Die EDITIONALE, eine kleine Messe für Handpressendrucke, Künstlerbücher, Mappenwerke und Editionen, wurde im Jahr 2000 von der Künstlerin Elisabeth Broel und dem Künstler Gernot Cepl (1944-2023) ins Leben gerufen. Buchkünstler*innen aus dem In- und Ausland bot Broel Gelegenheit, sich mit ihren Werken einem interessierten Publikum in Köln vorzustellen: Bücher in kleinen Auflagen, Papierobjekte, Handkoloriertes, Collagen und Künstlerbücher. Die Messe öffnete bis 2016 alle zwei Jahre ihre Türen im Neuen Kunstforum (vormals Gothaer Kunstforum) am Alteburger Wall, um die Vielfalt der Buchkunst in allen Formen Farben und Materialien zu präsentieren. Der Verein des Neuen Kunstforums wurde im Januar 2021 aufgelöst. – Im April 2019 zog die EDITIONALE in die Räume der Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln. Die auf der EDITIONALE gezeigten Künstlerinnen und Künstler sind mit ihren Werken in vielen internationalen Sammlungen vertreten. Erstmals konnte die Messe im März 2020 auch in Wien ausgerichtet werden.
Am 1. Dezember 2020 starb die Initiatorin Elisabeth Broel, die 1958 in Bardenberg bei Aachen geboren wurde, an den Folgen einer Covid 19-Infektion. Wie und in welcher Form die Zukunft der EDIONALE aussehen wird, ist derzeit noch ungewiss.
Zu seinen bevorzugten Reisegebieten zählte Deutschland nicht, zweimal zog es den französischen Schriftsteller Marcel Proust (1871–1922) zur Kur nach Bad Kreuznach. In Köln war er jedoch nie und dennoch hinterließ Proust einige Spuren in der Domstadt. – In seinem Gastbeitrag begibt sich Martin Oehlen auf die Marcel-Proust-Promenade in Lindenthal und entdeckt dabei noch andere interessante Hinweise über den Verfasser der Recherche in Köln. Lesen Sie hier seinen spannenden Beitrag.
Marcel Proust (1871–1922) ist nie in Köln gewesen. In Deutschland hat er es lediglich bis nach Bad Kreuznach geschafft. Dennoch ist Köln diejenige deutsche Stadt, in der dem Autor des siebenbändigen Romankolosses A la recherche du temps perdu (dt. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) besonders große Aufmerksamkeit zuteilwird. Die hier ansässige Marcel-Proust-Gesellschaft ist nicht nur damit befasst, ihre Mitglieder zu einschlägigen Versammlungen einzuladen. Auch leistet sie mit zahlreichen Veröffentlichungen ihren Beitrag zur Erforschung des Autors und seines Werks. Überdies hat der Kunst- und Literatursammler Reiner Speck in seiner »Bibliotheca Proustiana« einen außerordentlichen Schatz zusammengetragen. Dazu gehört seit 2021 jenes Manuskript, in dem Proust das einzige Mal in seinem Gesamtwerk die Stadt Köln erwähnt – sieht man einmal ab vom Duftwasser »Eau de Cologne«. In Les plaisirs et les jours (dt. Freuden und Tage), Prousts erster Veröffentlichung aus dem Jahre 1896, lautet eine Gedichtzeile: »Vers Cologne le Rhin roule ses eaux sacrées« (dt. »Nach Köln hin wälzt der Rhein sein heiliges Wasser fort«).
Die Kölner Wertschätzung für den großen Franzosen findet ihren allgemein wahrnehmbaren Ausdruck auf der Marcel-Proust-Promenade. Als sie Ende Juni 2009 im Stadtwald eröffnet wurde, auf Initiative von Reiner Speck, dem Präsidenten der Marcel-Proust-Gesellschaft, war sie deutschlandweit die erste Straße, die den Namen des Dichters erhielt.
