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Schreiben, um etwas zu erfahren

Albrecht Fabri © privat

Er lebte im Elfenbeinturm und wahrte Distanz in jeder Beziehung. Albrecht Fabri, 1911 in Köln geboren und 1998 ebendort verstorben, war der Anachoret der deutschen Nachkriegsliteratur. Cliquenfern und quer zu dem, was gerade Zeitgeist war, hielt er sich streng an seinen ästhetischen Grundsatz: »Der Schriftsteller schreibt nicht, was er denkt, er denkt, was er schreibt.«

Folglich interessierte dieser Schriftsteller sich für Weltanschauungsfragen so wenig wie für die Atombombe; ihn beschäftigten Kommaprobleme. Sprache als Mittel zu deskriptiven oder ideologischen Zwecken zu benutzen, wäre ihm absurd erschienen. Schreiben hieß für ihn, sich auf sein Material zu konzentrieren, hieß: mit und vor allem in der Sprache zu denken. Ein Abenteuer, das mit Erkenntnisgewinn lockte, freilich auch das Risiko implizierte zu irren. Beide Möglichkeiten indessen schlossen das Schlimmste, das einem Wort- und Denkspieler wie ihm hätte widerfahren können, aus: die Langeweile, zu schreiben, »was man vorher weiß«.

Fabris Œuvre ist vergleichsweise schmal geblieben. Seine dünnen Sammelbändchen, die er in wachsenden Abständen publizierte, unter anderem Der schmutzige Daumen (1948), Interview mit Sisyphos (1952), Der rote Faden (1958), Stücke (1971), Viererlei (1989), ergeben in der Summe gerade mal ein Dutzend. Aber wie sollte es auch anders sein bei einem Autor, der auf das Wesentliche konzentriert war, der, ein Meister im Weglassen, »immer weniger, kürzer und knapper« schreiben wollte.

Sein Werk, die geschliffenen, auch die feinsten Nuancen der Sprache beherrschenden Essays, seine funkelnden Aphorismen und Aperçus, entstand à l’occasion. Fabri war das, was man einen »Gelegenheitsarbeiter« nennt. Er schrieb aus verschiedenen Anlässen und zu unterschiedlichen Themen. Sein Stil jedoch und das Niveau, das er sofort, schon mit seinen ersten Texten erreicht hatte, sind über Jahrzehnte hinweg konstant geblieben. Gleichviel, in welcher Form er sein jeweiliges Thema angeht, ob Essay, Notiz, Rezension, Rede oder Scholie: in jeder Kategorie entpuppt sich ein poetischer Sprachdenker von Rang. »Denn was lohnt an einem Thema, ist nicht das Thema, vielmehr das, wozu man es bewegt.«

So konnte er über Wittgensteins Tractatus und eine neue Montaigne-Übersetzung, zu Gottfried Benns Fragmenten oder Über zwei Sätze von Rimbaud schreiben, er konnte das Fugato über einen Reklamespruch komponieren, das Gerede von der Krise kritisieren oder über den Ruhm variieren: stets entzünden sich seine Reflexionen an den sprachlichen Details. Und fast immer münden die Detailüberlegungen in eine dezente Verteidigung seines formalen Autonomieprinzips: »Für den Schriftsteller ist die Welt Syntax; er untersucht und erforscht sie in den Strukturen seiner Sätze.«

In ihrer offenen, abstrakten Gestik überschreiten Fabris Schriften die Grenzlinien von Philosophie und Literatur. Sein Denken folgt der Logik des Spiels, und weil der Sprachspieler in seinen fugenlos konstruierten Prosa-Architekturen erkennbar anwesend ist, sind seine Reflexionen, sein Nachdenken über das, was die Welt der Wörter in ihrem Innersten zusammenhält, immer auch eine Einladung zum Mittun: »Haben Sie«, fragt er zum Beispiel, »schon einmal darüber nachgedacht, was sie eigentlich sagen, wenn Sie ›fabelhaft‹ sagen? Fabelhaft im strikten Verstand sind doch wohl Kentaur und Einhorn. Was Sie als fabelhaft bezeichnen, verweisen Sie also, genau genommen, aus der Welt hinaus.«

