»Anderland«, das Kölner Festival zur Poesie, findet in diesem Herbst zum 6. Mal statt. An zwei Abenden steht die Lyrik und der 100. Geburtstag von Ernst Jandl im Zentrum. Zu Gast sind diesmal Marica Bodrožić, Kerstin Hensel und Norbert Hummelt. Hier gibt es weitere Informationen.
Autor: LiK Köln
Ein Abend für Ernst Jandl mit Marica Bodrožić, Kerstin Hensel und Norbert Hummelt
»Anderland«, das Kölner Festival zur Poesie, findet in diesem Herbst zum 6. Mal statt. An zwei Abenden steht die Lyrik im Zentrum. Zu Gast sind diesmal Marica Bodrožić, Kerstin Hensel und Norbert Hummelt.
Montag, 3.11.2025. Beginn 19.30 Uhr
Zum 100. Geburtstag feiern wir Ernst Jandl – den ersten Abend widmen wir dem Wiener Dichter und Erfinder der konkreten Poesie. Passend zum Jubiläum erscheint ein Buch zu Jandls Ehren, darin stellen bekannte zeitgenössische Autor*innen ihre Lieblingstexte vor, drei davon haben wir nach Köln eingeladen: Kerstin Hensel, Marica Bodrožić und Norbert Hummelt sprechen über Jandls Einfluss auf ihr Werk und tragen seine Gedichte vor.
Dienstag, 4.11.2025. Beginn 19.30 Uhr
Am zweiten Abend stellt Norbert Hummelt seinen neuen Gedichtband Hellichter Tag vor, außerdem liest Kerstin Hensel aus ihren Texten.
Ernst Jandl wurde 1925 in Wien geboren. Nach Schule, Militärdienst und Kriegsgefangenschaft studierte er Germanistik und Anglistik. Während er als Gymnasiallehrer arbeitete, begann er Gedichte zu schreiben und zu veröffentlichten. Sein Werk wurde mit vielen renommierten Preisen ausgezeichnet.
Marica Bodrožić wurde 1973 in Dalmatien geboren. Sie schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays, die in über sechzehn Sprachen übersetzt wurden. Für ihr bisheriges Werk wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis, dem Manès-Sperber-Literaturpreis für ihr Gesamtwerk sowie dem Irmtraud-Morgner-Preis.
Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Sie gilt als eine der vielseitigsten und einflussreichsten Vertreterinnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Ihr Werk umfasst Lyrik, Romane und Erzählungen. 2015 wurde sie in der Akademie der Künste Berlin für die Sektion Literatur als Stellvertretende Direktorin gewählt. Sie unterrichtet heute an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch.
Norbert Hummelt wurde 1962 in Neuss geboren und lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Für sein lyrisches Gesamtwerk wurde er 2021 mit dem Rainer-Malkowski-Preis ausgezeichnet. Er übertrug T. S. Eliots Gedichtzyklen Das öde Land und Vier Quartette neu ins Deutsche und ist Herausgeber der Gedichte von W. B. Yeats.
Die Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) der Stadtbibliothek Köln, der Buchhandlung Klaus Bittner und dem Institut für Deutsche Sprache und Literatur I der Universität zu Köln statt.
Veranstaltungsort:
Stadtbibliothek Köln
Interim der Zentralbibliothek
Hohe Str. 68-82
50667 Köln - Altstadt/Süd
Tickets über die Buchhandlung Bittner:
info@bittner-buch.de, 0221-2574870
Vergangene Veranstaltung
Druckfrisch: Zum 100. Geburtstag der Autorin ist der 7. Band in der Schriftenreihe »lik« erschienen.
Neben dem biographischen Werdegang wird vor allem das facettenreiche literarische Werk Anne Dorns und ihre Beziehung zu ihrer Wahlheimat Köln gewürdigt. Hier gibt es weitere Informationen über die Publikation.
