Ein Hotspot der mittelalterlichen Buchkunst in Köln war das Klarissenkloster St. Klara, das um 1350 zu den elf Frauenklöstern der Stadt gehörte. Die Nonne Loppa vom Spiegel zählt zu den prominentesten Buchkünstlerinnen des Skriptoriums. Das Klarissenkloster befand sich auf dem Areal, das heute von den Straßen Zeughausstraße und Auf dem Berlich umfasst und von der Straße Am Römerturm durchschnitten wird. In seinem Beitrag folgt Martin Oehlen der Spur dieser außergewöhnlichen Frau.
Autor: LiK Köln
Ein Hotspot der mittelalterlichen Buchkunst in Köln war das Klarissenkloster St. Klara – und Loppa vom Spiegel war sein hellster Stern. Jedenfalls ist sie die prominenteste Buchkünstlerin des Skriptoriums, das im 14. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte.
Das Klarissenkloster zählte um 1350 zu den elf Frauenklöstern der Stadt. Es befand sich auf dem Areal, das heute von den Straßen Zeughausstraße und Auf dem Berlich umfasst und von der Straße Am Römerturm durchschnitten wird. Das Kloster war eine Stiftung von Richardis von Geldern und ihren Söhnen aus dem Jahre 1297 und wurde 1306 geweiht. Rund 500 Jahre später, nämlich im Jahre 1802, wurden Kloster und Kirche im Rahmen der Säkularisation aufgelöst und nach und nach abgerissen. Der gotische Klarenaltar mit eingebautem Tabernakel, ein Prunkstück der einstigen Klosterkirche, befindet sich seit 1809 im Kölner Dom. Weitere Schätze konnten für die Kölner Museen gesichert werden. Im ehemaligen Gewölbe des Klosters befindet sich der Sancta Clara Keller, in dem zuweilen Veranstaltungen stattfinden. Dass der einstige Eckturm der römischen Stadtmauer gut erhalten ist, wird auf einer Gedenktafel dem Kloster zugeschrieben, das ihn als Abort nutzte.
Die exakten Lebensdaten der Loppa vom Spiegel (Loppa de Speculo) sind nicht überliefert. Sie wurde vermutlich zu Beginn des 14. Jahrhunderts in eine Kölner Patrizierfamilie geboren. Loppas Vater war demnach Heinrich van me Spegel, der dem Kölner Rat angehörte und auch als Bürgermeister tätig war. Das Klarissenkloster, dem sie sich anschloss, nahm zumal Frauen aus begüterten Häusern auf. Der Orden, der vom heiligen Franziskus und der heiligen Klara gegründet worden war, verlangte getreu dem Vorbild der Franziskaner ein frommes Leben in Klausur und Armut.
Im Skriptorium der Klarissen wurde nicht nur für den Klostergebrauch zu Werke gegangen. Der Ruf der Schreibstube war derart gut, dass diese Auftragsarbeiten übernehmen konnte. Damit sorgten die Klarissen nicht nur für geistliche Literatur über die eigenen Klostermauern hinweg, sondern besserten auch ihre Finanzlage auf. Zu diesen bestellten Werken zählt ein Messbuch für den Kölner Domdechanten Konrad von Rennenberg und ein Graduale, ein Buch mit Messgesängen, für die Dominikanerinnen von St. Gertrud.
Der Nachweis fällt generell nicht leicht, welche mittelalterliche Handschrift von wem geschaffen wurde. War es eine Person oder war es eine arbeitsteilige Kooperation, waren es Mönche oder waren es Nonnen? Wer also zog die Linien übers Pergament und markierte solcherart den Zeilenabstand, wer schrieb die Buchstaben, wer setzte die Noten, wer entwarf die Fabeltiere, Jagdszenen, Musikanten, wer illuminierte die Initialen und das elegant ausschwingende Blattwerk?
Im Falle der Loppa vom Spiegel kommt uns die Nonne selbst zu Hilfe. In einem Antiphonar, das die Gesänge für die Stundengebete festhält, steht am Fuße einer Seite in Rot geschrieben, dass sie praktisch alle anstehenden Aufgaben von der Linierung bis zur Illumination übernommen habe. So geschehen »Anno domini MCCCL, maxima pestilentia videlicet existente« – also im Jahre 1350, als in Europa und auch in Köln die Pest aufs Schlimmste wütete. Eine weitere Angabe in eigener Sache steht in einem Graduale, von dem nur 15 Einzelblätter überliefert sind. Dort hält Loppa vom Spiegel fest, dass sie den Text geschrieben und die Noten gesetzt habe. Von der Ausmalung ist hier also nicht die Rede. Aber vielleicht war die Nonne auch nur zu bescheiden.