Vom Spazierengehen ist in der Suche nach der verlorenen Zeit oft die Rede. Da promenieren wir mit dem Ich-Erzähler am Atlantikstrand bei Balbec (dem realen Cabourg), auf dem Méséglise-Weg und auf dem Guermantes-Weg in Combray (dem realen Illiers-Combray), in den Gassen der »verzauberten Stadt« Venedig und im Bois de Boulogne in Paris. Mal ist er allein unterwegs und mal in Begleitung, mal hängt er seinen Träumen nach und mal lässt er seine Gedanken schweifen, mal beobachtet er Passanten und mal erfreut er sich an der Natur. Nicht zuletzt tut ihm die Bewegung gut: Gerade »nach langen Stunden über einem Buch« empfand sein Körper »das Bedürfnis, sich wie ein losgelassener Kreisel in alle Richtungen zu verausgaben«.
Zu alledem lädt die Marcel-Proust-Promenade ein. Sie beschreibt einen großen Halbkreis im Stadtwald, mit dessen Anlage 1895 nach einem Entwurf von Gartenbaudirektor Adolf Kowallek begonnen worden war. Das geschah zu jener Zeit, da Marcel Proust eine undotierte Stelle in der Bibliothèque Mazarine in Paris annahm. Allerdings war er in der ältesten Bibliothek des Landes – krankheitsbedingt – nur selten anzutreffen. Außerdem begann er in jenem Jahr 1895 den Fragment gebliebenen Roman Jean Santeuil. Dieses Werk empfiehlt Rudolf Steiert im Band 1 der Schriftenreihe Sur la lecture, herausgegeben von der Marcel-Proust-Gesellschaft, als einen möglichen Leseeinstieg für Proust-Anfänger: »Dieses (von ihm selbst verworfene) Frühwerk ist eine Art Vorstudie zur ›Recherche‹, leichter zu lesen als diese und meines Erachtens zur Einstimmung gut geeignet (auch zum Weitermachen, nach meiner Erfahrung, wenn die Lektüre des magnum opus mal ins Stocken gerät.)«.
Die asphaltierte Promenade zwischen Dürener Straße und Friedrich-Schmidt-Straße, auf dem Anfang der 1930er Jahre gelegentlich Motorradrennen veranstaltet wurden, führt durch Mischwald und über einen sehr sanften Hügel. An der Strecke liegen Tennisplätze, ein recht verwunschener Teich (mit einer kanalisierten Verbindung zum Kahnweiher nebst Wasserfontäne), eine Skaterbahn, eine Erinnerungstafel für die ehemalige »Waldschenke«, die 1889 »tief im Wald auf dem tieferliegenden Teil der Volkswiese« im sogenannten Villenstil errichtet worden ist, bald darauf der Tierpark und – wenn auch von Bäumen verdeckt und etwas distanziert – der Sitz der Marcel-Proust-Gesellschaft in der Brahmsstraße.
Zweimal quert eine eingleisige Bahntrasse den Weg. Auf ihr werden allerdings nur gelegentlich Güterwaggons zwischen dem Niehler Hafen und Frechen bewegt, so dass Spaziergänger, Jogger, Hundehalter und Radfahrer kaum einmal ausgebremst werden. Wer einen Ausblick über Wiese und Baumwipfel hinweg wünscht, muss auf dem Scheitelpunkt des Hügels nur einen winzigen Abstecher zum »Dreizehn-Linden-Platz« machen. Zwar sieht man hier weder »die feine Spitze des Glockenturms von Saint-Hilaire«, wie der Erzähler auf einem Spaziergang im Teilband Combray, noch die Spitzen des Kölner Doms. Schön ist es dort oben gleichwohl.
Proust-Leserinnen und Proust-Leser werden noch einen weiteren Aspekt zu würdigen wissen. Der Weißdorn nämlich, dessen »bitteren und süßen Mandelgeruch« der Erzähler der Recherche intensiv erlebt und der einige Male seine Erinnerung anregt, wächst auch entlang der Marcel-Proust-Promenade im Kölner Stadtwald.
geb. 1955 in Kaldenkirchen, kam 1980 nach seinem Studium zum Kölner Stadt-Anzeiger. 1989 wurde er stellvertretender Leiter der Kulturredaktion; gemeinsam mit Reiner Hartmann übernahm Oehlen 1994 die Leitung des Ressorts Kultur; ab 2001 war er alleiniger Ressortleiter. Besonders verdienstvoll war sein Engagement für die Aktionen »Kultursonntag«, »Ein Buch für die Stadt« und für das monatliche »Büchermagazin« des Kölner Stadt-Anzeiger. Als Autor und Rezensent arbeitet er auch nach seiner Pensionierung (2019) für den Kölner Stadt-Anzeiger; gemeinsam mit Petra Pluwatsch betreibt Oehlen den Literaturblog Bücheratlas.
