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Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio in Köln

St. Clemens, Mülheimer Ufer, um 1900, in: Paul Clemen:  Die Kunstdenkmäler des Kreises Mülheim am Rhein. Bd. 5, Abt. 2. Düsseldorf 1901.

Der Liedersammler und Dichter Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio (1803 – 1869) lebte während seiner Volksschulzeit einige Jahre im Haus seiner Großeltern in Mülheim am Rhein und berichtet in seinen Erinnerungen, wie er an den Vorabenden der ›Mülheimer Gottestracht‹, der Fronleichnamsprozession zu Land und auf den Schiffen im Rhein, am Ufer saß und sich am Spiel der Musiker erfreute, die auf den versammelten Schiffen Volksweisen zum Besten gaben. An anderer Stelle heißt es in seinen Erinnerungen, dass er auf dem ›Köllner Männergesangsfest‹ von 1846 im Gürzenich unter der Leitung seines Freundes Felix Mendelssohn Bartholdy »redlich mitgesungen« hat. – Über das abenteuerliche Leben des Romantikers Anton Wilhelm von Zuccalmaglio schrieb die Kölner Autorin Dorothea Renckhoff für die LiK.map nachfolgenden Beitrag.

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Das abenteuerliche Leben des Romantikers Anton Wilhelm von Zuccalmaglio

Ein Gastbeitrag von Dorothea Renckhoff
Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio, um 1842

Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Sammler. Man sammelte Zeugen der Vergangenheit, um sie für die Gegenwart zu erhalten und fruchtbar zu machen. Zu den berühmtesten Sammlungen im Bereich der Literatur zählen die Märchen der Brüder Grimm, die von romantischen Dichtern zusammengestellte Volkslied-Anthologie Des Knaben Wunderhorn und die Liedersammlungen von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio (1803 – 1869). Doch während in Des Knaben Wunderhorn einzig Texte festgehalten sind, hat Zuccalmaglio auch die Melodien notiert und so insgesamt 700 Lieder für die Nachwelt – für uns – erhalten. Ohne ihn würde sie heute niemand mehr kennen: Die Blümelein, sie schlafen, Schwesterlein, Kein schöner Land in dieser Zeit – sie wären für immer verloren. Das hängt mit der tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandlung zusammen, die sich zu Zuccalmaglios Lebzeiten vollzog und die er wach beobachtet hat.

Seine Geburt 1803 fällt in die Jahre, als Napoleon fast ganz Europa beherrschte und das Rheinland französisch war; der Liedersammler starb 1869, ein Jahr vor dem großen deutsch-französischen Krieg von 1870/71, das deutsches Kaiserreich und Gründerzeit nach sich zog. Zwischen diesen Endpunkten fuhren die ersten Eisenbahnen und Dampfboote, mechanische Webstühle beschleunigten den Arbeitsprozess und leiteten die Industrialisierung ein, und die Städte wuchsen rasant. Als Gegenbewegung zum sich immer rascher steigernden Tempo in allen Lebensbereichen beschwor die Romantik Sehnsuchtsbilder aus Vergangenheit und Natur, mittelalterliche Burgruinen, Waldeinsamkeit und ein ideales Leben, das bürgerliche Sesshaftigkeit ablehnt und sich in stetem Unterwegssein, im Wandern und Reisen verwirklicht. In seinem ganzen Leben war Zuccalmaglio – der es nie zu einer eigenen Wohnung brachte – geradezu der Prototyp des Romantikers.

Schon die Vorgeschichte seiner Familie scheint einem romantischen Schauerdrama entnommen: Wie der Name nahelegt, stammt das Geschlecht Zuccalmaglio aus Italien. Das Kind, das einmal Anton Wilhelms Urgroßvater werden sollte, war nach dem Tod des Vaters von der bösen Stiefmutter als Edelknabe nach Deutschland geschickt worden. Einer von dessen Söhnen – also ein Großonkel von Anton Wilhelm – sollte sich später in Italien um das Erbe kümmern, das dem deutschen Zweig der Familie zustand; er erstellte einen Stammbaum, aus dem die Abstammung der Zuccalmaglios von den Medici hervorging und – wurde in Italien ermordet. Weitere Nachforschungen unterblieben.

Anton Wilhelm kam in Waldbröl im Amt Windeck zur Welt. Sein Vater war Jurist und wurde 1805 in Schlebusch Maire[1]. Die Mutter war als Tochter eines herzoglichen Richters auf Schloss Burg aufgewachsen. Als kleiner Junge war Anton Wilhelm dort oft zu Gast und erinnerte sich als Erwachsener mit Sehnsucht an das alte Schloss, das er in späteren Jahren als Ruine wiedersehen musste – man hatte das Gebäude aufgegeben und, wie früher üblich, als Steinbruch benutzt[2]. Auch hier ein romantisches Motiv im Leben des Liedersammlers: Die Sehnsucht nach dem verlorenen Ort einer fernen Kindheit, nach alten Schlössern und Palästen, wie wir sie bei Chamisso und Eichendorff finden.

Die Mutter sang dem Jungen unzählige Volkslieder aus der Gegend vor, wie Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht, er fiel auf die zarten Blaublümelein – und Zuccalmaglio beschreibt später die alten Trachten und das einfache Leben im bergischen Land während seiner Kindheit: »Mit den alten Trachten lebten alte Lieder, alte Gebräuche, alte Anschauungen im Volke.« Die Heimat der Blaublümelein, die so oft in seinen Liedern besungen werden, erkannte er im Siebengebirge, wo die Scilla bifolia, der zweiblättrige Blaustern, auch Sternhyazinthe genannt, im Frühling blüht. Aber wer denkt dabei nicht an die blaue Blume der Romantik?