Die Knollennasen – unverwechselbar. Die Inhalte – bahnbrechend. Der Zeichner – ein Star.
Wir feiern den 65. Geburtstag des bekannten Comic-Zeichners – und zwar gebührend mit mehr als 100 Seiten Comics, die bisher noch nie auf Deutsch in Buchform veröffentlicht wurden. Eingeladen zur Party sind viele seiner beliebten Figuren: Konrad und Paul natürlich, aber auch Spargel oder Berthold und die Pfundskerle.
65 Jahre Ralf König – das heißt auch: Wir nehmen uns Zeit für einen Rückblick auf sein Leben und Werk. Ralf König führt durch den Abend, selbstverständlich angereichert mit vielen Fotos, Skizzen und Texten, die einen Einblick in sein Leben und seine Arbeit geben.
Ralf König ist 1960 in Soest geboren und hat sein Studium der freien Graphik an der Kunstakademie Düsseldorf absolviert. Ab 1980 veröffentlichte er Comics in diversen Schwulenmagazinen. Seinen Durchbruch hatte er mit Der bewegte Mann (1987), der sowohl als Comic wie auch als Film ein großes Publikum eroberte. Er erhielt vielfache Auszeichnungen und nahm an zahlreichen Ausstellungen teil, zum Beispiel 2012 im Kölnischen Stadtmuseum zu den Elftausend Jungfrauen bei Das Ursula-Projekt. Seine Comics sind in 18 Sprachen übersetzt worden. 2014 erhielt er den Max-und-Moritz-Preis für sein Lebenswerk und 2017 wurde er mit dem Wilhelm-Busch-Preis ausgezeichnet.
Eine Veranstaltung des Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) in Kooperation mit der Buchhandlung Klaus Bittner.
Aus gegebenem Anlass zeigen wir bis zum November 2025 auf der 2. Etage im Interim der Zentralbibliothek eine kleine Ausstellung über das Werk von Ralf König.
Veranstaltungsort:
Stadtbibliothek Köln
Interim der Zentralbibliothek
Hohe Straße 68-82
50667 Köln - Altstadt/Süd
Die Veranstaltung ist ausverkauft!
Buchvorstellung und Gespräch zum 115. Geburtstag von Annemarie Böll
Der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll und seine Frau Annemarie bildeten über Jahrzehnte ein Paar, das man heute ein „power couple“ nennen würde. Doch während die Biografie und das literarische Werk des Nobelpreisträgers umfassend rezipiert wurden, fand das Wirken Annemarie Bölls bislang nur geringe Beachtung in der öffentlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung.
Dabei war sie nicht nur Bölls erste, wenn auch informelle Lektorin, sondern auch als Anglistin eine sehr produktive Übersetzerin zahlreicher englischsprachiger Autor*innen wie zum Beispiel J.D. Salinger, Bernhard Shaw, Patrick White und Judith Kerr. Ihr Leben, das fast ein Jahrhundert, zwei Weltkriege und vier politische Systeme umspannte, ist in dem neuen Buch der Berliner Schriftstellerin Tanja Dückers zu entdecken.
Dr. Gabriele Ewenz, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv, Markus Schäfer und Maria Birger, Referent*innen der Heinrich Böll Stiftung, Berlin, diskutieren an diesem Abend über das Leben und Wirken dieser außergewöhnlichen Frau.
Eine Veranstaltung des Heinrich-Böll-Archiv in Kooperation mit der Erbengemeinschaft Heinrich Böll, der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin, und dem Lew Kopelew Forum e.V.
80 Jahre Befreiung und Kriegsende
Das Kriegsende am 8. Mai 1945 war für den Infanteristen Böll ein »Tag der Befreiung«, nicht nur von einem Krieg, in dem er vom ersten bis zum letzten Tag als einfacher Soldat »diente«, sondern auch vom Dritten Reich der NSDAP. Er war 15 Jahre alt, als Adolf Hitler im Januar 1933 die Macht ergriff, 22 Jahre alt, als er 1939 als Gefreiter der Wehrmacht eingezogen wurde und 27 Jahre, als er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde.
