Als ich 1973 nach meinem Studium in der Kunstbuchhandlung Walther König meine Lehre begonnen habe, war ich erstaunt über die Begegnungen mit unzähligen Künstlern, denen ich zwei Jahre zuhören durfte. Eigentlich habe ich fast alles, was ich über Kunst weiß, durch diese Gespräche gelernt. Als ich meine eigene Buchhandlung aufmachte, war das mein Ziel: eine Begegnungsstätte der Gesprächs- und Diskussionskultur über Literatur und Philosophie zu schaffen. Mir war klar, dass dies unter anderem durch Veranstaltungen in der Buchhandlung und mit Kooperationspartnern erreicht werden konnte. Des Weiteren wollte ich kleinen, unabhängigen Verlagen eine Plattform bieten.
Die Buchhandlung wurde 1980 gegründet. 1990 wurde sie umgebaut und erweitert; 1992 erfolgte die Umwandlung in eine GmbH. Schwerpunkte des Sortiments sind Belletristik, Sach- und Fachbuch, Kinder- und Jugendbuch, fremdsprachige Literatur, Hörbücher, Theater, Lyrik, Graphic Novels, Geisteswissenschaften und Antiquariat. In der jüngsten Vergangenheit wurde speziell das Lyrik-Segment vergrößert.
Mit Joachim Sartorius habe ich in den neunziger Jahren das Poesiefestival Atlas der neuen Poesie gegründet, 1996 mit Reinhold Neven DuMont das Literaturhaus Köln, dessen 2. Vorsitzender ich einige Jahre war. In den Anfangsjahren der Lit.Cologne war ich beratend tätig. Darüber hinaus saß ich seit Jahren in diversen Ausschüssen und Jurys (Deutscher Buchpreis 1995, Kurt-Wolff-Preis von 2001-2003, Crime Cologne Award 2015 und 2016, Kölner Kulturrat e.V., Kurator im KunstSalon Köln sowie Preis der Stiftung Buchkunst). Wir begleiten zudem die phil.Cologne und die POETICA mit Büchertischen bei jeder Veranstaltung.
Seit 1986 habe ich mehr als fünfzig Titel im Verlag der Buchhandlung Klaus Bittner verlegt, darunter die Reihen TransLit, Schriftenreihe des Heinrich-Böll-Preises der Stadt Köln, des LIK-Archivs/ Heinrich-Böll-Archivs der Stadtbibliothek Köln, die Thyssen Lectures sowie die Beiträge zur rheinisch-jüdischen Geschichte (Miqua).
41 Jahre nach Gründung meiner Buchhandlung scheint meine Idee aufgegangen zu sein. Keinen Raum zu schaffen, in dem weihevoll geflüstert wird, sondern eine Atmosphäre, in der ein lebendiger Austausch zwischen Kunden und Buchhändlern und Kunden mit Kunden stattfinden kann. Privatkunden und Institutionen aus dem In- und Ausland, die wir regelmäßig beliefern, loben unseren Web-Auftritt mit seinem Onlineshop.
Seit 2017 sind wir auch bei Facebook und Instagram vertreten, hier weisen wir auf Veranstaltungen hin, stellen regelmäßig Novitäten und Aktuelles vor.
Wir sind ein Team von insgesamt sechs Kolleginnen und Kollegen (ein Auszubildender & eine studentische Teilzeitkraft). 2014 erhielten wir den Julius-Campe-Preis für die Verdienste um den deutschen Buchhandel; 2016, 2017 und 2018 (Kategorie: Beste Buchhandlung) sind wir mit dem Deutschen Buchhandelspreis ausgezeichnet worden.
Wo steht Heinrich Bölls Geburtshaus? Warum gibt es in Köln den Heinzelmännchenbrunnen? Welche Spuren hat Johann Wolfgang von Goethe in der Domstadt hinterlassen und was hat Hilde Domin im Agnesviertel unternommen? Diese und andere Fragen beantwortet zukünftig die LiK.map, ein virtueller-interaktiver Stadtplan von Köln, der mit audiovisuellen und textuellen Inhalten sukzessive gefüllt wird: Wohnhäuser, Denkmäler, Texte von Autorinnen und Autoren über Kölner Orte werden in den Fokus gerückt und lebendig dargestellt. Die LiK.map berücksichtigt sowohl historische als auch zeitgenössische Landmarken der lokalen Literaturgeschichte.
