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Heinrich Böll: »Erinnerung ist unsere Aufgabe…«

80 Jahre Befreiung und Kriegsende

Das Kriegsende am 8. Mai 1945 war für den Infanteristen Böll ein »Tag der Befreiung«, nicht nur von einem Krieg, in dem er vom ersten bis zum letzten Tag als einfacher Soldat »diente«, sondern auch vom Dritten Reich der NSDAP. Er war 15 Jahre alt, als Adolf Hitler im Januar 1933 die Macht ergriff, 22 Jahre alt, als er 1939 als Gefreiter der Wehrmacht eingezogen wurde und 27 Jahre, als er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde.

Die Jugendzeit in der Nazi-Diktatur und die Kriegsjahre waren Erfahrungen eines bevormundeten Lebens in einem Zwangssystem, die zu elementaren Themen des späteren Schriftstellers wurden. Er schrieb über den Krieg, die Heimkehr und das Leben in den Trümmern, sowohl äußerlich (Ruinen) als auch innerlich (seelische Verfassung, zerstörte Ideale und Werte). Mit seinem »Bekenntnis zur Trümmerliteratur« rechtfertigte Böll sein Anliegen, nach einer »bewohnbaren Sprache in einem bewohnbaren Land« zu suchen. In dem Bekenntnis heißt es:

Es ist unsere Aufgabe, daran zu erinnern, dass der Mensch nicht nur existiert, um verwaltet zu werden – und dass die Zerstörungen in unserer Welt nicht nur äußerer Art sind und nicht so geringfügiger Natur, dass man sich anmaßen kann, sie in wenigen Jahren zu heilen.

Die Arbeit an dieser Aufgabe blieb für Böll bestimmend. In seinen Texten thematisierte er die Frage der individuellen Schuld und betrieb Vergangenheitsaufarbeitung und nicht Vergangenheitsbewältigung.

Dr. Gabriele Ewenz, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv, Markus Schäfer und Maria Birger, Referent*innen der Heinrich Böll Stiftung, Berlin diskutieren über die Bedeutung der Erinnerungsarbeit Bölls und die Vergangenheitsaufarbeitung der deutschen Gesellschaft nach 1945.

Anlässlich der Veranstaltung zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa wird eine Präsentation ausgewählter Archivalien Heinrich Bölls zum Thema gezeigt.

Eine Veranstaltung des Heinrich-Böll-Archiv in Kooperation mit der Erbengemeinschaft Heinrich Böll, der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin, und dem Lew Kopelew Forum e.V.

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Literaturfestivals

Anderland V – Festival der Poesie

Jürgen Beckers Lyrik und Vorstellung der Literaturzeitschrift die horen mit Jennifer de Negri, Guy Helminger, Sabine Küchler, Jürgen Nendza und Boris Becker

Montag, 21.05.2025, 19.30 Uhr

Wir freuen uns, dass im Rahmen der im April 2025 erscheinenden neuen Ausgabe der horen  (mit dem Schwerpunkt-Thema Kölner Lyrik) vier Autorinnen und Autoren aus ihren darin veröffentlichten Texten lesen werden. Im zweiten Teil werden wiederum die vier Auftretenden ihre Lieblingsgedichte von Jürgen Becker vortragen. Zudem wird Boris Becker Fotografien zeigen und Sabine Küchler einleitende Sätze zu Leben und Werk Beckers geben.

Jennifer de Negri wurde 1981 geboren und lebt in Köln. Sie studierte Theaterregie sowie Literarisches Schreiben an der KHM und veröffentlicht Lyrik und Prosa. 2021 erschien ihr Lyrikband Triebe klimatischer Verhältnisse im Berliner SUKULTUR Verlag. Als Stipendiatin verschiedener Sparten nahm sie an Festivals und Werkstätten teil. De Negri erhielt Preise und Nominierungen, unter anderem ›open mike‹ und ›Literarischer März‹. Sie ist Co-Kuratorin der queer-feministischen Lesereihe [OHNE PRONOMEN]. Im Frühjahr erscheint der Gedichtband reise nach BABYlon in der parasitenpresse.

Guy Helminger wurde 1963 in Esch-sur-Alzette (Luxemburg) geboren und lebt seit 1985 in Köln. Er veröffentlicht Lyrik, Romane, Reiseberichte und Hörspiele. Zudem ist er mit Navid Kermani Gastgeber des Literarischen Salons in Köln. Er verbrachte längere Zeit unter anderem in Indien, Iran, Jemen, Südafrika und Brasilien. 2012 hielt er eine Poetik-Dozentur an der Universität Duisburg-Essen. 2016 wurde er mit dem Dresdner Lyrikpreis und 2022 mit dem Lyrikpreis Meran ausgezeichnet. Zuletzt erschien sein Werk Das Geräusch der Stillleben bei capybarabooks, Luxemburg.

Jürgen Nendza, geboren 1957 in Essen. Er ist Verfasser von Gedichten, Essays, Prosa, Hörspielen und Radio-Features. 1998 wurde er mit dem Lyrikpreis Meran und 2018 mit dem Christian-Wagner-Preis für das lyrische Gesamtwerk ausgezeichnet. Seine letzte Veröffentlichung war Auffliegendes Gras im Leipziger poetenladen.

Sabine Küchler wurde 1965 in Bremen geboren und lebt in Köln. Sie veröffentlicht Lyrik, Prosa sowie Hörspiele. Zudem ist Küchler als literarische Übersetzerin und Moderatorin tätig. Sie erhielt diverse Preise und Stipendien. Im Auftrag des Goethe-Instituts bereiste sie Argentinien und die Türkei. Sie arbeitet als Redakteurin beim Deutschlandfunk.

Boris Becker, geboren 1961 als Sohn des Schriftstellers Jürgen Becker, studierte an der Hochschule der Künste Berlin und an der Kunstakademie Düsseldorf. Er wird mit seinem Werk zur Düsseldorfer Photoschule gezählt. Für 1997/98 wurde ihm ein Stipendium in der Villa Massimo in Rom zuerkannt. Becker lebt und arbeitet in Köln.

