Katholische Volksschule Raderthal, 1873 erbaut, im Krieg zu 95% zerstört und nach dem Krieg nicht mehr aufgebaut.
Als die Katholische Volksschule 1873 nach Plänen des Architekten Heinrich Müller erbaut wurde, gehörte Raderthal noch zur Bürgermeisterei Rondorf im Landkreis Köln. Erst 1888 wurde Raderthal ein Stadtteil von Köln und die Bevölkerungszahlen stiegen stetig an. Anfang des 20. Jahrhunderts und besonders nach dem Ersten Weltkrieg bestimmten gesellschaftliche und politische Umwälzungen nicht nur die Politik, sondern auch die Schule. Es gab Reformideen, die sich allerdings nicht alle umsetzen ließen. Das Schulgeld für die Volksschule wurde abgeschafft, die Prügelstrafe dagegen blieb weiterhin ein erlaubtes und vielfach angewandtes Erziehungsmittel. Acht Jahre dauerte die Volksschulzeit und endete mit dem Volksschulabschluss. Eine weitere Reform war die gemeinsame Grundschule, damit unterschiedliche soziale Schichten zusammenkommen, um so den gesellschaftlichen Problemen durch die sozialen Klassengegensätze entgegenwirken zu können. Nach vier gemeinsamen Jahren sollten die Schülerinnen und Schüler wieder auf verschiedene Schulformen aufgeteilt werden. Konfessionelle Volksschulen, so die Idee der Schulreformer, sollten die Ausnahme bleiben. Doch im stark katholisch geprägten Köln wurden die bekenntnisfreien Schulen bzw. städtischen Volksschulen schon bei ihrer Gründung 1921 als »Gottlosen-Schulen« von Kirche und Zentrumspartei erbittert bekämpft. In den Katholischen Volksschulen gehörte der Religionsunterricht zu einem der wichtigsten Fächer. Dort wurden neben der Vermittlung der biblischen Geschichte vor allem Gebete und Kirchenlieder eingeübt. Zentral war die Unterweisung im Katechismus, der den erzieherischen Charakter der Religionsstunde in den Vordergrund stellte. Neben der Katholischen Schule gab es noch eine freie Schule, die nördlich gelegene »Sammelschule« in der Pfälzer Straße 34 in Raderberg.
Klassenfoto von 1924 (Heinrich Böll obere Reihe, 6. Von links)
Familie Böll bezog am 25. Juli 1922 in Raderberg ein Einfamilienhaus mit Garten in der Kreuznacher Straße 49. Heinrich Böll verbrachte an diesem Ort, mit dem eigenen Garten und der Nähe zum Vorgebirgspark, eine unbeschwerte Kindheit und Schulzeit. In dem Essay Raderberg, Raderthal beschreibt er ausführlich die verschiedenen Freizeitbeschäftigungen und Kinderspiele. In dieser Zeit wurde ihm seine Vorurteilslosigkeit gegenüber den von Standesdünkel und Klassendenken ausgegrenzten Menschen bewusst. Er bezeichnete sich als »größen- bzw. milieublind« so, wie andere Menschen farbenblind sind und in dem oben erwähnten Essay heißt es: »Ich habe nie […] begriffen, was an den besseren Leuten besser gewesen wäre oder hätte sein können. Mich zog‘s immer in die Siedlung, die wie unsere neu gebaut war, in der Arbeiter, Partei- und Gewerkschaftssekretäre wohnten; dort gab es die meisten Kinder und die besten Spielgenossen, immer genug Kinder, um Fußball, Räuber und Gendarm, später Schlagball zu spielen.« Ostern 1924 wurde Heinrich Böll in die Katholische Volksschule Brühler Straße 204 eingeschult. Der Kontakt zu seinen Spielgenossen brach mit der Einschulung ab. »Ich kam, als ich sechs war, in die katholische, die meisten von ihnen in die ›freie‹ Schule; wir hatten nicht einmal den Schulweg gemeinsam, und gemeinsam zu spielen war nicht mehr die Regel, sondern die Ausnahme.« Nach vier Jahren Volksschule wechselte Heinrich Böll am 17. April 1928 in die Sexta des Staatlichen Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums, Heinrichstraße 6, wo er am 6. Februar 1937 sein Abitur ablegte.
Bölls Interesse an pädagogischen Fragen im Zusammenhang mit Kindern im »Volksschulalter« beruhte auf der eigenen Erfahrung als Nachhilfelehrer in der unmittelbaren Nachkriegszeit und findet sich in seinem literarischen Werk, angefangen von der Erzählung Daniel der Gerechte bis hin zu den Protagonisten Martin Bach und Heinrich Brielach in dem Roman Haus ohne Hüter. Bölls weiterführende Gedanken zu diesem Themenkomplex sind auch in dem 1949 geschriebenen Essay Die Volksschulen nach dem 8. Mai 1945 artikuliert. Darin heißt es:
Es wäre noch besonders zu sprechen über die Aufgabe der Volksschulen als Zubringer zu den höheren Schulen, über die vielfachen Pläne zum Ausbau der Volks- und Abbau der höheren Schule. Was wirklich wohl über alle Streitigkeiten in dieser Frage hinaus das allgemeine Ziel sein müsste, ist die völlige Schulgeldfreiheit und eine wirkliche Auslese der Intelligenz. Einzig aus materiellen Gründen dürfte kein begabter Volksschüler gehindert sein, des Bildungsgutes der höheren Schule teilhaftig zu werden, während bei dem bestehenden System manchem unbegabten ›gutsituierten‹ Schüler – dem die erforderliche Nachhilfe gewährt werden kann – krampfhaft der Weg zur Universität geebnet wird. Eine wirkliche Auslese der Intelligenz würde auch die Furcht vor einem allzu großen Andrang auf die höheren Schulen illusorisch machen. Hier öffnet sich auch die Möglichkeit einer engeren Zusammenarbeit zwischen Volks- und höheren Schulen, die vielfach durch Ressentiment auf der einen und Hochmut auf der anderen Seite behindert ist.
