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Friedrich Nietzsche singt im Gürzenich

Friedrich Nietzsche, ca. 1869 © Foto: Gebrüder Siebe, Leipzig

Der junge Friedrich Nietzsche (1844-1900) hatte nach dem Abitur noch keine konkrete Vorstellung von seiner universitären Ausbildung. Am 16. Oktober 1864 traf er in der Universitätsstadt Bonn ein, um sich an der theologischen Fakultät zu immatrikulieren. Im darauffolgenden Semester wechselte er von der Evangelisch-theologischen Fakultät zur Philosophischen Fakultät und studiert fortan Klassische Philologie.

In Bonn galt er in »studentischen Kreisen etwas als musikalische Autorität und außerdem als sonderbarer Kauz«, mit seinem Eintritt in die Burschenschaft Franconia kam es zur Begegnung mit vielen musikliebenden Philologen, die durch seine Klavierimprovisationen auf ihn aufmerksam wurden. Nietzsche hatte bereits einige Stücke komponiert und spielte bemerkenswert gut Klavier. Die Priorität unter seinen Interessen hatte das Bonner Musikleben. Bereits wenige Tage nach seiner Ankunft wurde er bei Musikdirektor Caspar Joseph Brambach (1833-1902) vorstellig, um ihm einige seiner Lieder zur Begutachtung vorzulegen. Er wurde Mitglied des städtischen Gesangvereins, besuchte Konzerte und begeisterte sich vor allem für Hector Berlioz und Robert Schumann, insbesondere für Schumanns Vertonung von George G. N. Byrons Manfred. Nietzsche ging so oft ins Konzert und Theater, dass er mehrmals seine Mutter um Geld bitten musste: »Wir besuchten fleißig das Bonner und Kölner Stadttheater« und »fehlten nie im Beethoven-Verein«, notierte Nietzsches Freund Paul Deussen (1845-1919) in seinem Buch Erinnerungen an Friedrich Nietzsche

Von Bonn aus fuhr Nietzsche regelmäßig mit seinen Kommilitonen nach Köln. Im Städtischen Theater Köln in der Komödienstraße sah er am 2.1.1865 Carl Devrient in Friedrich Schillers Wallensteins Tod, ein Gastspiel des Königlichen Hannoverschen Hofschauspiels. Die Hugenotten, eine Oper von Giacomo Meyerbeer, mit der sächsischen Kammersängerin Jenny Bürde-Ney, besuchte er am 29.1.1865 und am 4.2. des Jahres sah er das »Große musikalischdeklamatorische Patti-Konzert« Es folgte am 17.2.1865 ein weiterer Opernbesuch in Köln: Der Deserteur, eine Oper in 3 Akten von Ernst Pasqué, Musik von Ferdinand Hiller, unter persönlicher Leitung des Komponisten. Zusammenfassend schrieb Nietzsche an seine Mutter und die Schwester:

»Meine Erlebnisse beschränken sich in der letzten Zeit auf Kunstgenüsse. So viel und so bedeutendes habe ich in kurzer Zeit gehört, daß ich es selbst kaum glauben mag. Innerhalb weniger Wochen besuchten die bedeutendsten Künstlerinnen Köln und Bonn. Dein Wunsch, liebe Lisbeth, daß ich die Patti hören möchte, ist erfüllt. Was kann ich Euch alles von dem prachtvollen Patticonzert erzählen. Die geniale Niemann- Seebach habe ich kürzlich in den Nibelungen von Fr. Hebbel als Kriemhild gesehn. […]  Die Bürde-Ney […] habe ich in den Hugenotten und im Fidelio gehört.« 

Ein besonderes Ereignis war für den jungen Nietzsche die Teilnahme am 42. Niederrheinischen Musikfest, das an drei Tagen im Kölner Gürzenich stattfand. – Der Gürzenich in der Martinstraße wurde von 1441 bis 1447 als spätgotischer Festsaalbau auf dem Grundstück der Familie Gürzenich erbaut. Das Bauwerk hatte von Beginn an die Funktion eines städtischen Festhauses. Im Obergeschoss befindet sich der Festsaal, in dem damals Kölner Ehrengäste empfangen, Feste von Kaisern, Fürsten und Bürgern gefeiert, aber auch Krönungsfeiern, Gerichtstage und ein Reichstag abgehalten wurden. Im 17. Jahrhundert wurde das Gebäude vorübergehend als Kauf- und Warenhaus genutzt. Um 1820 wurde die mittelalterliche Festhaustradition wiederbelebt und das Gebäude bekam bald darauf den Stellenwert als wichtigste Kölner Veranstaltungsadresse. Von 1857 bis zur Fertigstellung der Kölner Philharmonie 1986 veranstaltete die Cölner Concert-Gesellschaft im Gürzenich ihre Konzertreihe. Hieraus gingen auch die regelmäßig stattfindenden Gürzenich-Konzerte sowie der Gürzenich-Chor und das Gürzenich-Orchester hervor. Werke von Johannes Brahms, Richard Strauss und Gustav Mahler kamen hier zur Uraufführung. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg konnte der Gürzenich 1955 wieder aufgebaut werden. – Zu den populärsten Festivitäten im Kölner Gürzenich gehören heute wie damals zahlreiche Karnevalsveranstaltungen, zudem dient der Gürzenich als Veranstaltungsort für Kongresse, Tagungen und Märkte.