Lithographierte Postkarte 1914 Mülheim mit Mülheimer Gottestracht

Doch Anton Wilhelm musste die Eltern bald verlassen: Schlebusch hatte keine Schule. Vom Haus des Großvaters in Mülheim am Rhein aus besuchte er die dortige Volksschule, zusammen mit seinem nur 3 Jahre älteren Onkel Franz. Im Zuge der Befreiungskriege sah das Kind Zuccalmaglio riesige Truppenkontingente den Rhein in beiden Richtungen überqueren, erlebte Einquartierung und versuchte beim Soldatenspiel mit seinen Freunden bereits, eigene Texte zu den Märschen zu verfassen. Nach dem Ende der Franzosenzeit (1815) konnte der Junge ins Elternhaus zurückkehren, denn der Vater blieb Bürgermeister und gründete in Schlebusch eine Schule.
»Um diese Zeit war mir […] die Gewalt und Kraft der Musik in bewußter Weise durch ein Wunder aufgegangen«, erzählt Zuccalmaglio in seinen Erinnerungen. »Ermüdet vom Spiele mit meinen Kameraden hatte ich mich auf eine Bank gesetzt, als zufällig im Hause mehrere Mädchen ein Volkslied anstimmten. Aufmerksam lauschte ich, der Zauber der weichen Stimmen, die Wendungen der Weise rührten mich dermaßen, daß ich ihn nicht mehr vergeßen habe. Alles früher Gehörte, dessen ich mich erinnerte, kam mir wie ein glänzendes Geräusch vor…«

Bald wirkte er als Cellist und Oboist im vom Vater gegründeten Laienorchester mit, das als »musikalische Akademie« 1818 mit rund 200  Teilnehmern aus der Region beim ersten niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf Haydns Schöpfung und seine Vier Jahreszeiten aufführte. Nebenbei lernte der Junge Violine, Klarinette und Horn. 1816 bis 1823 besuchte er das Karmeliter-Gymnasium in Köln an der Severinstraße.[3] Einer seiner Lehrer – ein Sohn der berühmten Schauspielerin Sophie Schröder – muss ein Mann ohne Vorurteile gewesen sein, regte er doch den Schüler an, die Weisen der alten Lieder zu notieren, die Anton Wilhelm von seiner Mutter kannte – und das, obwohl die ›bessere Gesellschaft‹ zu der Zeit das Volkslied für flach und wertlos hielt. Zuccalmaglio zeichnete in diesen Jahren nur die Melodien auf, nicht die Texte.

Nach dem Schulabschluss trat er in Köln in die 7. Artilleriebrigade ein, und da der Militärdienst ihn bald langweilte, arbeitete er nebenbei an einer Sammlung von Burschenliedern für ein neues Commersbuch, wo er Fremdwörter durch deutsche Ausdrücke ersetzte. Das trug ihm in der von Spitzeln und Zensur geprägten Zeit den Verdacht ein, Demagoge und heimlicher Revolutionär zu sein. Ein wohlwollender Vorgesetzter schlug die polizeiliche Untersuchung nieder und gab ihm den Rat, in Zukunft nichts mehr unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen. So entstand unter Bezug auf seinen Geburtsort Waldbröl der Künstlername Anton Wilhelm von Waldbrühl, der 1825 in der Literaturzeitschrift Rheinische Flora unter seinem ersten veröffentlichten Gedicht stand: Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. Schon 1829 druckte Heinrich Heine es im Taschenbuch für Damen ab mit dem Vermerk: »Dieses ist ein wirkliches Volkslied, welches ich am Rhein gehört.«

Anton Wilhelms militärische Karriere endete unter mysteriösen Umständen: 1826 wurde er als dienstunfähig entlassen – ob bei einer Übung von einem Geschütz überfahren oder nach einem Reitunfall, blieb unklar. Wenig später war der junge Mann jedoch schon wieder in der Lage, weite Wanderungen zu unternehmen, wie die Romantiker sie liebten und wie er sie bald auch während seiner Studentenzeit in Heidelberg mit den Kommilitonen unternahm. An der dortigen Universität studierte er mit seinem jüngeren Bruder Vinzenz Rechts- und Staatswissenschaften bei dem berühmten Juristen Thibaut, daneben auch Musik, Archäologie, deutsche Sprache, Geschichte, Zeichnen, Astronomie und Mythologie.

Das Studentenleben von damals hatte wenig Ähnlichkeit mit dem von heute. Man unternahm Ausflüge und Festlichkeiten mit den Professoren und war Gast in ihren Häusern. Besonders Thibaut lud seine Schüler zu gemeinsamem Singen zu sich ein: Man befasste sich mit Volksliedern, aber nur mit denen anderer Länder, da man annahm, in Deutschland gebe es nichts als Schnadahüpfli aus den Alpen. Zuccalmaglio trat den Gegenbeweis an und trug eines aus seiner Heimat vor, und Thibaut regte an, es aufzuschreiben.

Zuccalmaglio erinnert sich, dass er notierte, »was ich von Volksweisen mich entsinnen konnte und wo mir Worte fehlten, legte ich diese dann nach Gutdünken unter.« So begann sein systematisches Sammeln, so begannen aber auch jene Textänderungen und das Schreiben eigener volksliedhafter Texte, die andere Liedsammler und Historiker bald zu seinen wütenden Feinden machen sollten: Als »üble Fälschungen« bezeichneten sie Liedtexte wie Kein schöner Land zu dieser Zeit.

1830 mussten die Brüder die Universität verlassen – die Eltern hatten sich getrennt und konnten die Söhne finanziell nicht mehr unterstützen. Anton Wilhelm ließ ein Mädchen zurück, mit der er sich angesichts seiner unsicheren Zukunftsaussichten nicht hatte verloben können. Als ihre Briefe ausblieben, erfuhr er von den Kommilitonen in Heidelberg, dass sie an der Cholera gestorben war. Er hat nie geheiratet. Auch der Traum einer wissenschaftlichen Karriere lag zerschlagen. In den Staatsdienst wollte er auf keinen Fall – wie fast alle Rheinländer der Restaurationsjahre verabscheute er die preußische Regierung[4].