Jürgen Becker wurde 1932 in Köln geboren. Er arbeitete für den WDR und in den Verlagen Rowohlt und Suhrkamp. Zwanzig Jahre lang, bis 1993, leitete er die Hörspielredaktion des Deutschlandfunks. Jürgen Beckers Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem erhielt er den Preis der Gruppe 47, den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der schönen Künste, das Stipendium der Villa Massimo, den Bremer Literaturpreis und den Heinrich-Böll-Preis. Jürgen Becker war Mitglied der Akademie der Künste in Berlin-Brandenburg, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, sowie des PEN-Clubs. 2014 wurde Jürgen Becker schließlich als »maßgebliche Stimme der zeitgenössischen Poesie mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt.« Jürgen Becker verstarb am 7. November 2024 in Köln.

Die Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) der Stadtbibliothek Köln, der Buchhandlung Klaus Bittner und dem Institut für Deutsche Sprache und Literatur I der Universität zu Köln statt.

Veranstaltungsort:
Stadtbibliothek Köln
sprachraum der Stadtbibliothek
Josef-Haubrich-Hof 1a
50667 Köln - Altstadt/Süd

Tickets über die Buchhandlung Bittner:
info@bittner-buch.de, 0221-2574870
Vergangene Veranstaltung

Anderland IV
Anderland III
Anderland II
Anderland I


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Aktuelles

Hans Bender zum 10. Todestag

Hans Bender © Hans Georg Schwark

Mit einer Buchvorstellung ehrt das Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) Hans Bender, der vor zehn Jahren in Köln starb. Benders facettenreiches Werk, das Kurzgeschichten, Romane, Gedichte, Aufzeichnungen und Vierzeiler umfasst, steht gleichwertig neben seiner Herausgebertätigkeit. Hans Bender lebte und arbeitete über 50 Jahren in Köln, von hier aus betrieb er bis 1980 die redaktionelle Arbeit der Zeitschrift akzent, die bis heute zu den renommiertesten deutschen Literaturzeitschriften zählt. Durch die Herausgabe von Anthologien hat sich Bender um die Förderung neuer Dichtung verdient gemacht. Sein erstaunliches Gespür für schriftstellerische Qualität verhalf vielen noch unbekannten Autor*innen auf das literarische Parkett.

Michael Krüger, der langjährige Freund und Verleger von Hans Bender schrieb einmal, dass man fünf Bände mit den Zeugnissen aus einem langen Leben mit und für die Literatur füllen könnte. Aus diesem schier unerschöpflichen Material haben Horst Bürger und Walter Hörner unter dem Titel Zeitverwandtschaft. Ein halbes Jahrhundert Literatur in Essays, Rezensionen und Würdigungen (1953-2003) eine Textauswahl zusammengestellt, die chronologisch nach Erscheinungsjahren geordnet fünfzig Jahre umfasst. So entsteht eine Literaturgeschichte ganz persönlicher Art – von dem bedeutsamen Französisch-Deutschen Schriftstellertreffen im Jahr 1953 in Paris bis zur ungewöhnlichen Begegnung mit Thomas Bernhard 2011.

Es sprechen Horst Bürger, Dr. Gabriele Ewenz und Walter Hörner –
Eine Veranstaltung des Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) in Kooperation mit der Buchhandlung Bittner.

Veranstaltungsort:
Stadtbibliothek Köln
sprachraum der Stadtbibliothek
Josef-Haubrich-Hof 1a
50667 Köln - Altstadt/Süd

Tickets über die Buchhandlung Bittner:
info@bittner-buch.de, 0221-2574870

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Eine Erinnerung an Albrecht Fabri

Der Schriftsteller und Essayist Albrecht Fabri (1911-1998) hat in der Kölner Literaturlandschaft vor allem als großer Wortkünstler seine Spuren hinterlassen. Michael Kohtes erinnert in seinem Beitrag Schreiben, um etwas zu erfahren an diesen Anachoret der deutschen Nachkriegsliteratur.

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Schreiben, um etwas zu erfahren

Albrecht Fabri © privat

Er lebte im Elfenbeinturm und wahrte Distanz in jeder Beziehung. Albrecht Fabri, 1911 in Köln geboren und 1998 ebendort verstorben, war der Anachoret der deutschen Nachkriegsliteratur. Cliquenfern und quer zu dem, was gerade Zeitgeist war, hielt er sich streng an seinen ästhetischen Grundsatz: »Der Schriftsteller schreibt nicht, was er denkt, er denkt, was er schreibt.«

Folglich interessierte dieser Schriftsteller sich für Weltanschauungsfragen so wenig wie für die Atombombe; ihn beschäftigten Kommaprobleme. Sprache als Mittel zu deskriptiven oder ideologischen Zwecken zu benutzen, wäre ihm absurd erschienen. Schreiben hieß für ihn, sich auf sein Material zu konzentrieren, hieß: mit und vor allem in der Sprache zu denken. Ein Abenteuer, das mit Erkenntnisgewinn lockte, freilich auch das Risiko implizierte zu irren. Beide Möglichkeiten indessen schlossen das Schlimmste, das einem Wort- und Denkspieler wie ihm hätte widerfahren können, aus: die Langeweile, zu schreiben, »was man vorher weiß«.

Fabris Œuvre ist vergleichsweise schmal geblieben. Seine dünnen Sammelbändchen, die er in wachsenden Abständen publizierte, unter anderem Der schmutzige Daumen (1948), Interview mit Sisyphos (1952), Der rote Faden (1958), Stücke (1971), Viererlei (1989), ergeben in der Summe gerade mal ein Dutzend. Aber wie sollte es auch anders sein bei einem Autor, der auf das Wesentliche konzentriert war, der, ein Meister im Weglassen, »immer weniger, kürzer und knapper« schreiben wollte.