Dieser Essay wurde nicht veröffentlicht, vermutlich aus »Raumgründen«, wie die Antwortkarte der Kölnischen Rundschau vom 29. August 1949 rückschließen lässt.
Der Kölner Schriftsteller, Fotograf und Künstler Jens Hagen (1944–2004) wäre in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden. Zur Erinnerung an ihn und sein Werk findet vom 22. August bis zum 1. September in der Kölner Galerie formformsuche eine Ausstellung statt, die neue Einblicke in sein vielfältiges bildnerisches und literarisches Schaffen gezeigt.
Aus Anlass des 70. Geburtstages und des 10. Todestages präsentierte das Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) bereits 2014 gemeinsam mit der Künstlerin und Ko-Kuratorin Dorothee Joachim, die Ausstellung Jens Hagen – Am Rand der Wörter, die Hagens umfassendes Werk und die Vielfalt seiner künstlerischen Ausdruckformen in den Fokus nahm. Als Schriftsteller fasziniert Hagen durch die Bandbreite seines literarischen Schaffens: vom Express-Reporter über den politischen Journalisten, den Autor von O-Ton-Reportagen, Krimi- und Science-Fiction-Hörspielen und satirischen Kurzgeschichten bis hin zum Lyriker, dem Verfasser langer rhapsodischer Poeme und kurzer Dreizeiler.
Darüber hinaus war Jens Hagen immer auch in verschiedenen visuellen Medien aktiv. In den 1960er und 1970er Jahren wie auch in seinen letzten Lebensjahren entstanden vor allem Fotografien, unter anderem aus dem Bereich der Rock- und Popmusik, in denen das Lebensgefühl der damaligen Zeit wieder lebendig wird. Seine in den 1990er Jahren auf der mechanischen Schreibmaschine getätigten Anschläge verdichten sich zu unlesbaren Texten, zu zarten Werken der Konkreten Poesie. Als sein literarisches Vermächtnis bezeichnete der immer auch politisch engagierte Autor von Hörspielen und Reportagen, Satiren und Haikus sein vierteiliges ›Köln Poem‹. Es erschien 2014 unter dem Titel Nie ankommen im Kölner Sprungturm Verlag von Boris Becker. Neben Porträtfotos aus seinen unterschiedlichen Lebenszeiten und in diversen Arbeitszusammenhängen werden in der aktuellen Ausstellung erstmals einige bisher noch unveröffentlichte Aufnahmen der Kölner Fotografin Hildegard Weber gezeigt, die sie Ende der Siebziger Jahre von Jens Hagen an seinem Schreibtisch in seiner Kölner Wohnung gemacht hat.
Anderland, das Kölner Festival zur Poesie, findet in diesem Frühling zum dritten Mal statt. An zwei aufeinander folgenden Tagen steht die Lyrik in der Kölner Zentralbibliothek im Zentrum. Zu Gast in der Kölner Stadtbibliothek sind Birgit Kreipe, Steffen Popp und Monika Rinck. Der erste Abend ist der Dichterin Elke Erb (1938-2024) gewidmet, die zu den wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Poesie der Gegenwart zählte. Ihr innovatives Werk beeinflusste seit Generationen junge Dichterinnen und Dichter.
Dienstag, 14.5.2024, 19.30 Uhr Nach einer kurzen Begrüßung sprechen die Schriftsteller*innen Steffen Popp und Monika Rinck über Erbs Werk und stellen eine Auswahl ihrer Texte vor, die sie kürzlich gemeinsam im Suhrkamp Verlag unter dem Titel Das ist hier der Fall anlässlich des Georg-Büchner-Preises herausgegeben haben.
Mittwoch, 15.5.2024, 19.30 Uhr Am zweiten Abend begrüßt Steffen Popp die Autorin Birgit Kreipe. Beide lesen aus ihren neuesten Gedichtbänden, erkunden Gemeinsamkeiten, erzählen von Inspiration und ihren Arbeitsweisen und laden so ihr Publikum zu einem Gespräch über moderne deutsche Dichtung ein.