Der Gürzenich von Südosten, 1827, Lithographie von A. Wünsch nach einer Zeichnung von J. P. Weyer, 25 x 20 cm; Kölnisches Stadtmuseum

Am 25. Mai des Jahres 1865 teilte Nietzsche seinem Freund Carl von Gersdorff mit: »Pfingsten ist in Köln das rheinische Musikfest, bitte komm herüber von Göttingen. Zur Aufführung kommen vornehmlich Israel in Aegypten von Händel, Faustmusik von Schumann, Jahreszeiten von Haydn und vieles andere. Ich bin ausübendes Mitglied . . . Alles Nähere findest Du in den Zeitungen«. Im 19. und 20. Jahrhundert war das Niederrheinische Musikfest eines der bedeutendsten Musikfeste im Bereich der Klassischen Musik. Von 1818 bis 1958 fand es mit einigen Unterbrechungen insgesamt 112 Mal im Wechsel mehrerer Städte, überwiegend in Aachen, Düsseldorf und Köln, statt.

Über das 42. Niederrheinische Musikfest berichtete die Kölnische Zeitung am 13.5.1865, dass auch 72 Sänger aus Bonn teilnehmen sollten, darunter befand sich auch der Student Friedrich Nietzsche: »Unter den vielen Festen, welche im Laufe dieses Jahres in unserer Stadt gefeiert werden, dürfte das Niederrheinische Musikfest eine hervorragende Stellung einnehmen. Die Vorbereitungen zu demselben nahen der Vollendung und berechtigen zu großen Erwartungen. Zu dem stattlichen hiesigen Chore, der bereits seit Ostern zu fleißigen Proben drei Mal wöchentlich im Gürzenich unter Hiller’s bewährter Leitung sich versammelt, haben die meisten Städte Rheinlands und Westfalens zahlreiche Mitwirkende angemeldet, so Bonn allein 72. Das Orchester wird, nachdem mit einer großen Zahl der besten Künstler Deutschlands und Belgiens Engagements abgeschlossen, jene gewaltige Tonfülle entwickeln, wie sie nur bei Musikfesten das Ohr des Kunstfreundes entzücken kann

Da die Teilnahme an den Hauptproben am 2., 3., 5. und 6. Juni für alle Sänger vorgeschrieben war, weilten Nietzsche und seine Bonner Chorkollegen insgesamt fünf Tage in Köln. Gleichzeitig wurde die Internationale landwirtschaftliche Ausstellung in Köln, die vom 2. Juni bis 4. Juli 1865 dauerte, eröffnet, so dass in der Stadt eine weltstädtische Atmosphäre zu bemerken war. In einem Brief an seine Schwester berichtete Nietzsche von seinen Eindrücken: »[…] Ich kann Dir diesmal von wunderschönen Tagen erzählen. Am Freitag den 2ten Juni, reiste ich nach Köln herüber zum niederrheinischen Musikfest. An demselben Tage wurde dort die internationale Ausstellung eröffnet. Köln machte in diesen Tagen einen weltstädtischen Eindruck. Ein unendliches Sprachen- und Trachtengewirr – ungeheuer viel Taschendiebe und andre Schwindler – alle Hotels bis in die entlegensten Räume gefüllt – die Stadt auf das anmutigste mit Fahnen geschmückt – das war der äußere Eindruck. Als Sänger bekam ich meine weißrote seidne Schleife auf die Brust und begab mich in die Probe. Du kennst leider den Gürzenichsaal nicht, ich habe Dir aber in den letzten Ferien eine fabelhafte Vorstellung erweckt durch den Vergleich mit dem Naumburger Börsensaal. Unser Chor bestand aus 182 Sopranen, 154 Alten, 113 Tenören und 172 Bässen. Dazu ein Orchester aus Künstlern bestehend von etwa 160 Mann, darunter 52 Violinen, 20 Violen, 21 Cellis und 14 Contrebässe. Sieben der besten Solosänger und Sängerinnen waren herangezogen worden. Das Ganze wurde von Hiller dirigiert. Von den Damen zeichneten sich viele durch Jugend und Schönheit aus. Bei den drei Hauptkonzerten erschienen sie alle in Weiß, mit blauen Achselschleifen und natürlichen oder gemachten Blumen im Haar. Eine jede hielt ein schönes Bukett in der Hand. Wir Herren alle in Frack und weißer Weste. Am ersten Abend saßen wir noch bis tief in die Nacht hinein zusammen und ich schlief endlich bei einem alten Frankonen auf dem Lehnstuhl und war den Morgen ganz taschenmesserartig zusammengeknickt. […]« 

Über die Eröffnung des Musikfestes mit Felix Mendelssohns Paulus-Ouvertüre und Georg Friedrich Händels Israel in Ägypten, in dem die über 700 Mitwirkenden ihren »Haupt-Triumph« feierten, unterrichtete Nietzsche seine Schwester: »Den Sonntag war das erste große Konzert. ›Israel in Ägypten‹ von Händel. Wir sangen mit unnachahmlicher Begeisterung bei 50 Grad Reaumur. Der Gürzenich war für alle drei Tage ausgekauft. Das Billett für das Einzelkonzert kostete 2-3 Taler. Die Ausführung war nach aller Urteil eine vollkommene. Es kam zu Szenen, die ich nie vergessen werde. Als Staegemann und Julius Stockhausen ›der König aller Bässe‹ ihr berühmtes Heldenduett sangen, brach ein unerhörter Sturm des Jubels aus, achtfache Bravos, Tusche der Trompeten, Dacapogeheul, sämtliche 300 Damen schleuderten ihre 300 Buketts den Sängern ins Gesicht, sie waren im eigentlichsten Sinne von einer Blumenwolke umhüllt. Die Szene wiederholte sich, als das Duett da capo gesungen war