Aus dieser Situation rettete ihn sein Onkel Franz, mit dem er zur Schule gegangen war. Auch Franz, der zum Freundeskreis von Heinrich Heine gehörte, hatte sich dem preußischen Geheimdienst verdächtig gemacht, war über Griechenland nach Russland geflohen und hatte es im baltischen Mitau[5] in kurzer Zeit zum Bürgermeister gebracht. Er verschaffte dem Neffen eine Stelle als Erzieher beim russischen Fürsten Gortschakow, der gerade geholfen hatte, den polnischen Aufstand niederzuschlagen, und bald Gouverneur von Warschau wurde.[6] Bevor der angehende Prinzenerzieher nach Osten reiste, verbrachte er  ein Jahr in Frankreich, um seine für die neue Stelle unerlässlichen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen; damit entging er gleichzeitig einer Untersuchung durch die preußische Geheimpolizei, die ihn in eine Verschwörung verwickelt glaubte.

Von 1832 an lebte Zuccalmaglio 8 Jahre lang mit eigenem Diener bei der Familie Gortschakow im Schloss der polnischen Könige in Warschau. Er bereiste mit dem Fürsten ganz Polen, die Schweiz und Russland, wurde mit der Ehrendoktorwürde der Universitäten Dorpat und Moskau ausgezeichnet und erhielt vom Zaren den Titel eines kaiserlichen Professors. Seinen Schüler unterrichtete er in allen Fächern, von Mathematik über Sprachen und Philosophie bis zu Schwimmen und Eislaufen. Auf langen Wanderungen vermittelte er dem jungen Prinzen – wie auch all seinen späteren Schülern – die Ehrfurcht vor der Natur, und immer wieder hat er sich – sein Leben lang – zu seinem wichtigsten Ziel bekannt: Seine Schüler zu selbständigem Denken zu erziehen. Daneben schrieb er in seiner freien Zeit Gedichte, Libretti, Dramen, Übersetzungen italienischsprachiger Mozartopern, gab eine Sammlung slawischer Lieder unter dem Titel Slawische Balalaika heraus und lernte Persisch. Er nahm Kontakt zu Robert Schumann auf, der ihn bald hoch schätzte und im Lauf der Jahre ca. 150 Artikel aus seiner Feder in der Neuen Zeitschrift für Musik abdruckte, oft an exponierter Stelle.

1838 erschien dann der erste Band von Zuccalmaglios großer Liedersammlung Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen, 1840, nach Zuccalmaglios Rückkehr aus Warschau, der zweite. Danach brach Kritik von allen Seiten über ihn herein. Vor allem auch deshalb, weil Wissenschaftler und andere Liedsammler manche Texte zuerst für völlig unveränderte alte Volksliedertexte hielten und erst nach und nach auf Zuccalmaglios Änderungen aufmerksam wurden. Jedes Wort wurde ihm angekreidet, die schönsten Texte als »Fälschungen« bezeichnet – bis zu der Behauptung, er habe sämtliche Lieder komplett selber erfunden. »Sie bedachten kaum,« sagte Zuccalmaglio dazu, »dass sie mich dann zu einem großen Dichter und Tonsetzer machen, dem deutschen Volke nur die mittelmäßigen Gassenhauer zuschreiben würden.« Immer wieder hat er darauf hingewiesen, dass Lieder nie in unveränderter Gestalt überliefert werden, sondern dass jedes Dorf, ja jeder Sänger etwas am Text ändert und dass die Lieder sich im Gesungenwerden weiterentwickeln. Johannes Brahms hat 1894 zweiundzwanzig von Zuccalmaglios Liedern bearbeitet und als Deutsche Volkslieder mit Klavierbegleitung herausgegeben. Er nannte die zeitgenössische Kritik philiströs und spießbürgerlich.

Nach der Rückkehr aus Warschau hat Zuccalmaglio bis 1847 in Düsseldorf und Köln gelebt, nahm großen Anteil an der Wiederbelebung der Bauarbeiten am Kölner Dom und war mit dem Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner befreundet. Was in den nächsten Jahren in seinem Leben folgte, waren Stellungen als Erzieher, unter anderem in Frankfurt, Hagen und Elberfeld, wo er bei der Familie Aders im ›Wunderbau‹ lebte, einem in einem ehemaligen Steinbruch erbauten Palast im Barockstil mit Gartenterrassen, unterirdischen Grotten, Brunnen, Wasserkünsten und Liebestempeln. Gleichzeitig entfaltete dieser ungemein vielseitig interessierte und gebildete Mann eine rege journalistische Tätigkeit – er veröffentlichte Aufsätze zu Mode, Musik, Jagdrecht, Botanik, Wegebau und Neuanlagen von Eisenbahnen. Obwohl in einigen Bereichen Dilettant, arbeitete er auf vielen Gebieten erfolgreicher als mancher Fachmann – so wurde ein von ihm entworfener Bauplan für eine neugotische Kirche angenommen und realisiert, während der des konkurrierenden Architekten abgelehnt wurde. Er selbst schmückte einen Sitzungssaal mit Fresken aus; die wurden allerdings entfernt, weil er Personen der Obrigkeit karikiert hatte. Mit wachen Sinnen verfolgte er die Entwicklungen und geistigen Strömungen seiner Zeit und war einer der ersten, der sich für das gerade aufgefundene Skelett des Neandertalers interessierte und es als das eines prähistorischen Menschen erkannte. Mit den Mitgliedern der Düsseldorfer Malerschule war er befreundet und wurde von ihnen – schöner Mann, der er war – im Rittersaal von Burg Stolzenfels auf einem Wandfries als Gottfried von Bouillon und als Minnesänger verewigt.

