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Notizen eines Gereongängers

Ein Gastbeitrag von Michael Kohtes
St. Gereon, Ostseite © Foto: Raimond Spekking CC BY-SA 4.0

Unter Kölns romanischen Gotteshäusern empfiehlt sich für den transzendental Obdachlosen als erste Adresse St. Gereon. Man bevorzuge die Tageszeiten, wenn die Messe gehalten und der Cicerone durch ist, dann winkt die Gnade, abgesehen von der einen oder anderen quer flitzenden Kirchenmaus mit dem Genius Loci allein zu sein – und eine Stunde der wahren Entrückung zu erleben.

Der Ort atmet Geschichte, die Luft seiner Legenden, den Staub der frühen Knochen. Hier, vor den Toren der antiken Colonia, begruben die Agrippinenser noch im 4. Jahrhundert ihre Toten. Es war der Acker, auf dem die Mythe nachmals das Massengrab des Heerführers Gereon und seinen thebäischen Mannen lokalisierte. Weil sie sich dem Befehl Kaiser Konstantins, alle Kölner Christen hinzuschlachten, widersetzt hätten, seien diese Standhaften von den eigenen Soldaten geköpft worden. Und über ihren Gebeinen habe Sankt Helena, die Mutter des Imperators, später die nämliche Kirche errichten lassen. So erzählte es unser Vater, wobei ihm seine »Heiligengeschichte« stets zu großem Sandalenkino geriet; jedenfalls hegten wir keinen Zweifel, dass zumal ein Verfechter des achten Gebots wie er die reine Wahrheit schilderte …

Überhaupt verringert sich hoc loco der Abstand zu den Ahnen merklich. Den Blick empor gerichtet, überkommt mich eine Ahnung, wie viel Blut, Schweiß und Spucke es Generationen von Baumeistern samt ihren Handlangern gekostet haben muss, bis aus den Mauern der römischen Nekropole jene romanische Stiftskirche erwachsen konnte, die ein Macht- und Pilgerzentrum von Rang war, als sie in den 1320er Jahren schließlich die eigenwillige Gestalt annahm, in der sie sich dem Auge seither präsentiert. Gereons Stiftsherren waren durch Geburt einem Adel verpflichtet, dem es gelegentlich am rechten Glauben gefehlt haben mochte, keineswegs jedoch an Geld und Geist. Derlei hatte das Abendland noch nicht gesehen: Zehn Ecken, vier Geschosse hoch, überwölbt von einem »Himmelsdach«, das dank Stein und Statik allen Wettern standhielt, so dass es der »Blutsäule« unseres Patrons – die jedem Bösewicht, der vor sie hintrat, ewige Verdammnis brachte! – ein sowohl beschirmtes als auch würdiges Wirkungsfeld bot.

Unter der Kuppel des Dekagons sucht ein vom Terminteufel heimgesuchtes Schäfchen wie unsereins, übrigens gerne auch mal länger als zehn Minuten, das Handy im Flugmodus, Zuflucht vor dem Lärm dort draußen ebenso wie vor den Tumulten in seinem Inneren. Nirgends steigt mir der Geruch erhitzten Kerzenwachses, vermischt mit einer Spur von Weihrauch, tröstlicher in die Nase als im Gemäuer dieser Märtyrerkirche. Und manchmal, wenn die Einkehr jene Tiefe der Betrachtung erreicht, mit der die Dinge aus ihren Bedeutungen treten, finde ich darüber wieder Anschluss an den rätselhaften Rhythmus des Universums. Vornehmlich dann, wenn das von den buntfarbigen Fenstern gefilterte Nachmittagslicht in die schattigen Gewölbe fällt und sich der Spiritus meiner prächtigen Enklave zur (gütigen) Gänze entfaltet.

Heilig ist mir der Ort aber auch, weil just hier, vor dem Altar des gemarterten Meuterers Gereon, sich meine Eltern feierlich die Ehe versprachen; mit dem Segen von Stadtdechant Robert Grosche, jenem Kunstkenner und klerikalen Künstlerfreund, der vormals, als Pfarrer in Vochem bei Brühl, unseren Herrn Papa bereits getauft hatte und auf dem Hof der Großeltern ein gern gesehener Gast war. Opa, so die Überlieferung, erörterte mit Dr. Grosche, meist schon vor dem Essen, Fragen zum bevorstehenden Weltuntergang wie zur Wahrscheinlichkeit der Jungfrauengeburt, er schätzte seine festen Ansichten über das »Herrjöttche«.

Ab und an ist Gereon für eine handfeste Überraschung gut. Gestern, in einer der hinteren Bänke, Langchor rechts, beim Sortieren meiner inneren Angelegenheiten, brach plötzlich der mächtige, raumfüllende Klang der Orgel über die stille Versenkungsübung herein. Alles Gewaltige kam von oben, aus den silbern glänzenden Pfeifen, die der kleinen Empore entragen – und Händen gehorchen, die drei Manuale und 36 Register beherrschen, umso imposanter, wenn das Pedal den wechselnden Füßen pariert. Es war der Anfang einer längeren freien Improvisation, sakrale Festmusik, bei der sogar einem Sünderlein wie mir die Himmel des Erhabenen aufsprangen.

Michael Kohtes, 2021