Das Ende dieses ersten Pfingsttages verbrachte Nietzsche in geselliger Runde mit dem Kölner Männergesangverein in der Gürzenich-Restauration mit »carnevalistischen Toasten und Liedern, worin der Kölner blüht, unter vierstimmigem Gesänge und steigender Begeisterung. […] Um 3 Uhr morgens machte ich mich mit 2 Bekannten fort; und wir durchzogen die Stadt, klingelten an den Häusern, fanden nirgends ein Unterkommen, auch die Post nahm uns nicht auf – wir wollten in den Postwägen schlafen – bis endlich nach anderthalb Stunden ein Nachtwächter uns das Hôtel du Dome aufschloß. Wir sanken auf die Bänke des Speisesaals hin und waren in 2 Sekunden entschlafen. Draußen graute der Morgen. Nach 11/2 Stunden kam der Hausknecht und weckte uns, da der Saal gereinigt werden mußte. Wir brachen in humoristisch verzweifelter Stimmung auf, gingen über den Bahnhof nach Deutz herüber, genossen ein Frühstück und begaben uns mit höchst gedämpfter Stimme in die Probe. Wo ich mit großem Enthusiasmus einschlief (mit obligaten Posaunen und Pauken). Um so aufgeweckter war ich in der Aufführung am Nachmittag von 6-11 Uhr. Kamen darin doch meine liebsten Sachen vor, die Faustmusik von Schumann und die A-dur-Symphonie von Beethoven. Am Abend sehnte ich mich sehr nach einer Ruhestätte und irrte etwa in 13 Hotels herum, wo alles voll und übervoll war. Endlich im 14ten, nachdem auch hier der Wirt mir versicherte, daß alle Zimmer besetzt seien, erklärte ich ihm kaltblütig, daß ich hier bleiben würde, er möchte für ein Bett sorgen. Das geschah denn auch, in einem Restaurationszimmer wurden Feldbetten aufgeschlagen, für eine Nacht mit 20 Gr. zu bezahlen.

Am dritten Tag endlich fand das letzte Konzert statt, worin eine größere Anzahl von kleineren Sachen zur Aufführung kam. Der schönste Moment daraus war die Aufführung der Symphonie von Hiller mit dem Motto Es muß doch Frühling werden, die Musiker waren in seltner Begeisterung, denn wir alle verehrten Hiller höchlichst, nach jedem Teile ungeheurer Jubel und nach dem letzten eine ähnliche Szene nur noch gesteigert. Sein Thron wurde bedeckt mit Kränzen und Buketts, einer der Künstler setzte ihm den Lorbeerkranz auf, das Orchester stimmte einen 3fachen Tusch an, und der alte Mann bedeckte sein Gesicht und weinte. Was die Damen unendlich rührte.«

Die Begeisterung dieser mehrtägigen musikalischen Erlebnisse in Köln klangen noch lange bei Nietzsche nach, von einem Genuss höchsten Ranges schrieb er über das Niederrheinische Musikfest in Briefen an seine Schwester. Nietzsches Zeit am Rhein endete nach zwei Semestern.  Im Herbst 1865 setzte er das Studium schließlich in Leipzig fort, unter anderem weil sein Lehrer Friedrich Ritschl (1806-1876) dorthin berufen wurde. – Nicht unerwähnt soll eine weitere Begebenheit bleiben, die Nietzsche mit Köln verbindet. Neben den kulturellen Anziehungspunkten gab es in der Rheinmetropole auch andere Vergnügungsstätten für die Bonner Studenten. Im Februar 1865 reiste der junge Nietzsche alleine von Bonn nach Köln und ließ sich von einem Dienstmann die Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen. Am Ende des Rundgangs forderte er seinen Begleiter auf, ihn in ein Restaurant zu führen. Der Dienstmann missverstand und brachte ihn in eines der Kölner Bordelle, »ein übel berüchtigtes Haus. Ich sah mich«, so berichtete Nietzsche seinem Freund Deussen am darauffolgenden Tag, »plötzlich umgeben von einem halben Dutzend Erscheinungen in Flitter und Gaze, welche mich erwartungsvoll ansahen. Sprachlos stand ich eine Weile. Dann ging ich instinktmäßig auf ein Klavier als auf das einzige seelenhafte Wesen in der Gesellschaft los und schlug einige Akkorde an. Sie lösten meine Erstarrung, und ich gewann das Freie.«

– © Gabriele Ewenz, 2024

Gabriele Ewenz

Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Literatur

  • Friedrich Nietzsche: Briefe I/2. 1864-1869. Kritische Gesamtausgabe. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Berlin, New York 1975, Brief Nr. 461, 467, 469.
  • Paul Deussen: Erinnerungen an Friedrich Nietzsche. Leipzig 1901.
  • Kölnische Zeitung, 13.5.1865
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Aktuelles

Poetica 9 – Festival für Weltliteratur

Die Poetica ist ein internationales Literaturfestival, das seit 2015 jährlich in Köln stattfindet. Es wird von der Universität zu Köln in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und kulturellen Einrichtungen der Stadt Köln veranstaltet und rückt im Besonderen die Lyrik als marginalisierte Gattung der Weltliteratur in den Blickpunkt. Ein Autor bzw. eine Autorin kuratiert und moderiert das Festival und lädt zu einem Leitthema bis zu zehn prominente Dichter*innen aus aller Welt ein. Die Ausgangsidee für die Poetica war, dass Literatur ebenso Wissen formt wie die Wissenschaften und der Vergleich ästhetischer Ideen im Dialog von Dichter*innen und Wissenschaftler*innen einen hervorragenden Zugang zum Verständnis fremder Kulturen und ihrer potentiell unterschiedlichen Antworten auf zentrale Daseinsfragen ermöglicht. Weitere Informationen gibt es hier.

v.l.n.r. Nikola Madžirov (© Thomas Kierock), Liana Sakelliou (© Nikos Pavlou) und Raphael Urweider (© Stefano de Marchi)

Die Poetica 9 findet vom 22. bis 27. Januar 2024 unter dem Motto »Nach der Natur – Imaginations of Nature Poetry« an verschiedenen Orten, u. a. auch am 25. Januar 2024 in der Kölner Zentralbibliothek, statt. Zu Gast sind Nikola Madžirov aus Nordmazedonien, Liana Sakelliou aus Griechenland und Raphael Urweider aus der Schweiz.