Elke Erb (1938-2024) war eine deutsche Lyrikerin und Übersetzerin. Seit 1968 lebte und arbeitete sie als freie Schriftstellerin in Berlin. Übersetzungen der Texte von Marina Zwetajewa sowie Nachdichtungen überwiegend aus dem Russischen erschienen ab 1974. Erb wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet, unter anderem erhielt sie 1988 den Peter-Huchel-Preis und 2020 den Georg-Büchner-Preis. Ihre Bücher erschienen in kleineren Verlagen und Zeitschriften jenseits des Mainstreams. Seit 1998 publizierte sie vor allem bei dem auf Poesie spezialisierten Urs Engeler Verlag. Sie war Mitglied in der Berliner Akademie der Künste.
Birgit Kreipe, geb. 1964 in Hildesheim, lebt in Berlin. Sie schloss eine Buchhändlerlehre sowie ein Studium der Deutschen Literatur und Psychologie in Marburg und Wien ab. 2014 erhielt sie unter anderem den Lyrikpreis München. Zuletzt war sie Stipendiatin der Deutschen Akademie in Rom. Bislang erschienen vier Gedichtbände, ihr aktueller Band aire liegt bei KOOKbooks Berlin vor.
Steffen Popp, geb. 1978 in Greifswald, lebt als Dichter, Literaturwissenschaftler und Übersetzer in Berlin. Popp veröffentliche seit 2004 die Gedichtbände Wie Alpen, Kolonie Zur Sonne, Dickicht mit Reden und Augen und 118. Er erhielt 2014 den Peter-Huchel-Preis und 118″stand zudem 2017 auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse. 2018 wurde Popp in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. 2022 hatte er die Thomas Kling-Poetikdozentur an der Universität Bonn inne.
Monika Rinck, geb. 1969 in Zweibrücken, veröffentlicht Essays, Prosa und Gedichte in Zeitschriften und Anthologien. Ihre Arbeit wurde mehrfach mit Preisen gewürdigt, u.a. mit dem Heinrich-von-Kleist-Preis, dem Ernst-Jandl-Preis und dem Roswitha-Preis. Rinck ist Mitglied in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Akademie der Künste Berlin. 2016/2017 war sie in Köln Kuratorin des internationalen Festivals Poetica III. Seit 2023 ist sie Professorin für Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln.
Die Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) der Stadtbibliothek Köln und der Buchhandlung Klaus Bittner statt.
Veranstaltungsort:Stadtbibliothek Köln
Josef-Haubrich-Hof 1
50676 Köln - Altstadt/Süd
Tickets über die Buchhandlung Bittner:
info@bittner-buch.de, 0221-2574870
Das Thema Heinrich Böll und die Musik mag in der Gesamtbetrachtung des literarischen Werkes des Autors höchstwahrscheinlich nur als Marginalie einzuordnen sein. Dennoch finden sich vor allem im Frühwerk Bölls Spuren, denen das Heinrich-Böll-Archiv in der Zeit vom 25.03.2024 bis 01.05.2024 in einer kleinen Präsentation folgt und in den Fokus der Betrachtung rückt. Auch die persönlichen Kontakte mit Komponisten und Musikern wie Bernd Alois Zimmermann (1918-1970) oder auch Wolfgang Niedecken werden berücksichtigt.
»Es gibt wohl nichts«, so der Soldat Heinrich Böll, »wovon ich so sehr abhängig bin, was meine Gefühle und Stimmungen so plötzlich und grundlegend ändern und bestimmen kann, wie Musik. Ich bin ihr gleich verfallen.« Heinrich Bölls intensives Bekenntnis zur Kraft der Musik, die für ihn insbesondere im Schaffen der von ihm geschätzten Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) und Ludwig van Beethovens (1770-1827) zum Ausdruck kam, bilden den Ausgangspunkt dieser thematischen Annäherung, in dessen Zentrum Bölls literarische Auseinandersetzung mit Ludwig van Beethoven steht.
Für Böll war nach Zeugnis seiner Briefe und zahlreicher Texte die Musik Beethovens von großer Bedeutung. So schrieb er 1940: »Auf der Welt habe ich nichts so sehr geliebt wie Beethoven; manchmal, wenn ich seine Musik hörte, hatte ich das unmittelbare Empfinden, als sei er mein Bruder oder ein sehr naher Freund; ich bin das, was man ›völlig unmusikalisch‹ nennt; ich verstehe es nicht einmal, ein Musikwerk seinem Aufbau nach zu analysieren; ich kann nur hören und ich höre, höre, höre; oft, wenn ich ein Adagio von Beethoven hörte, weinte ich, ohne es zu wissen, oder ich lachte glücklich wie ein Kind – Kind ist falsch ausgedrückt – bei seinen Scherzi; Beethoven ist mein Element.« 1941 schrieb er von seiner Sehnsucht, »eine schöne und glänzende meisterhafte Novelle zu schreiben, so wie eine Beethoven-Melodie«. Im Frühwerk existieren vier Gedichte, die auch den Titel »Beethoven« aufweisen und noch im postum veröffentlichten letzten Roman Frauen vor Flußlandschaft (1985) spielt Beethoven als Motiv eine zentrale Rolle. Des Weiteren hat sich ein auf Januar 1938 datiertes Gedicht mit dem Titel Menuett von Mozart erhalten, eine Hommage an Wolfgang Amadeus Mozart, neben Beethoven der bei Böll am häufigsten erwähnte Komponist.