Zudem gibt es indirekte Hinweise. Dazu zählen die scheinbar beiläufig platzierten Zeichen der jeweiligen Künstlerin im Skriptorium. So verwendete Loppa – allerdings nicht nur sie – eine kleine rot-weiße Scheibe mit Kreis und Punkten (ja, in den Kölner Hansefarben Rot und Weiß). Überdies erkennt das geschulte Forscherauge aller Standardisierung zum Trotz die individuelle Handschrift. Karen Straub, auf deren Katalog-Beitrag anlässlich der Ausstellung Von Frauenhand – Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen im Museum Schnütgen wir uns hier vor allem stützen, sagt über Loppa vom Spiegel: »Ihr Schriftbild ist sehr gleichmäßig und ausgewogen, die Buchstaben dabei leicht nach links geneigt. Kennzeichnend sind zudem etwa feine, schräge Striche über dem i und das Auslaufen der Buchstaben in nach rechts aufsteigenden zarten Strichen, sogenannten Haarstrichen.«
Schließlich ragt Loppas Buchmalerei heraus. Die Darstellungen sind für die Betrachtenden noch heute ein Quell der Freude. Einerseits ist da die sorgfältige Darstellung biblischer Themen innerhalb der Initialen. Andererseits kommen Humor und Fantasie im Rankenwerk und in den Drolerien zum Ausdruck, woraus sich ein schöner Kontrast zum Ernst der religiösen Texte ergibt. Nicht zuletzt fallen die zahlreichen Nonnenfiguren auf, die am linken Blattrand knien. Sie sind nach Auffassung von Joachim M. Plotzek ein weiteres »Erkennungszeichen« des Skriptoriums der Klarissen, in dem Loppa vom Spiegel so nachhaltig gewirkt hat.
– © Martin Oehlen, 2022
Martin Oehlen
geb. 1955 in Kaldenkirchen, kam 1980 nach seinem Studium zum Kölner Stadt-Anzeiger. 1989 wurde er stellvertretender Leiter der Kulturredaktion; gemeinsam mit Reiner Hartmann übernahm Oehlen 1994 die Leitung des Ressorts Kultur; ab 2001 war er alleiniger Ressortleiter. Besonders verdienstvoll war sein Engagement für die Aktionen »Kultursonntag«, »Ein Buch für die Stadt« und für das monatliche »Büchermagazin« des Kölner Stadt-Anzeiger. Als Autor und Rezensent arbeitet er auch nach seiner Pensionierung (2019) für den Kölner Stadt-Anzeiger; gemeinsam mit Petra Pluwatsch betreibt Oehlen den Literaturblog Bücheratlas.
Literatur
- Harald Horst u. Karen Straub (Hg): Von Frauenhand. Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen. Katalog zur Ausstellung im Museum Schnütgen, Köln, in Kooperation mit der Erzbischöflichen Diozesan- und Dombibliothek Köln. München 2022.
- Wolfgang Herborn u. Carl Dietmar: Geschichte der Stadt Köln. Bd. 4. Köln im Spätmittelalter. Köln 2019.
- Joachim M. Plotzek, Katharina Winnekese u.a.: Glaube und Wissen im Mittelalter – Die Kölner Dombibliothek. München 1998.
- Renate Mattick hat mehrere Aufsätze zu den Kölner Klarissen verfasst, unter anderem nachzulesen in den Wallraf-Richartz-Jahrbüchern und in den Veröffentlichungen der Johannes-Duns-Skotus-Akademie.
Wohnorte von Heinrich Böll
Neuenhöfer Allee
Am 6. März 1942 wurden Annemarie Čech und Heinrich Böll im Rathaus der Stadt Köln standesamtlich getraut. Heinrich Böll war zu diesem Zeitpunkt noch in seiner Heimatstadt stationiert. Seine Verlegung an die französische Kanalküste erfolgte wenige Wochen später, am 7. Mai 1942. So erlebte Annemarie Böll allein die Zerstörung der ersten gemeinsamen Wohnung in der Kleingedankstraße 20 infolge des sogenannten ›1000 Bomber-Angriffs‹ auf Köln am 30./31. Mai 1942. In einem Telegramm schrieb Annemarie Böll an ihren Mann: »Unsere Wohnung total vernichtet; keine Verletzten; erbitte sofort Urlaub.« Dieser »Sonderurlaub für Bombengeschädigte« wurde gewährt und Heinrich Böll konnte im Juni die in der Neuenhöfer Allee 38 in Köln-Sülz gelegene Wohnung ebenfalls beziehen.