Dieserart bringt der philologisch versierte Prosaist die Sprache selbst zur Sprache. Indem er die Wörter kritisch beim Wort nimmt, durchbricht er die aus dem gedankenlosen Umgang mit Floskeln und Phrasen resultierende »Taubheit für Sprache«. Womit sich dem Gehör nicht nur das untergründige Beziehungsgeflecht der Zeichen offenbart, sondern eben auch der Nexus von etabliertem Gerede und schlampig Gedachtem. Man verwechsle Fabris sprachkritisches Verfahren nicht mit der kalten Laborkunst der Konkreten Poeten. Seine Vernunftspiele durchweht ein hirnerfrischender Humor. Der Humor eines Autors, der um die Grillen und Ungereimtheiten der Sprache weiß; der es liebt, sich in Paradoxien zu bewegen und seine Aussagen mit sentenziöser Treffsicherheit auf die Spitze zu treiben. Nicht linear, sondern sprunghaft-assoziativ verläuft seine Schreib-, die Denkbewegung, wobei immer schon der Prozess des Schreibens als solcher Erkenntnisfunktion hat. Der Weg ist das Ziel. Und er verlangt den beweglichen Leser. 

»Nur phantasielose Männer heiraten schöne Frauen.« Punkt. In seiner Aphoristik zeigt sich der Sprach- als heiterer Universalskeptiker. Hier verdichten sich die Denkvorgänge zu einer lakonisch-launigen Mini-Prosa über Gott und die Welt: »Andächtig ist, wer, wenn er Tee trinkt, Tee trinkt.« – »Elefanten baden, Fische nicht.« – »Wenn es stimmt, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat, wimmelt es nur so von Gotteslästerungen.« Wer Lichtenbergs Sudelbücher zu schätzen weiß und die espritgeladenen Greguerías von Ramón Gómez de la Serna, der wird in den zeitlosen Aphorismen Fabris die Position dazwischen finden.

Den literaturtheoretischen Diskursen seiner Zeit ohnehin in manchem voraus, zudem mit einer gesunden Abneigung gegen Dichterkult und Marktschreierei gesegnet, betrieb Fabri die konsequente Anonymisierung seiner schriftstellerischen Existenz. Er war ein Autor ohne Biografie. Als Person des Zivilstandsregisters gleichen Namens habe er eine Biografie, als Schriftsteller nicht. Als Schriftsteller sei er nicht weniger »Kunstprodukt« als das Werk selbst.

Fabri, als Person des Zivilregisters, hatte Musikwissenschaft, Philosophie und Germanistik studiert. Er war Frontsoldat und in russischer Kriegsgefangenschaft, bevor er an der Deutschen Buchhändlerschule in Köln Dozent für französische und moderne Literatur wurde. Später arbeitete er für Funk und Fernsehen, vornehmlich beim Westdeutschen Rundfunk, sowie als Lektor und Übersetzer, wobei er unter anderen Paul Valéry, Alain, Chapman Mortimer und Blaise Cendrars ins Deutsche hinüberholte.

Indes hat Fabri nicht nur zu seinen Wahlverwandten in der Literatur Verbindung gehalten. Ebenso hat der »Bücherbewohner« sich für die Sache der Bildenden engagiert, zumal für jene Künstler, die nach dem Krieg vom Gegenständlichen zum Abstrakten fanden. Was er in den Werken seiner Malerfreunde, den Bildern von Ernst Wilhelm Nay, Hann Trier, HAP Grieshaber, Hans Hartung et alia erblickte, war die Umsetzung der von ihm verfochtenen Poetik mit anderen Mitteln. Schrieb dieser nicht etwas, sondern Worte, so malten jene nicht dinglich, sondern das Malen.

Legendär sind Fabris Fünf-Minuten-Auftritte als Eröffnungsredner bei den Vernissagen in der Kölner Galerie Der Spiegel, in den fünfziger Jahren eine erste Adresse der damals noch umstrittenen Abstrakten Malerei. Freilich sprach Fabri nicht über die ausstellenden Künstler; er stellte den Exponaten seine eigene Kunst an die Seite: fundierte Atelierkritik und glossierende Bemerkungen zum Kunstbetrieb. Der kurz angebundene Wortsteller dürfte die Verstörungskraft der avantgardistischen Gemälde noch übertroffen haben, wenn er seine Ansprachen mit Sentenzen intonierte wie: »Der für mich größte Vorzug von Bildern ist der, dass sie stumm sind«; oder: »Nur Eunuchen denken mit dem Kopf; nur Stiere denken mit den Hoden.« Fabris kunsttheoretische Kommentare und Aufsätze zur Malerei sind, nicht anders als seine Literatur-Literatur, für die jungen Kritiker und Essayisten der Nachkriegszeit stilbildend geworden.         

