft und brachte sekt und große worte die sahnetorte
die wir dekorierten mit haselnüssen und mit marzipan
und anschließend mit voller lust verspeisten
die zigaretten machen schwere beine fanden wir
am morgen und zählten wieviel kippen in den
aschenbechern lagen und griffen nach dem ausgedrückten
stummel der vom letzten abend übrig war und tranken
dann den schwarzen beuteltee mit milch und zucker und
aßen fladenbrot das kostete doch quasi nichts und darauf
butter und Orangenmarmelade wir schauten aus dem
fenster raus auf köln machmal mit schwips
und oft auch hungrig so war das lustige studentenleben
wir lachten laut und wirr und gingen auf die straßen die
lungen voller rauch im bauch das fladenbrot mit
butter und orangenmarmelade


Literatur: Schiffner: super ach, S. 6, S. 10.

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Dostojewski wird in Köln zur Kasse gebeten

Der russische Schriftsteller Fjodor M. Dostojewski begab sich Anfang der 1860er Jahre auf seine erste Auslandsreise, die ihn auch zweimal für wenige Tage nach Köln führte. Über die zu entrichtende Brückensteuer, die er beim Überqueren der neuen Dombrücke zahlen musste, war er wenig begeistert. Wie es dazu kam, lesen Sie hier.

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Dostojewski wird in Köln zur Kasse gebeten

 

Fjodor M. Dostojewski in Paris, 1863 © Foto gemeinfrei

Der russische Schriftsteller Fjodor M. Dostojewski (1821–1881) begab sich im Sommer 1862 auf seine erste Reise nach Westeuropa. In wenigen Wochen besuchte er Deutschland, Frankreich, England, die Schweiz und Italien, ein strammes Programm, das kaum Zeit für längere Aufenthalte und Besichtigungen vorsah. Am 26. Juni reiste er von Berlin kommend, nach Köln, um den Dom zu besichtigen, den er bereits während seines Studiums an der angesehenen Militärischen ingenieurtechnischen Universität in St. Petersburg »mit Ehrfurcht« nachzeichnete. Seine zweite Ehefrau Anna Grigorjewna (1846–1918) berichtete, Dostojewski habe auf seinen Reisen viele Stunden vor dem Kölner Dom und anderen Denkmälern der Gotik in wahrer seelischer Verzückung gestanden. Doch der erste Anblick war für ihn enttäuschend, wie man aus seinem Reiseessay Winterliche Aufzeichnungen über sommerliche Eindrücke entnehmen kann: »[…] ich glaubte, das seien alles nur Spitzen, Spitzen und nichts als Spitzen, Nippes, als Briefbeschwerer auf den Schreibtisch zu stellen, gut siebzig Faden hoch. ›Wenig Erhabenes‹, entschied ich.«

Ende Juli erfolgte die Rückreise nach St. Petersburg wieder über Köln, dieses Mal wollte er Abbitte leisten, weil er die ganze Schönheit des Bauwerkes beim ersten Anblick »nicht begriffen hatte.« Er führte diesen Umstand auf ein Ärgernis zurück, das unmittelbar mit der neuen Rheinbrücke in Verbindung stand, denn hier traf er auf einen Beamten, der von ihm die Brückensteuer verlangte. Vielleicht war es weniger die Maut, die den Autor in Harnisch brachte, als vielmehr die Art und Weise, wie er, zumindest in seiner Vorstellung, zur Kasse gebeten wurde: 

»[…] ich glaubte, dieser Deutsche sei anmaßend. ›Sicher ist er dahintergekommen, daß ich Ausländer bin und zwar Russe‹, dachte ich, wenigstens schien mir sein Blick beinahe wortwörtlich zu sagen: ›Hier siehst du unsere Brücke, armseliger Russe, — so wisse denn, daß du ein Wurm bist angesichts dieser Brücke und angesichts eines jeden rechtschaffenen Deutschen, denn eine solche Brücke hast du nicht‹.«.

Am 4.1.1866 hielt sich Dostojewski erneut in Köln auf, Aufzeichnungen über diesen Aufenthalt liegen jedoch nicht vor.