»Mir schien eine Woche Urlaub ein unermeßliches Honorar für eine Wohnung, in der keiner verletzt worden war, den Tausch ging ich gerne ein, denn EINE WOCHE IST EINE WOCHE, zu Kriegszeiten also eine Ewigkeit. In unsere zweite Wohnung bekamen wir kein Telefon mehr genehmigt; ich glaube, wir hatten sie drei Jahre ›inne‹, und es mag sein, dass ich eineinhalb bis zwei dutzendmal dort geschlafen habe. Nach einigen Versuchen, dort so etwas wie Wohnung zu finden, mieden wir sie; jedesmal, wenn wir uns dort trafen, war ein besonders schwerer Bombenangriff fällig.«
Wie von Böll im Rückblick des Jahres 1966 angedeutet, wurde auch diese im Erdgeschoß des Hauses gelegene Wohnung infolge eines Luftangriffs am 26. Februar 1943 beschädigt. Zwar konnte die Wohnung nach Instandsetzungsarbeiten zunächst weiterhin bewohnt werden, wurde infolge des Luftangriffs am 21. April 1944 jedoch letztlich ebenfalls unbewohnbar.
In seinem 1985 publizierten »Brief an meine Söhne« beschreibt Böll, wie er im Februar 1945 mit dem Fahrrad von Much aus nach Köln fuhr, um in der zerstörten Wohnung in der Neuenhöfer Allee dort noch verbliebenen Schmuck und sowie Teile des Familiensilbers zu retten.
© – Markus Schäfer, 2022
Markus Schäfer
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin
Literatur
Siehe: Böll: An einen Bischof …, S. 260f.
Rolf Persch – Der dichtende Dandy
Ein Gastbeitrag von Sabine Schiffner
Der Lyriker und Rezitator Rolf Persch gehörte zu den wenigen Autoren, die sich dem Literaturbetrieb konsequent verweigerten: Ein Sonderling, ein Außenseiter, der mit seiner Literatur eigene Wege beschritt. Seine Gedichte erschienen in wenigen Exemplaren im Handpressendruck oder als Abonnement-Gedichte, die er einem exklusiven Kreis zustellte und vortrug. – Perschs Schriftsteller-Kollegin Sabine Schiffner erinnert in ihrem Beitrag an diesen außergewöhnlichen Kölner Lyriker.
Rolf Persch – Der dichtende Dandy
Ein Gastbeitrag von Sabine Schiffner
Rolf Persch ist ein Vagabund gewesen, ein ruheloser Wanderer, ein Mensch, der lange Zeit keinen festen Raum brauchte. Aber es gab Räume in Köln, die für ihn wichtig waren, Räume, die auch mit seinem Schreiben zu tun hatten. Einige dieser Räume sind in der Kölner Südstadt. Ein ganz besonderer Raum war für ihn das Ladenlokal »235«, das sich auf der Bonner Str. 60 befand. Dorthin geführt hatte ihn Anfang der 80er Jahre der Geldmangel. Immer wenn er Geld brauchte, suchte er sich Jobs, gerne vermittelt von Freunden aus seinem Dunstkreis, in denen sich der Künstler und Philosoph, der scharfzüngige Beobachter und Sprachkünstler mit dem phänomenalen Gedächtnis bewegte. Von München aus, wo er eine Ausbildung bei einer Schauspiellehrerin begonnen und bald wieder abgebrochen hatte, um sich dem Schreiben zu widmen, ging er Anfang der 80er Jahre zurück nach Köln, wo er in der Südstadt in dem neu eröffneten Laden »235« auf der Bonner Straße 60 eine Anstellung als Verkäufer fand. Dort gab es Avantgardekleidung und Zeitungen wie die damals sehr trendige »Interview« genauso wie die ersten Tattooshows.
Gleichzeitig leierten die Besitzer des Ladens, Ulrich Leistner und Axel Wirths, erste Medienprojekte an, verkauften Videos von Künstlern und Minieditionen zusammen mit Bootlegs. Bis heute existiert die Medienproduktionsfirma »235« unter diesem Namen, aber jetzt in anderen Räumlichkeiten. Das Schaufenster wurde damals jedoch nicht nur für Kleidung und Videos genutzt, sondern diente auch dazu, anarchistisch-politische Slogans zu verbreiten. In diesem Laden also, in dem Persch angestellt war, um Klamotten zu verkaufen, hängte er bald seine Gedichte, hochkopiert, ins Schaufenster. Schlafen tat er mal hier mal da, manchmal bei wechselnden Freundinnen, manchmal in Ateliers von Künstlerkollegen oder im besetzten »Stollwerck«. Zuweilen schreckte er nachts hoch, weil ihm einfiel, dass eines der Gedichte, die er im Schaufenster ausgestellt hatte, korrigiert werden musste. Dann stand er auch schon mal im Mondschein auf, ging zu dem Laden auf der Bonner Straße, schloss ihn auf und änderte es.