Natürlich könnte man sich jetzt darüber echauffieren, dass dieser Autor bis heute so weiträumig umgangen worden ist. Und überhaupt: dass der Typus des Schriftstellers, wie Fabri ihn verkörpert, in der deutschen Leselandschaft einfach keinen Boden unter die Füße bekommt. Nicht ärgern! All jene, die von der Literatur etwas mehr erwarten als das, was alle lesen, werden von Fabris eleganten Fabrikationen auf ihrem Niveau unterhalten. Eher noch darüber. Zu den Schriftstellern, die Eindruck machen, wird man ihn ohnehin nicht zählen wollen. Denn: »Eindruck mache ich meinem Kopfkissen.«                   

                                                                   – © Michael Kohtes, 2024


Für die Abdruckgenehmigung des bislang unpublizierten Textes danken wir dem Autor.

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Das abenteuerliche Leben des Romantikers Anton Wilhelm von Zuccalmaglio

Ein Gastbeitrag von Dorothea Renckhoff
Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio, um 1842

Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Sammler. Man sammelte Zeugen der Vergangenheit, um sie für die Gegenwart zu erhalten und fruchtbar zu machen. Zu den berühmtesten Sammlungen im Bereich der Literatur zählen die Märchen der Brüder Grimm, die von romantischen Dichtern zusammengestellte Volkslied-Anthologie Des Knaben Wunderhorn und die Liedersammlungen von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio (1803 – 1869). Doch während in Des Knaben Wunderhorn einzig Texte festgehalten sind, hat Zuccalmaglio auch die Melodien notiert und so insgesamt 700 Lieder für die Nachwelt – für uns – erhalten. Ohne ihn würde sie heute niemand mehr kennen: Die Blümelein, sie schlafen, Schwesterlein, Kein schöner Land in dieser Zeit – sie wären für immer verloren. Das hängt mit der tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandlung zusammen, die sich zu Zuccalmaglios Lebzeiten vollzog und die er wach beobachtet hat.

Seine Geburt 1803 fällt in die Jahre, als Napoleon fast ganz Europa beherrschte und das Rheinland französisch war; der Liedersammler starb 1869, ein Jahr vor dem großen deutsch-französischen Krieg von 1870/71, das deutsches Kaiserreich und Gründerzeit nach sich zog. Zwischen diesen Endpunkten fuhren die ersten Eisenbahnen und Dampfboote, mechanische Webstühle beschleunigten den Arbeitsprozess und leiteten die Industrialisierung ein, und die Städte wuchsen rasant. Als Gegenbewegung zum sich immer rascher steigernden Tempo in allen Lebensbereichen beschwor die Romantik Sehnsuchtsbilder aus Vergangenheit und Natur, mittelalterliche Burgruinen, Waldeinsamkeit und ein ideales Leben, das bürgerliche Sesshaftigkeit ablehnt und sich in stetem Unterwegssein, im Wandern und Reisen verwirklicht. In seinem ganzen Leben war Zuccalmaglio – der es nie zu einer eigenen Wohnung brachte – geradezu der Prototyp des Romantikers.

Schon die Vorgeschichte seiner Familie scheint einem romantischen Schauerdrama entnommen: Wie der Name nahelegt, stammt das Geschlecht Zuccalmaglio aus Italien. Das Kind, das einmal Anton Wilhelms Urgroßvater werden sollte, war nach dem Tod des Vaters von der bösen Stiefmutter als Edelknabe nach Deutschland geschickt worden. Einer von dessen Söhnen – also ein Großonkel von Anton Wilhelm – sollte sich später in Italien um das Erbe kümmern, das dem deutschen Zweig der Familie zustand; er erstellte einen Stammbaum, aus dem die Abstammung der Zuccalmaglios von den Medici hervorging und – wurde in Italien ermordet. Weitere Nachforschungen unterblieben.

Anton Wilhelm kam in Waldbröl im Amt Windeck zur Welt. Sein Vater war Jurist und wurde 1805 in Schlebusch Maire[1]. Die Mutter war als Tochter eines herzoglichen Richters auf Schloss Burg aufgewachsen. Als kleiner Junge war Anton Wilhelm dort oft zu Gast und erinnerte sich als Erwachsener mit Sehnsucht an das alte Schloss, das er in späteren Jahren als Ruine wiedersehen musste – man hatte das Gebäude aufgegeben und, wie früher üblich, als Steinbruch benutzt[2]. Auch hier ein romantisches Motiv im Leben des Liedersammlers: Die Sehnsucht nach dem verlorenen Ort einer fernen Kindheit, nach alten Schlössern und Palästen, wie wir sie bei Chamisso und Eichendorff finden.