Dombrücke in Köln, um 1870 © Foto gemeinfrei. Quelle: Library of Congress, Washington

Ab 1855 begann man in Köln mit dem Bau einer kombinierten Straßen- und Eisenbahnbrücke, die im Oktober 1859 in Anwesenheit des preußischen Prinzregenten Wilhelm I. feierlich eröffnet wurde. Die Dombrücke war die erste feste Brücke von Köln nach Deutz seit der Römerzeit. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Köln nur Schiffs- oder Pontonbrücken. Bahnreisende, die von Osten nach Westen reisten, mussten demzufolge am Bahnhof Pantaleon aussteigen, mit der Fähre auf die andere Rheinseite gelangen, um dann vom Bahnhof Deutz die Fahrt fortzusetzen. Ähnliche Schwierigkeiten musste auch der Güterverkehr bewältigen. Nur zwei Monate nach der Brückeneröffnung konnte auch der neue Central-Personenbahnhof der Öffentlichkeit übergeben werden.

Auf Grund ihrer engmaschigen Gitterkonstruktion wurde die neue Rheinbrücke im Volksmund ›Mausefalle‹ genannt, zudem konnte man sie an beiden Enden mit schweren Eisentoren verschließen, was den Eindruck von einer Falle unterstützte. Durch den stetig wachsenden Bahnverkehr geriet man bereits 50 Jahre später an die Grenzen der Belastbarkeit, so dass an gleicher Stelle die heutige Hohenzollernbrücke gebaut und 1911 eröffnet wurde.   Das von Dostojewski erwähnte Brückengeld wurde übrigens nicht von der Stadt Köln eingenommen, sondern von der Bauherrin der Brücke, der Köln-Mindener-Eisenbahngesellschaft.

– GE

Literatur:

  • Fjodor M. Dostojewski: Winterliche Aufzeichnungen über sommerliche Eindrücke. Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Aus dem Tagebuch eines Schriftstellers. Reinbek bei Hamburg 1962, S. 7-58, hier S. 9f.
  • Der unbekannte Dostojewski. Bd. 1. Von René Fülöp-Miller, Friedrich Eckstein, Vera Mitrofanov Demelic̆. München 1926, S. 11.

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Fjodor M. Dostojewski: Winterliche Aufzeichnungen über sommerliche Eindrücke

Ich muß gestehen, ich versprach mir viel vom Kölner Dom; schon in meiner Jugend habe ich ihn mit Ehrfurcht nachgezeichnet, als ich mich mit Architektur befassen mußte. Auf meiner Rückreise aus Paris, das heißt einen Monat später, sah ich den Kölner Dom zum zweitenmal und wäre bereit gewesen, ihn ›auf den Knien um Verzeihung zu bitten‹, weil ich seiner Schönheit beim ersten Mal nicht gewahr wurde, genau wie Karamzín es in der gleichen Situation vor dem Rheinfall von Schaffhausen getan hatte. Nichtsdestoweniger gefiel mir der Dom beim ersten Mal ganz und gar nicht, ich glaubte, das seien alles nur Spitzen, Spitzen und nichts als Spitzen, Nippes, als Briefbeschwerer auf den Schreibtisch zu stellen, gut siebzig Faden hoch. ›Wenig Erhabenes‹, entschied ich, ganz wie in der alten Zeit unsere Großväter über Puschkin zu entscheiden pflegten: ›er schreibt gar zu leicht, es fehlt das Erhabene.‹ Ich vermute, daß mein erstes Urteil unter dem Einfluß dreier Umstände entstanden ist: der erste ist das Eau de Cologne. Johann Maria Farina befindet sich nämlich in nächster Nähe des Domes, und in welchem Hotel Sie auch absteigen, in welcher Stimmung Sie sich auch befinden, wie sehr Sie sich auch vor Ihren Feinden und vor Johann Maria Farina im besonderen verstecken möchten, seine Vertreter werden Sie doch auffinden, und da gilt: ›Eau de Cologne ou la vie!‹, — eins von beiden, eine andere Wahrheit gibt es nicht. Ich möchte zwar nicht behaupten, daß buchstäblich so gerufen wird: ›Eau de Cologne ou la vie!‹, aber wer weiß — vielleicht geschieht es doch. Ich entsinne mich jedenfalls, daß ich diese Worte zu hören glaubte.