Das aktuelle Gesamtprogramm der Poetica 9 erscheint unter: www.poetica.uni-koeln.de

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Aktuelles

Heinrich-Böll-Preisträgerin 2023

Den nach dem Kölner Ehrenbürger und Nobelpreisträger Heinrich Böll benannten Preis verleiht die Stadt Köln seit 1985. Am Vorabend der offiziellen Preisverleihung im Historischen Rathaus spricht die diesjährige Preisträgerin Kathrin Röggla in der Kölner Zentralbibliothek über ihr Werk mit der Literaturkritikerin Sandra Kegel.

Bekanntheit erlangte Röggla vor allem als Sprachkünstlerin, die durch ihre Sprachdekonstruktion und den unverkennbaren Stil oft in Zusammenhang mit der ›Wiener Gruppe‹ genannt wird. Unter dem Vorsitz von Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat die Jury in ihrer Begründung unter anderem die stilistische und formale Brillanz im Werk der Autorin hervorgehoben. Darüber hinaus konnte Rögglas gesellschaftspolitische Engagement, »das seinen Ausdruck nicht in Theorie, sondern in dokumentarisch-literarischer Beobachtung findet«, die Jury überzeugen. Exemplarisch dafür sei ihre aktuelle Publikation Laufendes Verfahren angeführt: ein Roman über den von Röggla über Jahre hinweg begleiteten NSU-Prozess. Die Verleihung des Heinrich-Böll-Preises findet am 1.12.2023 im Historischen Rathaus der Stadt Köln statt.

Kathrin Röggla, geboren in Salzburg, studierte Germanistik und Publizistik. Röggla arbeitet als Prosa- und Theaterautorin, verfasst und produziert Hörspiele und akustische Installationen für verschiedene Rundfunkanstalten. Von 2004 bis 2008 unternahm sie Reisen, unter anderem nach Georgien, in den Iran, nach Zentralasien, Japan, in die USA und den Jemen. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Preise, darunter den Italo-Svevo-Preis, den Anton-Wildgans-Preis und den Arthur-Schnitzler-Preis. Seit 2020 ist sie Professorin für Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM).

Sandra Kegel, geboren in Frankfurt am Main, arbeitet als Journalistin, Literaturkritikerin und Herausgeberin. Seit 2019 ist sie verantwortliche Redakteurin im Feuilleton der FAZ, Mitglied mehrerer Literaturjurys sowie der 3sat-Sendung ›Buchzeit‹.

Eine Veranstaltung des Heinrich-Böll-Archivs der Stadtbibliothek Köln. Kooperationspartner ist das Kulturamt der Stadt Köln

Reservierung unter: Heinrich-Böll-Preis 2023

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Aktuelles Literaturfestivals

Anderland II – Festival der Poesie

Anderland, das Kölner Festival zur Poesie, findet in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. An zwei Tagen steht die Lyrik in der Kölner Zentralbibliothek im Zentrum. Zu Gast sind die Autorinnen Jenny Erpenbeck, Monika Rinck und Uljana Wolf. Der erste Abend ist der österreichischen Dichterin Christine Lavant (1915-1973) gewidmet, die zu den größten deutschsprachigen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts zählt.

Montag, 6.11.2023, 19 Uhr
Zu Beginn zeigen wir den Film Wie pünktlich die Verzweiflung ist (ORF 2023, ca. 45 Minuten), der anlässlich des 50. Todestags von Christine Lavant entstand und den der ORF dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hat.
Nach einer kurzen Pause sprechen Jenny Erpenbeck und Monika Rinck über Lavants Werk und stellen eine Auswahl ihrer Texte vor. In der Reihe Bücher meines Lebens hat Jenny Erpenbeck im Verlag Kiepenheuer & Witsch 2023 einen Band über Christine Lavant veröffentlicht, in dem sie die Leser an ihrer Faszination für diese außergewöhnliche Autorin und ihr Werk teilhaben lässt.

Dienstag, 7.11.2023, 19.30 Uhr
Am zweiten Abend des Festivals lesen Monika Rinck und Uljana Wolf aus ihren eigenen Werken.

JENNY ERPENBECK, geb. in Berlin, ist Autorin zahlreicher Romane, Erzählungen und Essays. Ihre Werke sind in dreißig Sprachen übersetzt und wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Independent Foreign Fiction Prize, dem Thomas-Mann-Preis, dem Premio Strega Europeo und dem Internationalen Stefan-Heym-Preis. Zuletzt erschienen die Romane Gehen, ging, gegangen und Kairos.

Christine Lavant (1915-1973), geb. als Christine Thonhauser in St. Stefan im Lavanttal (Kärnten) stammt aus einer armen Bergmannsfamilie, war Lyrikerin und Erzählerin. Ihre Schulbildung musste sie aus gesundheitlichen Gründen früh abbrechen. Jahrzehntelang bestritt sie den Familienunterhalt als Strickerin. Sie erhielt u. a. den Georg-Trakl-Preis (1954 und 1964) und den Großen Österreichischen Staatspreis (1970). 