Interessierte erhalten somit Anregungen für Spaziergänge und Entdeckungstouren durch den realen und virtuellen Stadtraum. Mit der Zeit entsteht ein spannender Blick auf das literarische Köln, eine Verortung von Literatur im urbanen Raum – eine Kartographie der Kölner Literatur.
Der direkte Zugang zu den literarischen Orten kann entweder direkt über die Marker in der Stadtkarte oder über die Kartenlegende am linken Seitenrand erfolgen. Weiterführende Informationen bieten Beiträge und Kurzbiographien über Kölner Autorinnen und Autoren, die ebenfalls über die Legende oder Menüleiste aufgerufen werden können. Die LiK.map schreibt sich fort und versteht sich als »work in progress«.
Neben der LiK.map stellt das Portal die beiden Archive vor und bietet weitere interessante und beachtenswerte Aspekte der Kölner Literatur.
In seinem Buch Le Rhin.Lettre à une ami (1842), das als Höhepunkt der romantischen Reiseliteratur gilt, berichtet der französische Dichter Victor Hugo (1802-1885) von seinen Reisen entlang des Rheins in den Jahren 1839 und 1840. Hugo weist seinen Bericht als Ergebnis zweier getrennter Rheinreisen aus und datiert den Hauptteil von 1840 auf 1839. Notizen, die während seiner ersten Rheinreise entstanden sind, fügte er mit ein. Der in der Ich-Form geschriebene Bericht richtet sich an einen imaginären Freund, der in Wahrheit Hugos Ehefrau Adèle im heimischen Paris ist. Auf beiden Reisen wurde er von der Schauspielerin Juliette Drouet (1806-1883), seiner langjährigen Geliebten, begleitet. – Hugos Rheinreise hebt sich insofern von anderen Reiseberichten ab, da es dem Verfasser nicht um das bloße Zusammentragen von Fakten oder die Wiedergabe allseits bekannter Sagen ging. Stattdessen bilden erzählende und beschreibende Passagen zusammen mit historischen und geografischen Exkursen eine vielseitige Darstellung, in der das subjektiv Erlebte im Vordergrund der Beschreibungen steht.
Auf Hugos Reiseplan stand neben zahlreichen anderen Stationen auch ein Aufenthalt in Köln. Unterkunft fand er in Deutz, im Gasthaus »Hotel Bellevue«. Durch die Schiffbrücke wurde Deutz das Ziel zahlreicher Kölner bei abendlichen und Sonntagsspaziergängen; ein bevorzugtes Lokal am Rheinufer war das alte Marienbildchen, das seit 1833 zum »Hotel Bellevue« umgestaltet wurde. Auch Hugo genoss von hier aus die phantastische Aussicht auf Köln. Die Stadtbesichtigung umfasste den damals noch unvollendeten Dom, das Rathaus, Haus Jabach sowie das Museum Wallraf im ehemaligen Quartier der Kölner Erzbischöfe in der Trankgasse. – Statt eines geplanten zweiwöchigen Aufenthaltes, brach Hugo seinen Aufenthalt in Köln jedoch schon frühzeitig nach einer Woche wegen Dauerregen und Unwetter ab. Mit dem Dampfschiff ging es weiter, rheinaufwärts, nach St. Goar. – Nachfolgend ein Auszug aus Hugos Reiseaufzeichnung aus Köln:
Irgendwann hat die Stadtverwaltung den Namen der Gasse, in der ich wohne, poetisiert. Früher, auf alten Stichen oder Plänen, hieß sie noch Daubengasse. Eine kurze, gepflasterte Gasse nahe der Stadtmauer des Mittelalters. Handwerker also, die Bier- und Weinfässer herstellten, haben in den Häusern und Werkstätten gewohnt und gearbeitet und der Straße ihren Namen gegeben. Eine Adresse, die mir besser gefiele als Taubengasse.