Der zweite Umstand, der mich erboste und ungerecht machte, war die neue Kölner Brücke. Freilich ist die Brücke vorzüglich und die Stadt mit Recht stolz darauf, aber mir kam vor, daß sie schon gar zu stolz auf ihre Brücke war, und natürlich ärgerte ich mich sofort darüber. Zudem hätte der Steuereinnehmer am Brückenhäuschen diese durchaus vernünftige Brückensteuer doch wirklich nicht mit einer solchen Miene von mir zu erheben brauchen, als fordere er eine Strafe für irgendein von mir unwissentlich begangenes Verbrechen. Ich kann es nicht mit Sicherheit behaupten, aber ich glaubte, dieser Deutsche sei anmaßend. ›Sicher ist er dahintergekommen, daß ich Ausländer bin und zwar Russe‹, dachte ich, wenigstens schien mir sein Blick beinahe wortwörtlich zu sagen: ›Hier siehst du unsere Brücke, armseliger Russe, — so wisse denn, daß du ein Wurm bist angesichts dieser Brücke und angesichts eines jeden rechtschaffenen Deutschen, denn eine solche Brücke hast du nicht.‹ Sie müssen doch zugeben, daß das beleidigend ist. Natürlich hatte das der Deutsche gar nicht gesagt und hatte es vielleicht nicht einmal im Sinn, aber das ist ja ganz egal: damals war ich so fest überzeugt, daß er gerade das sagen wollte, so daß ich endgültig aufbrauste, ›hol’s der Teufel‹, dachte ich, wir haben schließlich, den Samowar erfunden … wir haben Zeitschriften … bei uns werden Offiziersausstattungen angefertigt … bei uns … ‹.

Kurz, ich wurde wütend, und nachdem ich mir eine Flasche Eau de Cologne gekauft hatte, vor der ich mich gar nicht mehr retten konnte, reiste ich unverzüglich ab nach Paris in der Hoffnung, daß die Franzosen weit liebenswürdiger und unterhaltsamer sein würden. Urteilen Sie jetzt selbst: hätte ich mich überwunden, wäre ich in Berlin nicht nur einen Tag, sondern eine Woche geblieben, in Dresden desgleichen, hätte ich Köln drei oder auch nur zwei Tage gewidmet, dann hätte ich dieselben Dinge ein zweites, ein drittes Mal mit anderen Augen gesehen und wäre schließlich zu einer angemesseneren Vorstellung gekommen. Sogar ein Sonnenstrahl, irgendein ganz gewöhnlicher Sonnenstrahl hätte dabei viel ausgemacht: hätte er über dem Dom geleuchtet, wie er bei meinem zweiten Aufenthalt in der Stadt Köln geleuchtet hat, dann wäre mir der Dom wahrscheinlich im richtigen Licht erschienen und nicht wie an jenem trüben und noch dazu regnerischen Morgen, der in mir nur eine Aufwallung gekränkter Vaterlandsliebe auslöste. Womit übrigens nicht gesagt sein soll, daß Vaterlandsliebe sich nur bei schlechtem Wetter einstellt. Also Sie sehen, meine Freunde: in zwei und einem halben Monat kann man nicht alles genau betrachten, und ich bin durchaus nicht in der Lage, Ihnen zuverlässige Informationen zu vermitteln.


Literatur: Fjodor M. Dostojewski: Winterliche Aufzeichnungen über sommerliche Eindrücke. Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Aus dem Tagebuch eines Schriftstellers. Reinbek bei Hamburg 1962, S. 7-58, hier S. 9f.