Monika Rinck, geb. in Zweibrücken, veröffentlicht Essays, Prosa und Gedichte in Zeitschriften und Anthologien. Ihre Arbeit wurde mehrfach mit Preisen gewürdigt, u.a. mit dem Heinrich-von-Kleist-Preis, dem Ernst-Jandl-Preis und dem Roswitha-Preis. 2016/17 war sie in Köln Kuratorin des internationalen Festivals Poetica III. Seit 2023 ist sie Professorin für Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln.  

Uljana Wolf, geb. in Berlin, ist Lyrikerin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte vier Gedichtbände, den Essayband Etymologischer Gossip, der 2022 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik ausgezeichnet wurde. Ihr Werk wurde in über 15 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Peter-Huchel-Preis und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis. 2022 kuratierte sie die Poetica VI in Köln.

Die Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) der Stadtbibliothek Köln, der Buchhandlung Klaus Bittner und dem Institut für Deutsche Sprache und Literatur I der Universität zu Köln statt.

Veranstaltungsort:
Stadtbibliothek Köln
Josef-Haubrich-Hof 1
50676 Köln - Altstadt/Süd

Tickets über die Buchhandlung Bittner: 
info@bittner-buch.de, 0221-2574870
Vergangene Veranstaltung

Anderland I

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Aktuelles lik aktuell

lik aktuell

60 Jahre »Ansichten eines Clowns« von Heinrich Böll

Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns. Taschenbuchausgabe. München: dtv Nr. 400, 1967. Umschlaggestaltung von Celestino Piatti.

Anlässlich der Erstveröffentlichung von Heinrich Bölls Roman Ansichten eines Clowns (1963) gewährt das Heinrich-Böll-Archiv vom 29. Juli bis 23. Oktober 2023 Einblick in die Publikations- und Rezeptionsgeschichte des Romans. Deutsche und internationale Buchausgaben sind ebenso zu sehen, wie eine Zusammenstellung verschiedener Adaptionen des Stoffes.

Heinrich Böll konzipierte Ansichten eines Clowns nach dem Vorbild des griechischen Mythos von Theseus und dem Minotaurus, der in einem Labyrinth gefangen gehalten wurde, und zeichnete darin das berufliche und private Scheitern des »Romanhelden« nach. Die Handlung des Romans erstreckt sich über einen Abend, in dem der Protagonist Hans Schnier in seiner Wohnung sitzt und betrunken, bedürftig und von seiner Freundin verlassen mit Verwandten und Bekannten telefoniert, um sie um emotionale und finanzielle Unterstützung zu bitten. Bei diesen erfolglosen Bemühungen läuft er allerdings, wie in einem Labyrinth, gegen Wände.

In Rückblenden schildert Hans Schnier seine Lebens- bzw. Leidensgeschichte. Er wuchs in vermögenden Verhältnissen auf und hätte in dem Unternehmen seines Vaters Karriere machen können. Aber Ereignisse in der Kriegszeit sorgten mit dafür, dass er sich Mitte der 1950er Jahre, kurz nach seinem Abitur mit seiner Mutter überwarf und das Elternhaus verließ. Er verliebte sich in Marie, die aus einfachen Verhältnissen stammte und in einem katholischen Milieu aufwuchs. Nachdem Hans und Marie einige Zeit, ohne verheiratet zu sein, zusammenlebten, wurde der Druck auf Marie von ihrem stark katholisch geprägten Umfeld so stark, dass die Beziehung zu Hans letztlich scheiterte. Die satirische Darstellung des »stark katholisch geprägten Umfeldes« führte beim Erscheinen des Buches zu heftigen Kontroversen und retrospektiv bezeichnete Böll das Buch als einen »historischen Roman«. Dennoch kann das Buch – unabhängig von der Zeitgenossenschaft – als Konflikt zwischen Individuum und Institution verstanden werden und diese Kontroverse ist zeitlos, wie auch die gescheiterte Liebesbeziehung zwischen Hans und Marie.

Veranstaltungsort:
Stadtbibliothek Köln
2. Obergeschoss der Zentralbibliothek, Literaturwelt
Josef-Haubrich-Hof 1
50676 Köln - Altstadt/Süd

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Aktuelles

Heinrich Bölls Geständnis im Hansasaal des Historischen Rathauses

Heinrich und Annemarie Böll, 29.12.1972, Hansasaal, Rathaus Köln © Foto: Hansherbert Wirtz

Am 29. Dezember 1972 ehrte die Stadt Köln Heinrich Böll mit einem Empfang im Hansasaal des Historischen Rathauses. Anlass der Ehrung war die Verleihung des Nobelpreises für Literatur, den der Preisträger nur wenige Tage zuvor am 10. Dezember in Stockholm überreicht bekam. Im Hansasaal kam es an jenem Abend zu einem für alle anwesenden Gäste unerwarteten Geständnis Bölls. Welche Rolle dabei die Ratsherrenfiguren spielten, lässt sich im folgenden Beitrag nachlesen.  

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Heinrich Böll – Hansasaal

Heinrich und Annemarie Böll mit Sohn Raimund und Oberbürgermeister Theo Burauen im Hansasaal, 29.12.1972, Titelseite der Kölner Bürgerillustrierten, H. 3, 1972.