Die Jugendzeit in der Nazi-Diktatur und die Kriegsjahre waren Erfahrungen eines bevormundeten Lebens in einem Zwangssystem, die zu elementaren Themen des späteren Schriftstellers wurden. Er schrieb über den Krieg, die Heimkehr und das Leben in den Trümmern, sowohl äußerlich (Ruinen) als auch innerlich (seelische Verfassung, zerstörte Ideale und Werte). Mit seinem »Bekenntnis zur Trümmerliteratur« rechtfertigte Böll sein Anliegen, nach einer »bewohnbaren Sprache in einem bewohnbaren Land« zu suchen. In dem Bekenntnis heißt es:
Es ist unsere Aufgabe, daran zu erinnern, dass der Mensch nicht nur existiert, um verwaltet zu werden – und dass die Zerstörungen in unserer Welt nicht nur äußerer Art sind und nicht so geringfügiger Natur, dass man sich anmaßen kann, sie in wenigen Jahren zu heilen.
Die Arbeit an dieser Aufgabe blieb für Böll bestimmend. In seinen Texten thematisierte er die Frage der individuellen Schuld und betrieb Vergangenheitsaufarbeitung und nicht Vergangenheitsbewältigung.
Dr. Gabriele Ewenz, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv, Markus Schäfer und Maria Birger, Referent*innen der Heinrich Böll Stiftung, Berlin diskutieren über die Bedeutung der Erinnerungsarbeit Bölls und die Vergangenheitsaufarbeitung der deutschen Gesellschaft nach 1945.
Anlässlich der Veranstaltung zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa wird eine Präsentation ausgewählter Archivalien Heinrich Bölls zum Thema gezeigt.
Eine Veranstaltung des Heinrich-Böll-Archiv in Kooperation mit der Erbengemeinschaft Heinrich Böll, der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin, und dem Lew Kopelew Forum e.V.
Jürgen Beckers Lyrik und Vorstellung der Literaturzeitschrift die horen mit Jennifer de Negri, Guy Helminger, Sabine Küchler, Jürgen Nendza und Boris Becker
Montag, 21.05.2025, 19.30 Uhr
Wir freuen uns, dass im Rahmen der im April 2025 erscheinenden neuen Ausgabe der horen (mit dem Schwerpunkt-Thema Kölner Lyrik) vier Autorinnen und Autoren aus ihren darin veröffentlichten Texten lesen werden. Im zweiten Teil werden wiederum die vier Auftretenden ihre Lieblingsgedichte von Jürgen Becker vortragen. Zudem wird Boris Becker Fotografien zeigen und Sabine Küchler einleitende Sätze zu Leben und Werk Beckers geben.
Jennifer de Negri wurde 1981 geboren und lebt in Köln. Sie studierte Theaterregie sowie Literarisches Schreiben an der KHM und veröffentlicht Lyrik und Prosa. 2021 erschien ihr Lyrikband Triebe klimatischer Verhältnisse im Berliner SUKULTUR Verlag. Als Stipendiatin verschiedener Sparten nahm sie an Festivals und Werkstätten teil. De Negri erhielt Preise und Nominierungen, unter anderem ›open mike‹ und ›Literarischer März‹. Sie ist Co-Kuratorin der queer-feministischen Lesereihe [OHNE PRONOMEN]. Im Frühjahr erscheint der Gedichtband reise nach BABYlon in der parasitenpresse.