Die Katzen schlafen auf ihren Sesseln. Ich sitze am Tisch, vor mir ein Blatt Papier, einen Stift, eine Teetasse und das Buch, das ich rezensieren soll. Durchs Fenster sehe ich die Umrisse der Dächer, die Brandmauer, die Schornsteine, die Antennen. Der Himmel darüber, der tagsüber bezogen war, hat sich aufgehellt. Federwolken schieben vor einem blanken Blau zusammen. Gleich werde ich das Licht anknipsen. So selten beschreibt man die gewöhnlichen Minuten, das Stilleben, das Interieur.
Hans Bender und Köln gehörten seit mehr als einem halben Jahrhundert untrennbar zusammen. Die Stadt hinterließ Spuren im Werk des Autors und umgekehrt. Trotz allen Widrigkeiten wurde Köln für den aus dem Kraichgau Hinzugezogenen immer mehr zur eigentlichen Stätte seines Wirkens. Auf die Frage, »Wo möchten Sie leben?«, die ihm das Magazin der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« im Dezember 1988 stellte, gab er ohne Umschweife zur Antwort: »In der Taubengasse in Köln.« Ein schönes Bekenntnis für einen Wohnort und eine postalische Adresse.
Von 1969 bis 2015 lebte Bender in der ruhig gelegenen Taubengasse, unweit des turbulenten Zülpicher Platzes. Die Wohnung erhielt er, nach eigener Aussage, durch die Vermittlung des Kunsthistorikers Eduard Trier. Benders Refugium, im obersten Stockwerk eines in den sechziger Jahren erbauten Backsteingebäudes, gelegen, war gleichzeitig Wohn- und Arbeitsstätte. Über viele Jahre war hier das Redaktionsbüro der von Bender herausgegebenen Literaturzeitschrift »Akzente«. Wenn jemand seit über vierzig Jahren die Wohnstätte nicht wechselt, zeugt das von Beständigkeit und ist ein Zeichen dafür, dass die äußeren Rahmenbedingungen stimmen. Die Wohnung als Refugium des kreativen Geistes, als Ort des Rückzugs nach Innen und der Abschottung vor der Außenwelt gleichermaßen, ist thematisch auch in zahlreichen Aufzeichnungen und Gedichten Hans Benders eingeschrieben. Im Wechselspiel des Hinaustretens auf die Straße und dem Zurückkehren in die Intimität der häuslichen Umgebung ergab sich ein Spannungsbogen, der die Ambiguität des urbanen Raumes aufzeigte und ein facettenreiches Portrait der Stadt entstehen ließ. Neugierig durchstreifte Bender von seinem ›Basislager‹ in der Taubengasse die Straßen Kölns, besichtigte die Romanischen Kirchen, die Museen, beschrieb das kulturelle und gesellschaftliche Leben und gab Einblick in den Prozess des Schreibens im privaten Domizil. Im Kontrast zum naturfernen Raum der Stadtlandschaft stand bei Bender aber immer auch der urbane Naturraum. Bäume, Pflanzen und Tiere, die er von seiner Wohnung beobachtete gehörten für ihn unabdingbar zum großstädtischen Leben dazu und bildeten den Fokus der Betrachtung und der literarischen Auseinandersetzung. Eine Auswahl dieser poetischen Reflexionen bietet der erste Band der Schriftenreihe »lik«.
Mit dem Wohnungswechsel vom Ubierring in die Maternusstraße erlebte der jugendliche Heinrich Böll einen weiteren markanten Umbruch in seinem Leben.
