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George Orwell: Chaos in Köln

George Orwell, um 1940 © Cassowary Colorizations, George Orwell, c. 1940, CC BY 2.0

Der englische Schriftsteller George Orwell (1903–1950), der vor allem durch die Fabel Animal Farm (1945) und seinen dystopischen Roman Nineteen Eighty-Four (1949) einem größeren Publikum bekannt wurde, hielt sich im März 1945 für kurze Zeit in Köln auf. Im Auftrag der britischen Wochenzeitung The Observer schrieb Orwell Reportagen aus dem befreiten Frankreich und dem besetzten Deutschland.

Als die Amerikaner am 5.3.1945 mit Köln die erste Großstadt des Landes eroberten, fanden sie eine zerstörte entvölkerte Stadt vor. Journalisten wie Janet Flanner, Stephen Spender und George Orwell berichteten ihren Landsleuten von den aktuellen Geschehnissen und ihren Eindrücken am Rhein. Am 15.3.1945 reiste Orwell zuerst nach Paris und eine Woche später nach Köln. Unter dem Titel Creating Order out of Cologne Chaos erschien am 24.3.1945 Orwells Berichterstattung im Observer. – Wenige Tage später musste der Autor auf Grund seines desolaten gesundheitlichen Zustandes mit einer Lungenentzündung in einem Kölner Krankenhaus stationär aufgenommen werden. In dieser Zeit erhielt er die Nachricht vom plötzlichen Tod seiner Ehefrau Eileen, woraufhin Orwell Köln verließ und nach England zurückkehrte, leider zu spät, um noch an der Beisetzung seiner Frau teilzunehmen. – In seiner Reportage beschrieb der Kriegskorrespondent das Ausmaß der zerstörten Rheinmetropole:

Der ganze Kern der Innenstadt, einst berühmt wegen seiner romanischen Kirchen und seiner Museen, ist ein einziges Chaos: zerklüftete Mauern, umgestürzte Straßenbahnwagen, zerschossene Denkmäler und gewaltige Schuttberge, aus denen Eisenträger wie Rhabarberstangen hervorragen.

George Orwell

Orwell sah das ehemalige »Herrenvolk« auf der Suche nach Trinkwasser mit Fahrrädern durch die Trümmer von Köln fahren. »Es ist schwer vorstellbar, daß es sich um die gleichen Menschen handelt, die gerade noch den europäischen Kontinent« beherrschten, konstatierte er. »Die Propaganda, vor allem ihre eigene, hat uns glauben gemacht, daß sie alle hochgewachsen, blond und arrogant seien. Was man in Köln jedoch tatsächlich sieht, das sind eher gedrungene, dunkelhaarige Menschen, offensichtlich demselben Schlag zugehörig wie die Belgier jenseits der Grenze. Jedenfalls sind sie keineswegs besonders auffällig.« Der Autor lobte die zupackende Art der amerikanischen Besatzer, die versuchten möglichst schnell mit den Aufräumarbeiten zu beginnen: Bulldozer schaufelten die mit Schutt bedeckten Straßen frei, eine primitive Wasserversorgung mittels Pferdewagen wurde organisiert, die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung wieder hergestellt und Entnazifizierungsprogramme durchgeführt.

Historische Ansichtskarte: Allianzgebäude Köln, 1950er Jahre

Im Allianzgebäude am Kaiser-Wilhelm-Ring (eines der wenigen unbeschädigten Verwaltungsgebäude in der Stadt) wurde von der Militärregierung die städtische Verwaltung, der Stadtrat und das britische Militärgericht eingerichtet. Orwell nahm an der ersten Verhandlung teil, bei dem ein »junger, unappetitlich aussehender Nazi, einer der Führer der Kölner Hitler-Jugend«, vor Gericht stand. Aber keineswegs »weil er dieser Organisation angehört hatte – die Militärregierung ließ bekanntgeben, dass die Zugehörigkeit zu einer Nazi-Organisation allein noch kein Vergehen darstelle –, sondern wegen der Verheimlichung seiner Mitgliedschaft und wegen des Versuchs, die Mitgliederliste der HJ vor den amerikanischen Behörden zu verbergen.« Der Angeklagte wird zu einer siebenjährigen Haft und einer Geldstrafe von 10.000 Mark verurteilt. Das Urteil erscheint dem Prozessbeobachter als ziemlich streng, aber gerecht, denn »er war ganz offensichtlich schuldig, und die Fairness des gesamten Gerichtsverfahrens war derart beeindruckend, daß selbst der deutsche Verteidiger anerkennende Worte fand.«

– GE

Literatur: Orwell: Creating