Guy Helminger wurde 1963 in Esch-sur-Alzette (Luxemburg) geboren und lebt seit 1985 in Köln. Er veröffentlicht Lyrik, Romane, Reiseberichte und Hörspiele. Zudem ist er mit Navid Kermani Gastgeber des Literarischen Salons in Köln. Er verbrachte längere Zeit unter anderem in Indien, Iran, Jemen, Südafrika und Brasilien. 2012 hielt er eine Poetik-Dozentur an der Universität Duisburg-Essen. 2016 wurde er mit dem Dresdner Lyrikpreis und 2022 mit dem Lyrikpreis Meran ausgezeichnet. Zuletzt erschien sein Werk Das Geräusch der Stillleben bei capybarabooks, Luxemburg.
Jürgen Nendza, geboren 1957 in Essen. Er ist Verfasser von Gedichten, Essays, Prosa, Hörspielen und Radio-Features. 1998 wurde er mit dem Lyrikpreis Meran und 2018 mit dem Christian-Wagner-Preis für das lyrische Gesamtwerk ausgezeichnet. Seine letzte Veröffentlichung war Auffliegendes Gras im Leipziger poetenladen.
Sabine Küchler wurde 1965 in Bremen geboren und lebt in Köln. Sie veröffentlicht Lyrik, Prosa sowie Hörspiele. Zudem ist Küchler als literarische Übersetzerin und Moderatorin tätig. Sie erhielt diverse Preise und Stipendien. Im Auftrag des Goethe-Instituts bereiste sie Argentinien und die Türkei. Sie arbeitet als Redakteurin beim Deutschlandfunk.
Boris Becker, geboren 1961 als Sohn des Schriftstellers Jürgen Becker, studierte an der Hochschule der Künste Berlin und an der Kunstakademie Düsseldorf. Er wird mit seinem Werk zur Düsseldorfer Photoschule gezählt. Für 1997/98 wurde ihm ein Stipendium in der Villa Massimo in Rom zuerkannt. Becker lebt und arbeitet in Köln.
Jürgen Becker wurde 1932 in Köln geboren. Er arbeitete für den WDR und in den Verlagen Rowohlt und Suhrkamp. Zwanzig Jahre lang, bis 1993, leitete er die Hörspielredaktion des Deutschlandfunks. Jürgen Beckers Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem erhielt er den Preis der Gruppe 47, den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der schönen Künste, das Stipendium der Villa Massimo, den Bremer Literaturpreis und den Heinrich-Böll-Preis. Jürgen Becker war Mitglied der Akademie der Künste in Berlin-Brandenburg, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, sowie des PEN-Clubs. 2014 wurde Jürgen Becker schließlich als »maßgebliche Stimme der zeitgenössischen Poesie mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt.« Jürgen Becker verstarb am 7. November 2024 in Köln.
Die Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) der Stadtbibliothek Köln, der Buchhandlung Klaus Bittner und dem Institut für Deutsche Sprache und Literatur I der Universität zu Köln statt.
Veranstaltungsort:
Stadtbibliothek Köln
sprachraum der Stadtbibliothek
Josef-Haubrich-Hof 1a
50667 Köln - Altstadt/Süd
Tickets über die Buchhandlung Bittner:
info@bittner-buch.de, 0221-2574870
Vergangene Veranstaltung
Hans Bender zum 10. Todestag
Buchvorstellung am 15. Mai 2025, 19:30 Uhr
Mit einer Buchvorstellung ehrt das Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) Hans Bender, der vor zehn Jahren in Köln starb. Benders facettenreiches Werk, das Kurzgeschichten, Romane, Gedichte, Aufzeichnungen und Vierzeiler umfasst, steht gleichwertig neben seiner Herausgebertätigkeit. Hans Bender lebte und arbeitete über 50 Jahren in Köln, von hier aus betrieb er bis 1980 die redaktionelle Arbeit der Zeitschrift akzent, die bis heute zu den renommiertesten deutschen Literaturzeitschriften zählt. Durch die Herausgabe von Anthologien hat sich Bender um die Förderung neuer Dichtung verdient gemacht. Sein erstaunliches Gespür für schriftstellerische Qualität verhalf vielen noch unbekannten Autor*innen auf das literarische Parkett.