Die Mutter sang dem Jungen unzählige Volkslieder aus der Gegend vor, wie Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht, er fiel auf die zarten Blaublümelein – und Zuccalmaglio beschreibt später die alten Trachten und das einfache Leben im bergischen Land während seiner Kindheit: »Mit den alten Trachten lebten alte Lieder, alte Gebräuche, alte Anschauungen im Volke.« Die Heimat der Blaublümelein, die so oft in seinen Liedern besungen werden, erkannte er im Siebengebirge, wo die Scilla bifolia, der zweiblättrige Blaustern, auch Sternhyazinthe genannt, im Frühling blüht. Aber wer denkt dabei nicht an die blaue Blume der Romantik?

Lithographierte Postkarte 1914 Mülheim mit Mülheimer Gottestracht

Doch Anton Wilhelm musste die Eltern bald verlassen: Schlebusch hatte keine Schule. Vom Haus des Großvaters in Mülheim am Rhein aus besuchte er die dortige Volksschule, zusammen mit seinem nur 3 Jahre älteren Onkel Franz. Im Zuge der Befreiungskriege sah das Kind Zuccalmaglio riesige Truppenkontingente den Rhein in beiden Richtungen überqueren, erlebte Einquartierung und versuchte beim Soldatenspiel mit seinen Freunden bereits, eigene Texte zu den Märschen zu verfassen. Nach dem Ende der Franzosenzeit (1815) konnte der Junge ins Elternhaus zurückkehren, denn der Vater blieb Bürgermeister und gründete in Schlebusch eine Schule.
»Um diese Zeit war mir […] die Gewalt und Kraft der Musik in bewußter Weise durch ein Wunder aufgegangen«, erzählt Zuccalmaglio in seinen Erinnerungen. »Ermüdet vom Spiele mit meinen Kameraden hatte ich mich auf eine Bank gesetzt, als zufällig im Hause mehrere Mädchen ein Volkslied anstimmten. Aufmerksam lauschte ich, der Zauber der weichen Stimmen, die Wendungen der Weise rührten mich dermaßen, daß ich ihn nicht mehr vergeßen habe. Alles früher Gehörte, dessen ich mich erinnerte, kam mir wie ein glänzendes Geräusch vor…«

Bald wirkte er als Cellist und Oboist im vom Vater gegründeten Laienorchester mit, das als »musikalische Akademie« 1818 mit rund 200  Teilnehmern aus der Region beim ersten niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf Haydns Schöpfung und seine Vier Jahreszeiten aufführte. Nebenbei lernte der Junge Violine, Klarinette und Horn. 1816 bis 1823 besuchte er das Karmeliter-Gymnasium in Köln an der Severinstraße.[3] Einer seiner Lehrer – ein Sohn der berühmten Schauspielerin Sophie Schröder – muss ein Mann ohne Vorurteile gewesen sein, regte er doch den Schüler an, die Weisen der alten Lieder zu notieren, die Anton Wilhelm von seiner Mutter kannte – und das, obwohl die ›bessere Gesellschaft‹ zu der Zeit das Volkslied für flach und wertlos hielt. Zuccalmaglio zeichnete in diesen Jahren nur die Melodien auf, nicht die Texte.

Nach dem Schulabschluss trat er in Köln in die 7. Artilleriebrigade ein, und da der Militärdienst ihn bald langweilte, arbeitete er nebenbei an einer Sammlung von Burschenliedern für ein neues Commersbuch, wo er Fremdwörter durch deutsche Ausdrücke ersetzte. Das trug ihm in der von Spitzeln und Zensur geprägten Zeit den Verdacht ein, Demagoge und heimlicher Revolutionär zu sein. Ein wohlwollender Vorgesetzter schlug die polizeiliche Untersuchung nieder und gab ihm den Rat, in Zukunft nichts mehr unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen. So entstand unter Bezug auf seinen Geburtsort Waldbröl der Künstlername Anton Wilhelm von Waldbrühl, der 1825 in der Literaturzeitschrift Rheinische Flora unter seinem ersten veröffentlichten Gedicht stand: Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. Schon 1829 druckte Heinrich Heine es im Taschenbuch für Damen ab mit dem Vermerk: »Dieses ist ein wirkliches Volkslied, welches ich am Rhein gehört.«

Anton Wilhelms militärische Karriere endete unter mysteriösen Umständen: 1826 wurde er als dienstunfähig entlassen – ob bei einer Übung von einem Geschütz überfahren oder nach einem Reitunfall, blieb unklar. Wenig später war der junge Mann jedoch schon wieder in der Lage, weite Wanderungen zu unternehmen, wie die Romantiker sie liebten und wie er sie bald auch während seiner Studentenzeit in Heidelberg mit den Kommilitonen unternahm. An der dortigen Universität studierte er mit seinem jüngeren Bruder Vinzenz Rechts- und Staatswissenschaften bei dem berühmten Juristen Thibaut, daneben auch Musik, Archäologie, deutsche Sprache, Geschichte, Zeichnen, Astronomie und Mythologie.