Am 29. Dezember 1972 ehrte die Stadt Köln Heinrich Böll mit einem Empfang im Hansasaal des Historischen Rathauses. Anlass der Ehrung, die mit einem Eintrag Bölls ins Goldene Buch der Stadt einherging, war die Verleihung des Nobelpreises für Literatur, den der Preisträger wenige Tage zuvor am 10. Dezember in Stockholm überreicht bekam. Die Preisverleihung nahm erstmals der schwedische Kronprinz Carl Gustav vor, der seinen Vater, den erkrankten König Gustav VI. Adolf, vertrat. – Am 9. März des Jahres war dieser noch zu Besuch in der Domstadt. – Heinrich Böll wurde in Stockholm für seine Verdienste zur Erneuerung der deutschen Literatur ausgezeichnet, er war nach Hermann Hesse der zweite deutsche Schriftsteller, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit dieser Auszeichnung bedacht wurde.

Der Hansasaal bildet das repräsentative Zentrum des Historischen Rathauses, er ist der größte (30 Meter lang, 7,60 Meter breit, 9,58 Meter hoch an der höchsten Stelle) und prächtigste Saal des gesamten Rathausensembles, der für feierliche Zeremonien, den Empfang von Staatsoberhäuptern, Königen und Königinnen oder Ordensverleihungen an verdienstvolle Kölner und Kölnerinnen genutzt wird. Ursprünglich war der Saal, der im 14. Jahrhundert erbaut wurde, die Tagungsstätte der Hanse, später diente er auch als Gerichtssaal. In der Nachkriegszeit musste der Raum aufwendig in seiner hochgotischen Form wiederhergestellt werden, da der Saal im Zweiten Weltkrieg fast völlig ausbrannte.

9 gute Helden, Historisches Rathaus Köln, v.l.n.r.: Karl der Große, König Artus, Gottfried von Bouillon, Josua, David, Judas Makkabäus, Julius Caesar, Hektor, Alexander der Große © Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Außergewöhnlich und beeindruckend ist vor allem die Innenausstattung des Hansasaals. An der südlichen Stirnwand befinden sich die »Neun guten Helden«, sie zählen zum wertvollsten Interieur des Rathauses und stammen aus der Zeit zwischen 1320 und 1330. Die Steinfiguren symbolisieren die drei Zeitalter der Heilsgeschichte des Augustinus und zeigen von links nach rechts: die Christen Karl der Große, König Artus, Gottfried von Bouillon, die Juden Josua, David, Judas Makkabäus sowie die Heiden Julius Caesar, Hektor und Alexander der Große. Die an der Nordseite angebrachten acht Prophetenfiguren aus Eichenholz stammen aus der Zeit um 1410, sie zierten früher die angrenzende Prophetenkammer.

Kölnisch um 1414, Acht Propheten, Eichenholz, Höhe 113-117 cm, Historisches Rathaus © Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln

Neben dem Hansasaal bilden weitere Gebäudeelemente, die teilweise miteinander verbunden sind, den Kölner Rathauskomplex. Er besteht aus dem um 1330 errichteten Kernbau mit Walmdach, dem von 1407 bis 1414 angebauten Rathausturm, den die Kölner Zünfte als Zeichen ihrer Stadtherrschaft errichten ließen, und einer vorgelagerten Renaissance-Laube. In einem später angegliederten Verwaltungsakt befinden sich Repräsentations- und Diensträumen der Oberbürgermeisterin beziehungsweise des Oberbürgermeisters. Die Piazzetta, ein 900 Quadratmeter großer und 12,60 Meter hoher Freiraum bildet die Mitte des Gebäudeensembles. Unter dem markanten schwebenden Kunstwerk Baldachin (1980) von Hann Trier finden in der Piazzetta überwiegend Veranstaltungen statt.

Beim Empfang zu Ehren Bölls im Dezember 1972, ging es erwartungsgemäß feierlich und gediegen zu. Der damalige Oberbürgermeister der Stadt Köln, Theo Burauen, hielt eine Laudatio auf den Preisträger, in der er Böll als Mensch bezeichnete, der »kein Freund von pathetischen Auftritten sei, dem überhaupt Äußerlichkeiten und Gepränge mißfielen«. Desweiteren hob Burauen hervor, dass Böll »ein heilsamer Mahner aus bitterer Liebe zum Menschen« sei und bat ihn am Ende seiner Rede, sich ins Goldene Buch der Stadt Köln einzutragen, um »die Namen Köln und Böll in einem Buch zu vereinen«. 

Goldenes Buch der Stadt Köln, Bd. 3, Historisches Archiv Köln. Signatur: HAStK Best. 7550, U 1833

In seiner Dankesrede, wie aus den Berichterstattungen in der Lokalpresse zu entnehmen ist, gestand der Literaturnobelpreisträger eine ›Straftat‹, die in die unmittelbare Nachkriegszeit zu datieren ist. Demnach fand Böll vor fast dreißig Jahren zwischen den Trümmern des zerstörten Rathauses den Fuß von einer der beschädigten Ratsherrnfiguren aus dem Hansasaal. Anstatt das ›Ratsherrnfüßchen‹ ordnungsgemäß bei der Stadt abzugeben, nahm Böll es mit und benutzte es fortan als Manuskriptbeschwerer. Bei einem seiner zahlreichen Umzüge habe er es im Verlauf der Jahre wohl dann irgendwann verloren. Nach diesem Geständnis ging man zum gemütlichen Teil des Abends über: serviert wurden traditionell Kölsch und kalte Platten, es wurde geplaudert und Böll ließ sich von Stadtkonservator Dr. Fried Mühlberg die Besonderheiten der Wandfiguren im Hansasaal erklären. Ein gelungener Empfang!