Michael Krüger, der langjährige Freund und Verleger von Hans Bender schrieb einmal, dass man fünf Bände mit den Zeugnissen aus einem langen Leben mit und für die Literatur füllen könnte. Aus diesem schier unerschöpflichen Material haben Horst Bürger und Walter Hörner unter dem Titel Zeitverwandtschaft. Ein halbes Jahrhundert Literatur in Essays, Rezensionen und Würdigungen (1953-2003) eine Textauswahl zusammengestellt, die chronologisch nach Erscheinungsjahren geordnet fünfzig Jahre umfasst. So entsteht eine Literaturgeschichte ganz persönlicher Art – von dem bedeutsamen Französisch-Deutschen Schriftstellertreffen im Jahr 1953 in Paris bis zur ungewöhnlichen Begegnung mit Thomas Bernhard 2011.
Es sprechen Horst Bürger, Dr. Gabriele Ewenz und Walter Hörner –
Eine Veranstaltung des Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) in Kooperation mit der Buchhandlung Bittner.
Veranstaltungsort:
Stadtbibliothek Köln
sprachraum der Stadtbibliothek
Josef-Haubrich-Hof 1a
50667 Köln - Altstadt/Süd
Tickets über die Buchhandlung Bittner:
info@bittner-buch.de, 0221-2574870
Eine Erinnerung an Albrecht Fabri
Gastbeitrag von Michael Kohtes
Der Schriftsteller und Essayist Albrecht Fabri (1911-1998) hat in der Kölner Literaturlandschaft vor allem als großer Wortkünstler seine Spuren hinterlassen. Michael Kohtes erinnert in seinem Beitrag Schreiben, um etwas zu erfahren an diesen Anachoret der deutschen Nachkriegsliteratur.
Schreiben, um etwas zu erfahren
Eine Erinnerung an den Schriftsteller Albrecht Fabri
Er lebte im Elfenbeinturm und wahrte Distanz in jeder Beziehung. Albrecht Fabri, 1911 in Köln geboren und 1998 ebendort verstorben, war der Anachoret der deutschen Nachkriegsliteratur. Cliquenfern und quer zu dem, was gerade Zeitgeist war, hielt er sich streng an seinen ästhetischen Grundsatz: »Der Schriftsteller schreibt nicht, was er denkt, er denkt, was er schreibt.«
Folglich interessierte dieser Schriftsteller sich für Weltanschauungsfragen so wenig wie für die Atombombe; ihn beschäftigten Kommaprobleme. Sprache als Mittel zu deskriptiven oder ideologischen Zwecken zu benutzen, wäre ihm absurd erschienen. Schreiben hieß für ihn, sich auf sein Material zu konzentrieren, hieß: mit und vor allem in der Sprache zu denken. Ein Abenteuer, das mit Erkenntnisgewinn lockte, freilich auch das Risiko implizierte zu irren. Beide Möglichkeiten indessen schlossen das Schlimmste, das einem Wort- und Denkspieler wie ihm hätte widerfahren können, aus: die Langeweile, zu schreiben, »was man vorher weiß«.
Fabris Œuvre ist vergleichsweise schmal geblieben. Seine dünnen Sammelbändchen, die er in wachsenden Abständen publizierte, unter anderem Der schmutzige Daumen (1948), Interview mit Sisyphos (1952), Der rote Faden (1958), Stücke (1971), Viererlei (1989), ergeben in der Summe gerade mal ein Dutzend. Aber wie sollte es auch anders sein bei einem Autor, der auf das Wesentliche konzentriert war, der, ein Meister im Weglassen, »immer weniger, kürzer und knapper« schreiben wollte.