Literatur
Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, dt. von Bernd-Jürgen Stuttgart 2013-2016.
Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, dt. von Eva Rechel-Mertens und überarbeitet von Luzius Keller. Frankfurter Ausgabe (7 Bde.) Frankfurt/M. 2011.
Konrad Adenauer und Volke Gröbe: Lindenthal – Die Entwicklung eines Kölner Vorortes, Köln 2004.
Rudolf Steiert: Sur la lecture, Band 1. Hg. v. der Marcel-Proust-Gesellschaft. Köln 1995.
Köln, Paris, Leipzig, Tübingen mit Zwischenstationen in der Schweiz in Hannover und Berlin, wo Hans Mayer auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in unmittelbarer Nachbarschaft zu Bertolt Brecht seine letzte Ruhestätte fand. Lebensstationen eines außergewöhnlichen Menschen. Der Wissenschaftler, Kulturkritiker und Schriftsteller wurde am 19. März 1907 in Köln geboren, genauer gesagt in der Genter Straße 30, und starb am 19. Mai 2001 in Tübingen. Zu seiner Geburtsstadt hatte Mayer stets eine ambivalente Beziehung: »Ich sehe mich sicher als Kölner und der Rhein ist nach wie vor meine Landschaft« bekannte er sich und dennoch war Köln eine verlorengegangene Heimat. – Heinrich Bleicher, Vorsitzender der in Köln ansässigen Hans-Mayer-Gesellschaft, erinnert in seinem Beitrag Hans Mayer über Köln und sein Judentum aus gegebenem Anlass an Hans Mayer, den »Homme de lettres«, wie Walter Jens ihn einmal nannte.
Über die frühe Geschichte und die Koloniegründung in Köln besitzen wir durch den römischen Historiker Tacitus die ersten schriftlichen literarischen Zeugnisse. Martin Oehlen, der ehemalige Leiter des Ressorts Kultur beim »Kölner Stadt-Anzeiger«, begibt sich auf römische Spurensuche und berichtet, wie aus der Stadt der Ubier, die einst Augustus hatte gründen lassen, die »Colonia Claudia Ara Agrippinensium« (CCAA) geworden ist. Lesen Sie hier seinen erhellenden Beitrag.
Die Annalen des P. Cornelius Tacitus gelten als ein Höhepunkt der antiken Geschichtsschreibung. Sie widmen sich der Julisch-Claudischen Dynastie, beginnend mit dem Tod von Kaiser Augustus im Jahre 14 n. Chr. und endend mit Kaiser Nero, der von 54 bis 68 regierte. Im 12. Buch dieser römischen Geschichte findet sich jene Passage, in der erstmals geschildert wird, wie aus der Stadt der Ubier, die einst Augustus hatte gründen lassen, die »Colonia Claudia Ara Agrippinensium« (CCAA) geworden ist, also die »Kolonie des Claudius am Altar der Agrippinensier«. Im 27. Kapitel lesen wir:
»Agrippina aber setzte durch, um auch den verbündeten Völkern ihre Macht zu demonstrieren, dass in der Stadt der Ubier, in der sie geboren worden war, Veteranen angesiedelt und eine nach ihr benannte Kolonie gegründet wurde. Zufällig fügte es sich, dass ihr Großvater Agrippa diesen Stamm, nachdem dieser den Rhein überschritten hatte, in den römischen Schutz aufgenommen hatte.«
Ausführlich widmet sich Tacitus dem Leben der Agrippina der Jüngeren (Agrippina minor), der Tochter des Feldherrn Germanicus und der Mutter Neros. Was wir hingegen vom Leben des Schriftstellers selbst wissen, ist mit den Worten des Altphilologen Manfred Fuhrmann »kümmerlich«, ja, sogar »so kümmerlich, dass sich daraus mehr Fragen als Antworten ergeben.« Umso beredter ist sein umfangreiches Werk, wenngleich einiges davon nur fragmentarisch überliefert ist: Agricola, Germania, Historiae und Annales.