Im Dezember 2022 jährte sich zum fünfzigsten Mal die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Heinrich Böll. Aus diesem Anlass lud Oberbürgermeisterin Henriette Reker zu einer Veranstaltung des Heinrich-Böll-Archivs der Stadtbibliothek Köln in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung Berlin, der Erbengemeinschaft Heinrich Böll, dem Verlag Kiepenheuer & Witsch und dem dem Kulturradio WDR 3 in die Piazetta des Historischen Rathauses ein. Es diskutieren die Verlegerin Kerstin Gleba (Kiepenheuer & Witsch), die Schriftstellerin Katja Lange-Müller, der Schriftsteller Thomas von Steinaecker und der Rundfunkautor Terry Albrecht über die Wirkung, die Heinrich Bölls Literatur und sein gesellschaftliches Engagement damals hatte und welche Bedeutung ihm heute noch zukommt. Die Moderation hatte die Literaturkritikerin Sandra Kegel.

v.l.n.r.: Terry Albrecht, Kerstin Gleba, Sandra Kegel, Katja Lange-Müller, Thomas von Steinaecker, 24.11.2022, Piazetta Historisches Rathaus © Foto: Max Grönert

Die Berliner Autorin Katja Lange-Müller sprach an diesem Abend über das erzählerische Werk Heinrich Bölls. Einige Aspekte ihrer Ausführungen fasste sie in einem kurzen Text zusammen, den sie dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hat.

– © GE, 2023

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Aktuelles

»Das Schloß des Kölner Nordens«

Heinrich Böll und das Oberlandesgericht Köln

Oberlandesgericht Köln, um 1911, historische Ansichtskarte

Das Oberlandesgericht (OLG) ging aus dem »Rheinischen Appellationsgerichtshof zu Cöln« hervor, den der preußische König Friedrich Wilhelm III. durch Kabinettsorder vom 21. Juni 1819 gründete. 1911 zog das OLG Köln vom Appellhofplatz in das Justizgebäude am Reichenspergerplatz um, das nach Plänen des Geheimen Oberbaurats Paul Thoemer (1851-1918) in neubarockem Stil erbaut worden war. Heinrich Böll, der einige Jahre in der Hülchrather Straße, also in unmittelbarer Nähe des OLG wohnte, nannte den Bau »das Schloß«. Auch aus anderen Gründen war ihm das Gebäude am Reichensperger Platz sehr vertraut, da er in den 1970er Jahren in zahlreiche Rechtsstreitigkeiten verwickelt war. Angefangen von Schadensersatzklagen gegen den WDR im Zusammenhang mit dem Fernsehfilm Fedor M. Dostojewski, der am 10. Oktober 1972 mit einem Vergleich vor dem Oberlandesgericht Köln (OLG) endete, über eine Unterlassungsklage gegenüber dem ›ZDF-Magazin‹ Moderator Gerhard Löwenthal bis hin zu dem mit großer medialer Begleitung stattgefundenen Prozess gegen den Journalisten Matthias Walden und den ›Sender Freies Berlin‹ (SFB). Mehr darüber im nachfolgenden Beitrag.

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Heinrich Böll – Oberlandesgericht Köln

Oberlandesgericht Köln, 2012. © Foto: Reinhardhauke, CC BY-SA 3.0

Das Justizgebäude am Reichenspergerplatz wurde von 1907 bis 1911 im neubarocken Stil errichtet und war damals das größte Gerichtsgebäude in Preußen. Das neue, palastartige Gerichtsgebäude kostete 5,6 Millionen Mark und wurde am 7. Oktober 1911 seiner Bestimmung übergeben. Zur Zeit der Einweihung war das Gerichtsgebäude das größte in Deutschland mit 34 Sitzungssälen, 400 Geschäftszimmern, mit einer imposanten Eingangshalle und Fluren von mehr als 4 km Gesamtlänge. Dazu zählt auch eine für damalige Zeiten moderne technische Ausrüstung wie elektrisches Licht, Fernsprechsammelanlage und Aufzug. Das schlossartige Bauwerk sollte ein Symbol für die Unabhängigkeit der Gerichte gegenüber Königshäusern und Kirche sein. Ausdruck dafür ist auch eine Darstellung der römischen Göttin Justitia im Fries über dem Hauptportal. Die richtende Göttin der Gerechtigkeit ist dort in einem Relief ohne Augenbinde dargestellt – Ausdruck dafür, dass die Justiz zwar blind ist gegen Standesunterschiede, aber nicht blind gegenüber dem Menschen, dem sie in die Augen schaut.

Fries über dem Hauptportal des OLG Köln, Relief mit der Göttin Justitia. © Foto: CEphoto, Uwe Aranas CC BY-SA 3.0

Von 1969 bis 1982 wohnte Böll in der Hülchrather Straße ganz in der Nähe des Kölner Oberlandesgerichts. In dem 1972 veröffentlichten Essay Hülchrather Straße Nr. 7 erwähnte Böll auch das Gerichtsgebäude am Reichenspergerplatz:

»Beherrschend für das Viertel ist das große Schloß mit der weitläufigen Fassade, es zieht viele Besucher an, weil in ihm die große Dame mit den verbundenen Augen residiert; sie entscheidet über Ehen, Scheidungen, Miet- und Wohnungsstreit, Beleidigungsklagen, klärt Besitzverhältnisse. Es wäre ungerecht zu sagen, die Dame in ihrem Schloß wäre unproduktiv; eins wird ganz gewiß in ihrem Herrschaftsbereich produziert: Staub, jener besondere Staub, der sich in und auf Akten sammelt.«