Sein Werk, die geschliffenen, auch die feinsten Nuancen der Sprache beherrschenden Essays, seine funkelnden Aphorismen und Aperçus, entstand à l’occasion. Fabri war das, was man einen »Gelegenheitsarbeiter« nennt. Er schrieb aus verschiedenen Anlässen und zu unterschiedlichen Themen. Sein Stil jedoch und das Niveau, das er sofort, schon mit seinen ersten Texten erreicht hatte, sind über Jahrzehnte hinweg konstant geblieben. Gleichviel, in welcher Form er sein jeweiliges Thema angeht, ob Essay, Notiz, Rezension, Rede oder Scholie: in jeder Kategorie entpuppt sich ein poetischer Sprachdenker von Rang. »Denn was lohnt an einem Thema, ist nicht das Thema, vielmehr das, wozu man es bewegt.«

So konnte er über Wittgensteins Tractatus und eine neue Montaigne-Übersetzung, zu Gottfried Benns Fragmenten oder Über zwei Sätze von Rimbaud schreiben, er konnte das Fugato über einen Reklamespruch komponieren, das Gerede von der Krise kritisieren oder über den Ruhm variieren: stets entzünden sich seine Reflexionen an den sprachlichen Details. Und fast immer münden die Detailüberlegungen in eine dezente Verteidigung seines formalen Autonomieprinzips: »Für den Schriftsteller ist die Welt Syntax; er untersucht und erforscht sie in den Strukturen seiner Sätze.«

In ihrer offenen, abstrakten Gestik überschreiten Fabris Schriften die Grenzlinien von Philosophie und Literatur. Sein Denken folgt der Logik des Spiels, und weil der Sprachspieler in seinen fugenlos konstruierten Prosa-Architekturen erkennbar anwesend ist, sind seine Reflexionen, sein Nachdenken über das, was die Welt der Wörter in ihrem Innersten zusammenhält, immer auch eine Einladung zum Mittun: »Haben Sie«, fragt er zum Beispiel, »schon einmal darüber nachgedacht, was sie eigentlich sagen, wenn Sie ›fabelhaft‹ sagen? Fabelhaft im strikten Verstand sind doch wohl Kentaur und Einhorn. Was Sie als fabelhaft bezeichnen, verweisen Sie also, genau genommen, aus der Welt hinaus.«

Dieserart bringt der philologisch versierte Prosaist die Sprache selbst zur Sprache. Indem er die Wörter kritisch beim Wort nimmt, durchbricht er die aus dem gedankenlosen Umgang mit Floskeln und Phrasen resultierende »Taubheit für Sprache«. Womit sich dem Gehör nicht nur das untergründige Beziehungsgeflecht der Zeichen offenbart, sondern eben auch der Nexus von etabliertem Gerede und schlampig Gedachtem. Man verwechsle Fabris sprachkritisches Verfahren nicht mit der kalten Laborkunst der Konkreten Poeten. Seine Vernunftspiele durchweht ein hirnerfrischender Humor. Der Humor eines Autors, der um die Grillen und Ungereimtheiten der Sprache weiß; der es liebt, sich in Paradoxien zu bewegen und seine Aussagen mit sentenziöser Treffsicherheit auf die Spitze zu treiben. Nicht linear, sondern sprunghaft-assoziativ verläuft seine Schreib-, die Denkbewegung, wobei immer schon der Prozess des Schreibens als solcher Erkenntnisfunktion hat. Der Weg ist das Ziel. Und er verlangt den beweglichen Leser. 

»Nur phantasielose Männer heiraten schöne Frauen.« Punkt. In seiner Aphoristik zeigt sich der Sprach- als heiterer Universalskeptiker. Hier verdichten sich die Denkvorgänge zu einer lakonisch-launigen Mini-Prosa über Gott und die Welt: »Andächtig ist, wer, wenn er Tee trinkt, Tee trinkt.« – »Elefanten baden, Fische nicht.« – »Wenn es stimmt, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat, wimmelt es nur so von Gotteslästerungen.« Wer Lichtenbergs Sudelbücher zu schätzen weiß und die espritgeladenen Greguerías von Ramón Gómez de la Serna, der wird in den zeitlosen Aphorismen Fabris die Position dazwischen finden.

Den literaturtheoretischen Diskursen seiner Zeit ohnehin in manchem voraus, zudem mit einer gesunden Abneigung gegen Dichterkult und Marktschreierei gesegnet, betrieb Fabri die konsequente Anonymisierung seiner schriftstellerischen Existenz. Er war ein Autor ohne Biografie. Als Person des Zivilstandsregisters gleichen Namens habe er eine Biografie, als Schriftsteller nicht. Als Schriftsteller sei er nicht weniger »Kunstprodukt« als das Werk selbst.

Fabri, als Person des Zivilregisters, hatte Musikwissenschaft, Philosophie und Germanistik studiert. Er war Frontsoldat und in russischer Kriegsgefangenschaft, bevor er an der Deutschen Buchhändlerschule in Köln Dozent für französische und moderne Literatur wurde. Später arbeitete er für Funk und Fernsehen, vornehmlich beim Westdeutschen Rundfunk, sowie als Lektor und Übersetzer, wobei er unter anderen Paul Valéry, Alain, Chapman Mortimer und Blaise Cendrars ins Deutsche hinüberholte.

Indes hat Fabri nicht nur zu seinen Wahlverwandten in der Literatur Verbindung gehalten. Ebenso hat der »Bücherbewohner« sich für die Sache der Bildenden engagiert, zumal für jene Künstler, die nach dem Krieg vom Gegenständlichen zum Abstrakten fanden. Was er in den Werken seiner Malerfreunde, den Bildern von Ernst Wilhelm Nay, Hann Trier, HAP Grieshaber, Hans Hartung et alia erblickte, war die Umsetzung der von ihm verfochtenen Poetik mit anderen Mitteln. Schrieb dieser nicht etwas, sondern Worte, so malten jene nicht dinglich, sondern das Malen.