Persch war beim Schreiben von Anfang an perfektionistisch bis hin zur Pingeligkeit. Die Gedichte im Schaufenster erregten Aufsehen und machten auf den Rückkehrer aus München, den man bis dahin in der Domstadt nicht kannte und der schon einige Jahre als Straßenbauer, Beleuchter bei Roncalli, Fixer und auch einen Gefängnisaufenthalt hinter sich hatte, aufmerksam. Literaturverleger und Herausgeber kamen in die Südstadt und fragten nach dem Verfasser dieser Texte. Er wurde auf Partys und zu Empfängen eingeladen, wo er bald gern gesehener exzentrischer Gast war. Seine ersten Bücher erschienen in der »Edition fundamental« von Richard Müller, die in Nippes beheimatet war, in kleiner Auflage, handgedruckt.
Die Form, das fertige, getippte und gedruckte Gedicht, spielte bei seinem Schreiben immer eine große Rolle. Vielleicht hat sich hier das väterliche Buchdruckererbe beim Sohn durchgesetzt. Die gedruckte Fassung war für ihn wie ein Bild, und die Gedichte, die er in dem Schaufenster ausstellte, gestaltete er wie Kunstwerke. Auch sein äußeres Erscheinungsbild, das er nicht nur für die Bühne kultivierte, war immer ein künstlerisches, das er genauso pingelig korrigierte wie seine Gedichte.
Bei seinen Lesungen und öffentlichen Auftritten lebte er sein theatralisches Temperament aus, indem er sich, oft gegen den Stil der Zeit, sehr elegant kleidete, auffällig angezogen war, was durch unzählige exzentrisch wirkende Fotos, die auch in seinen Büchern erschienen, dokumentiert wurde. Er versteckte den ständig unter Geldmangel leidenden armen Dichter hinter dem gut und teuer angezogenen Junggesellen, dem dichtenden Dandy, den er nach außen gab, dem scharfzüngigen witzigen Poeten, der bald eine kleine Kölner Fangemeinde um sich scharte. Das brachte ihn auf die Idee, sich von 1998 an mit Abogedichten sein Leben zu finanzieren. Er schuf sich einen kleinen Kreis von Abonnenten, für die er monatlich ein Gedicht verfasste. Das Gedicht wurde per Hand und mit Durchschlag getippt, der Durchschlag als Titelseite mit dem Original zusammengetackert, darauf kam noch Datum und Unterschrift, auf Wunsch brachte er dann dieses Gedicht bei den Abonnenten, die ab 1998 für monatlich 50 Mark Mitglied in seinem illustren Kreis werden konnten, auch zu Hause vorbei und trug es vor. So konnte er weiterhin, jetzt in der Eifel, sein unabhängiges Leben führen, das vor allem dem Gedichteschreiben gewidmet war. Er fühlte sich in der offiziellen Literaturwelt nie wirklich wohl und zugehörig. Er war ein Vagabund und ein Autodidakt und er wurde dieses Gefühl bis ans Ende seines Lebens nicht mehr los. Ihm war die kleine Form am liebsten, die sich direkt an den Menschen wandte, der vielleicht zufällig vorbeikam, den Passanten, der am Laden vorbeiging, stehen blieb und anfing zu lesen. Für seine frühen Gedichte war das Schaufenster in der Bonner Straße 60, in der sich heute ein skandinavischer Concept Store befindet, ein optimaler Rahmen.
– © Sabine Schiffner, 2022
Eine kleine Auswahl von Rolf Perschs Gedichten finden Sie hier.