»Wir wohnten nach einem weiteren Umzug innerhalb von zwei Jahren in der Maternusstraße 32, hatten uns gegenüber die triste Rückfront der damaligen Maschinenbauschule, waren immerhin nicht sehr weit vom Rhein entfernt, und vom Erkerfenster aus konnten wir das gotisierte dreigiebelige Lagerhaus der »Rhenus« sehen, das ich immer und immer wieder aquarellierte.«
In der Maternusstraße verbrachte Böll die längste und prägendste Zeit seiner Jugend, angefangen von den angenehmen Erinnerungen an den Geruch von Rohkakao aus der Nachbarschaft der Stollwerck-Schokoladenfabrik bis hin zum Erleben des aufkommenden Nationalsozialismus und den Straßenschlachten zwischen kommunistischen und nationalsozialistischen Gruppen in der Südstadt. Heinrich Böll war fünfzehn Jahre alt, als im Januar 1933 die NSDAP die Macht ergriff und er schildert in dem autobiographischen Essay Was soll aus dem Jungen bloß werden seine Schulzeit von 1933 bis zu seinem Abitur 1937. Darin beschreibt er die oppositionelle Haltung der Mutter gegenüber den Nazis, die widerständleriche Auffassung der Geschwister und Begegnungen mit Widerstandskämpfern, die ein illegales Treffen der katholischen Sturmscharführung in der Wohnung abhielten. In dem Text Über mich selbst erinnert Böll sich an diese Zeit in Köln, »wo man Hitler mit Blumentöpfen bewarf, Göring öffentlich verlachte, den blutrünstigen Gecken, der es fertigbrachte, sich innerhalb einer Stunde in drei verschiedenen Uniformen zu präsentieren; ich stand, zusammen mit Tausenden Kölner Schulkindern Spalier, als er in der dritten Uniform, einer weißen, durch die Stadt fuhr; ich ahnte, daß der bürgerliche Unernst der Stadt gegen die neu heraufziehende Mechanik des Unheils nichts ausrichten würde; geboren in Köln, das seines gotischen Domes wegen berühmt ist, es aber mehr seiner romanischen Kirchen wegen sein müßte; das die älteste Judengemeinde Deutschlands beherbergte und sie preisgab; Bürgersinn und Humor richteten gegen das Unheil nichts aus, jener Humor, so berühmt wie der Dom, in seiner offiziellen Erscheinungsform schreckenerregend, auf der Straße manchmal von Größe und Weisheit.«
Markus Schäfer
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin
Literatur
Siehe: Böll: Was soll aus dem Jungen, S. 392; Über mich selbst, S. 31.
1946 kehrte die Familie aus dem rechtsrheinischen Dorf Neßhoven im Bergischen Land, wohin zunächst Annemarie und später Heinrich Böll nach den Zerstörungen in Köln evakuiert wurden, nach Köln in die Schillerstraße 99 zurück.
Als Schreiner hatte Heinrich Bölls Bruder Alois durch Instandsetzungsarbeiten im Kölner Stadtteil Bayenthal auf dem Grundstück der Schillerstraße 99 ein Haus gefunden und für den eigenen Bedarf bewohnbar gemacht.
»Wir begannen in einem Trümmerhaus in der Schillerstraße in Köln-Bayenthal – schlichtweg als Hausbesetzer, wurden später zu Instandbesetzern. (Zugegeben: diese Art von Besetzung war seinerzeit legal; auch unsere eigene Wohnung war legal besetzt worden – und futsch.) Interessant wäre nur, einmal festzustellen, wie viele Einwohner Kölns damals als Hausbesetzer begannen. Es gab da einen Stichtag, nach dem, was nicht bewohnt, für Besetzung frei war.«
Das zweigeschossige Einfamilienhaus mit sieben Zimmern und drei Mansarden war durch den Krieg zwar geschädigt, aber nicht völlig zerstört und wurde vom Kölner Wohnungsamt am 15. August 1945 Heinrich Bölls Vater Viktor Böll amtlich zugewiesen. Von den vier auf der ersten Etage gelegenen Zimmern bezogen zwei Annemarie und Heinrich Böll; eine Mansarde diente als Arbeitszimmer. Die übrigen fünf Räume und die noch verbliebenen zwei Mansarden teilten sich Viktor Böll, Mechthild Böll – beide ebenfalls auf der 1. Etage –, Alois und Maria Böll mit ihren 1948 dann sechs Kindern, die Schwester Gertrud, die aus Bonn zurückgekommen war, sowie einige Bekannte der Familie, so dass bis zu 17 Personen in dem Haus wohnten.
Die ersten Jahre in der Schillerstraße waren schwierig, denn obwohl Heinrich Böll heute als einer der erfolgreichsten Repräsentanten der Nachkriegsliteratur beschrieben wird, bedrängten ihn ständige Existenznöte. Annemarie Böll sicherte den Lebensunterhalt zunächst durch ihre Anstellung als Lehrerin, später, nach der Geburt der Söhne Raimund (1947), René (1948) und Vincent (1950) arbeitete sie als Übersetzerin. Für Heinrich Böll war diese Phase im Blick auf den Umfang der literarischen Produktion dennoch die intensivste Zeit. In der Liste der Arbeitsplätze werden für die Schillerstraße 99 im Zeitraum »bis 54«, also dem Umzug in die Belvederestraße 35 in Köln-Müngersdorf, 230 Texte notiert – darunter der 1946/47 geschriebene, umfangreiche Roman Kreuz ohne Liebe.