Legendär sind Fabris Fünf-Minuten-Auftritte als Eröffnungsredner bei den Vernissagen in der Kölner Galerie Der Spiegel, in den fünfziger Jahren eine erste Adresse der damals noch umstrittenen Abstrakten Malerei. Freilich sprach Fabri nicht über die ausstellenden Künstler; er stellte den Exponaten seine eigene Kunst an die Seite: fundierte Atelierkritik und glossierende Bemerkungen zum Kunstbetrieb. Der kurz angebundene Wortsteller dürfte die Verstörungskraft der avantgardistischen Gemälde noch übertroffen haben, wenn er seine Ansprachen mit Sentenzen intonierte wie: »Der für mich größte Vorzug von Bildern ist der, dass sie stumm sind«; oder: »Nur Eunuchen denken mit dem Kopf; nur Stiere denken mit den Hoden.« Fabris kunsttheoretische Kommentare und Aufsätze zur Malerei sind, nicht anders als seine Literatur-Literatur, für die jungen Kritiker und Essayisten der Nachkriegszeit stilbildend geworden.         

Natürlich könnte man sich jetzt darüber echauffieren, dass dieser Autor bis heute so weiträumig umgangen worden ist. Und überhaupt: dass der Typus des Schriftstellers, wie Fabri ihn verkörpert, in der deutschen Leselandschaft einfach keinen Boden unter die Füße bekommt. Nicht ärgern! All jene, die von der Literatur etwas mehr erwarten als das, was alle lesen, werden von Fabris eleganten Fabrikationen auf ihrem Niveau unterhalten. Eher noch darüber. Zu den Schriftstellern, die Eindruck machen, wird man ihn ohnehin nicht zählen wollen. Denn: »Eindruck mache ich meinem Kopfkissen.«                   

                                                                   – © Michael Kohtes, 2024


Für die Abdruckgenehmigung des bislang unpublizierten Textes danken wir dem Autor.

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Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio in Köln

St. Clemens, Mülheimer Ufer, um 1900, in: Paul Clemen:  Die Kunstdenkmäler des Kreises Mülheim am Rhein. Bd. 5, Abt. 2. Düsseldorf 1901.

Der Liedersammler und Dichter Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio (1803 – 1869) lebte während seiner Volksschulzeit einige Jahre im Haus seiner Großeltern in Mülheim am Rhein und berichtet in seinen Erinnerungen, wie er an den Vorabenden der ›Mülheimer Gottestracht‹, der Fronleichnamsprozession zu Land und auf den Schiffen im Rhein, am Ufer saß und sich am Spiel der Musiker erfreute, die auf den versammelten Schiffen Volksweisen zum Besten gaben. An anderer Stelle heißt es in seinen Erinnerungen, dass er auf dem ›Köllner Männergesangsfest‹ von 1846 im Gürzenich unter der Leitung seines Freundes Felix Mendelssohn Bartholdy »redlich mitgesungen« hat. – Über das abenteuerliche Leben des Romantikers Anton Wilhelm von Zuccalmaglio schrieb die Kölner Autorin Dorothea Renckhoff für die LiK.map nachfolgenden Beitrag.

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Das abenteuerliche Leben des Romantikers Anton Wilhelm von Zuccalmaglio

Ein Gastbeitrag von Dorothea Renckhoff
Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio, um 1842

Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Sammler. Man sammelte Zeugen der Vergangenheit, um sie für die Gegenwart zu erhalten und fruchtbar zu machen. Zu den berühmtesten Sammlungen im Bereich der Literatur zählen die Märchen der Brüder Grimm, die von romantischen Dichtern zusammengestellte Volkslied-Anthologie Des Knaben Wunderhorn und die Liedersammlungen von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio (1803 – 1869). Doch während in Des Knaben Wunderhorn einzig Texte festgehalten sind, hat Zuccalmaglio auch die Melodien notiert und so insgesamt 700 Lieder für die Nachwelt – für uns – erhalten. Ohne ihn würde sie heute niemand mehr kennen: Die Blümelein, sie schlafen, Schwesterlein, Kein schöner Land in dieser Zeit – sie wären für immer verloren. Das hängt mit der tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandlung zusammen, die sich zu Zuccalmaglios Lebzeiten vollzog und die er wach beobachtet hat.

Seine Geburt 1803 fällt in die Jahre, als Napoleon fast ganz Europa beherrschte und das Rheinland französisch war; der Liedersammler starb 1869, ein Jahr vor dem großen deutsch-französischen Krieg von 1870/71, das deutsches Kaiserreich und Gründerzeit nach sich zog. Zwischen diesen Endpunkten fuhren die ersten Eisenbahnen und Dampfboote, mechanische Webstühle beschleunigten den Arbeitsprozess und leiteten die Industrialisierung ein, und die Städte wuchsen rasant. Als Gegenbewegung zum sich immer rascher steigernden Tempo in allen Lebensbereichen beschwor die Romantik Sehnsuchtsbilder aus Vergangenheit und Natur, mittelalterliche Burgruinen, Waldeinsamkeit und ein ideales Leben, das bürgerliche Sesshaftigkeit ablehnt und sich in stetem Unterwegssein, im Wandern und Reisen verwirklicht. In seinem ganzen Leben war Zuccalmaglio – der es nie zu einer eigenen Wohnung brachte – geradezu der Prototyp des Romantikers.

Schon die Vorgeschichte seiner Familie scheint einem romantischen Schauerdrama entnommen: Wie der Name nahelegt, stammt das Geschlecht Zuccalmaglio aus Italien. Das Kind, das einmal Anton Wilhelms Urgroßvater werden sollte, war nach dem Tod des Vaters von der bösen Stiefmutter als Edelknabe nach Deutschland geschickt worden. Einer von dessen Söhnen – also ein Großonkel von Anton Wilhelm – sollte sich später in Italien um das Erbe kümmern, das dem deutschen Zweig der Familie zustand; er erstellte einen Stammbaum, aus dem die Abstammung der Zuccalmaglios von den Medici hervorging und – wurde in Italien ermordet. Weitere Nachforschungen unterblieben.