In seinen letzten Lebensjahren zog Zuccalmaglio zur Familie seines Bruders Vinzenz nach Grevenbroich, war aber immer noch viel unterwegs, besuchte seine früheren Schüler und ist 1869 auf einer solchen Reise in Nachrodt an einem Herzschlag gestorben. Er wurde auf dem katholischen Friedhof in Altena begraben. Seinen Grabstein hat man von dort in den oberen Burghof versetzt – eine passendere Gedenkstätte für einen Romantiker als solch alter Schlosshof ist kaum vorstellbar. In unserer Zeit geht es ihm ähnlich wie dem Märchendichter Hans Christian Andersen: sein Name ist bei Vielen vergessen. Aber was er uns hinterlassen hat, ist Allgemeingut geworden.


[1] Bezeichnung für Bürgermeister während der ‚Franzosenzeit’ im Rheinland
[2] Die heutige Höhenburg ist eine zwischen 1890 und 1914 entstandene Rekonstruktion.
[3] 1830 in Königliches Friedrich-Wilhelm-Gymnasium umbenannt. Das Gebäude wurde im 2. Weltkrieg 1943 zerstört, das Gymnasium 1957 an anderer Stelle neu gebaut, aber noch immer in der Severinstraße.
[4] In der Literatur zu Zuccalmaglio liest man zuweilen von seiner angeblichen Preußenbegeisterung, aber davon findet sich nichts in seinen Memoiren oder sonstigen Schriften.
[5] Heute Jelgava in Lettland, damals Hauptstadt von Kurland.
[6] Bekanntlich existierte Polen nach drei Teilungen zu der Zeit nicht mehr.


Für die Abdruckgenehmigung des bislang unpublizierten Textes danken wir der Autorin.

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Aktuelles

Zum Tod von Jürgen Becker (1932 – 2024)

Jürgen Becker in der Kölner Zentralbibliothek, 2014, © Literatur-in-Köln-Archiv

Der Kölner Schriftsteller und Lyriker Jürgen Becker ist am 7.11.2024 im Alter von 92 Jahren in seinem Haus in Köln-Dellbrück gestorben. Neben Heinrich Böll und Dieter Wellershoff prägte er über viele Jahrzehnte maßgeblich die Kölner Literaturszene.

Wie kaum ein anderer seiner Kölner Schriftstellerkolleginnen oder -kollegen, hat sich Becker mit dem Ort seiner Herkunft und seiner Wirkungsstätte literarisch auseinandergesetzt. Köln und vor allem die Ränder und Umgebungen der Stadt, die Kölner Bucht, markieren größtenteils die Eckpunkte seines Schreibprozesses. »Köln ist eine Stadt, »die in ihrer Widersprüchlichkeit genügend Reize für einen Künstler hat. Es ist für meine Bücher wichtig, daß sie gerade hier entstanden sind.«, so beschrieb Becker das besondere Verhältnis zu seiner Geburtsstadt.

Wie in einem Steinbruch fand der Autor hier sein Material, das er bearbeitete, drehte und wendete, immer wieder neu betrachtete, variantenreich modellierte und auf seine Tauglichkeit hin untersuchte. Auf diese Art und Weise entstanden außergewöhnliche, sehr eigene Prosaarbeiten und Gedichte, die einerseits im Humus des vertrauten Terrains verwurzelt sind, andererseits aber weit über den Horizont des Lokalen hinausweisen. 

Bereits in seinem ersten Prosawerk Felder (1964), einem der experimentellen Literatur verpflichteten Text, wird ein vielschichtiges Spektrum vom Leben einer Person in Köln gezeichnet. »Der Titel ist malerisch, so beschrieb Heinrich Böll kurz nach Erscheinen über das Buch, »er könnte auch, wandelte man ihn in ›Planquadrate‹ um, der Landvermessersprache entnommen oder strategischen Ursprungs sein; die Anordnung der Texte ist musikalisch, deren Qualität poetisch, ihr Gegenstand: Köln. Die Lokalisierung erfolgt deutlich: ›Sankt Kunibert läutet‹, ›Werheits Hund‹, ›Werheits Hof‹, und natürlich, ›da rasselt unterm Pflaster römisches Gebein‹.« Neben seiner literarischen Tätigkeit leitete Becker fast 20 Jahre die Hörspielredaktion des Deutschlandfunks in Köln. Die Stadt Köln verlieh ihm zweimal die höchste städtische Auszeichnung für Literatur: 1968 den Kölner Literaturpreis und 1995 den Heinrich-Böll-Preis.

Mit seinem lyrischen Werk gehörte Becker zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart. Noch in diesem Jahr erschien der Band Nachspielzeit. Sätze und Gedichte, in dem Becker in seinem unverwechselbaren Sound sein literarisches Schreiben fortsetzte. Die Buchvorstellung, die in Kooperation des Literatur-in-Köln Archiv (LiK), dem Literaturhaus Köln e.V. und der Buchhandlung Klaus Bittner, am 28. August 2024 stattfinden sollte, musste leider aus gesundheitlichen Gründen abgesagt werden.

Dem Literatur-in-Köln-Archiv war Jürgen Becker über viele Jahrzehnte eng verbunden. Zahlreiche Buchvorstellungen und Veranstaltungen wurden über die Jahre gemeinsam in den Räumen der Kölner Zentralbibliothek realisiert. Die langen Gespräche auf dem dunkelgrünen Ledersofa in Brück bleiben der Autorin in Erinnerung. Ein Zeichen dieser Verbundenheit konnte u. a. in den Publikationen Lokalseiten und Gelegenheiten zum Ausdruck gebracht werden.