Rolf Persch: Gedichte
bonn köln, köln bonn
bonn köln, köln bonn, bereits in jungen jahren.
gabs dort, was in bonn nicht zu bekommen war, gings nach köln.
später gleich nach amsterdam.
vater nahm mich mit, im ford taunus 12m, wir fuhren, er geschäftlich,
von bonn nach köln und zurück über die autobahn, auf der es weder
eine mittelleitplanke gegeben hat, noch einen die gegeneinander laufenden fahrspuren trennenden grünstreifen, diese autobahn kam aus
dem tausendjährigen reich.
es gab auch das hin und her mit rheinufer und vorgebirgsbahn, zeit
um zu sehn und zu träumen. beides scheint mir das damalige
zugmaterial bestens befördert zu haben.bonner straße, kölnstraße; linksrheinisch startet, was linksrheinisch
aufwacht. hin durch die ville, am fluss entlang zurück, oder umgekehrt. den gedankenstau bricht der gedankenfluss, das kann, ausgiebig zu fuß gegangen, gehn.
vom chlodwigplatz immer geradeaus. severin, hohe pforte, hohestraße,
dom, marzellusstraße, eigelstein, ebertplatz, neusser straße, in nippes
rechts ab, in die gellertstraße, zur edition fundamental, zu richard
müller. vielleicht druckt er wählerisch auf seiner handpresse etwas von
dem, das während des gehens erste gestalt annahm.
aus bonn fahrgäste zum köln-bonner flughafen befördern, das war
eine einträgliche, »eine gute fahrt«. wars die letzte nach einer langen
nacht, drohte auf dem rückweg ohne fahrgast der sekundenschlaf.
flog ich davon, wars immer höchste zeit, ob ich nun aus köln oder
bonn kommend abhob.
bin inzwischen in »preußisch sibirien«, der eifel gelandet; beim bonn-köln-köln-bonn-verkehr bleibts, hier die alte mutter, da der alte freund.
versuch einer verführung
unterwegs
von riehl
vorbei an der bastei
nach krummer büchel 2.
unterhalb der deutzer brücke
umtost von strömen
verweilend:
ach rhein
mein reise
fieber ist ab
geklungen
unermüdlich scheinst du.
der rhein:
badehose ist nicht nötig
komm ins bett
steig ein
ich führe dich
dein traum vom meer wird wahr
auf auf
dein und mein sei die see!
nee nee sage ich
noch gilt
soweit
die fü
ße tra
gen!
29. Juni 2005
das sacko
mit ihm möcht ich spazieren,
aus dem bekleidungshaus.
ich kann es nicht bezahlen,
soll ohne es hier raus
weil wunder nicht geschehn,
zieh ich es wieder aus.
kann sein, dass wir uns wiedersehn
im sommerschlussverkauf.
Literatur
- bonn köln. In: 47 & 11. Hg. v. Axel Kutsch. Weilerswist 2006, S. 57.
- versuch einer verführung, in: Persch: Abschied, S. 137
- das sacko, in: Rolf Persch: das kleid unseres dufts. Köln 1999, S. 9.
Für die Abdruckgenehmigung der Texte danken wir der Rechteinhaberin.
Die »Hans-Mayer-Gesellschaft«
Ein Gastbeitrag von Heinrich Bleicher
Die »Hans-Mayer-Gesellschaft« e.V. (HGM) pflegt das Andenken des Kölner Literaturwissenschaftlers Hans Mayer (1907-2001) und fördert auch im internationalen Rahmen das Studium seines Werkes und literatur-politischen Wirkens. Gegründet wurde sie 2018 in Berlin. In Köln, der Geburtsstadt Ihres Namensgebers, hat die »Hans-Mayer-Gesellschaft« ihren Sitz im Stadtteil Nippes, am Leipziger Platz gefunden. Heinrich Bleicher, Gründungsmitglied und Vorsitzender der HGM, stellt im nachfolgenden Beitrag Aufgaben und Ziele der Gesellschaft vor.
Die Hans-Mayer-Gesellschaft e.V.
Ein Gastbeitrag von Heinrich Bleicher
In Köln, der Geburtsstadt Ihres Namensgebers, hat die »Hans-Mayer-Gesellschaft« (HMG) ihren Sitz gefunden. Genauer gesagt, am Leipziger Platz in Nippes. Dies mag eine gewisse Reminiszenz an Mayers ersten Lehrstuhl als Literaturwissenschaftler an der Universität in Leipzig hervorrufen. Dort lehrte er von 1948 bis 1963. Eng befreundet mit anderen aus dem Exil zurückgekehrten Emigranten wie Ernst Bloch oder Widerstandskämpfern wie Werner Krauss und Walter Markov, die die Nazizeit überlebt hatten.
Der 1907 in Köln geborene Sohn einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie verbrachte seine Schulzeit am Schillergymnasium, das damals noch in Köln-Ehrenfeld beheimatet war. Anschließend studierte er von 1925-1929 in Köln – mit einer Unterbrechung durch ein Studienjahr in Berlin – Rechtswissenschaften und Geschichte. Bei dem jüdischen Professor Fritz Stier-Somlo promovierte er 1930 mit einer Arbeit über „Die Krisis der deutschen Staatslehre und die Staatsauffassung Rudolf Smends“. Kurze Zeit darauf erhielt der jüdische Marxist Hans Kelsen eine Professur für Völkerrecht und Rechtsphilosophie an der Kölner Universität. Er wurde einer der maßgeblichen Förderer des jungen Hans Mayer.