Anton Wilhelm kam in Waldbröl im Amt Windeck zur Welt. Sein Vater war Jurist und wurde 1805 in Schlebusch Maire[1]. Die Mutter war als Tochter eines herzoglichen Richters auf Schloss Burg aufgewachsen. Als kleiner Junge war Anton Wilhelm dort oft zu Gast und erinnerte sich als Erwachsener mit Sehnsucht an das alte Schloss, das er in späteren Jahren als Ruine wiedersehen musste – man hatte das Gebäude aufgegeben und, wie früher üblich, als Steinbruch benutzt[2]. Auch hier ein romantisches Motiv im Leben des Liedersammlers: Die Sehnsucht nach dem verlorenen Ort einer fernen Kindheit, nach alten Schlössern und Palästen, wie wir sie bei Chamisso und Eichendorff finden.

Die Mutter sang dem Jungen unzählige Volkslieder aus der Gegend vor, wie Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht, er fiel auf die zarten Blaublümelein – und Zuccalmaglio beschreibt später die alten Trachten und das einfache Leben im bergischen Land während seiner Kindheit: »Mit den alten Trachten lebten alte Lieder, alte Gebräuche, alte Anschauungen im Volke.« Die Heimat der Blaublümelein, die so oft in seinen Liedern besungen werden, erkannte er im Siebengebirge, wo die Scilla bifolia, der zweiblättrige Blaustern, auch Sternhyazinthe genannt, im Frühling blüht. Aber wer denkt dabei nicht an die blaue Blume der Romantik?

Lithographierte Postkarte 1914 Mülheim mit Mülheimer Gottestracht

Doch Anton Wilhelm musste die Eltern bald verlassen: Schlebusch hatte keine Schule. Vom Haus des Großvaters in Mülheim am Rhein aus besuchte er die dortige Volksschule, zusammen mit seinem nur 3 Jahre älteren Onkel Franz. Im Zuge der Befreiungskriege sah das Kind Zuccalmaglio riesige Truppenkontingente den Rhein in beiden Richtungen überqueren, erlebte Einquartierung und versuchte beim Soldatenspiel mit seinen Freunden bereits, eigene Texte zu den Märschen zu verfassen. Nach dem Ende der Franzosenzeit (1815) konnte der Junge ins Elternhaus zurückkehren, denn der Vater blieb Bürgermeister und gründete in Schlebusch eine Schule.
»Um diese Zeit war mir […] die Gewalt und Kraft der Musik in bewußter Weise durch ein Wunder aufgegangen«, erzählt Zuccalmaglio in seinen Erinnerungen. »Ermüdet vom Spiele mit meinen Kameraden hatte ich mich auf eine Bank gesetzt, als zufällig im Hause mehrere Mädchen ein Volkslied anstimmten. Aufmerksam lauschte ich, der Zauber der weichen Stimmen, die Wendungen der Weise rührten mich dermaßen, daß ich ihn nicht mehr vergeßen habe. Alles früher Gehörte, dessen ich mich erinnerte, kam mir wie ein glänzendes Geräusch vor…«

Bald wirkte er als Cellist und Oboist im vom Vater gegründeten Laienorchester mit, das als »musikalische Akademie« 1818 mit rund 200  Teilnehmern aus der Region beim ersten niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf Haydns Schöpfung und seine Vier Jahreszeiten aufführte. Nebenbei lernte der Junge Violine, Klarinette und Horn. 1816 bis 1823 besuchte er das Karmeliter-Gymnasium in Köln an der Severinstraße.[3] Einer seiner Lehrer – ein Sohn der berühmten Schauspielerin Sophie Schröder – muss ein Mann ohne Vorurteile gewesen sein, regte er doch den Schüler an, die Weisen der alten Lieder zu notieren, die Anton Wilhelm von seiner Mutter kannte – und das, obwohl die ›bessere Gesellschaft‹ zu der Zeit das Volkslied für flach und wertlos hielt. Zuccalmaglio zeichnete in diesen Jahren nur die Melodien auf, nicht die Texte.

Nach dem Schulabschluss trat er in Köln in die 7. Artilleriebrigade ein, und da der Militärdienst ihn bald langweilte, arbeitete er nebenbei an einer Sammlung von Burschenliedern für ein neues Commersbuch, wo er Fremdwörter durch deutsche Ausdrücke ersetzte. Das trug ihm in der von Spitzeln und Zensur geprägten Zeit den Verdacht ein, Demagoge und heimlicher Revolutionär zu sein. Ein wohlwollender Vorgesetzter schlug die polizeiliche Untersuchung nieder und gab ihm den Rat, in Zukunft nichts mehr unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen. So entstand unter Bezug auf seinen Geburtsort Waldbröl der Künstlername Anton Wilhelm von Waldbrühl, der 1825 in der Literaturzeitschrift Rheinische Flora unter seinem ersten veröffentlichten Gedicht stand: Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. Schon 1829 druckte Heinrich Heine es im Taschenbuch für Damen ab mit dem Vermerk: »Dieses ist ein wirkliches Volkslied, welches ich am Rhein gehört.«

Anton Wilhelms militärische Karriere endete unter mysteriösen Umständen: 1826 wurde er als dienstunfähig entlassen – ob bei einer Übung von einem Geschütz überfahren oder nach einem Reitunfall, blieb unklar. Wenig später war der junge Mann jedoch schon wieder in der Lage, weite Wanderungen zu unternehmen, wie die Romantiker sie liebten und wie er sie bald auch während seiner Studentenzeit in Heidelberg mit den Kommilitonen unternahm. An der dortigen Universität studierte er mit seinem jüngeren Bruder Vinzenz Rechts- und Staatswissenschaften bei dem berühmten Juristen Thibaut, daneben auch Musik, Archäologie, deutsche Sprache, Geschichte, Zeichnen, Astronomie und Mythologie.

Das Studentenleben von damals hatte wenig Ähnlichkeit mit dem von heute. Man unternahm Ausflüge und Festlichkeiten mit den Professoren und war Gast in ihren Häusern. Besonders Thibaut lud seine Schüler zu gemeinsamem Singen zu sich ein: Man befasste sich mit Volksliedern, aber nur mit denen anderer Länder, da man annahm, in Deutschland gebe es nichts als Schnadahüpfli aus den Alpen. Zuccalmaglio trat den Gegenbeweis an und trug eines aus seiner Heimat vor, und Thibaut regte an, es aufzuschreiben.