Vom 4. bis 6. Juni 1865 fand im Kölner Gürzenich das 42. Niederrheinische Musikfest statt. Mochte sich das Fest in der Quantität der Darbietungen und der Qualität des Dargebotenen von vielen anderen unterschieden haben, so dürften die Eindrücke des damals 21jährigen Philologie-Studenten Friedrich Nietzsche (1844-1900), der als Bassist aktiv an dem Musikfest teilnahm, von einem gewissen Interesse sein. Hier geht es zum Beitrag.
Der junge Friedrich Nietzsche (1844-1900) hatte nach dem Abitur noch keine konkrete Vorstellung von seiner universitären Ausbildung. Am 16. Oktober 1864 traf er in der Universitätsstadt Bonn ein, um sich an der theologischen Fakultät zu immatrikulieren. Im darauffolgenden Semester wechselte er von der Evangelisch-theologischen Fakultät zur Philosophischen Fakultät und studiert fortan Klassische Philologie.
In Bonn galt er in »studentischen Kreisen etwas als musikalische Autorität und außerdem als sonderbarer Kauz«, mit seinem Eintritt in die Burschenschaft Franconia kam es zur Begegnung mit vielen musikliebenden Philologen, die durch seine Klavierimprovisationen auf ihn aufmerksam wurden. Nietzsche hatte bereits einige Stücke komponiert und spielte bemerkenswert gut Klavier. Die Priorität unter seinen Interessen hatte das Bonner Musikleben. Bereits wenige Tage nach seiner Ankunft wurde er bei Musikdirektor Caspar Joseph Brambach (1833-1902) vorstellig, um ihm einige seiner Lieder zur Begutachtung vorzulegen. Er wurde Mitglied des städtischen Gesangvereins, besuchte Konzerte und begeisterte sich vor allem für Hector Berlioz und Robert Schumann, insbesondere für Schumanns Vertonung von George G. N. Byrons Manfred. Nietzsche ging so oft ins Konzert und Theater, dass er mehrmals seine Mutter um Geld bitten musste: »Wir besuchten fleißig das Bonner und Kölner Stadttheater« und »fehlten nie im Beethoven-Verein«, notierte Nietzsches Freund Paul Deussen (1845-1919) in seinem Buch Erinnerungen an Friedrich Nietzsche.
Von Bonn aus fuhr Nietzsche regelmäßig mit seinen Kommilitonen nach Köln. Im Städtischen Theater Köln in der Komödienstraße sah er am 2.1.1865 Carl Devrient in Friedrich Schillers Wallensteins Tod, ein Gastspiel des Königlichen Hannoverschen Hofschauspiels. Die Hugenotten, eine Oper von Giacomo Meyerbeer, mit der sächsischen Kammersängerin Jenny Bürde-Ney, besuchte er am 29.1.1865 und am 4.2. des Jahres sah er das »Große musikalischdeklamatorische Patti-Konzert« Es folgte am 17.2.1865 ein weiterer Opernbesuch in Köln: Der Deserteur, eine Oper in 3 Akten von Ernst Pasqué, Musik von Ferdinand Hiller, unter persönlicher Leitung des Komponisten. Zusammenfassend schrieb Nietzsche an seine Mutter und die Schwester:
»Meine Erlebnisse beschränken sich in der letzten Zeit auf Kunstgenüsse. So viel und so bedeutendes habe ich in kurzer Zeit gehört, daß ich es selbst kaum glauben mag. Innerhalb weniger Wochen besuchten die bedeutendsten Künstlerinnen Köln und Bonn. Dein Wunsch, liebe Lisbeth, daß ich die Patti hören möchte, ist erfüllt. Was kann ich Euch alles von dem prachtvollen Patticonzert erzählen. Die geniale Niemann- Seebach habe ich kürzlich in den Nibelungen von Fr. Hebbel als Kriemhild gesehn. […] Die Bürde-Ney […] habe ich in den Hugenotten und im Fidelio gehört.«
Ein besonderes Ereignis war für den jungen Nietzsche die Teilnahme am 42. Niederrheinischen Musikfest, das an drei Tagen im Kölner Gürzenich stattfand. – Der Gürzenich in der Martinstraße wurde von 1441 bis 1447 als spätgotischer Festsaalbau auf dem Grundstück der Familie Gürzenich erbaut. Das Bauwerk hatte von Beginn an die Funktion eines städtischen Festhauses. Im Obergeschoss befindet sich der Festsaal, in dem damals Kölner Ehrengäste empfangen, Feste von Kaisern, Fürsten und Bürgern gefeiert, aber auch Krönungsfeiern, Gerichtstage und ein Reichstag abgehalten wurden. Im 17. Jahrhundert wurde das Gebäude vorübergehend als Kauf- und Warenhaus genutzt. Um 1820 wurde die mittelalterliche Festhaustradition wiederbelebt und das Gebäude bekam bald darauf den Stellenwert als wichtigste Kölner Veranstaltungsadresse. Von 1857 bis zur Fertigstellung der Kölner Philharmonie 1986 veranstaltete die Cölner Concert-Gesellschaft im Gürzenich ihre Konzertreihe. Hieraus gingen auch die regelmäßig stattfindenden Gürzenich-Konzerte sowie der Gürzenich-Chor und das Gürzenich-Orchester hervor. Werke von Johannes Brahms, Richard Strauss und Gustav Mahler kamen hier zur Uraufführung. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg konnte der Gürzenich 1955 wieder aufgebaut werden. – Zu den populärsten Festivitäten im Kölner Gürzenich gehören heute wie damals zahlreiche Karnevalsveranstaltungen, zudem dient der Gürzenich als Veranstaltungsort für Kongresse, Tagungen und Märkte.