Als kritischer junger Student in der Weimarer Republik war dieser ein von Georg Lukács‘ Geschichte und Klassenbewusstsein geprägter Linker. Im Herbst 1927 begann er seine Mitarbeit in der »Vereinigung sozialistischer Studenten«. Anfang 1931 wurde er Mitherausgeber der Zeitschrift Roter Kämpfer und schloss sich nachdem er als SPD-Kandidat nicht förmlich aufgenommen wurde, der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an, wechselte aber nicht lange danach zur Kommunistischen Partei Opposition (KP-O).
Das Studium der Rechtswissenschaften schloss er am 4. Juli 1933 in Berlin mit der zweiten großen Staatsprüfung ab. Im Nachhinein erscheint es makaber, dass die Urkunde vom damaligen Staatssekretär Roland Freisler, dem späteren Präsidenten von Hitlers »Volksgerichtshof«, unterzeichnet ist. Nach Köln konnte Mayer nicht zurückkehren. Die Nazis hatten seine Wohnung schon durchsucht. Er war als Gerichtsreferendar Teilnehmer an einem Prozess in Köln gewesen, bei dem der damalige Gauleiter der NSDAP und Herausgeber des Westfälischen Beobachters, Robert Ley, verurteilt worden war. Dessen Schlägertrupps hatten ihm danach in einer Sommernacht aufgelauert und ihn zusammengeschlagen. In sein Elternhaus ist er nicht mehr zurückgekehrt. Seine Eltern und weitere Verwandte sind 1941 zunächst nach Lodz (Litzmannstadt) dann nach Chelmo (Kulmhof) deportiert und dort ermordet worden. Für sie liegen Stolpersteine vor ihrem Haus in der Siemensstraße 60 in Köln-Ehrenfeld.
Mitglieder der KP-O verhalfen Mayer nach dem Abschluss seines zweiten Staatsexamens in Berlin zur Flucht über Belgien ins französische Exil. Von dort ging er später in das schweizerische Exil, wo er für Kelsen und Horkheimer arbeitete.
Berlin sah Mayer erst in seiner Leipziger Zeit und einige Jahre später, nach dem Weggang von dort – vertrieben durch die SED – in den 80er Jahren als Mitglied der Akademie der Künste wieder. Nach vielen Jahren in Tübingen – wo er sein umfangreiches schriftstellerisches Alterswerk verfasst hat, und dort auch starb – wurde Mayer 2001 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin nicht weit von Hegel, Fichte, Brecht, Helene Weigel, Anna Seghers und anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern begraben.
In Berlin wurde am 10. Juni 2018 in der Bibliothek der Bildungs- und Begegnungsstätte der Gewerkschaft ver.di, die »Hans-Mayer-Gesellschaft« (HMG) gegründet. Der Gründungsvorstand, bestehend aus dem Vorsitzenden Heinrich Bleicher, dem stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Heiner Wittmann und dem Kassierer Rudolf Zink wurde bei der Mitgliederversammlung Ende Dezember 2021 erneut einstimmig im Amt bestätigt
Das Ziel der HMG ist es, Mayers literarisches Vermächtnis zu bewahren und der Öffentlichkeit durch Publikationen und Veranstaltungen zugänglich zu machen. Am Werk Hans Mayers kann man lernen, wie Kunst und Literatur zum Verständnis der Subjekte und der Gesellschaft beitragen können. Ihm ging es darum,
Reflexionen sowohl über die Perioden der deutschen Literaturentwicklung wie über die Geschichte der deutsch-jüdischen Symbiose … mit meinem eigenen Unterfangen, das eigene Erleben als Erzähler zu fassen und dadurch zu tradieren.
Hans Mayer: Reisen nach Jerusalem. Frankfurt a.M. 1997, S. 97.
Für Nachforschungen und Recherchen ist Köln der maßgebliche Ort. Dem Historischen Archiv der Stadt Köln hat Hans Mayer 1985 seinen umfangreichen schriftstellerischen Nachlass überlassen. Desweiteren verfügt das Literatur-in-Köln-Archiv (LiK) der Stadtbibliothek Köln über eine umfangreiche Zeitungsausschnittsammlung sowie über die maßgebliche Primär- und Sekundärliteratur von und über Hans Mayer.