Heinrich Böll: Hülchrather Str. Nr. 7

Die von Böll erwähnte »Dame mit den verbundenen Augen« ist die traditionelle Darstellung der Justitia mit Binde vor den Augen und einer Waage in der Hand. Eigentlich hätte ihm der Fries mit der Justitia ohne Augenbinde über dem Hauptportal auffallen müssen, da er in den 1970er Jahren in zahlreiche Rechtsstreitigkeiten verwickelt war. Angefangen von Schadensersatzklagen gegen den WDR im Zusammenhang mit dem Fernsehfilm Fedor M. Dostojewski, der am 10. Oktober 1972 mit einem Vergleich vor dem Oberlandesgericht Köln (OLG) endete, über eine Unterlassungsklage gegenüber dem ›ZDF-Magazin‹ Moderator Gerhard Löwenthal bis hin zu dem mit großer medialer Begleitung stattgefundenen Prozess gegen den Journalisten Matthias Walden und den ›Sender Freies Berlin‹ (SFB).

Heinrich Böll mit seinem Anwalt Hans Jürgen Prinz und seiner Schwester Gertrud Böll vor dem OLG, Februar 1975 © Foto: F.W. Holubovsky

In der Spätausgabe der Tagesschau machte Matthias Walden am 21. November 1974 mit teils falschen, teils ungenauen oder aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten Böll für ein Attentat auf den Berliner Kammergerichtspräsidenten von Drenkmann mitverantwortlich. Böll verklagte Walden und den SFB daraufhin vor dem Kölner Landgericht auf die Zahlung eines Schmerzensgeldes. Die Klage wurde zurückgewiesen.  Böll ging jedoch in die nächste Instanz – nicht, weil ihm an der persönlichen Auseinandersetzung mit Walden gelegen war, sondern weil er von einem Gericht klären lassen wollte, »wo die Grenzen zwischen Meinungsfreiheit und Verleumdung verlaufen«.

In zweiter Instanz sprach sich das Oberlandesgericht im Mai 1976 für eine Teilzahlung des Schmerzensgeldes aus. Nachdem dieses Urteil zwei Jahre später im Mai 1978 vom Bundesgerichtshof (BGH) aufgehoben wurde, legte Böll eine Verfassungsbeschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht (BVG) mit der Begründung ein, dass es in diesem Rechtsstreit um eine Abwägung der Grundrechte des Persönlichkeitsschutzes und der Pressefreiheit ginge. Im Juli 1980 wurde das BGH-Urteil durch das BVG aufgehoben, das die Klage zur erneuten Verhandlung an den BGH zurückwies, da in diesem Fall das Grundrecht des Persönlichkeitsschutzes höher zu bewerten sei als das der Pressefreiheit. Nach sieben Jahren Rechtsstreit entschied der Bundesgerichtshof im Dezember 1981 dann zugunsten Heinrich Bölls.

Daneben schrieb Heinrich Böll auch Gutachten für angeklagte Schriftstellerkollegen. »Als Autor ist man manchmal gezwungen, Gesetzesübertretungen in Erwägung zu ziehen, um ein Kunstwerk zu schaffen.« (KStA, 10.11.1976) So verteidigte Heinrich Böll den Kölner Schriftsteller Günter Wallraff, der im Urkundenfälschungs-Prozess am 9. November 1976 im Kölner Landgericht wegen Vorlage einer falschen Steuerkarte vom Gerling-Konzern angezeigt wurde, nachdem er seine Beobachtungen in dem Buch Ihr da oben – wir da unten veröffentlicht hatte.

Seine reichlichen Erfahrungen mit der deutschen Gerichtsbarkeit finden auch Eingang in seinem oben erwähnten Essay über das »Schloß« in der die Dame mit den verbundenen Augen« residiert:

»Da findet so manche rasche Verwandlung statt, die sichtbaren Türhüter sind freundlich, die unsichtbaren Türhüter, ich nehme an, sie lächeln, nicht verächtlich, eher traurig, wohl weil sie ahnen, daß hier auf ewig Mißverständnis herrscht: Mißverständnis über die verschiedenen Arten der Wörtlichkeit, die permanent hier aufeinanderprallen, die Wörtlichkeit der Eingeweihten und Einverstandenen mit der der anderen, die nicht begreifen können und wollen, daß geschriebenes, gesprochenes Recht eine andere Wörtlichkeit hat als ihr Streben, Gerechtigkeit zu erlangen. Da wird, was klar schien, unklar, geschriebenes, gesprochenes, ausgelegtes und gedeutetes Recht hat eine andere Dimension als jener Wunsch nach Gerechtigkeit, der eine andere Selbstverständlichkeit hat, als in diesem Labyrinth sichtbar wird.«

Heinrich Böll: Hülchrather Straße, Nr. 7

– © Markus Schäfer, 2023

Markus Schäfer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Literatur
  • Siehe: Böll: Hülchrather Str., S. 79, S. 80.
  • Verhandlung vor dem Kölner Landgericht gegen Günter Wallraff am 9.11.1976. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 10.11.1976, S. 10 u.d.T.: Verbotenes ohne Strafe. Heinrich Böll sprach vor dem Landgericht als Sachverständiger.
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Junges Buch für die Stadt

2017 wurde in Köln die neue Lesekampagne Junges Buch für die Stadt ins Leben gerufen, an der sich neben dem Kölner Stadt-Anzeiger und dem Literaturhaus Köln auch die Stadtbibliothek Köln beteiligt. Anlässlich des 100. Geburtstages von Heinrich Böll wurde dessen Glosse Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral, die 2014 als Bilderbuch umgesetzt und von dem französischen Zeichner Émile Bravo illustriert wurde, als Junges Buch für die Stadt ausgewählt.


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