Der Gürzenich von Südosten, 1827, Lithographie von A. Wünsch nach einer Zeichnung von J. P. Weyer, 25 x 20 cm; Kölnisches Stadtmuseum
Am 25. Mai des Jahres 1865 teilte Nietzsche seinem Freund Carl von Gersdorff mit: »Pfingsten ist in Köln das rheinische Musikfest, bitte komm herüber von Göttingen. Zur Aufführung kommen vornehmlich Israel in Aegypten von Händel, Faustmusik von Schumann, Jahreszeiten von Haydn und vieles andere. Ich bin ausübendes Mitglied . . . Alles Nähere findest Du in den Zeitungen«. Im 19. und 20. Jahrhundert war das Niederrheinische Musikfest eines der bedeutendsten Musikfeste im Bereich der Klassischen Musik. Von 1818 bis 1958 fand es mit einigen Unterbrechungen insgesamt 112 Mal im Wechsel mehrerer Städte, überwiegend in Aachen, Düsseldorf und Köln, statt.
Über das 42. Niederrheinische Musikfest berichtete die Kölnische Zeitung am 13.5.1865, dass auch 72 Sänger aus Bonn teilnehmen sollten, darunter befand sich auch der Student Friedrich Nietzsche: »Unter den vielen Festen, welche im Laufe dieses Jahres in unserer Stadt gefeiert werden, dürfte das Niederrheinische Musikfest eine hervorragende Stellung einnehmen. Die Vorbereitungen zu demselben nahen der Vollendung und berechtigen zu großen Erwartungen. Zu dem stattlichen hiesigen Chore, der bereits seit Ostern zu fleißigen Proben drei Mal wöchentlich im Gürzenich unter Hiller’s bewährter Leitung sich versammelt, haben die meisten Städte Rheinlands und Westfalens zahlreiche Mitwirkende angemeldet, so Bonn allein 72. Das Orchester wird, nachdem mit einer großen Zahl der besten Künstler Deutschlands und Belgiens Engagements abgeschlossen, jene gewaltige Tonfülle entwickeln, wie sie nur bei Musikfesten das Ohr des Kunstfreundes entzücken kann.«
Da die Teilnahme an den Hauptproben am 2., 3., 5. und 6. Juni für alle Sänger vorgeschrieben war, weilten Nietzsche und seine Bonner Chorkollegen insgesamt fünf Tage in Köln. Gleichzeitig wurde die Internationale landwirtschaftliche Ausstellung in Köln, die vom 2. Juni bis 4. Juli 1865 dauerte, eröffnet, so dass in der Stadt eine weltstädtische Atmosphäre zu bemerken war. In einem Brief an seine Schwester berichtete Nietzsche von seinen Eindrücken: »[…] Ich kann Dir diesmal von wunderschönen Tagen erzählen. Am Freitag den 2ten Juni, reiste ich nach Köln herüber zum niederrheinischen Musikfest. An demselben Tage wurde dort die internationale Ausstellung eröffnet. Köln machte in diesen Tagen einen weltstädtischen Eindruck. Ein unendliches Sprachen- und Trachtengewirr – ungeheuer viel Taschendiebe und andre Schwindler – alle Hotels bis in die entlegensten Räume gefüllt – die Stadt auf das anmutigste mit Fahnen geschmückt – das war der äußere Eindruck. Als Sänger bekam ich meine weißrote seidne Schleife auf die Brust und begab mich in die Probe. Du kennst leider den Gürzenichsaal nicht, ich habe Dir aber in den letzten Ferien eine fabelhafte Vorstellung erweckt durch den Vergleich mit dem Naumburger Börsensaal. Unser Chor bestand aus 182 Sopranen, 154 Alten, 113 Tenören und 172 Bässen. Dazu ein Orchester aus Künstlern bestehend von etwa 160 Mann, darunter 52 Violinen, 20 Violen, 21 Cellis und 14 Contrebässe. Sieben der besten Solosänger und Sängerinnen waren herangezogen worden. Das Ganze wurde von Hiller dirigiert. Von den Damen zeichneten sich viele durch Jugend und Schönheit aus. Bei den drei Hauptkonzerten erschienen sie alle in Weiß, mit blauen Achselschleifen und natürlichen oder gemachten Blumen im Haar. Eine jede hielt ein schönes Bukett in der Hand. Wir Herren alle in Frack und weißer Weste. Am ersten Abend saßen wir noch bis tief in die Nacht hinein zusammen und ich schlief endlich bei einem alten Frankonen auf dem Lehnstuhl und war den Morgen ganz taschenmesserartig zusammengeknickt. […]«
Über die Eröffnung des Musikfestes mit Felix Mendelssohns Paulus-Ouvertüre und Georg Friedrich Händels Israel in Ägypten, in dem die über 700 Mitwirkenden ihren »Haupt-Triumph« feierten, unterrichtete Nietzsche seine Schwester: »Den Sonntag war das erste große Konzert. ›Israel in Ägypten‹ von Händel. Wir sangen mit unnachahmlicher Begeisterung bei 50 Grad Reaumur. Der Gürzenich war für alle drei Tage ausgekauft. Das Billett für das Einzelkonzert kostete 2-3 Taler. Die Ausführung war nach aller Urteil eine vollkommene. Es kam zu Szenen, die ich nie vergessen werde. Als Staegemann und Julius Stockhausen ›der König aller Bässe‹ ihr berühmtes Heldenduett sangen, brach ein unerhörter Sturm des Jubels aus, achtfache Bravos, Tusche der Trompeten, Dacapogeheul, sämtliche 300 Damen schleuderten ihre 300 Buketts den Sängern ins Gesicht, sie waren im eigentlichsten Sinne von einer Blumenwolke umhüllt. Die Szene wiederholte sich, als das Duett da capo gesungen war.«