Das Studentenleben von damals hatte wenig Ähnlichkeit mit dem von heute. Man unternahm Ausflüge und Festlichkeiten mit den Professoren und war Gast in ihren Häusern. Besonders Thibaut lud seine Schüler zu gemeinsamem Singen zu sich ein: Man befasste sich mit Volksliedern, aber nur mit denen anderer Länder, da man annahm, in Deutschland gebe es nichts als Schnadahüpfli aus den Alpen. Zuccalmaglio trat den Gegenbeweis an und trug eines aus seiner Heimat vor, und Thibaut regte an, es aufzuschreiben.

Zuccalmaglio erinnert sich, dass er notierte, »was ich von Volksweisen mich entsinnen konnte und wo mir Worte fehlten, legte ich diese dann nach Gutdünken unter.« So begann sein systematisches Sammeln, so begannen aber auch jene Textänderungen und das Schreiben eigener volksliedhafter Texte, die andere Liedsammler und Historiker bald zu seinen wütenden Feinden machen sollten: Als »üble Fälschungen« bezeichneten sie Liedtexte wie Kein schöner Land zu dieser Zeit.

1830 mussten die Brüder die Universität verlassen – die Eltern hatten sich getrennt und konnten die Söhne finanziell nicht mehr unterstützen. Anton Wilhelm ließ ein Mädchen zurück, mit der er sich angesichts seiner unsicheren Zukunftsaussichten nicht hatte verloben können. Als ihre Briefe ausblieben, erfuhr er von den Kommilitonen in Heidelberg, dass sie an der Cholera gestorben war. Er hat nie geheiratet. Auch der Traum einer wissenschaftlichen Karriere lag zerschlagen. In den Staatsdienst wollte er auf keinen Fall – wie fast alle Rheinländer der Restaurationsjahre verabscheute er die preußische Regierung[4].

Aus dieser Situation rettete ihn sein Onkel Franz, mit dem er zur Schule gegangen war. Auch Franz, der zum Freundeskreis von Heinrich Heine gehörte, hatte sich dem preußischen Geheimdienst verdächtig gemacht, war über Griechenland nach Russland geflohen und hatte es im baltischen Mitau[5] in kurzer Zeit zum Bürgermeister gebracht. Er verschaffte dem Neffen eine Stelle als Erzieher beim russischen Fürsten Gortschakow, der gerade geholfen hatte, den polnischen Aufstand niederzuschlagen, und bald Gouverneur von Warschau wurde.[6] Bevor der angehende Prinzenerzieher nach Osten reiste, verbrachte er  ein Jahr in Frankreich, um seine für die neue Stelle unerlässlichen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen; damit entging er gleichzeitig einer Untersuchung durch die preußische Geheimpolizei, die ihn in eine Verschwörung verwickelt glaubte.

Von 1832 an lebte Zuccalmaglio 8 Jahre lang mit eigenem Diener bei der Familie Gortschakow im Schloss der polnischen Könige in Warschau. Er bereiste mit dem Fürsten ganz Polen, die Schweiz und Russland, wurde mit der Ehrendoktorwürde der Universitäten Dorpat und Moskau ausgezeichnet und erhielt vom Zaren den Titel eines kaiserlichen Professors. Seinen Schüler unterrichtete er in allen Fächern, von Mathematik über Sprachen und Philosophie bis zu Schwimmen und Eislaufen. Auf langen Wanderungen vermittelte er dem jungen Prinzen – wie auch all seinen späteren Schülern – die Ehrfurcht vor der Natur, und immer wieder hat er sich – sein Leben lang – zu seinem wichtigsten Ziel bekannt: Seine Schüler zu selbständigem Denken zu erziehen. Daneben schrieb er in seiner freien Zeit Gedichte, Libretti, Dramen, Übersetzungen italienischsprachiger Mozartopern, gab eine Sammlung slawischer Lieder unter dem Titel Slawische Balalaika heraus und lernte Persisch. Er nahm Kontakt zu Robert Schumann auf, der ihn bald hoch schätzte und im Lauf der Jahre ca. 150 Artikel aus seiner Feder in der Neuen Zeitschrift für Musik abdruckte, oft an exponierter Stelle.