Vermutlich unmittelbar nach der kaiserlichen Aufwertung der Stadt im Jahre 50 n. Chr., die mit einigen Privilegien verbunden war, entstand die römische Stadtmauer. Wer sich aus Richtung Novaesium näherte, dem heutigen Neuss, der sah auf dem mächtigen Nordtor die markanten Buchstaben prangen: CCAA. Der mittlere Bogen der dreitorigen Anlage ist eine der Attraktionen des Römisch-Germanischen Museums. Weitere Überreste sind am alten Standort zu besichtigen. Ein Seitenflügel, der als Durchgang für Fußgänger diente, ragt auf der Domplatte auf. Das freigelegte Fundament des rund 30 Meter breiten Nordtores erstreckt sich in der darunter liegenden Tiefgarage über zwei Etagen.
Schon Strabo hatte festgehalten, dass Agrippa – also der bereits erwähnte Großvater der Agrippina – den Germanenstamm der Ubier auf der linken Reinseite angesiedelt hatte. Und Tacitus war bereits in seiner Germania auf das »Oppidum Ubiorum« eingegangen. Doch die Passage in den Annalen, den vermutlich zwischen 110 bis 120 n. Chr. entstandenen Jahrbüchern, ist eine Art Urschrift der Stadt. Es ist die älteste bekannte Erwähnung der CCAA in der Literatur. Aus der »Colonia«, dem ersten großen C, wurde viele Jahrhunderte später die Ortsangabe »Köln«.
Der Althistoriker Werner Eck hat sich in seiner fundamentalen Untersuchung zu Köln in römischer Zeit ausführlich mit den Hintergründen der Umbenennung befasst. Für Agrippina spielten sentimentale Erwägungen gegenüber der Stadt, in der sie am 6. November des Jahres 15 n. Chr. geboren worden war, wohl keine zentrale Rolle. Vielmehr sieht Eck in der Koloniegründung einen Nachweis für Agrippinas Machtbewusstsein als Ehefrau des Kaisers Claudius. Er war ihr dritter Ehemann und zugleich ihr Onkel (den sie später angeblich mithilfe eines Pilzgerichts vergiften ließ). Nachdem Claudius seinem Geburtsort Lugdunum (Lyon) den Beinamen Claudia gewährt hatte, zog Agrippina mit der Aufwertung ihres Geburtstortes am Rhein nach. Werner Eck beschreibt die Einzigartigkeit des Vorgangs: »Agrippina war die erste und blieb die einzige Römerin, deren Name mit einer römischen Kolonie verbunden wurde.«
Martin Oehlen
geb. 1955 in Kaldenkirchen, kam 1980 nach seinem Studium zum Kölner Stadt-Anzeiger. 1989 wurde er stellvertretender Leiter der Kulturredaktion; gemeinsam mit Reiner Hartmann übernahm Oehlen 1994 die Leitung des Ressorts Kultur; ab 2001 war er alleiniger Ressortleiter. Besonders verdienstvoll war sein Engagement für die Aktionen »Kultursonntag«, »Ein Buch für die Stadt« und für das monatliche »Büchermagazin« des Kölner Stadt-Anzeiger. Als Autor und Rezensent arbeitet er auch nach seiner Pensionierung (2019) für den Kölner Stadt-Anzeiger; gemeinsam mit Petra Pluwatsch betreibt Oehlen den Literaturblog Bücheratlas.
Literatur
Tacitus: Annalen, übersetzt und erläutert von Erich Heller, mit einer Einführung von Manfred Fuhrmann. München 1991.
Werner Eck: Köln in römischer Zeit – Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum, Band 1 der Geschichte der Stadt Köln. Köln 2004.
Marcus Trier und Friederike Naumann-Steckner: Agrippina – Kaiserin aus Köln. Begleitband zur Ausstellung im Römisch-Germanischen Museum, Köln 2015.
