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Wohnorte von Heinrich Böll

Maternusstraße

Maternusstraße 32. Wohnhaus der Familie Böll. Aufnahme von 1998 © Viktor Böll

Mit dem Wohnungswechsel vom Ubierring in die Maternusstraße erlebte der jugendliche Heinrich Böll einen weiteren markanten Umbruch in seinem Leben.

»Wir wohnten nach einem weiteren Umzug innerhalb von zwei Jahren in der Maternusstraße 32, hatten uns gegenüber die triste Rückfront der damaligen Maschinenbauschule, waren immerhin nicht sehr weit vom Rhein entfernt, und vom Erkerfenster aus konnten wir das gotisierte dreigiebelige Lagerhaus der »Rhenus« sehen, das ich immer und immer wieder aquarellierte.«

In der Maternusstraße verbrachte Böll die längste und prägendste Zeit seiner Jugend, angefangen von den angenehmen Erinnerungen an den Geruch von Rohkakao aus der Nachbarschaft der Stollwerck-Schokoladenfabrik bis hin zum Erleben des aufkommenden Nationalsozialismus und den Straßenschlachten zwischen kommunistischen und nationalsozialistischen Gruppen in der Südstadt. Heinrich Böll war fünfzehn Jahre alt, als im Januar 1933 die NSDAP die Macht ergriff und er schildert in dem autobiographischen Essay Was soll aus dem Jungen bloß werden seine Schulzeit von 1933 bis zu seinem Abitur 1937. Darin beschreibt er die oppositionelle Haltung der Mutter gegenüber den Nazis, die widerständleriche Auffassung der Geschwister und Begegnungen mit Widerstandskämpfern, die ein illegales Treffen der katholischen Sturmscharführung in der Wohnung abhielten. In dem Text Über mich selbst erinnert Böll sich an diese Zeit in Köln, »wo man Hitler mit Blumentöpfen bewarf, Göring öffentlich verlachte, den blutrünstigen Gecken, der es fertigbrachte, sich innerhalb einer Stunde in drei verschiedenen Uniformen zu präsentieren; ich stand, zusammen mit Tausenden Kölner Schulkindern Spalier, als er in der dritten Uniform, einer weißen, durch die Stadt fuhr; ich ahnte, daß der bürgerliche Unernst der Stadt gegen die neu heraufziehende Mechanik des Unheils nichts ausrichten würde; geboren in Köln, das seines gotischen Domes wegen berühmt ist, es aber mehr seiner romanischen Kirchen wegen sein müßte; das die älteste Judengemeinde Deutschlands beherbergte und sie preisgab; Bürgersinn und Humor richteten gegen das Unheil nichts aus, jener Humor, so berühmt wie der Dom, in seiner offiziellen Erscheinungsform schreckenerregend, auf der Straße manchmal von Größe und Weisheit.«

– Markus Schäfer

Literatur: Böll: Was soll aus dem Jungen, S. 392; Über mich selbst, S. 31.