Gabriele Ewenz

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Aktuelles Literaturfestivals

Anderland IV – Festival der Poesie

Anderland, das Kölner Festival zur Poesie, findet in diesem Herbst zum vierten Mal statt. An zwei aufeinander folgenden Tagen steht die Lyrik in der Kölner Zentralbibliothek im Zentrum. Zu Gast in der Kölner Stadtbibliothek sind diesmal Marcel Beyer, Jan Röhnert, der amerikanische Dichter Ron Padgett und Jan Drees.

Montag, 4.11.2024, 19.30 Uhr
Der erste Abend ist Friederike Mayröcker (1924-2021) gewidmet, einer der großen Dichterinnen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Mayröcker, die immer wieder für den Literaturnobelpreis ins Gespräch gebracht wurde, war zuletzt am 12. Oktober 1988 Gast in der Kölner Zentralbibliothek, sie las dort aus ihrem neu erschienen Buch mein Herz mein Zimmer mein Name. Zu ihrem 100. Geburtstag am 20. Dezember 2024 werden die Gesammelten Gedichte 2004-2021 erscheinen, aus denen der Herausgeber Marcel Beyer den Abend gestalten wird.

Dienstag, 5.11.2024, 19.30 Uhr
Am zweiten Abend spricht per Video der US-amerikanische Dichter Ron Padgett. Anschließend stellt Jan Röhnert im Gespräch mit Jan Drees seine eigenen Texte vor.

Marcel Beyer, geb. in Tailfingen/Württemberg, wuchs in Kiel und Neuss auf. Er studierte von 1987 bis 1991 Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen; Studienabschluss mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker. Der Autor erhielt zahlreiche Preise, darunter 2001 den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln, 2008 den Joseph-Breitbach-Preis sowie 2016 den Georg-Büchner-Preis. Beyer lebte bis 1996 in Köln, seitdem ist er in Dresden ansässig. Er ist u.a. Herausgeber der Gesammelten Gedichte 2004-2021 Friederike Mayröckers.

Jan Drees ist Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiert die Sendungen »Lesezeit« und den »Büchermarkt«. Außerdem ist Drees Autor zahlreicher Bücher wie Sandbergs Liebe (2019) und Literatur der Krise. Das Novellenwerk von Hartmut Lange. Jan Drees lebt in Köln.

Ron Padgett, geb. 1942 in Tulsa, Oklahoma, war mit ersten deutschen Übersetzungen in der Anthologie Silver Screen (1969) von Rolf Dieter Brinkmann, als Exponent der amerikanischen Beat-and-Pop-Bewegung, vertreten. Er gilt als einer der wichtigsten amerikanischen Lyriker der Gegenwart. »Beim Drehbuchschreiben wusste ich schon, dass ich Gedichte von Ron Padgett verwenden wollte. Ich liebe seine Gedichte sehr. Einige hat er speziell für den Film verfasst. Sie feiern die kleinen Dinge.« So Jim Jarmusch über seinen Kultfilm Paterson, dessen Hauptfigur – ein Busfahrer, der Lyrik schreibt – Gedichte von Ron Padgett in sein Heft notiert. Auch dank dieses vielfach ausgezeichneten Films teilen inzwischen zahllose Menschen Jarmuschs Begeisterung für seine Gedichte.

Jan Röhnert, geb.1976 in Gera, ist Literaturwissenschaftler, Essayist, Übersetzer, Autor von Reiseprosa und Lyriker, der u. a. mit dem Lyrikpreis des LCB, einem Harald-Gerlach-Stipendium, dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis und dem Lyrikpreis der RAI Südtirol ausgezeichnet wurde. Er lehrt an der TU Braunschweig und lebt seit 2018 in Leipzig. Er hat alle auf Deutsch erschienen Bände (Die schönsten Streichhölzer der Welt, Hier und Dort & Dort und Hier, Perfekt sein / How to be Perfect) Ron Padgetts übersetzt.

Die Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) der Stadtbibliothek Köln, der Buchhandlung Klaus Bittner und dem Institut für Deutsche Sprache und Literatur I der Universität zu Köln statt.

Veranstaltungsort:
Stadtbibliothek Köln
sprachraum der Stadtbibliothek
Josef-Haubrich-Hof 1a
50667 Köln - Altstadt/Süd

Tickets über die Buchhandlung Bittner:
info@bittner-buch.de, 0221-2574870
Vergangene Veranstaltung

Anderland III
Anderland II
Anderland I

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Heinrich Böll – Katholische Volksschule Raderthal

Heinrich Böll besuchte zwischen 1924 und 1928 die Katholische Volksschule in Köln-Raderthal in der Brühler Str. 204, die 1873 nach Plänen des Architekten Heinrich Müller erbaut wurde. Raderthal gehörte in dieser Zeit noch zur Bürgermeisterei Rondorf im Landkreis Köln. Erst 1888 wurde Raderthal ein Stadtteil von Köln. Anfang des 20. Jahrhunderts und besonders nach dem Ersten Weltkrieg bestimmten gesellschaftliche und politische Umwälzungen nicht nur die Politik, sondern auch die Schule. Es gab Reformideen, die sich allerdings nicht alle umsetzen ließen. Das Schulgeld für die Volksschule wurde abgeschafft, die Prügelstrafe dagegen blieb weiterhin ein erlaubtes und vielfach angewandtes Erziehungsmittel. Acht Jahre dauerte die Volksschulzeit und endete mit dem Volksschulabschluss. Eine weitere Reform war die gemeinsame Grundschule, damit unterschiedliche soziale Schichten zusammenkommen, um so den gesellschaftlichen Problemen durch die sozialen Klassengegensätze entgegenwirken zu können. Hier geht es zum Beitrag.

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Heinrich Böll – Katholische Volksschule Raderthal

Katholische Volksschule Raderthal, 1873 erbaut, im Krieg zu 95% zerstört und nach dem Krieg nicht mehr aufgebaut.