Das Ende dieses ersten Pfingsttages verbrachte Nietzsche in geselliger Runde mit dem Kölner Männergesangverein in der Gürzenich-Restauration mit »carnevalistischen Toasten und Liedern, worin der Kölner blüht, unter vierstimmigem Gesänge und steigender Begeisterung. […] Um 3 Uhr morgens machte ich mich mit 2 Bekannten fort; und wir durchzogen die Stadt, klingelten an den Häusern, fanden nirgends ein Unterkommen, auch die Post nahm uns nicht auf – wir wollten in den Postwägen schlafen – bis endlich nach anderthalb Stunden ein Nachtwächter uns das Hôtel du Dome aufschloß. Wir sanken auf die Bänke des Speisesaals hin und waren in 2 Sekunden entschlafen. Draußen graute der Morgen. Nach 11/2 Stunden kam der Hausknecht und weckte uns, da der Saal gereinigt werden mußte. Wir brachen in humoristisch verzweifelter Stimmung auf, gingen über den Bahnhof nach Deutz herüber, genossen ein Frühstück und begaben uns mit höchst gedämpfter Stimme in die Probe. Wo ich mit großem Enthusiasmus einschlief (mit obligaten Posaunen und Pauken). Um so aufgeweckter war ich in der Aufführung am Nachmittag von 6-11 Uhr. Kamen darin doch meine liebsten Sachen vor, die Faustmusik von Schumann und die A-dur-Symphonie von Beethoven. Am Abend sehnte ich mich sehr nach einer Ruhestätte und irrte etwa in 13 Hotels herum, wo alles voll und übervoll war. Endlich im 14ten, nachdem auch hier der Wirt mir versicherte, daß alle Zimmer besetzt seien, erklärte ich ihm kaltblütig, daß ich hier bleiben würde, er möchte für ein Bett sorgen. Das geschah denn auch, in einem Restaurationszimmer wurden Feldbetten aufgeschlagen, für eine Nacht mit 20 Gr. zu bezahlen.
Am dritten Tag endlich fand das letzte Konzert statt, worin eine größere Anzahl von kleineren Sachen zur Aufführung kam. Der schönste Moment daraus war die Aufführung der Symphonie von Hiller mit dem Motto Es muß doch Frühling werden, die Musiker waren in seltner Begeisterung, denn wir alle verehrten Hiller höchlichst, nach jedem Teile ungeheurer Jubel und nach dem letzten eine ähnliche Szene nur noch gesteigert. Sein Thron wurde bedeckt mit Kränzen und Buketts, einer der Künstler setzte ihm den Lorbeerkranz auf, das Orchester stimmte einen 3fachen Tusch an, und der alte Mann bedeckte sein Gesicht und weinte. Was die Damen unendlich rührte.«
Die Begeisterung dieser mehrtägigen musikalischen Erlebnisse in Köln klangen noch lange bei Nietzsche nach, von einem Genuss höchsten Ranges schrieb er über das Niederrheinische Musikfest in Briefen an seine Schwester. Nietzsches Zeit am Rhein endete nach zwei Semestern. Im Herbst 1865 setzte er das Studium schließlich in Leipzig fort, unter anderem weil sein Lehrer Friedrich Ritschl (1806-1876) dorthin berufen wurde. – Nicht unerwähnt soll eine weitere Begebenheit bleiben, die Nietzsche mit Köln verbindet. Neben den kulturellen Anziehungspunkten gab es in der Rheinmetropole auch andere Vergnügungsstätten für die Bonner Studenten. Im Februar 1865 reiste der junge Nietzsche alleine von Bonn nach Köln und ließ sich von einem Dienstmann die Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen. Am Ende des Rundgangs forderte er seinen Begleiter auf, ihn in ein Restaurant zu führen. Der Dienstmann missverstand und brachte ihn in eines der Kölner Bordelle, »ein übel berüchtigtes Haus. Ich sah mich«, so berichtete Nietzsche seinem Freund Deussen am darauffolgenden Tag, »plötzlich umgeben von einem halben Dutzend Erscheinungen in Flitter und Gaze, welche mich erwartungsvoll ansahen. Sprachlos stand ich eine Weile. Dann ging ich instinktmäßig auf ein Klavier als auf das einzige seelenhafte Wesen in der Gesellschaft los und schlug einige Akkorde an. Sie lösten meine Erstarrung, und ich gewann das Freie.«
Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)
Literatur
Friedrich Nietzsche: Briefe I/2. 1864-1869. Kritische Gesamtausgabe. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Berlin, New York 1975, Brief Nr. 461, 467, 469.