Francesco Casanova, Portrait seines Bruders Giacomo Casanova, Zeichnung, um 1750, Staatliches Historisches Museum Moskau
Kaum einer kennt ihn nicht, den berühmten Hochstapler, Frauenschwarm und Lebenskünstler Giacomo Casanova (1725–1798). Um sein Leben ranken sich die abenteuerlichsten Geschichten, die er detailliert in seinen fast 3000 Seiten umfassenden Memoiren beschrieb. – Eine kurze Zeit verweilte der Venezianer auch in Köln. Sein erster Besuch war nach eigener Angabe zur Karnevalszeit 1760. Aus Utrecht kommend, nahm er Quartier im Gasthof »Zum Heiligen Geist«, der unweit der Anlegestelle am Leystapel direkt an der Rheingasse lag. Es ist ungefähr die Stelle, an der heute das Gasthaus zum »Roten Ochsen« steht. Vor der Stadt, in der seit 1757 über 20.000 französische Soldaten einquartiert waren, entkam Casanova nur knapp einem Überfall französischer Deserteure, die es auf seine Börse abgesehen hatten.
»… eine halbe Meile vor der Stadt legten fünf Deserteure, drei rechts und zwei links, auf mich an, indem sie mir zuriefen: Die Börse oder das Leben! Ich aber ergreife mein Pistol, lege auf den Postillion an und drohe ihn niederzuschießen, wenn er nicht im Galopp fortführe; die Meuchelmörder offen auf meinen Wagen, ohne weder einen Menschen noch die Pferde zu verwunden, da sie nicht verstand genug hatten, den Postillion herunterzuschießen.«
Eigentlich wollte er nur einen Tag in Köln bleiben und »wenn mich etwas in Köln zurückhalten könnte, wäre es sicherlich nicht die Neugier, der Hinrichtung einiger Unglücklichen beizuwohnen. Diese Art von Vergnügungen ist durchaus nicht nach meinem Geschmack.« Andere Gründe hingegen kamen da schon eher in Betracht. Casanova erhielt recht schnell nach seiner Ankunft Zutritt in die Kölner Gesellschaft. Über zwei Monate lang wohnte er Theateraufführungen und rauschenden Festen im Karneval bei. Mit der Elite des Kölner Adels besuchte er einen Hofmaskenball zu Bonn und wurde auch vom Kurfürsten huldreichst in seinem Schloss in Brühl empfangen. Von Köln selbst berichtet Casanova wenig, mit einem Lohndiener durchstreifte er zwischenzeitlich die Straßen und besichtigte »alle heroisch-komischen Wunder dieser alten Stadt«.
Der eigentliche Grund jedoch für sein längeres Verweilen in Köln war die Bekanntschaft mit einer jungen Frau, die ihn zum Bleiben überredet habe und zu der er direkt in Liebe entflammt sei. In seinen Erinnerungen berichtet Casanova über das amouröse Abenteuer, das er mit der Gattin eines Kölner Bürgermeisters hatte. Vermutlich handelte es sich um Maria Ursula Columba zum Pütz (1734–1768), die Ehefrau des Bürgermeister Franz Jacob de Groote (1721–1792), die Casanova in einer Theatervorstellung kennengelernt haben will.