In den zurückliegenden drei Jahren hat die HMG – trotz Einschränkungen durch die Pandemie – mit mehreren Veranstaltungen über die Person und das Werk Hans Mayers informiert. Eine der größeren Veranstaltungen war Walter Benjamin aus Anlass seines 80. Todestages im Oktober 2020 gewidmet. Hans Mayer hat sich mit Benjamins Werk mehrfach auseinandergesetzt und zum 100. Geburtstag in der Leipziger Universität eine seiner berühmtesten Reden gehalten. Diese ist zugänglich über das Filmportal auf der Homepage der HMG, das in Kooperation mit »Zeitzeugen-TV« eingerichtet wurde.
Im Rahmen der Veranstaltungen zu »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« wurde in Kooperation mit dem »Literatur-in-Köln-Archiv (LiK)« eine Veranstaltung unter dem Titel Repräsentant und Außenseiter über den Schriftsteller Mayer durchgeführt. Hanjo Kesting, der zahlreiche Rundfunksendungen mit ihm gemacht hat, war dabei im Gespräch mit dem Vorsitzenden der HMG, Heinrich Bleicher, ein ausgezeichneter Gesprächspartner. Die Veranstaltung kann auf dem Youtube-Kanal der Stadtbibliothek Köln gesehen werden.
Auf den Seiten der »LiK.map« finden sich auch weitere Informationen zu Hans Mayer, u. a. ein Beitrag über dessen Geburtshaus im Belgischen Viertel und eine Ehrung anlässlich des 20. Todestages. 1980 erhielt Mayer den Literaturpreis der Stadt Köln, der später in Heinrich-Böll-Preis umbenannt wurde.
Im Laufe seines Lebens erhielt Mayer zahlreiche Ehrungen für sein Werk: Den Nationalpreis der DDR 1955; den Deutschen Kritiker-Preis 1966; die Ehrendoktorwürde der Universitäten Brüssel 1969, Wisconsin 1972, Leipzig 1992; sowie das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband 1987; die Medaille für Kunst und Wissenschaft, Hamburg 1987; den Ernst-Bloch-Preis 1988; das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 1990; das Goldene Ehrenzeichen des Landes Wien 1992; den Officier dans l’Ordre des Arts et des Lettres 1993; sowie den Heinrich-Mann-Preis 1995.
Anfang 2022 erschien das von Heinrich Bleicher herausgegebene Buch Der unbequeme Aufklärer, das der im Dezember 2021 verstorbenen Literaturwissenschaftlerin Dr. Inge Jens, Ehrenmitglied der HMG, gewidmet wurde. In Gesprächen mit Personen, die Mayer noch persönlich gekannt haben, wird über diesen herausragenden Literatur- und Kulturwissenschaftler sowie Schriftsteller informiert. Neben Inge Jens und Pieke Biermann, der Preisträgerin des Übersetzerpreises der Leipziger Buchmesse 2020, zählen u. a. Christoph Hein, Professor em. Jost Hermand (†) und Professor em. Leo Kreutzer, Nachfolger von Hans Mayer auf dem Lehrstuhl in Hannover, zu den Gesprächspartnern des HMG-Vorsitzenden.
Mit verschiedenen Veranstaltungen wird sich die Hans-Mayer-Gesellschaft auch 2022 zu Wort melden (u.a. mit der »Sartre-Gesellschaft Deutschland« und dem Talheimer-Verlag). Geplant ist auch eine Veröffentlichung zu Rundfunksendungen von Hans Mayer über Shakespeare.
Über alle Veranstaltungen und Initiativen der Hans-Mayer-Gesellschaft wird auf ihrer Homepage berichtet. Wer unmittelbar über die Aktivitäten informiert werden möchte, kann sich in den Verteiler des Infobriefes der HMG eintragen lassen.
Die Hans-Mayer-Gesellschaft ist auch Mitglied der »Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten e.V.« (ALG) und arbeitet mit deren Mitgliedern wie z.B. der »Sartre-Gesellschaft Deutschland« sowie der »Internationalen Peter-Weiss-Gesellschaft« zusammen. Bei der Verleihung des Literaturpreises der Stadt Köln an Peter Weiss hat Hans Mayer 1981 die Laudatio gehalten.
– © Heinrich Bleicher, 2022
Vorsitzender der Hans-Mayer-Gesellschaft e.V.