Markus Schäfer
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin
Von Juli 1954 bis 1969 wohnten Annemarie und Heinrich Böll, die Kinder Raimund, René, Vincent sowie der Vater Viktor und die Schwester Mechthild Böll in einem neuerrichteten Haus in der Belvederestraße 35 im Stadtteil Müngersdorf.
Erste Pläne für einen Hausbau entstanden bereits im Dezember 1952, da die Wohnverhältnisse in der seit 1946 bewohnten Schillerstraße für die Familie zu beengt geworden waren. Im Sommer 1953 wurde mit dem Bau des neuen Domizils in Köln-Müngersdorf begonnen. Das Gebäude hob sich nicht nur mit dem unverputzten Mauerwerk von den Nachbarhäusern ab, sondern auch durch seine Architektur mit der Verwendung eines Pultdaches. Durch den Hausbau entstand eine angespannte Finanzlage und Böll versuchte das Budget durch Lesungen und Tagungen aufzubessern. Für den Zeitraum vom September 1954 bis zum Dezember 1955 bestritt er mehr als 51 Lesungen. Zwischen den vielen Reisen fand er in dem Haus dennoch nicht die Ruhe für komplexere Arbeiten, etwa die Romanprojekte. Für diese Arbeitsphasen mietete er sich zunächst Wohnungen in der Innenstadt oder in anderen Stadtteilen, etwa in Lövenich. Anfang der 1960er Jahre baute er in seinem Garten eine Holzlaube, vielmehr ein Arbeitszimmer, in das er sich für die Arbeit zurückziehen konnte. In einem Rundfunkbeitrag mit dem Titel Stichwort äußert sich Böll 1964 recht ausführlich zu seiner Müngersdorfer »Örtlichkeit«:
»Der Vorort, in dem wir wohnen, ist immer noch Dorf. Kaum fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, erhält sich die Dörflichkeit aus geographischen Gründen. Jedenfalls im oberen Teil des Dorfes. […] Große Bauernhöfe, die schon lange nicht mehr als solche betrieben werden, alte Bäume, von denen einer – das sind Einzelheiten, wie die Kinder sie aus dem Heimatkundeunterricht mitbrachten –, von denen einer als die zweitgrößte Rotbuche Nordrhein-Westfalens bezeichnet wird: ein wahrhaft majestätischer Baum. Wir sehen ihn vom Fenster aus; er steht ungefähr an der Stelle, von der aus, wie die Dorflegende berichtet, Napoleon, als er hier einmarschierte, auf das ihm zu Füßen liegende Köln geblickt haben soll.«
Heinrich Böll: Stichwort: Örtlichkeit, 1964
1969 zogen Annemarie und Heinrich Böll und die drei Söhne wieder in die Innenstadt in die Nähe des Rheins:
»Fast fünfzehn Jahre lang wohnten wir zu weit von ihm entfernt, war der Rhein nur Ausflugsziel. In seiner permanenten, wer weiß wie alten Vergänglichkeit sagt er nichts, indem er für sich selbst spricht; er ist beruhigender als das Rasenmäherkonzert.«
Heinrich Böll: Hülchrather Straße, 1972
Besonders störend für Böll waren neben dem oft angeprangerten Autolärm, die ruhestörenden Geräusche von Rasenmähern, die für ihn Anlass genug boten, um aus der ländlichen Idylle zurück in die »Großstadtschluchten« zu ziehen: »[…] vielleicht zieht man nur um, um den mißlichen Zwang eines dauernd nach Pflege schreienden Rasens loszuwerden«.
2007 ließ der Bürgerverein Köln-Müngersdorf eine bronzene Gedenktafel anlässlich des 90. Geburtstages des Schriftstellers an der Mauer vor Bölls Haus in der Belvederestraße anbringen.
Markus Schäfer
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin
Literatur
Siehe: Böll: Hülchrather Straße, S. 77-78; Stichwort, S. 298.