Paul Deussen: Erinnerungen an Friedrich Nietzsche. Leipzig 1901.
Die Poetica ist ein internationales Literaturfestival, das seit 2015 jährlich in Köln stattfindet. Es wird von der Universität zu Köln in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und kulturellen Einrichtungen der Stadt Köln veranstaltet und rückt im Besonderen die Lyrik als marginalisierte Gattung der Weltliteratur in den Blickpunkt. Ein Autor bzw. eine Autorin kuratiert und moderiert das Festival und lädt zu einem Leitthema bis zu zehn prominente Dichter*innen aus aller Welt ein. Die Ausgangsidee für die Poetica war, dass Literatur ebenso Wissen formt wie die Wissenschaften und der Vergleich ästhetischer Ideen im Dialog von Dichter*innen und Wissenschaftler*innen einen hervorragenden Zugang zum Verständnis fremder Kulturen und ihrer potentiell unterschiedlichen Antworten auf zentrale Daseinsfragen ermöglicht. Weitere Informationen gibt es hier.
Die Poetica 9 findet vom 22. bis 27. Januar 2024 unter dem Motto »Nach der Natur – Imaginations of Nature Poetry« an verschiedenen Orten, u. a. auch am 25. Januar 2024 in der Kölner Zentralbibliothek, statt. Zu Gast sind Nikola Madžirov aus Nordmazedonien, Liana Sakelliou aus Griechenland und Raphael Urweider aus der Schweiz.
Kathrin Röggla liest am 30.11.2023 in der Kölner Zentralbibliothek
Den nach dem Kölner Ehrenbürger und Nobelpreisträger Heinrich Böll benannten Preis verleiht die Stadt Köln seit 1985. Am Vorabend der offiziellen Preisverleihung im Historischen Rathaus spricht die diesjährige Preisträgerin Kathrin Röggla in der Kölner Zentralbibliothek über ihr Werk mit der Literaturkritikerin Sandra Kegel.
Bekanntheit erlangte Röggla vor allem als Sprachkünstlerin, die durch ihre Sprachdekonstruktion und den unverkennbaren Stil oft in Zusammenhang mit der ›Wiener Gruppe‹ genannt wird. Unter dem Vorsitz von Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat die Jury in ihrer Begründung unter anderem die stilistische und formale Brillanz im Werk der Autorin hervorgehoben. Darüber hinaus konnte Rögglas gesellschaftspolitische Engagement, »das seinen Ausdruck nicht in Theorie, sondern in dokumentarisch-literarischer Beobachtung findet«, die Jury überzeugen. Exemplarisch dafür sei ihre aktuelle Publikation Laufendes Verfahren angeführt: ein Roman über den von Röggla über Jahre hinweg begleiteten NSU-Prozess. Die Verleihung des Heinrich-Böll-Preises findet am 1.12.2023 im Historischen Rathaus der Stadt Köln statt.
Kathrin Röggla, geboren in Salzburg, studierte Germanistik und Publizistik. Röggla arbeitet als Prosa- und Theaterautorin, verfasst und produziert Hörspiele und akustische Installationen für verschiedene Rundfunkanstalten. Von 2004 bis 2008 unternahm sie Reisen, unter anderem nach Georgien, in den Iran, nach Zentralasien, Japan, in die USA und den Jemen. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Preise, darunter den Italo-Svevo-Preis, den Anton-Wildgans-Preis und den Arthur-Schnitzler-Preis. Seit 2020 ist sie Professorin für Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM).
Sandra Kegel, geboren in Frankfurt am Main, arbeitet als Journalistin, Literaturkritikerin und Herausgeberin. Seit 2019 ist sie verantwortliche Redakteurin im Feuilleton der FAZ, Mitglied mehrerer Literaturjurys sowie der 3sat-Sendung ›Buchzeit‹.
Eine Veranstaltung des Heinrich-Böll-Archivs der Stadtbibliothek Köln. Kooperationspartner ist das Kulturamt der Stadt Köln
Anderland, das Kölner Festival zur Poesie, findet in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. An zwei Tagen steht die Lyrik in der Kölner Zentralbibliothek im Zentrum. Zu Gast sind die Autorinnen Jenny Erpenbeck, Monika Rinck und Uljana Wolf. Der erste Abend ist der österreichischen Dichterin Christine Lavant (1915-1973) gewidmet, die zu den größten deutschsprachigen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts zählt.
Montag, 6.11.2023, 19 Uhr Zu Beginn zeigen wir den Film Wie pünktlich die Verzweiflung ist (ORF 2023, ca. 45 Minuten), der anlässlich des 50. Todestags von Christine Lavant entstand und den der ORF dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hat. Nach einer kurzen Pause sprechen Jenny Erpenbeck und Monika Rinck über Lavants Werk und stellen eine Auswahl ihrer Texte vor. In der Reihe Bücher meines Lebens hat Jenny Erpenbeck im Verlag Kiepenheuer & Witsch 2023 einen Band über Christine Lavant veröffentlicht, in dem sie die Leser an ihrer Faszination für diese außergewöhnliche Autorin und ihr Werk teilhaben lässt.