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Metthäppchen, Mammutbäume und Multikulti

Wasserturm Kalk © Foto Manos Meisen / Stadtbibliothek Köln

Notizen über Kalk und seinen Stadtgarten

Ein Gastbeitrag von Eva Weissweiler

Der Kölner Stadtteil Kalk ist ein sehr buntgemischtes, lebendiges und multikulturelles Viertel, das im 19 Jahrhundert durch die zunehmende Industrialisierung und die Ansiedlung chemischer und metallverarbeitender Fabriken geprägt wurde. Relikte aus dieser Zeit finden sich vereinzelt noch heute im Stadtbild so zum Beispiel der 1904 errichtete Wasserturm der »Chemischen Fabrik Kalk«, in dem sich seit 2014 die »minibib« der Stadtbibliothek Köln befindet. Ein beliebter Erholungsort im Viertel ist neben dem Bürgerpark der Kalker Stadtgarten, dem auch die Kölner Autorin Eva Weissweiler gerne einen Besuch abstattet. Lesen Sie hier ihre Notizen aus Kalk.

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Metthäppchen, Mammutbäume und Multikulti

Notizen über Kalk und seinen Stadtgarten

Wenn Sie das nächste Mal wieder nach Köln kommen, wagen Sie das Unglaubliche, das in keinem Reiseführer steht und fahren mit der Linie 1 oder 9 vom Neumarkt oder Heumarkt hinüber nach Kalk. Als Erstes werden Sie natürlich den Rhein überqueren, der für die meisten Kölnerinnen und Kölner viel mehr als ein Fluss ist, nämlich ein Ozean, hinter dem eine andere Welt anfängt, die sog. Schäl Sick, auf der in alter Zeit nicht die Römer oder die Erzbischöfe regiert haben, sondern germanische Räuber und Vandalen, die einem einäugigen, schielenden Gott huldigten. Viele behaupten sogar, dass hier Sibirien anfange. Aber ich kann Ihnen versichern, dass das stark übertrieben ist.

Wenn Sie den Rhein überqueren, setzen oder stellen Sie sich bitte so, dass Sie den Dom, Groß Sankt Martin und den Rathausturm sehen können. Das Panorama ist überwältigend. Luise Straus-Ernst, eine Kölner Schriftstellerin, die in Auschwitz ermordet wurde, hat sogar einmal gesagt, dass Rechtsrheinische sei überhaupt nur besiedelt und erfunden worden, damit man diesen großartigen Blick auf den Dom und Groß St. Martin habe.

An der Haltestelle Kalk Post verlassen Sie bitte die Bahn, gehen Sie hinauf und treten Sie in eine andere Welt ein. Vielleicht blinzeln Sie erst einmal ein wenig, um zu glauben, dass Sie hier immer noch in Köln und nicht in einem Banlieu von Brüssel oder Paris sind. Je nachdem, ob Sie die U-Bahn-Haltestelle an der rechten oder linken Seite verlassen, werden Sie entweder vor der Kalker Post oder den Köln-Arcaden landen. Der Platz vor der Post war früher ein Junkie-Treffpunkt. Davon merkt man aber heute nichts mehr. Werfen Sie einen Blick auf das Postgebäude, das aus dem Jahr 1899 stammt, als Kalk noch eine eigenständige kleine Stadt war. Es wirkt wie eine Trutzburg aus Sandstein. Immer noch wie aus der Kaiserzeit, auch wenn die Erker und Türmchen, die es ursprünglich hatte, nicht mehr da sind.

Neben Micki’s Bar oder Trattoria, wo Sie sich mit einem vorzüglichen Espresso stärken können, bietet ein Marokkaner frisches Obst und Gemüse an, Nüsse, Schafskäse, Lammfleisch, Couscous und exotische Gewürze. Sie können ruhig eintreten. Die Preise sind sehr zivil und die Betreiber sehr freundlich. Mit einer Tüte voller Pistazienkerne ausgestattet treten Sie nun Ihren Gang über die Kalker Hauptstraße an, der Sie bis zum Stadtgarten, meinem Lieblingsort, führen wird.