Hat sich mir eben noch die Brücke in ihrer ganzen, von Ufer zu Ufer gespannten Breite gezeigt, gerate ich nun, mich ihr auf der Dammkrone nähernd, mehr und mehr in ihren Einzugsbereich, und sie wird zu einem Bauwerk aus Eisen und Nieten, das seinen eigenen Wind erzeugt und seine Gegenwart ins Räumliche entfaltet. Steil und steiler ragt der Pfeiler empor, bis die Brückenfahrbahn ihn meinem Blick entzieht und ich einen überdachten Raum, oder ist es eine Zone?, betrete. Dort, unter der Fahrbahn, endet der Hafendamm in einer aus Basaltsteinen gemauerten, von zwei Absätzen durchzogenen, schräg zum Wasser hin abfallenden, mächtigen Rundung. Ist der Fluss, von der Mitte der Brücke aus betrachtet, scheinbar ohne Ufer, so tun sich hier unten Zwischenräume, Zwischenwasser auf, das strömende, Wellen schlagende des Flusses und das von Damm und senkrecht abfallender Ufermauer eingefasste, stehende der Hafeneinfahrt. Dazwischen, am Ende der Dammkrone, eine von einem Eisenring mit der Jahreszahl 1904 markierte Stelle, eine Art Aussichtsplatz, von dem man die Kirche Groß St. Martin vor der Apsis des Doms aufragen sieht, so, dass es den Anschein hat, als seien Romanik und Gotik eine Fusion eingegangen. Und doch will die Aussicht auf das linksrheinische Stadtpanorama nicht so recht in Gang kommen, zu schwer wiegt der Verlust des Himmels, zu stark nimmt die Brückenunterseite den Blick in Beschlag, dieses breite, stählerne, grüne Band, das sich über den Fluss hinweg zum anderen Ufer perspektivisch verjüngt, sichtbar gegliedert und verstärkt von den beidseitigen Hohlraumkästen und den querliegenden Versteifungsträgern, zusammen eine Kette von Gefachen bildend, und von einem nicht mehr als einen Steinwurf entfernten, breitbeinig dastehenden, A-förmigen Pfeiler getragen.
Und dann schält sich aus dem Hintergrundsummen der Stadt ein dunkles Geräusch, vom jenseitigen Ufer kommt es, wird lauter, verliert vorübergehend in Höhe der Flussmitte an Kraft, nimmt dann an Lautstärke wieder zu, die Brücke, ja, die Brücke wird lauter, die Brücke ist das Geräusch, ihr entspringt es und sie führt es, geschient von den beidseitigen Hohlraumkästen entlang ihrer Unterseite, es rollt auf das rechtsrheinische Ufer zu, schon hat es den Brückenpfeiler erreicht, verwandelt jäh den Raum unter der Fahrbahn in einen Resonanzkörper, taucht ihn in gleißende Helle, rollt wie Meeresbrandung auf die nahe rechtsrheinische Küste zu, um dann von der Brückenrampe jenseits der Uferstraße verschluckt zu werden, im Schlepptau die Stille der leisen Geräusche und der stummen Bilder: Spaziergänger, Radfahrer, Dauerläufer, eine Frau, die unermüdlich einen Hulahoop-Reifen um ihre Taille kreisen lässt; ein Angler, der auf dem zweiten Absatz knapp über der Wasserlinie wieder und wieder seine Angel auswirft; ein schräg aus der Hafeneinfahrt ragender Holzpfosten, Überrest des letzten Hochwassers?; ein flussaufwärts fahrendes Schiff, dessen Ladung – mehrere, spitz zulaufende Kohlenberge – über den Sockel des Brückenpfeilers hinausragen; das leere Hafenbecken, aus dem Verlassenheit herüber weht; ein Kormoran, der abtaucht, lange nicht wieder an die Oberfläche kommt, und dann ganz woanders als erwartet; ein dunkles Rumoren, das mit einem Mal zwischen Brückenrampe und Brücke aufgesprungen ist, vom rechtsrheinischen Ufer kommt es rasch näher, flutet überfallartig die Luft, fächert sich auf, wird heller und lauter, erreicht seinen Zenit über dem Aussichtsplatz, rollt dann, Gefach um Gefach an Kraft