Als die Katholische Volksschule 1873 nach Plänen des Architekten Heinrich Müller erbaut wurde, gehörte Raderthal noch zur Bürgermeisterei Rondorf im Landkreis Köln. Erst 1888 wurde Raderthal ein Stadtteil von Köln und die Bevölkerungszahlen stiegen stetig an. Anfang des 20. Jahrhunderts und besonders nach dem Ersten Weltkrieg bestimmten gesellschaftliche und politische Umwälzungen nicht nur die Politik, sondern auch die Schule. Es gab Reformideen, die sich allerdings nicht alle umsetzen ließen. Das Schulgeld für die Volksschule wurde abgeschafft, die Prügelstrafe dagegen blieb weiterhin ein erlaubtes und vielfach angewandtes Erziehungsmittel. Acht Jahre dauerte die Volksschulzeit und endete mit dem Volksschulabschluss. Eine weitere Reform war die gemeinsame Grundschule, damit unterschiedliche soziale Schichten zusammenkommen, um so den gesellschaftlichen Problemen durch die sozialen Klassengegensätze entgegenwirken zu können. Nach vier gemeinsamen Jahren sollten die Schülerinnen und Schüler wieder auf verschiedene Schulformen aufgeteilt werden. Konfessionelle Volksschulen, so die Idee der Schulreformer, sollten die Ausnahme bleiben. Doch im stark katholisch geprägten Köln wurden die bekenntnisfreien Schulen bzw. städtischen Volksschulen schon bei ihrer Gründung 1921 als »Gottlosen-Schulen« von Kirche und Zentrumspartei erbittert bekämpft. In den Katholischen Volksschulen gehörte der Religionsunterricht zu einem der wichtigsten Fächer. Dort wurden neben der Vermittlung der biblischen Geschichte vor allem Gebete und Kirchenlieder eingeübt. Zentral war die Unterweisung im Katechismus, der den erzieherischen Charakter der Religionsstunde in den Vordergrund stellte. Neben der Katholischen Schule gab es noch eine freie Schule, die nördlich gelegene »Sammelschule« in der Pfälzer Straße 34 in Raderberg.

Klassenfoto von 1924 (Heinrich Böll obere Reihe, 6. Von links)

Familie Böll bezog am 25. Juli 1922 in Raderberg ein Einfamilienhaus mit Garten in der Kreuznacher Straße 49. Heinrich Böll verbrachte an diesem Ort, mit dem eigenen Garten und der Nähe zum Vorgebirgspark, eine unbeschwerte Kindheit und Schulzeit. In dem Essay Raderberg, Raderthal beschreibt er ausführlich die verschiedenen Freizeitbeschäftigungen und Kinderspiele. In dieser Zeit wurde ihm seine Vorurteilslosigkeit gegenüber den von Standesdünkel und Klassendenken ausgegrenzten Menschen bewusst. Er bezeichnete sich als »größen- bzw. milieublind« so, wie andere Menschen farbenblind sind und in dem oben erwähnten Essay heißt es: »Ich habe nie […] begriffen, was an den besseren Leuten besser gewesen wäre oder hätte sein können. Mich zog‘s immer in die Siedlung, die wie unsere neu gebaut war, in der Arbeiter, Partei- und Gewerkschaftssekretäre wohnten; dort gab es die meisten Kinder und die besten Spielgenossen, immer genug Kinder, um Fußball, Räuber und Gendarm, später Schlagball zu spielen.« Ostern 1924 wurde Heinrich Böll in die Katholische Volksschule Brühler Straße 204 eingeschult. Der Kontakt zu seinen Spielgenossen brach mit der Einschulung ab. »Ich kam, als ich sechs war, in die katholische, die meisten von ihnen in die ›freie‹ Schule; wir hatten nicht einmal den Schulweg gemeinsam, und gemeinsam zu spielen war nicht mehr die Regel, sondern die Ausnahme.« Nach vier Jahren Volksschule wechselte Heinrich Böll am 17. April 1928 in die Sexta des Staatlichen Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums, Heinrichstraße 6, wo er am 6. Februar 1937 sein Abitur ablegte.

Bölls Interesse an pädagogischen Fragen im Zusammenhang mit Kindern im »Volksschulalter« beruhte auf der eigenen Erfahrung als Nachhilfelehrer in der unmittelbaren Nachkriegszeit und findet sich in seinem literarischen Werk, angefangen von der Erzählung Daniel der Gerechte bis hin zu den Protagonisten Martin Bach und Heinrich Brielach in dem Roman Haus ohne Hüter. Bölls weiterführende Gedanken zu diesem Themenkomplex sind auch in dem 1949 geschriebenen Essay Die Volksschulen nach dem 8. Mai 1945 artikuliert. Darin heißt es:

Es wäre noch besonders zu sprechen über die Aufgabe der Volksschulen als Zubringer zu den höheren Schulen, über die vielfachen Pläne zum Ausbau der Volks- und Abbau der höheren Schule. Was wirklich wohl über alle Streitigkeiten in dieser Frage hinaus das allgemeine Ziel sein müsste, ist die völlige Schulgeldfreiheit und eine wirkliche Auslese der Intelligenz. Einzig aus materiellen Gründen dürfte kein begabter Volksschüler gehindert sein, des Bildungsgutes der höheren Schule teilhaftig zu werden, während bei dem bestehenden System manchem unbegabten ›gutsituierten‹ Schüler – dem die erforderliche Nachhilfe gewährt werden kann – krampfhaft der Weg zur Universität geebnet wird. Eine wirkliche Auslese der Intelligenz würde auch die Furcht vor einem allzu großen Andrang auf die höheren Schulen illusorisch machen. Hier öffnet sich auch die Möglichkeit einer engeren Zusammenarbeit zwischen Volks- und höheren Schulen, die vielfach durch Ressentiment auf der einen und Hochmut auf der anderen Seite behindert ist.