Norbert Scheuers Lieblingsorte in Köln
Für Norbert Scheuer gehört der Innenhof des »Museum für Angewandt Kunst Köln« (MAKK) zu seinen Lieblingsorten in der Rheinmetropole. Das Museum befindet sich seit 1989 auf dem Areal des ehemaligen Minoritenklosters. Ursprünglich beherbergte der Gebäudekomplex das Wallraf-Richartz-Museum und das Museum Ludwig. – Den kontemplativen Gedanken eines Kreuzgangs vermittelt heute noch der zentrale Innenhof, eine Ruheoase inmitten der Stadt, mit Begrünung und einer von Ewald Mataré gestalteten Brunnenanlage. Darüber hinaus gibt es für Norbert Scheuer noch einen weiteren Ort, der vor allem für seine Arbeit als Schriftsteller von Bedeutung ist. Martin Oehlen hat beim Autor nachgefragt. Lesen Sie hier seinen Beitrag.
Norbert Scheuers Lieblingsorte in Köln
Ein Gastbeitrag von Martin Oehlen
Mit Kall ist Norbert Scheuer persönlich und literarisch aufs Engste verbunden. Mittlerweile hat er erzählend einen ganzen Kosmos um den Ort in der Eifel erschaffen. Selbstverständlich ist das fiktive Kall nicht identisch mit dem real existierenden Kall. Gleichwohl finden sich kulturhistorisch-topographische Verbindungen zuhauf.
Allerdings gibt es auch die eine oder andere Beziehung zu Köln. So hat Norbert Scheuer in den 1970er Jahren einige Jahre zwischen Lehre und Studium, wie er sagt, als Elektriker beim WDR gearbeitet. In unmittelbarer Nachbarschaft zum WDR-Areal in der Straße An der Rechtschule befand sich damals noch das »Wallraf-Richartz-Museum«, das später erst ins damalige Doppelmuseum am Dom und dann ans Rathaus gezogen ist. Der Schriftsteller erinnert sich, dass er zwei Jahre lang nahezu jede Mittagspause dort verbracht habe, um die Kunstsammlung zu besuchen.
Seit 1989 ist in dem Gebäude, das 1957 von Rudolf Schwarz in Zusammenarbeit mit Josef Bernard neben der Minoritenkirche errichtet wurde, das »Museum für Angewandte Kunst« zuhause. Dem Ort ist Norbert Scheuer auch über seine Zeit beim WDR hinaus treu geblieben. »Seither ist die Restauration im Innenhof des Museums für Angewandte Kunst immer meine erste Anlaufstelle in Köln, zwischen moderner Architektur und den alten Mauern der Kirche zu sitzen, quasi mitten in der Stadt und doch völlig abgeschieden im Schatten eines schönen Baumes, dessen Namen ich immer noch nicht kenne.« Zu seiner Zeit als Mitarbeiter des WDR sei er allerdings nur im Museum selbst gewesen. »Ich weiß nicht einmal mehr, ob es in den 70ern bereits das Café im Innenhof gegeben hat.«
Und noch eine zweite Anlaufstelle hat Norbert Scheuer in Köln: „Das ist für mich die Stadtbibliothek am Neumarkt.« Der Schriftsteller sagt: »In bestimmten Phasen meiner Arbeit sitze ich gerne dort in der zweiten oder dritten Etage am Fenster, blicke in den Haubrich-Hof hinunter, lese und exzerpiere für ein neues Romanprojekt. Später gehe ich dann endlich hinunter zur Eisdiele und trinke auf der Terrasse einen Cappuccino und sehe den Menschen zu, die in die Bibliothek hinein- und hinausgehen. Mittlerweile ist mir der Platz dort fast wichtiger geworden als die Bibliothek.«
Beim Nachsinnen über seine Kölner Lieblingsplätze kommt Nobert Scheuer ein Gedanke: »Übrigens fällt mir jetzt gerade auf, dass die Orte, die mir gefallen, immer irgendwie am Rande des Zentrums liegen, als wollte ich irgendwie dabei sein, aber doch nicht dazu gehören.«
– © Martin Oehlen, 2021
Martin Oehlen
geb. 1955 in Kaldenkirchen, kam 1980 nach seinem Studium zum Kölner Stadt-Anzeiger.1989 wurde er stellvertretender Leiter der Kulturredaktion; gemeinsam mit Reiner Hartmann übernahm Oehlen 1994 die Leitung des Ressorts Kultur; ab 2001 war er alleiniger Ressortleiter. Besonders verdienstvoll war sein Engagement für die Aktionen »Kultursonntag«, »Ein Buch für die Stadt« und für das monatliche »Büchermagazin« des Kölner Stadt-Anzeiger. Als Autor und Rezensent arbeitet er auch nach seiner Pensionierung (2019) für den Kölner Stadt-Anzeiger; gemeinsam mit Petra Pluwatsch betreibt Oehlen den Literaturblog Bücheratlas.