Dienstag, 7.11.2023, 19.30 Uhr Am zweiten Abend des Festivals lesen Monika Rinck und Uljana Wolf aus ihren eigenen Werken.
Jenny Erpenbeck, geb. in Berlin, ist Autorin zahlreicher Romane, Erzählungen und Essays. Ihre Werke sind in dreißig Sprachen übersetzt und wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Independent Foreign Fiction Prize, dem Thomas-Mann-Preis, dem Premio Strega Europeo und dem Internationalen Stefan-Heym-Preis. Zuletzt erschienen die Romane Gehen, ging, gegangen und Kairos.
Christine Lavant (1915-1973), geb. als Christine Thonhauser in St. Stefan im Lavanttal (Kärnten) stammt aus einer armen Bergmannsfamilie, war Lyrikerin und Erzählerin. Ihre Schulbildung musste sie aus gesundheitlichen Gründen früh abbrechen. Jahrzehntelang bestritt sie den Familienunterhalt als Strickerin. Sie erhielt u. a. den Georg-Trakl-Preis (1954 und 1964) und den Großen Österreichischen Staatspreis (1970).
Monika Rinck, geb. in Zweibrücken, veröffentlicht Essays, Prosa und Gedichte in Zeitschriften und Anthologien. Ihre Arbeit wurde mehrfach mit Preisen gewürdigt, u.a. mit dem Heinrich-von-Kleist-Preis, dem Ernst-Jandl-Preis und dem Roswitha-Preis. 2016/17 war sie in Köln Kuratorin des internationalen Festivals Poetica III. Seit 2023 ist sie Professorin für Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln.
Uljana Wolf, geb. in Berlin, ist Lyrikerin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte vier Gedichtbände, den Essayband Etymologischer Gossip, der 2022 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik ausgezeichnet wurde. Ihr Werk wurde in über 15 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Peter-Huchel-Preis und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis. 2022 kuratierte sie die Poetica VI in Köln.
Die Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) der Stadtbibliothek Köln, der Buchhandlung Klaus Bittner und dem Institut für Deutsche Sprache und Literatur I der Universität zu Köln statt.
Veranstaltungsort:Stadtbibliothek Köln
Josef-Haubrich-Hof 1
50676 Köln - Altstadt/Süd
Tickets über die Buchhandlung Bittner:
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60 Jahre »Ansichten eines Clowns« von Heinrich Böll
Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns. Taschenbuchausgabe. München: dtv Nr. 400, 1967. Umschlaggestaltung von Celestino Piatti.
Anlässlich der Erstveröffentlichung von Heinrich Bölls Roman Ansichten eines Clowns (1963) gewährt das Heinrich-Böll-Archiv vom 29. Juli bis 23. Oktober 2023 Einblick in die Publikations- und Rezeptionsgeschichte des Romans. Deutsche und internationale Buchausgaben sind ebenso zu sehen, wie eine Zusammenstellung verschiedener Adaptionen des Stoffes.
Heinrich Böll konzipierte Ansichten eines Clowns nach dem Vorbild des griechischen Mythos von Theseus und dem Minotaurus, der in einem Labyrinth gefangen gehalten wurde, und zeichnete darin das berufliche und private Scheitern des »Romanhelden« nach. Die Handlung des Romans erstreckt sich über einen Abend, in dem der Protagonist Hans Schnier in seiner Wohnung sitzt und betrunken, bedürftig und von seiner Freundin verlassen mit Verwandten und Bekannten telefoniert, um sie um emotionale und finanzielle Unterstützung zu bitten. Bei diesen erfolglosen Bemühungen läuft er allerdings, wie in einem Labyrinth, gegen Wände.
In Rückblenden schildert Hans Schnier seine Lebens- bzw. Leidensgeschichte. Er wuchs in vermögenden Verhältnissen auf und hätte in dem Unternehmen seines Vaters Karriere machen können. Aber Ereignisse in der Kriegszeit sorgten mit dafür, dass er sich Mitte der 1950er Jahre, kurz nach seinem Abitur mit seiner Mutter überwarf und das Elternhaus verließ. Er verliebte sich in Marie, die aus einfachen Verhältnissen stammte und in einem katholischen Milieu aufwuchs. Nachdem Hans und Marie einige Zeit, ohne verheiratet zu sein, zusammenlebten, wurde der Druck auf Marie von ihrem stark katholisch geprägten Umfeld so stark, dass die Beziehung zu Hans letztlich scheiterte. Die satirische Darstellung des »stark katholisch geprägten Umfeldes« führte beim Erscheinen des Buches zu heftigen Kontroversen und retrospektiv bezeichnete Böll das Buch als einen »historischen Roman«. Dennoch kann das Buch – unabhängig von der Zeitgenossenschaft – als Konflikt zwischen Individuum und Institution verstanden werden und diese Kontroverse ist zeitlos, wie auch die gescheiterte Liebesbeziehung zwischen Hans und Marie.