verlierend, die Brücke entlang zum anderen Ufer und verschwindet im allgemeinen Hintergrundsummen der Stadt, in der Stille der leisen Geräusche und der stummen Bilder, in der ein Kajak flussabwärts gleitet; ein Polizeiboot auf den Scheitelpunkt des Hafendamms zuhält; zwei Gänse, in der Hafeneinfahrt landend, einen weißen Strich durch die Verlassenheit ziehen; das Flusswasser wellenschlagend die Wand des Pfeilersockels entlang strömt und nur wenige Meter von ihm entfernt kreisförmige glatte Zonen auf der Oberfläche hinterlässt; der Angler seine Ausrüstung zusammenpackt und die Dammschräge herauf kommt. Haben Sie etwas gefangen? Nein. Ist das eine gute Stelle da unten? Normalerweise ja. Da, wo stehendes und fließendes Wasser zusammentreffen, ist es immer gut, aber heute nicht. Achselzuckend geht er weiter, und die Sonne kommt hinter einer Wolke hervor und da liegt etwas dunkles auf dem Wasser, ein dunkler Streifen, ein Schatten, der Schatten des Brückenpfeilers, und auch der der Fahrbahn, ein breites dunkles Band, an dessen scharf gezogener Kante das sonnendurchstrahlte Wasser hell aufleuchtet, jetzt sind die dunklen Striche der Tragseile ebenfalls zu erkennen, und aus dem städtischen Hintergrundsummen schält sich ein Geräusch, von weit her, vom jenseitigen Ufer senkt sich aus der Luft herab, wird lauter, verliert vorübergehend über der Flussmitte an Kraft, nur um nach einigen Metern wieder zuzunehmen: die Brücke wird lauter, die Brücke ist das Geräusch – nein, sie ist es nicht –, es fließt von Gefach zu Gefach, von Becken zu Becken, nur schneller, viel schneller als Wasser strömt es heran – nein, die Brücke…, stumm spannt sie sich über den Fluss –, dringt aus allen Nieten, rollt durch die Hohlkästen – es muss der Brücke entspringen, keine andere Geräuschquelle weit und breit –, doch die Brücke schweigt, lässt sich kein Geräusch mehr andichten, wie aus Stein gehauen liegt sie da, und schlagartig trennen sich Auge und Ohr: sekundenlang schwebt das Geräusch ursprungslos über den Fluss hinweg, so, als käme es aus einer Vielzahl kleiner Lautsprecher, die längs der Unterseite der Brücke unsichtbar angebracht sind, und dann, im letzten Viertel des Flusses, gesellt sich ihm, gleichsam eine neue Herkunft bereithaltend, ein langgestreckter, auf der Kante des Fahrbahnschattens dahin gleitender, von einer Reihe rechteckiger Löcher durchzogener Schatten hinzu, sogleich gehen Ohr und Auge wieder ihre gewohnte Verbindung ein, und der Brückenkörper, den die beiden Sinne in trotziger Allianz nicht aufhörten als Geräuschquelle auszumachen, ist endgültig aus dem Spiel.
Für die Abdruckgenehmigung des bislang unpublizierten Textes danken wir dem Autor.
1965 erhielt Heinrich Böll eine Anfrage von der Universität in Boston, in der man großes Interesse an nicht mehr benötigten Manuskripte und Arbeitsunterlagen des Schriftstellers bekundete, die, insofern Böll dem Wunsch nachkäme, in Boston durch amerikanische Germanisten aufgearbeitet und verzeichnet werden könnten. Diese ungewöhnliche Vorgehensweise hing mit dem Engagement Howard Bernard Gotliebs (1926–2005) zusammen. Als Historiker ausgebildet, wurde er 1963 von der Universität Boston angeworben, um dort eine Spezialsammlung aufzubauen. Gotlieb, der kein Budget für den Kauf von Archivalien hatte, wurde beauftragt, Akten von Personen aus den Bereichen Literatur, Theater, Musik, Film und Politik zu sammeln, deren Arbeit im 20. Jahrhundert die öffentliche Meinung beeinflusste und von dauerhafter Qualität war.