1838 erschien dann der erste Band von Zuccalmaglios großer Liedersammlung Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen, 1840, nach Zuccalmaglios Rückkehr aus Warschau, der zweite. Danach brach Kritik von allen Seiten über ihn herein. Vor allem auch deshalb, weil Wissenschaftler und andere Liedsammler manche Texte zuerst für völlig unveränderte alte Volksliedertexte hielten und erst nach und nach auf Zuccalmaglios Änderungen aufmerksam wurden. Jedes Wort wurde ihm angekreidet, die schönsten Texte als »Fälschungen« bezeichnet – bis zu der Behauptung, er habe sämtliche Lieder komplett selber erfunden. »Sie bedachten kaum,« sagte Zuccalmaglio dazu, »dass sie mich dann zu einem großen Dichter und Tonsetzer machen, dem deutschen Volke nur die mittelmäßigen Gassenhauer zuschreiben würden.« Immer wieder hat er darauf hingewiesen, dass Lieder nie in unveränderter Gestalt überliefert werden, sondern dass jedes Dorf, ja jeder Sänger etwas am Text ändert und dass die Lieder sich im Gesungenwerden weiterentwickeln. Johannes Brahms hat 1894 zweiundzwanzig von Zuccalmaglios Liedern bearbeitet und als Deutsche Volkslieder mit Klavierbegleitung herausgegeben. Er nannte die zeitgenössische Kritik philiströs und spießbürgerlich.

Nach der Rückkehr aus Warschau hat Zuccalmaglio bis 1847 in Düsseldorf und Köln gelebt, nahm großen Anteil an der Wiederbelebung der Bauarbeiten am Kölner Dom und war mit dem Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner befreundet. Was in den nächsten Jahren in seinem Leben folgte, waren Stellungen als Erzieher, unter anderem in Frankfurt, Hagen und Elberfeld, wo er bei der Familie Aders im ›Wunderbau‹ lebte, einem in einem ehemaligen Steinbruch erbauten Palast im Barockstil mit Gartenterrassen, unterirdischen Grotten, Brunnen, Wasserkünsten und Liebestempeln. Gleichzeitig entfaltete dieser ungemein vielseitig interessierte und gebildete Mann eine rege journalistische Tätigkeit – er veröffentlichte Aufsätze zu Mode, Musik, Jagdrecht, Botanik, Wegebau und Neuanlagen von Eisenbahnen. Obwohl in einigen Bereichen Dilettant, arbeitete er auf vielen Gebieten erfolgreicher als mancher Fachmann – so wurde ein von ihm entworfener Bauplan für eine neugotische Kirche angenommen und realisiert, während der des konkurrierenden Architekten abgelehnt wurde. Er selbst schmückte einen Sitzungssaal mit Fresken aus; die wurden allerdings entfernt, weil er Personen der Obrigkeit karikiert hatte. Mit wachen Sinnen verfolgte er die Entwicklungen und geistigen Strömungen seiner Zeit und war einer der ersten, der sich für das gerade aufgefundene Skelett des Neandertalers interessierte und es als das eines prähistorischen Menschen erkannte. Mit den Mitgliedern der Düsseldorfer Malerschule war er befreundet und wurde von ihnen – schöner Mann, der er war – im Rittersaal von Burg Stolzenfels auf einem Wandfries als Gottfried von Bouillon und als Minnesänger verewigt.

In seinen letzten Lebensjahren zog Zuccalmaglio zur Familie seines Bruders Vinzenz nach Grevenbroich, war aber immer noch viel unterwegs, besuchte seine früheren Schüler und ist 1869 auf einer solchen Reise in Nachrodt an einem Herzschlag gestorben. Er wurde auf dem katholischen Friedhof in Altena begraben. Seinen Grabstein hat man von dort in den oberen Burghof versetzt – eine passendere Gedenkstätte für einen Romantiker als solch alter Schlosshof ist kaum vorstellbar. In unserer Zeit geht es ihm ähnlich wie dem Märchendichter Hans Christian Andersen: sein Name ist bei Vielen vergessen. Aber was er uns hinterlassen hat, ist Allgemeingut geworden.