Dieser Essay wurde nicht veröffentlicht, vermutlich aus »Raumgründen«, wie die Antwortkarte der Kölnischen Rundschau vom 29. August 1949 rückschließen lässt.

© Gabriele Ewenz / Markus Schäfer, 2024

Gabriele Ewenz

Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Markus Schäfer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Literatur

Siehe: Böll: Raderberg, Raderthal, S. 385; Die Volksschulen nach dem 8. Mai 1945, S. 162

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Aktuelles

Jens Hagen

»Pinguintreffen am Kap der Guten Hoffnung. – Was zieh ich nur an?«

Jens Hagen, 1995 © Foto: Dorothee Joachim

Der Kölner Schriftsteller, Fotograf und Künstler Jens Hagen (1944–2004) wäre in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden. Zur Erinnerung an ihn und sein Werk findet vom 22. August bis zum 1. September in der Kölner Galerie formformsuche eine Ausstellung statt, die neue Einblicke in sein vielfältiges bildnerisches und literarisches Schaffen gezeigt.

Ausstellung: Jens Hagen – Am Rand der Wörter, 2014, Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) © Foto: Dorothee Joachim

Aus Anlass des 70. Geburtstages und des 10. Todestages präsentierte das Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) bereits 2014 gemeinsam mit der Künstlerin und Ko-Kuratorin Dorothee Joachim, die Ausstellung Jens Hagen – Am Rand der Wörter, die Hagens umfassendes Werk und die Vielfalt seiner künstlerischen Ausdruckformen in den Fokus nahm. Als Schriftsteller fasziniert Hagen durch die Bandbreite seines literarischen Schaffens: vom Express-Reporter über den politischen Journalisten, den Autor von O-Ton-Reportagen, Krimi- und Science-Fiction-Hörspielen und satirischen Kurzgeschichten bis hin zum Lyriker, dem Verfasser langer rhapsodischer Poeme und kurzer Dreizeiler.

Darüber hinaus war Jens Hagen immer auch in verschiedenen visuellen Medien aktiv. In den 1960er und 1970er Jahren wie auch in seinen letzten Lebensjahren entstanden vor allem Fotografien, unter anderem aus dem Bereich der Rock- und Popmusik, in denen das Lebensgefühl der damaligen Zeit wieder lebendig wird. Seine in den 1990er Jahren auf der mechanischen Schreibmaschine getätigten Anschläge verdichten sich zu unlesbaren Texten, zu zarten Werken der Konkreten Poesie. Als sein literarisches Vermächtnis bezeichnete der immer auch politisch engagierte Autor von Hörspielen und Reportagen, Satiren und Haikus sein vierteiliges ›Köln Poem‹. Es erschien 2014 unter dem Titel Nie ankommen im Kölner Sprungturm Verlag von Boris Becker. Neben Porträtfotos aus seinen unterschiedlichen Lebenszeiten und in diversen Arbeitszusammenhängen werden in der aktuellen Ausstellung erstmals einige bisher noch unveröffentlichte Aufnahmen der Kölner Fotografin Hildegard Weber gezeigt, die sie Ende der Siebziger Jahre von Jens Hagen an seinem Schreibtisch in seiner Kölner Wohnung gemacht hat.

Flyer zur Ausstellung

Weiterführende Informationen unter:
https://formformsuche.de/ausstellungen/jens-hagen-pinguintreffen
Ausstellungsdauer: 22.8. bis 1.8.2014
Ausstellungseröffnung: 22.8.2024, 16 - 20 Uhr
Finissage: 1.9.2024, 12 - 20 Uhr
Galerie formformsuche
Filzengraben 22 (Innenhof)
50676 Köln
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Aktuelles Literaturfestivals

Anderland III – Festival der Poesie

Anderland, das Kölner Festival zur Poesie, findet in diesem Frühling zum dritten Mal statt. An zwei aufeinander folgenden Tagen steht die Lyrik in der Kölner Zentralbibliothek im Zentrum. Zu Gast in der Kölner Stadtbibliothek sind Birgit Kreipe, Steffen Popp und Monika Rinck.
Der erste Abend ist der Dichterin Elke Erb (1938-2024) gewidmet, die zu den wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Poesie der Gegenwart zählte. Ihr innovatives Werk beeinflusste seit Generationen junge Dichterinnen und Dichter.

Dienstag, 14.5.2024, 19.30 Uhr
Nach einer kurzen Begrüßung sprechen die Schriftsteller*innen Steffen Popp und Monika Rinck über Erbs Werk und stellen eine Auswahl ihrer Texte vor, die sie kürzlich gemeinsam im Suhrkamp Verlag unter dem Titel Das ist hier der Fall anlässlich des Georg-Büchner-Preises herausgegeben haben.

Mittwoch, 15.5.2024, 19.30 Uhr
Am zweiten Abend begrüßt Steffen Popp die Autorin Birgit Kreipe. Beide lesen aus ihren neuesten Gedichtbänden, erkunden Gemeinsamkeiten, erzählen von Inspiration und ihren Arbeitsweisen und laden so ihr Publikum zu einem Gespräch über moderne deutsche Dichtung ein.

Elke erb (1938-2024) war eine deutsche Lyrikerin und Übersetzerin. Seit 1968 lebte und arbeitete sie als freie Schriftstellerin in Berlin. Übersetzungen der Texte von Marina Zwetajewa sowie Nachdichtungen überwiegend aus dem Russischen erschienen ab 1974. Erb wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet, unter anderem erhielt sie 1988 den Peter-Huchel-Preis und 2020 den Georg-Büchner-Preis. Ihre Bücher erschienen in kleineren Verlagen und Zeitschriften jenseits des Mainstreams. Seit 1998 publizierte sie vor allem bei dem auf Poesie spezialisierten Urs Engeler Verlag. Sie war Mitglied in der Berliner Akademie der Künste.