Um die Sammlungen zu bereichern agierte Gotlieb auch auf internationalem Terrain. »I started collecting Heinrich Boll before he was translated into English from the German«, bemerkte er 1983 rückblickend in einem Interview in der »Los Angeles Times«. Gotliebs Anfrage bei Böll war demzufolge erfolgreich, im Februar 1966 stellte der Autor seine Archivalien der Universität Boston als Leihgabe auf unbestimmte Zeit zur Verfügung. Im Rahmen einer Vortrags-Reise durch die USA machte Böll auch in Boston Station und besichtigtet bei einem Treffen mit Howard Gotlieb die Unterbringung seines Archivs, das sich im fünften Stock der »Mugar Memorial Library« befand. Anlässlich seines 40-jährigen Bestehens im Oktober 2003 wurde das Archivzentrum in »Howard Gotlieb Archival Research Center« umbenannt.
Auf die Frage, ob Böll sich so ohne weiteres von seinem Archivgut habe trennen können, antwortete er später:
»Ich trenne mich von jeder Arbeit, sobald sie geschrieben ist, sofort. Und es war für mich kein Schmerz oder Wehmut damit verbunden. Es hatte auch einen praktischen Grund. Also der wichtigste ist, daß mich das gar nicht mehr interessiert, weil ich immer schon mit der nächsten Arbeit beschäftigt bin. […] Das war alles in Kartons und alten Schränken ungeordnet, wir haben’s auch ungeordnet eingepackt, und ich dachte: Mein Gott, die werden da schon Ordnung reinbringen.«
Heinrich Böll: Interview mit Robert Stauffer, 1983
Fast zehn Jahre nach Abgabe der Materialien, drangen diese Umstände 1974 durch den Artikel Ein Dichter muß erst tot sein… in der Zeitschrift »neues rheinland« erstmals in die Öffentlichkeit. Der Verfasser Hans Rudolf Hartung (1929–2012) verwies auf Bölls Renommee (»Man schmückt sich mit seinem Ruhm, man zeigt ihn vor, wenn Gäste kommen«) und kritisierte, dass sich um Bölls literarisches Werk im eigenen Land niemand kümmere: »Was es von seiner Hand an Originalem gibt, geht seit Jahren nach Amerika. Manuskripte, Notizen, Briefe – alles kassiert die Universität zu Boston. Dort tut man heute das, was man bei uns in fünfzig Jahren tun wird: man sammelt und sichert Bölls Werk als ein ›Kulturdenkmal‹ unserer Zeit.« Hartungs Artikel führte unmittelbar nach seinem Erscheinen im Landtag von Nordrhein-Westfalen zu einer ›Kleinen Anfrage‹ des CDU-Abgeordneten Petermann über den »Nachlaß nordrhein-westfälischer Dichter und Schriftsteller«.
Im April 1978 informierte der Direktor der Kölner Stadtbibliothek Horst-Johannes Tümmers Böll über den Aufbau eines Literaturarchivs und bat ihn um Kooperation. Mit der Fertigstellung der Zentralbibliothek am Neumarkt erhoffe man sich ferner bessere Möglichkeiten, um Kölner Autoren und Autorinnen bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Es folgten daraufhin verschiedene Treffen und Gespräche zu diesem Thema, wie aus der Korrespondenz hervorgeht. Böll entschied sich letztendlich dafür, seine Archivalien von Boston nach Deutschland zurückzuführen, um sie, falls von Kölner Seite Interesse bestünde, in die Obhut der Stadt zu übergeben.
In einem Brief vom 16. Oktober 1980 bedankte sich Böll bei Howard Gotlieb für dessen Entgegenkommen und Bereitschaft, der Stadt Köln sein Archiv überlassen zu haben: »Es wird nun hier ergänzt durch sehr Vieles, was in den letzten Jahren angefallen ist. Gewiß verstehen Sie, daß ich letzten Endes doch meiner Vaterstadt dies Archiv übergeben wollte. Ich danke Ihnen sehr herzlich für die Aufmerksamkeit, die Sie dem gesamten Material gewidmet haben«. Mit der Eröffnung der Kölner Zentralbibliothek und der Einrichtung des Heinrich-Böll-Archivs fanden Bölls Arbeitsmaterialien wieder ein neues Zuhause. 1984 erfolgte schließlich der Ankauf des Archivs durch die Stadt Köln.