[1] Bezeichnung für Bürgermeister während der ‚Franzosenzeit’ im Rheinland
[2] Die heutige Höhenburg ist eine zwischen 1890 und 1914 entstandene Rekonstruktion.
[3] 1830 in Königliches Friedrich-Wilhelm-Gymnasium umbenannt. Das Gebäude wurde im 2. Weltkrieg 1943 zerstört, das Gymnasium 1957 an anderer Stelle neu gebaut, aber noch immer in der Severinstraße.
[4] In der Literatur zu Zuccalmaglio liest man zuweilen von seiner angeblichen Preußenbegeisterung, aber davon findet sich nichts in seinen Memoiren oder sonstigen Schriften.
[5] Heute Jelgava in Lettland, damals Hauptstadt von Kurland.
[6] Bekanntlich existierte Polen nach drei Teilungen zu der Zeit nicht mehr.


Für die Abdruckgenehmigung des bislang unpublizierten Textes danken wir der Autorin.

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Heinrich Böll – Katholische Volksschule Raderthal

Katholische Volksschule Raderthal, 1873 erbaut, im Krieg zu 95% zerstört und nach dem Krieg nicht mehr aufgebaut.

Als die Katholische Volksschule 1873 nach Plänen des Architekten Heinrich Müller erbaut wurde, gehörte Raderthal noch zur Bürgermeisterei Rondorf im Landkreis Köln. Erst 1888 wurde Raderthal ein Stadtteil von Köln und die Bevölkerungszahlen stiegen stetig an. Anfang des 20. Jahrhunderts und besonders nach dem Ersten Weltkrieg bestimmten gesellschaftliche und politische Umwälzungen nicht nur die Politik, sondern auch die Schule. Es gab Reformideen, die sich allerdings nicht alle umsetzen ließen. Das Schulgeld für die Volksschule wurde abgeschafft, die Prügelstrafe dagegen blieb weiterhin ein erlaubtes und vielfach angewandtes Erziehungsmittel. Acht Jahre dauerte die Volksschulzeit und endete mit dem Volksschulabschluss. Eine weitere Reform war die gemeinsame Grundschule, damit unterschiedliche soziale Schichten zusammenkommen, um so den gesellschaftlichen Problemen durch die sozialen Klassengegensätze entgegenwirken zu können. Nach vier gemeinsamen Jahren sollten die Schülerinnen und Schüler wieder auf verschiedene Schulformen aufgeteilt werden. Konfessionelle Volksschulen, so die Idee der Schulreformer, sollten die Ausnahme bleiben. Doch im stark katholisch geprägten Köln wurden die bekenntnisfreien Schulen bzw. städtischen Volksschulen schon bei ihrer Gründung 1921 als »Gottlosen-Schulen« von Kirche und Zentrumspartei erbittert bekämpft. In den Katholischen Volksschulen gehörte der Religionsunterricht zu einem der wichtigsten Fächer. Dort wurden neben der Vermittlung der biblischen Geschichte vor allem Gebete und Kirchenlieder eingeübt. Zentral war die Unterweisung im Katechismus, der den erzieherischen Charakter der Religionsstunde in den Vordergrund stellte. Neben der Katholischen Schule gab es noch eine freie Schule, die nördlich gelegene »Sammelschule« in der Pfälzer Straße 34 in Raderberg.

Klassenfoto von 1924 (Heinrich Böll obere Reihe, 6. Von links)

Familie Böll bezog am 25. Juli 1922 in Raderberg ein Einfamilienhaus mit Garten in der Kreuznacher Straße 49. Heinrich Böll verbrachte an diesem Ort, mit dem eigenen Garten und der Nähe zum Vorgebirgspark, eine unbeschwerte Kindheit und Schulzeit. In dem Essay Raderberg, Raderthal beschreibt er ausführlich die verschiedenen Freizeitbeschäftigungen und Kinderspiele. In dieser Zeit wurde ihm seine Vorurteilslosigkeit gegenüber den von Standesdünkel und Klassendenken ausgegrenzten Menschen bewusst. Er bezeichnete sich als »größen- bzw. milieublind« so, wie andere Menschen farbenblind sind und in dem oben erwähnten Essay heißt es: »Ich habe nie […] begriffen, was an den besseren Leuten besser gewesen wäre oder hätte sein können. Mich zog‘s immer in die Siedlung, die wie unsere neu gebaut war, in der Arbeiter, Partei- und Gewerkschaftssekretäre wohnten; dort gab es die meisten Kinder und die besten Spielgenossen, immer genug Kinder, um Fußball, Räuber und Gendarm, später Schlagball zu spielen.« Ostern 1924 wurde Heinrich Böll in die Katholische Volksschule Brühler Straße 204 eingeschult. Der Kontakt zu seinen Spielgenossen brach mit der Einschulung ab. »Ich kam, als ich sechs war, in die katholische, die meisten von ihnen in die ›freie‹ Schule; wir hatten nicht einmal den Schulweg gemeinsam, und gemeinsam zu spielen war nicht mehr die Regel, sondern die Ausnahme.« Nach vier Jahren Volksschule wechselte Heinrich Böll am 17. April 1928 in die Sexta des Staatlichen Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums, Heinrichstraße 6, wo er am 6. Februar 1937 sein Abitur ablegte.