Sein Werk, die geschliffenen, auch die feinsten Nuancen der Sprache beherrschenden Essays, seine funkelnden Aphorismen und Aperçus, entstand à l’occasion. Fabri war das, was man einen »Gelegenheitsarbeiter« nennt. Er schrieb aus verschiedenen Anlässen und zu unterschiedlichen Themen. Sein Stil jedoch und das Niveau, das er sofort, schon mit seinen ersten Texten erreicht hatte, sind über Jahrzehnte hinweg konstant geblieben. Gleichviel, in welcher Form er sein jeweiliges Thema angeht, ob Essay, Notiz, Rezension, Rede oder Scholie: in jeder Kategorie entpuppt sich ein poetischer Sprachdenker von Rang. »Denn was lohnt an einem Thema, ist nicht das Thema, vielmehr das, wozu man es bewegt.«
So konnte er über Wittgensteins Tractatus und eine neue Montaigne-Übersetzung, zu Gottfried Benns Fragmenten oder Über zwei Sätze von Rimbaud schreiben, er konnte das Fugato über einen Reklamespruch komponieren, das Gerede von der Krise kritisieren oder über den Ruhm variieren: stets entzünden sich seine Reflexionen an den sprachlichen Details. Und fast immer münden die Detailüberlegungen in eine dezente Verteidigung seines formalen Autonomieprinzips: »Für den Schriftsteller ist die Welt Syntax; er untersucht und erforscht sie in den Strukturen seiner Sätze.«
In ihrer offenen, abstrakten Gestik überschreiten Fabris Schriften die Grenzlinien von Philosophie und Literatur. Sein Denken folgt der Logik des Spiels, und weil der Sprachspieler in seinen fugenlos konstruierten Prosa-Architekturen erkennbar anwesend ist, sind seine Reflexionen, sein Nachdenken über das, was die Welt der Wörter in ihrem Innersten zusammenhält, immer auch eine Einladung zum Mittun: »Haben Sie«, fragt er zum Beispiel, »schon einmal darüber nachgedacht, was sie eigentlich sagen, wenn Sie ›fabelhaft‹ sagen? Fabelhaft im strikten Verstand sind doch wohl Kentaur und Einhorn. Was Sie als fabelhaft bezeichnen, verweisen Sie also, genau genommen, aus der Welt hinaus.«
Dieserart bringt der philologisch versierte Prosaist die Sprache selbst zur Sprache. Indem er die Wörter kritisch beim Wort nimmt, durchbricht er die aus dem gedankenlosen Umgang mit Floskeln und Phrasen resultierende »Taubheit für Sprache«. Womit sich dem Gehör nicht nur das untergründige Beziehungsgeflecht der Zeichen offenbart, sondern eben auch der Nexus von etabliertem Gerede und schlampig Gedachtem. Man verwechsle Fabris sprachkritisches Verfahren nicht mit der kalten Laborkunst der Konkreten Poeten. Seine Vernunftspiele durchweht ein hirnerfrischender Humor. Der Humor eines Autors, der um die Grillen und Ungereimtheiten der Sprache weiß; der es liebt, sich in Paradoxien zu bewegen und seine Aussagen mit sentenziöser Treffsicherheit auf die Spitze zu treiben. Nicht linear, sondern sprunghaft-assoziativ verläuft seine Schreib-, die Denkbewegung, wobei immer schon der Prozess des Schreibens als solcher Erkenntnisfunktion hat. Der Weg ist das Ziel. Und er verlangt den beweglichen Leser.
»Nur phantasielose Männer heiraten schöne Frauen.« Punkt. In seiner Aphoristik zeigt sich der Sprach- als heiterer Universalskeptiker. Hier verdichten sich die Denkvorgänge zu einer lakonisch-launigen Mini-Prosa über Gott und die Welt: »Andächtig ist, wer, wenn er Tee trinkt, Tee trinkt.« – »Elefanten baden, Fische nicht.« – »Wenn es stimmt, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat, wimmelt es nur so von Gotteslästerungen.« Wer Lichtenbergs Sudelbücher zu schätzen weiß und die espritgeladenen Greguerías von Ramón Gómez de la Serna, der wird in den zeitlosen Aphorismen Fabris die Position dazwischen finden.