Zuccalmaglio erinnert sich, dass er notierte, »was ich von Volksweisen mich entsinnen konnte und wo mir Worte fehlten, legte ich diese dann nach Gutdünken unter.« So begann sein systematisches Sammeln, so begannen aber auch jene Textänderungen und das Schreiben eigener volksliedhafter Texte, die andere Liedsammler und Historiker bald zu seinen wütenden Feinden machen sollten: Als »üble Fälschungen« bezeichneten sie Liedtexte wie Kein schöner Land zu dieser Zeit.

1830 mussten die Brüder die Universität verlassen – die Eltern hatten sich getrennt und konnten die Söhne finanziell nicht mehr unterstützen. Anton Wilhelm ließ ein Mädchen zurück, mit der er sich angesichts seiner unsicheren Zukunftsaussichten nicht hatte verloben können. Als ihre Briefe ausblieben, erfuhr er von den Kommilitonen in Heidelberg, dass sie an der Cholera gestorben war. Er hat nie geheiratet. Auch der Traum einer wissenschaftlichen Karriere lag zerschlagen. In den Staatsdienst wollte er auf keinen Fall – wie fast alle Rheinländer der Restaurationsjahre verabscheute er die preußische Regierung[4].

Aus dieser Situation rettete ihn sein Onkel Franz, mit dem er zur Schule gegangen war. Auch Franz, der zum Freundeskreis von Heinrich Heine gehörte, hatte sich dem preußischen Geheimdienst verdächtig gemacht, war über Griechenland nach Russland geflohen und hatte es im baltischen Mitau[5] in kurzer Zeit zum Bürgermeister gebracht. Er verschaffte dem Neffen eine Stelle als Erzieher beim russischen Fürsten Gortschakow, der gerade geholfen hatte, den polnischen Aufstand niederzuschlagen, und bald Gouverneur von Warschau wurde.[6] Bevor der angehende Prinzenerzieher nach Osten reiste, verbrachte er  ein Jahr in Frankreich, um seine für die neue Stelle unerlässlichen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen; damit entging er gleichzeitig einer Untersuchung durch die preußische Geheimpolizei, die ihn in eine Verschwörung verwickelt glaubte.

Von 1832 an lebte Zuccalmaglio 8 Jahre lang mit eigenem Diener bei der Familie Gortschakow im Schloss der polnischen Könige in Warschau. Er bereiste mit dem Fürsten ganz Polen, die Schweiz und Russland, wurde mit der Ehrendoktorwürde der Universitäten Dorpat und Moskau ausgezeichnet und erhielt vom Zaren den Titel eines kaiserlichen Professors. Seinen Schüler unterrichtete er in allen Fächern, von Mathematik über Sprachen und Philosophie bis zu Schwimmen und Eislaufen. Auf langen Wanderungen vermittelte er dem jungen Prinzen – wie auch all seinen späteren Schülern – die Ehrfurcht vor der Natur, und immer wieder hat er sich – sein Leben lang – zu seinem wichtigsten Ziel bekannt: Seine Schüler zu selbständigem Denken zu erziehen. Daneben schrieb er in seiner freien Zeit Gedichte, Libretti, Dramen, Übersetzungen italienischsprachiger Mozartopern, gab eine Sammlung slawischer Lieder unter dem Titel Slawische Balalaika heraus und lernte Persisch. Er nahm Kontakt zu Robert Schumann auf, der ihn bald hoch schätzte und im Lauf der Jahre ca. 150 Artikel aus seiner Feder in der Neuen Zeitschrift für Musik abdruckte, oft an exponierter Stelle.

1838 erschien dann der erste Band von Zuccalmaglios großer Liedersammlung Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen, 1840, nach Zuccalmaglios Rückkehr aus Warschau, der zweite. Danach brach Kritik von allen Seiten über ihn herein. Vor allem auch deshalb, weil Wissenschaftler und andere Liedsammler manche Texte zuerst für völlig unveränderte alte Volksliedertexte hielten und erst nach und nach auf Zuccalmaglios Änderungen aufmerksam wurden. Jedes Wort wurde ihm angekreidet, die schönsten Texte als »Fälschungen« bezeichnet – bis zu der Behauptung, er habe sämtliche Lieder komplett selber erfunden. »Sie bedachten kaum,« sagte Zuccalmaglio dazu, »dass sie mich dann zu einem großen Dichter und Tonsetzer machen, dem deutschen Volke nur die mittelmäßigen Gassenhauer zuschreiben würden.« Immer wieder hat er darauf hingewiesen, dass Lieder nie in unveränderter Gestalt überliefert werden, sondern dass jedes Dorf, ja jeder Sänger etwas am Text ändert und dass die Lieder sich im Gesungenwerden weiterentwickeln. Johannes Brahms hat 1894 zweiundzwanzig von Zuccalmaglios Liedern bearbeitet und als Deutsche Volkslieder mit Klavierbegleitung herausgegeben. Er nannte die zeitgenössische Kritik philiströs und spießbürgerlich.

Nach der Rückkehr aus Warschau hat Zuccalmaglio bis 1847 in Düsseldorf und Köln gelebt, nahm großen Anteil an der Wiederbelebung der Bauarbeiten am Kölner Dom und war mit dem Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner befreundet. Was in den nächsten Jahren in seinem Leben folgte, waren Stellungen als Erzieher, unter anderem in Frankfurt, Hagen und Elberfeld, wo er bei der Familie Aders im ›Wunderbau‹ lebte, einem in einem ehemaligen Steinbruch erbauten Palast im Barockstil mit Gartenterrassen, unterirdischen Grotten, Brunnen, Wasserkünsten und Liebestempeln. Gleichzeitig entfaltete dieser ungemein vielseitig interessierte und gebildete Mann eine rege journalistische Tätigkeit – er veröffentlichte Aufsätze zu Mode, Musik, Jagdrecht, Botanik, Wegebau und Neuanlagen von Eisenbahnen. Obwohl in einigen Bereichen Dilettant, arbeitete er auf vielen Gebieten erfolgreicher als mancher Fachmann – so wurde ein von ihm entworfener Bauplan für eine neugotische Kirche angenommen und realisiert, während der des konkurrierenden Architekten abgelehnt wurde. Er selbst schmückte einen Sitzungssaal mit Fresken aus; die wurden allerdings entfernt, weil er Personen der Obrigkeit karikiert hatte. Mit wachen Sinnen verfolgte er die Entwicklungen und geistigen Strömungen seiner Zeit und war einer der ersten, der sich für das gerade aufgefundene Skelett des Neandertalers interessierte und es als das eines prähistorischen Menschen erkannte. Mit den Mitgliedern der Düsseldorfer Malerschule war er befreundet und wurde von ihnen – schöner Mann, der er war – im Rittersaal von Burg Stolzenfels auf einem Wandfries als Gottfried von Bouillon und als Minnesänger verewigt.