»Da ich überzeugt war, daß man mich einigen Damen vorstellen werde, und da ich eine gute Figur während meines Hierseins spielen wollte, so verwendete ich eine Stunde auf meinen Anzug. […] So saß ich in einer Loge, einer hübschen Frau gegenüber, welche mich mehrmals ansah. Es bedurfte dessen kaum, um mich neugierig zu machen. […] Sie empfing mich mit anmuthigem Lächeln, befragte mich über Paris, Brüssel, wo sie erzogen war, und that dies, ohne meinen Antworten die geringste Beachtung zu schenken.«
Ein heimliches Treffen wurde alsbald im Haus des Bürgermeisters verabredet, während jener in Dienstgeschäften unterwegs war. Da das Kabinett der Angebeteten einen direkten Zugang vom Beichtstuhl einer benachbarten Kirche hatte, musste sich Casanova dort bis zur verabredeten Zeit einschließen lassen. In einer kleinen Kammer, die er durch einen privaten Zugang erreichte, wurde er schließlich von der Bürgermeisterfrau empfangen: »Sieben volle Stunden schwelgten wir, und sie schienen mir sehr kurz, obwohl wir uns keine Ruhe gegönnt hatten.« Ort des Geschehens war, nach den Recherchen des Lokalhistorikers F. Walter Jlges, die Wohnung des Küsters der Familienkirche »Im Elend« des Patriziergeschlechtes de Groote am Katharinengraben. Casanova verließ in allen Ehren als hochgeehrter Kavalier die Stadt und das Kurfürstentum Köln. Ein zweiter Aufenthalt in Köln ergab sich im Juli 1767, Casanova befand sich auf der Durchreise von Süddeutschland nach Aachen und Spa. Zu einem erneuten Treffen zwischen ihm und der einst umworbenen Dame kam es jedoch nach eigenem Bericht nicht mehr, er habe eine kühle Aufnahme gefunden, da sie inzwischen sehr fromm geworden sei.
– GE
Literatur: Denkwürdigkeiten von Jakob Casanova von Seingalt. Von ihm selbst geschrieben. Hg. von M. G. Herni. Bd 6. Hamburg 1856, hier S. 51-75.
Die Buchhandlung von Klaus Bittner liegt seit über dreißig Jahren in zentraler Lage in der Albertusstraße. Neben der kompetenten Kundenberatung durch die Buchhändlerinnen und Buchhändler ist vor allem ein hervorragendes literarisches Sortiment kennzeichnend für diese außergewöhnliche Buchhandlung. Kooperationen zwischen der Stadtbibliothek und Klaus Bittner gibt es seit vielen Jahrzehnten, insbesondere im Veranstaltungsbereich und ab 2015 bei der Herausgabe der Schriftenreihe »lik«. Für die LiK.map schreibt Klaus Bittner hier etwas über sich und seine Buchhandlung.
Eine wesentliche Rolle in der Literaturvermittlung und -förderung kam seit ihrer Gründung 1890 der Kölner Stadtbibliothek zu, sie war und ist bis heute eine zentrale Anlaufstelle für Leser*innen und Autor*innen gleichermaßen. Bis 1979 war Köln jedoch die einzige Großstadt in Westdeutschland, ohne ein zentrales Bibliothekssystem. –
Anlässlich der Eröffnung einer Zweigstelle in der Antwerpener Straße, gab die »Neue-Rhein-Zeitung« am 16. November 1965 eine Äußerung des damaligen Kulturdezernenten Kurt Hackenberg wieder: »Hier sehen wir den seltenen Fall, daß eine Tochter vor der Mutter geboren worden ist.« Mit dieser geistreichen Bemerkung machte Hackenberg auf einen Umstand aufmerksam, der die schwierige Situation des Kölner Büchereiwesens auf den Punkt brachte:
Zwar verfügte die Stadt über ein gut ausgebautes Zweigstellennetz, das mit Hilfe privater Spenden im 19. Jahrhundert aufgebaut werden konnte, dennoch fehlte in der Mitte Kölns eine leistungsfähige, öffentliche, wissenschaftliche Bibliothek für die Kölner Bevölkerung.