Den literaturtheoretischen Diskursen seiner Zeit ohnehin in manchem voraus, zudem mit einer gesunden Abneigung gegen Dichterkult und Marktschreierei gesegnet, betrieb Fabri die konsequente Anonymisierung seiner schriftstellerischen Existenz. Er war ein Autor ohne Biografie. Als Person des Zivilstandsregisters gleichen Namens habe er eine Biografie, als Schriftsteller nicht. Als Schriftsteller sei er nicht weniger »Kunstprodukt« als das Werk selbst.
Fabri, als Person des Zivilregisters, hatte Musikwissenschaft, Philosophie und Germanistik studiert. Er war Frontsoldat und in russischer Kriegsgefangenschaft, bevor er an der Deutschen Buchhändlerschule in Köln Dozent für französische und moderne Literatur wurde. Später arbeitete er für Funk und Fernsehen, vornehmlich beim Westdeutschen Rundfunk, sowie als Lektor und Übersetzer, wobei er unter anderen Paul Valéry, Alain, Chapman Mortimer und Blaise Cendrars ins Deutsche hinüberholte.
Indes hat Fabri nicht nur zu seinen Wahlverwandten in der Literatur Verbindung gehalten. Ebenso hat der »Bücherbewohner« sich für die Sache der Bildenden engagiert, zumal für jene Künstler, die nach dem Krieg vom Gegenständlichen zum Abstrakten fanden. Was er in den Werken seiner Malerfreunde, den Bildern von Ernst Wilhelm Nay, Hann Trier, HAP Grieshaber, Hans Hartung et alia erblickte, war die Umsetzung der von ihm verfochtenen Poetik mit anderen Mitteln. Schrieb dieser nicht etwas, sondern Worte, so malten jene nicht dinglich, sondern das Malen.
Legendär sind Fabris Fünf-Minuten-Auftritte als Eröffnungsredner bei den Vernissagen in der Kölner Galerie Der Spiegel, in den fünfziger Jahren eine erste Adresse der damals noch umstrittenen Abstrakten Malerei. Freilich sprach Fabri nicht über die ausstellenden Künstler; er stellte den Exponaten seine eigene Kunst an die Seite: fundierte Atelierkritik und glossierende Bemerkungen zum Kunstbetrieb. Der kurz angebundene Wortsteller dürfte die Verstörungskraft der avantgardistischen Gemälde noch übertroffen haben, wenn er seine Ansprachen mit Sentenzen intonierte wie: »Der für mich größte Vorzug von Bildern ist der, dass sie stumm sind«; oder: »Nur Eunuchen denken mit dem Kopf; nur Stiere denken mit den Hoden.« Fabris kunsttheoretische Kommentare und Aufsätze zur Malerei sind, nicht anders als seine Literatur-Literatur, für die jungen Kritiker und Essayisten der Nachkriegszeit stilbildend geworden.
Natürlich könnte man sich jetzt darüber echauffieren, dass dieser Autor bis heute so weiträumig umgangen worden ist. Und überhaupt: dass der Typus des Schriftstellers, wie Fabri ihn verkörpert, in der deutschen Leselandschaft einfach keinen Boden unter die Füße bekommt. Nicht ärgern! All jene, die von der Literatur etwas mehr erwarten als das, was alle lesen, werden von Fabris eleganten Fabrikationen auf ihrem Niveau unterhalten. Eher noch darüber. Zu den Schriftstellern, die Eindruck machen, wird man ihn ohnehin nicht zählen wollen. Denn: »Eindruck mache ich meinem Kopfkissen.«
– © Michael Kohtes, 2024
Für die Abdruckgenehmigung des bislang unpublizierten Textes danken wir dem Autor.