In seinen letzten Lebensjahren zog Zuccalmaglio zur Familie seines Bruders Vinzenz nach Grevenbroich, war aber immer noch viel unterwegs, besuchte seine früheren Schüler und ist 1869 auf einer solchen Reise in Nachrodt an einem Herzschlag gestorben. Er wurde auf dem katholischen Friedhof in Altena begraben. Seinen Grabstein hat man von dort in den oberen Burghof versetzt – eine passendere Gedenkstätte für einen Romantiker als solch alter Schlosshof ist kaum vorstellbar. In unserer Zeit geht es ihm ähnlich wie dem Märchendichter Hans Christian Andersen: sein Name ist bei Vielen vergessen. Aber was er uns hinterlassen hat, ist Allgemeingut geworden.


[1] Bezeichnung für Bürgermeister während der ‚Franzosenzeit’ im Rheinland
[2] Die heutige Höhenburg ist eine zwischen 1890 und 1914 entstandene Rekonstruktion.
[3] 1830 in Königliches Friedrich-Wilhelm-Gymnasium umbenannt. Das Gebäude wurde im 2. Weltkrieg 1943 zerstört, das Gymnasium 1957 an anderer Stelle neu gebaut, aber noch immer in der Severinstraße.
[4] In der Literatur zu Zuccalmaglio liest man zuweilen von seiner angeblichen Preußenbegeisterung, aber davon findet sich nichts in seinen Memoiren oder sonstigen Schriften.
[5] Heute Jelgava in Lettland, damals Hauptstadt von Kurland.
[6] Bekanntlich existierte Polen nach drei Teilungen zu der Zeit nicht mehr.


Für die Abdruckgenehmigung des bislang unpublizierten Textes danken wir der Autorin.

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Zum Tod von Jürgen Becker (1932 – 2024)

Jürgen Becker in der Kölner Zentralbibliothek, 2014, © Literatur-in-Köln-Archiv

Der Kölner Schriftsteller und Lyriker Jürgen Becker ist am 7.11.2024 im Alter von 92 Jahren in seinem Haus in Köln-Dellbrück gestorben. Neben Heinrich Böll und Dieter Wellershoff prägte er über viele Jahrzehnte maßgeblich die Kölner Literaturszene.

Wie kaum ein anderer seiner Kölner Schriftstellerkolleginnen oder -kollegen, hat sich Becker mit dem Ort seiner Herkunft und seiner Wirkungsstätte literarisch auseinandergesetzt. Köln und vor allem die Ränder und Umgebungen der Stadt, die Kölner Bucht, markieren größtenteils die Eckpunkte seines Schreibprozesses. »Köln ist eine Stadt, »die in ihrer Widersprüchlichkeit genügend Reize für einen Künstler hat. Es ist für meine Bücher wichtig, daß sie gerade hier entstanden sind.«, so beschrieb Becker das besondere Verhältnis zu seiner Geburtsstadt.

Wie in einem Steinbruch fand der Autor hier sein Material, das er bearbeitete, drehte und wendete, immer wieder neu betrachtete, variantenreich modellierte und auf seine Tauglichkeit hin untersuchte. Auf diese Art und Weise entstanden außergewöhnliche, sehr eigene Prosaarbeiten und Gedichte, die einerseits im Humus des vertrauten Terrains verwurzelt sind, andererseits aber weit über den Horizont des Lokalen hinausweisen. 

Bereits in seinem ersten Prosawerk Felder (1964), einem der experimentellen Literatur verpflichteten Text, wird ein vielschichtiges Spektrum vom Leben einer Person in Köln gezeichnet. »Der Titel ist malerisch, so beschrieb Heinrich Böll kurz nach Erscheinen über das Buch, »er könnte auch, wandelte man ihn in ›Planquadrate‹ um, der Landvermessersprache entnommen oder strategischen Ursprungs sein; die Anordnung der Texte ist musikalisch, deren Qualität poetisch, ihr Gegenstand: Köln. Die Lokalisierung erfolgt deutlich: ›Sankt Kunibert läutet‹, ›Werheits Hund‹, ›Werheits Hof‹, und natürlich, ›da rasselt unterm Pflaster römisches Gebein‹.« Neben seiner literarischen Tätigkeit leitete Becker fast 20 Jahre die Hörspielredaktion des Deutschlandfunks in Köln. Die Stadt Köln verlieh ihm zweimal die höchste städtische Auszeichnung für Literatur: 1968 den Kölner Literaturpreis und 1995 den Heinrich-Böll-Preis.

Mit seinem lyrischen Werk gehörte Becker zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart. Noch in diesem Jahr erschien der Band Nachspielzeit. Sätze und Gedichte, in dem Becker in seinem unverwechselbaren Sound sein literarisches Schreiben fortsetzte. Die Buchvorstellung, die in Kooperation des Literatur-in-Köln Archiv (LiK), dem Literaturhaus Köln e.V. und der Buchhandlung Klaus Bittner, am 28. August 2024 stattfinden sollte, musste leider aus gesundheitlichen Gründen abgesagt werden.