BIRGIT KREIPE, geb. 1964 in Hildesheim, lebt in Berlin. Sie schloss eine Buchhändlerlehre sowie ein Studium der Deutschen Literatur und Psychologie in Marburg und Wien ab. 2014 erhielt sie unter anderem den Lyrikpreis München. Zuletzt war sie Stipendiatin der Deutschen Akademie in Rom. Bislang erschienen vier Gedichtbände, ihr aktueller Band aire liegt bei KOOKbooks Berlin vor.

Steffen Popp, geb. 1978 in Greifswald, lebt als Dichter, Literaturwissenschaftler und Übersetzer in Berlin. Popp veröffentliche seit 2004 die Gedichtbände Wie Alpen, Kolonie Zur Sonne, Dickicht mit Reden und Augen und 118. Er erhielt 2014 den Peter-Huchel-Preis und 118″stand zudem 2017 auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse. 2018 wurde Popp in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. 2022 hatte er die Thomas Kling-Poetikdozentur an der Universität Bonn inne. 

Monika Rinck, geb. 1969 in Zweibrücken, veröffentlicht Essays, Prosa und Gedichte in Zeitschriften und Anthologien. Ihre Arbeit wurde mehrfach mit Preisen gewürdigt, u.a. mit dem Heinrich-von-Kleist-Preis, dem Ernst-Jandl-Preis und dem Roswitha-Preis. Rinck ist Mitglied in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Akademie der Künste Berlin. 2016/2017 war sie in Köln Kuratorin des internationalen Festivals Poetica III. Seit 2023 ist sie Professorin für Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln.

Die Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) der Stadtbibliothek Köln und der Buchhandlung Klaus Bittner statt.

Veranstaltungsort:
Stadtbibliothek Köln
Josef-Haubrich-Hof 1
50676 Köln - Altstadt/Süd

Tickets über die Buchhandlung Bittner: 
info@bittner-buch.de, 0221-2574870
Vergangene Veranstaltung

Anderland II
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LiK im Fokus

Schallplatten und Bücher aus dem Nachlass von Heinrich Böll © Heinrich-Böll-Archiv

Das Thema Heinrich Böll und die Musik mag in der Gesamtbetrachtung des literarischen Werkes des Autors höchstwahrscheinlich nur als Marginalie einzuordnen sein. Dennoch finden sich vor allem im Frühwerk Bölls Spuren, denen das Heinrich-Böll-Archiv in der Zeit vom 25.03.2024 bis 01.05.2024 in einer kleinen Präsentation folgt und in den Fokus der Betrachtung rückt. Auch die persönlichen Kontakte mit Komponisten und Musikern wie Bernd Alois Zimmermann (1918-1970) oder auch Wolfgang Niedecken werden berücksichtigt.

»Es gibt wohl nichts«, so der Soldat Heinrich Böll, »wovon ich so sehr abhängig bin, was meine Gefühle und Stimmungen so plötzlich und grundlegend ändern und bestimmen kann, wie Musik. Ich bin ihr gleich verfallen.« Heinrich Bölls intensives Bekenntnis zur Kraft der Musik, die für ihn insbesondere im Schaffen der von ihm geschätzten Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) und Ludwig van Beethovens (1770-1827) zum Ausdruck kam, bilden den Ausgangspunkt dieser thematischen Annäherung, in dessen Zentrum Bölls literarische Auseinandersetzung mit Ludwig van Beethoven steht.

Für Böll war nach Zeugnis seiner Briefe und zahlreicher Texte die Musik Beethovens von großer Bedeutung. So schrieb er 1940: »Auf der Welt habe ich nichts so sehr geliebt wie Beethoven; manchmal, wenn ich seine Musik hörte, hatte ich das unmittelbare Empfinden, als sei er mein Bruder oder ein sehr naher Freund; ich bin das, was man ›völlig unmusikalisch‹ nennt; ich verstehe es nicht einmal, ein Musikwerk seinem Aufbau nach zu analysieren; ich kann nur hören und ich höre, höre, höre; oft, wenn ich ein Adagio von Beethoven hörte, weinte ich, ohne es zu wissen, oder ich lachte glücklich wie ein Kind – Kind ist falsch ausgedrückt – bei seinen Scherzi; Beethoven ist mein Element.« 1941 schrieb er von seiner Sehnsucht, »eine schöne und glänzende meisterhafte Novelle zu schreiben, so wie eine Beethoven-Melodie«. Im Frühwerk existieren vier Gedichte, die auch den Titel »Beethoven« aufweisen und noch im postum veröffentlichten letzten Roman Frauen vor Flußlandschaft (1985) spielt Beethoven als Motiv eine zentrale Rolle. Des Weiteren hat sich ein auf Januar 1938 datiertes Gedicht mit dem Titel Menuett von Mozart erhalten, eine Hommage an Wolfgang Amadeus Mozart, neben Beethoven der bei Böll am häufigsten erwähnte Komponist.

Veranstaltungsort:
Stadtbibliothek Köln
2. Obergeschoss der Zentralbibliothek, Literaturwelt
Josef-Haubrich-Hof 1
50676 Köln - Altstadt/Süd
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Friedrich Nietzsche singt im Gürzenich

Vom 4. bis 6. Juni 1865 fand im Kölner Gürzenich das 42. Niederrheinische Musikfest statt.  Mochte sich das Fest in der Quantität der Darbietungen und der Qualität des Dargebotenen von vielen anderen unterschieden haben, so dürften die Eindrücke des damals 21jährigen Philologie-Studenten Friedrich Nietzsche (1844-1900), der als Bassist aktiv an dem Musikfest teilnahm, von einem gewissen Interesse sein. Hier geht es zum Beitrag.

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