Erste Pläne für den Bau einer Zentralbibliothek gab es bereits 1906. Unter den Stadtteilbibliotheken erwies sich die sogenannte »Volksbibliothek 1«, die mitten im Zentrum lag, als besonders erfolgreich. Hier wurden bereits 35% des Ausleihverkehrs des gesamten Bibliothekssystems abgewickelt. »Die Errichtung einer größeren und reicher ausgestatteten Zentrale anstelle der zu eng gewordenen Bibliothek 1« wurde im Verwaltungsbericht der Stadt Köln von 1910 als ein erstrebenswertes Ziel bezeichnet. Durch die enormen Kriegszerstörungen, insbesondere im Zweiten Weltkrieg, lag eine Umsetzung dieser Pläne jedoch in weiter Ferne. Während die Bestände der Universitätsbibliothek zum überwiegenden Teil während der Kriegsjahre ausgelagert werden konnten, hatten die Volksbüchereien der Stadt unter den Kriegshandlungen schwer gelitten. 1945 existierten hier von ehemals 170 000 Bänden nur noch 61 000, von denen wiederum lediglich 3600 zur Verfügung standen, da zunächst nur vor 1933 erschienen Werke zum Leihverkehr zugelassen wurden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Wiederaufbau des Kölner Büchereiwesens vor allem durch eine großflächige Literaturversorgung des Kölner Stadtraums betrieben. Der erste Direktor nach dem Krieg, Leo Schwering, stand 1945 vor den Trümmern. Keine der vierzehn Büchereien war verschont geblieben; die meisten waren vollständig zerstört. 1945 konnten bereits 4 Büchereien und die Musikbücherei in provisorisch hergerichteten Unterkünften und mit magerem Angebot eröffnet werden. 1946 war auch die Blindenbücherei wieder zugänglich. Die Weichen für den Aufbau der Kölner Büchereien waren gestellt. Bis 1958 wurden sieben weitere Ortsteilbüchereien eröffnet. Die Direktion, die abgetrennt von den Zweigstellen in Bürohäusern untergebracht war, bezog nach mehreren Umzügen 1953 ihr Standquartier im Johannishaus. Dort blieb sie über 25 Jahre. 1959 stimmte der Rat der Stadt dem Entwurf für den Bebauungsplan am Josef-Haubrich-Hof zu. Hier sollten langfristig, neben dem Museum Schnütgen, eine Volkshochschule, die Kunsthalle und die Zentralbibliothek entstehen. Erst zwanzig Jahre später kam es zur Ausführung dieser ambitionierten Vorhaben.
Geplant wurde eine Bibliothek, die den Anforderungen an eine Großstadtbibliothek jener Jahre gerecht wird. Modernste Technik, große Benutzerfreundlichkeit sowie ästhetische und städtebauliche Gesichtspunkte wurden bei der Planung berücksichtigt.
»Inhalt und Funktion sollen von Außen sichtbar und verständlich sein. Dieser Absicht kommt am besten ein transparentes Haus entgegen, in das man hineinsehen kann und dessen Lebendigkeit und Vielfalt nach außen wirken. Wie eine Vitrine, ein Schaufenster soll die Zentralbibliothek Neugier wecken und den Wunsch einzutreten.«
Horst-Johannes Tümmers, 1979
Besonderen Wert wurde auch auf die Inneneinrichtung und das visuelle Erscheinungsbild gelegt, das von dem Designer Helmut Schmidt-Rehn konzipiert wurde. Bauplanung und -ausführung ist das Ergebnis einer engen und konstruktiven Zusammenarbeit von Bibliothekar*innen, Architekt*innen, Designer*innen und bildenden Künstler*innen. Nach vierjähriger Bauzeit wurde Kölns erste Zentralbibliothek am 21. September 1979 feierlich im Forum der VHS am Josef-Haubrich-Hof, an dem neben den Stadthonoratioren auch der Ministerpräsident des Landes NRW Johannes Rau (1931–2006) und Heinrich Böll teilnahmen, eröffnet. Besonders erfreulich war, dass nun auch den Sondersammlungen gebührender Raum zugesprochen wurde. Vier Tiefgeschosse boten hinreichend Platz um die Bestände der Stadtbibliothek und der Archive adäquat zu lagern. Neben dem LiK– und Heinrich-Böll-Archiv konnte sich auch die von Heinrich Böll und Paul Schallück gegründete Spezialbibliothek zum deutschsprachigen Judentum, die »Germania Judaica« räumlich entfalten.
Auf der Suche nach einer neuen Wohnung in Köln kontaktierte Dieter Kühn u. a. seine Verlegerin Gertraud Middelhauve, die ihm ein Angebot vermitteln konnte. Neben ihren Verlagsräumen im 16. Stockwerk des »Bull-Hochhauses« am Wiener Platz, wurde gerade eine Wohnung frei, die von Helmut Lotz mit seinem auf lateinamerikanischer Literatur spezialisierten Verlag »día«, bis zu seinem Umzug nach Berlin genutzt wurde. Kühns Bedenken mögen in Anbetracht der Wohnlage berechtigt gewesen sein. Ein Hochhaus am Verkehrsknotenpunkt Wiener Platz war für einen Schriftsteller, der einen ruhigen Arbeitsplatz benötigte, nicht unbedingt ein idealer Ort.