Dem Literatur-in-Köln-Archiv war Jürgen Becker über viele Jahrzehnte eng verbunden. Zahlreiche Buchvorstellungen und Veranstaltungen wurden über die Jahre gemeinsam in den Räumen der Kölner Zentralbibliothek realisiert. Die langen Gespräche auf dem dunkelgrünen Ledersofa in Brück bleiben der Autorin in Erinnerung. Ein Zeichen dieser Verbundenheit konnte u. a. in den Publikationen Lokalseiten und Gelegenheiten zum Ausdruck gebracht werden.

Gabriele Ewenz

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Anderland IV – Festival der Poesie

Anderland, das Kölner Festival zur Poesie, findet in diesem Herbst zum vierten Mal statt. An zwei aufeinander folgenden Tagen steht die Lyrik in der Kölner Zentralbibliothek im Zentrum. Zu Gast in der Kölner Stadtbibliothek sind diesmal Marcel Beyer, Jan Röhnert, der amerikanische Dichter Ron Padgett und Jan Drees.

Montag, 4.11.2024, 19.30 Uhr
Der erste Abend ist Friederike Mayröcker (1924-2021) gewidmet, einer der großen Dichterinnen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Mayröcker, die immer wieder für den Literaturnobelpreis ins Gespräch gebracht wurde, war zuletzt am 12. Oktober 1988 Gast in der Kölner Zentralbibliothek, sie las dort aus ihrem neu erschienen Buch mein Herz mein Zimmer mein Name. Zu ihrem 100. Geburtstag am 20. Dezember 2024 werden die Gesammelten Gedichte 2004-2021 erscheinen, aus denen der Herausgeber Marcel Beyer den Abend gestalten wird.

Dienstag, 5.11.2024, 19.30 Uhr
Am zweiten Abend spricht per Video der US-amerikanische Dichter Ron Padgett. Anschließend stellt Jan Röhnert im Gespräch mit Jan Drees seine eigenen Texte vor.

Marcel Beyer, geb. in Tailfingen/Württemberg, wuchs in Kiel und Neuss auf. Er studierte von 1987 bis 1991 Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen; Studienabschluss mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker. Der Autor erhielt zahlreiche Preise, darunter 2001 den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln, 2008 den Joseph-Breitbach-Preis sowie 2016 den Georg-Büchner-Preis. Beyer lebte bis 1996 in Köln, seitdem ist er in Dresden ansässig. Er ist u.a. Herausgeber der Gesammelten Gedichte 2004-2021 Friederike Mayröckers.

Jan Drees ist Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiert die Sendungen »Lesezeit« und den »Büchermarkt«. Außerdem ist Drees Autor zahlreicher Bücher wie Sandbergs Liebe (2019) und Literatur der Krise. Das Novellenwerk von Hartmut Lange. Jan Drees lebt in Köln.

Ron Padgett, geb. 1942 in Tulsa, Oklahoma, war mit ersten deutschen Übersetzungen in der Anthologie Silver Screen (1969) von Rolf Dieter Brinkmann, als Exponent der amerikanischen Beat-and-Pop-Bewegung, vertreten. Er gilt als einer der wichtigsten amerikanischen Lyriker der Gegenwart. »Beim Drehbuchschreiben wusste ich schon, dass ich Gedichte von Ron Padgett verwenden wollte. Ich liebe seine Gedichte sehr. Einige hat er speziell für den Film verfasst. Sie feiern die kleinen Dinge.« So Jim Jarmusch über seinen Kultfilm Paterson, dessen Hauptfigur – ein Busfahrer, der Lyrik schreibt – Gedichte von Ron Padgett in sein Heft notiert. Auch dank dieses vielfach ausgezeichneten Films teilen inzwischen zahllose Menschen Jarmuschs Begeisterung für seine Gedichte.

Jan Röhnert, geb.1976 in Gera, ist Literaturwissenschaftler, Essayist, Übersetzer, Autor von Reiseprosa und Lyriker, der u. a. mit dem Lyrikpreis des LCB, einem Harald-Gerlach-Stipendium, dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis und dem Lyrikpreis der RAI Südtirol ausgezeichnet wurde. Er lehrt an der TU Braunschweig und lebt seit 2018 in Leipzig. Er hat alle auf Deutsch erschienen Bände (Die schönsten Streichhölzer der Welt, Hier und Dort & Dort und Hier, Perfekt sein / How to be Perfect) Ron Padgetts übersetzt.

Die Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) der Stadtbibliothek Köln, der Buchhandlung Klaus Bittner und dem Institut für Deutsche Sprache und Literatur I der Universität zu Köln statt.

Veranstaltungsort:
Stadtbibliothek Köln
sprachraum der Stadtbibliothek
Josef-Haubrich-Hof 1a
50667 Köln - Altstadt/Süd

Tickets über die Buchhandlung Bittner:
info@bittner-buch.de, 0221-2574870
Vergangene Veranstaltung

Anderland III
Anderland II
Anderland I

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Aktuelles

Heinrich Böll – Katholische Volksschule Raderthal

Heinrich Böll besuchte zwischen 1924 und 1928 die Katholische Volksschule in Köln-Raderthal in der Brühler Str. 204, die 1873 nach Plänen des Architekten Heinrich Müller erbaut wurde. Raderthal gehörte in dieser Zeit noch zur Bürgermeisterei Rondorf im Landkreis Köln. Erst 1888 wurde Raderthal ein Stadtteil von Köln. Anfang des 20. Jahrhunderts und besonders nach dem Ersten Weltkrieg bestimmten gesellschaftliche und politische Umwälzungen nicht nur die Politik, sondern auch die Schule. Es gab Reformideen, die sich allerdings nicht alle umsetzen ließen. Das Schulgeld für die Volksschule wurde abgeschafft, die Prügelstrafe dagegen blieb weiterhin ein erlaubtes und vielfach angewandtes Erziehungsmittel. Acht Jahre dauerte die Volksschulzeit und endete mit dem Volksschulabschluss. Eine weitere Reform war die gemeinsame Grundschule, damit unterschiedliche soziale Schichten zusammenkommen, um so den gesellschaftlichen Problemen durch die sozialen Klassengegensätze entgegenwirken zu können. Hier geht es zum Beitrag.

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