Ob Sie die linke oder rechte Straßenseite wählen, ist eigentlich egal. Da ist die gleiche bunte Folge von türkischen Döner-Läden, arabischen Juwelieren, indischen Boutiquen, nordafrikanischen Schnellfriseuren und sagenhaft preiswerten Second-Hand-Shops, wo Sie sich für zehn Euro vollständig neu einkleiden können. Kaum was Deutsches dazwischen, beklagen sich Manche, Aber wer das nicht mag, kann ja in den Villenvorort Hahnwald gehen. Dort gibt es unter Garantie keine Migranten und erst recht keine „Nafris“, wie die Nordafrikaner hier eine Zeit lang despektierlich genannt wurden, sogar in der Presse und von der Polizei.

Eingangstor zum Kalker Stadtgarten © Klaus Kammerichs

Dann endlich, je nach Tempo dauert das fünf bis zehn Minuten, erreichen Sie den schon erwähnten Kalker Stadtgarten, meinen Lieblingsort. Er liegt etwas versteckt zwischen dem Café Schlechtrimen und zwei alten Pavillons, die aussehen wie aus einem Film über die Schneewittchen und die Sieben Zwerge. Am reich verschnörkelten, schmiedeeisernen Eingangstor, das wie fast alles hier noch aus dem Jahr 1912, dem Eröffnungsjahr, stammt, werden Sie lesen, dass der Park von der Drogenhilfe Vision sauber gehalten wird. Haben Sie keine Angst! Die jungen Leute machen das ganz vorzüglich! Kein Müll, kein Unkraut, keine leere Flasche ist zu sehen. Die Wege sind frisch geharkt, die Sträucher liebevoll beschnitten und begossen. Auf den sauberen, wenn auch etwas verwitterten Bänken können Sie sich beruhigt niederlassen und je nach Präferenz lesen, tief durchatmen oder Ihren Blick auf eine fast südliche Fülle von Bäumen richten: Zieräpfel, Kastanien, Platanen, Ahorn, japanische Kirschen, Kiefern, Zedern und viele mehr, in der Mitte ein über hundertjähriger Mammutbaum mit kegelförmiger Krone und rotbrauner Rinde, der den Ersten und den Zweiten Weltkrieg erlebt hat, die Trümmerfrauen und den Niedergang der einst blühenden chemischen Industrie, die ersten Gastarbeiter und wahrscheinlich auch Karl Küpper, den legendären kölschen Büttenredner und Karnevalisten, der wenige Meter entfernt, auf der Kalker Hauptstraße 215, gewohnt hat und dort während der NS-Zeit dichtete:

Es stand ein Baum am Waldesrand und war organisiert. Er war im NS-Baumverband, damit ihm nichts passiert.

Wenn Sie Ihren Spaziergang am Nachmittag machen, werden Sie bestimmt nicht allein sein. Sie werden Schüler und Studenten treffen, Eltern, Großeltern, Neu- und Alt-Kalker, Rentner, die ein Stück Kuchen aus dem Café Schlechtrimen verzehren. Vor allem aber Kinder nahezu aller Hautfarben, die auf dem Spielplatz ihre ersten Schritte machen, Karussell fahren, Sandburgen bauen, rutschen, wippen und jubeln, ob auf Arabisch, Türkisch, Russisch, Italienisch, Hindi, Urdu, Chinesisch oder Kinderkauderwelsch. Um 18 Uhr macht der Stadtgarten leider zu, damit niemand unter den herrlichen Bäumen sein Haupt niederlegt. Aber damit ist Ihr Ausflug noch längst nicht zu Ende. Gleich nebenan gibt es zwei kölsche Kneipen, in denen Sie noch so richtig kölsch essen und trinken können, Metthäppchen, kölschen Kaviar, Kalker Gulasch, Speckpfannkuchen und den berühmten ›halven Hahn‹, der gar kein Hahn ist, sondern ein Stück Gouda.

Ich glaube, ich kann Ihnen versprechen, dass Sie wiederkommen, wenn Sie noch einmal in Köln sind. Und dass Sie vielleicht irgendwann lieber in den Kalker Stadtgarten gehen als an den Aachener Weiher oder in die Flora. Denn Metthäppchen, Mammutbäume und Multikulti – wo findet man das schon, außer in Kalk?

Eva Weissweiler