»Erleichterung dann aber beim ersten Inspektionsgang: Das Hochhaus steht mit dem Rücken zum Verkehrskarussell, ist ausgerichtet nach Südosten, Südwesten; vor dem gestaffelten Bau der Stadtgarten mit Weiher. Im Flur der Verlagswohnung setze ich mich auf einen Stuhl, prüfe den Geräuschpegel im Bau. Der Ausblick hinunter auf den kleinen Park, hinüber zum Hügelkamm des Bergischen Landes, hinaus zum Siebengebirge, hat mich sofort bestochen. […] Die Wohnung selbst, sehr helle Räume. Und kaum ein rechter Winkel: Der in den sechziger Jahren gefeierte Architekt hat den Räumen meist rhombischen oder trapezförmigen Grundriss verliehen; mein Arbeitszimmer hat neun Seitenkanten – fast wie ein Turmzimmer.«
Inspirierend wirkt die Aussicht von seinem Arbeitsplatz auf das Siebengebirge, als Kühn seinen Roman Beethoven und der schwarze Geiger (1996) schrieb. »Das Siebengebirge, das Beethoven in Bonn sah, in Sichtnähe. Meine Postanschrift ist ebenso bezeichnungsreich: Wiener Platz, Beethoven in Wien – alles wie arrangiert.« Neben dem Blick in die Ferne betrachtete Kühn mit großem Interesse das Treiben in der Tiefe, denn unter ihm breitete sich, nur wenige Meter vom hektischen Wiener Platz entfernt, der Mülheimer Stadtgarten aus.
»Doch sedierend der Blick hinab auf den kleinen Park mit den Wiesenflächen. Und dem Teich – für mich Mittelpunkt des Areals. Wasser, vielfach windgeriffelt, vielfach sonnengleißend, zumindest vormittags, und durch die Windriffelungen, durch das Lichtgleißen schwimmen Blessrallen und Enten in Grüppchen. Nachts, wenn der Geräuschpegel dieser viertgrößten Stadt der Republik gesenkt ist, höre ich, bei offnem Fenster, zuweilen eine Ente quaken, ja vor sich hin schimpfen, als würde sie den Schauspieler Hans Moser imitieren.«
Entstanden ist die »grüne Lunge« des Stadtteils 1913 nach Plänen von Gartenarchitekt Josef Vincentz in der Senke eines alten Rheinarms. Besonders beliebt ist der Märchenbrunnen des Kölner Bildhauers Wilhelm Albermann (1835–1913). Er zeigt eine aus Bronze gegossene Gruppe spielender Knaben im Mittelpunkt des Brunnens, die von einem wasserspeienden Otter, einem Seelöwen, einer Schildkröte und einer Echse umrundet werden. Ein Denkmal im Park zeigt Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz (1658–1716), einst bergischer Herrscher über die selbstständige Stadt Mülheim und von den Mülheimern wegen seiner Volksnähe verehrt. Gestiftet wurde die Bronzestatue 1914, als die bis dahin selbstständige Stadt »Mülheim am Rhein« eingemeindet wurde.
Das 64 Meter hohe »Bull-Hochhaus« ist eines der innovativsten und frühesten Hochhausbauten in Köln. Es entstand 1959/1960 als 16-geschossiges Gebäude auf einem mächtigen, farblich abgesetzten Sockel und wurde im Auftrag der französischen Elektrofirma »Compagnie des maschines Bull«, die in Köln ihre Deutschland-Zentrale hatte, gebaut. Der Entwurf stammte von dem Architekten Karl Hell, der in Köln bereits mehrere Bauten, u.a. das Gebäude der Industrie- und Handelskammer zu Köln (Unter Sachsenhausen 10-26) realisieren konnte. Seit den 1990er Jahren steht das »Bull-Hochhaus« unter Denkmalschutz. Über viele Jahre prangte der Namensschriftzug der Firma Bull an der Außenfassade.