Bölls Interesse an pädagogischen Fragen im Zusammenhang mit Kindern im »Volksschulalter« beruhte auf der eigenen Erfahrung als Nachhilfelehrer in der unmittelbaren Nachkriegszeit und findet sich in seinem literarischen Werk, angefangen von der Erzählung Daniel der Gerechte bis hin zu den Protagonisten Martin Bach und Heinrich Brielach in dem Roman Haus ohne Hüter. Bölls weiterführende Gedanken zu diesem Themenkomplex sind auch in dem 1949 geschriebenen Essay Die Volksschulen nach dem 8. Mai 1945 artikuliert. Darin heißt es:

Es wäre noch besonders zu sprechen über die Aufgabe der Volksschulen als Zubringer zu den höheren Schulen, über die vielfachen Pläne zum Ausbau der Volks- und Abbau der höheren Schule. Was wirklich wohl über alle Streitigkeiten in dieser Frage hinaus das allgemeine Ziel sein müsste, ist die völlige Schulgeldfreiheit und eine wirkliche Auslese der Intelligenz. Einzig aus materiellen Gründen dürfte kein begabter Volksschüler gehindert sein, des Bildungsgutes der höheren Schule teilhaftig zu werden, während bei dem bestehenden System manchem unbegabten ›gutsituierten‹ Schüler – dem die erforderliche Nachhilfe gewährt werden kann – krampfhaft der Weg zur Universität geebnet wird. Eine wirkliche Auslese der Intelligenz würde auch die Furcht vor einem allzu großen Andrang auf die höheren Schulen illusorisch machen. Hier öffnet sich auch die Möglichkeit einer engeren Zusammenarbeit zwischen Volks- und höheren Schulen, die vielfach durch Ressentiment auf der einen und Hochmut auf der anderen Seite behindert ist.

Dieser Essay wurde nicht veröffentlicht, vermutlich aus »Raumgründen«, wie die Antwortkarte der Kölnischen Rundschau vom 29. August 1949 rückschließen lässt.

© Gabriele Ewenz / Markus Schäfer, 2024

Gabriele Ewenz

Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Markus Schäfer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Literatur

Siehe: Böll: Raderberg, Raderthal, S. 385; Die Volksschulen nach dem 8. Mai 1945, S. 162

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Friedrich Nietzsche singt im Gürzenich

Friedrich Nietzsche, ca. 1869 © Foto: Gebrüder Siebe, Leipzig

Der junge Friedrich Nietzsche (1844-1900) hatte nach dem Abitur noch keine konkrete Vorstellung von seiner universitären Ausbildung. Am 16. Oktober 1864 traf er in der Universitätsstadt Bonn ein, um sich an der theologischen Fakultät zu immatrikulieren. Im darauffolgenden Semester wechselte er von der Evangelisch-theologischen Fakultät zur Philosophischen Fakultät und studiert fortan Klassische Philologie.

In Bonn galt er in »studentischen Kreisen etwas als musikalische Autorität und außerdem als sonderbarer Kauz«, mit seinem Eintritt in die Burschenschaft Franconia kam es zur Begegnung mit vielen musikliebenden Philologen, die durch seine Klavierimprovisationen auf ihn aufmerksam wurden. Nietzsche hatte bereits einige Stücke komponiert und spielte bemerkenswert gut Klavier. Die Priorität unter seinen Interessen hatte das Bonner Musikleben. Bereits wenige Tage nach seiner Ankunft wurde er bei Musikdirektor Caspar Joseph Brambach (1833-1902) vorstellig, um ihm einige seiner Lieder zur Begutachtung vorzulegen. Er wurde Mitglied des städtischen Gesangvereins, besuchte Konzerte und begeisterte sich vor allem für Hector Berlioz und Robert Schumann, insbesondere für Schumanns Vertonung von George G. N. Byrons Manfred. Nietzsche ging so oft ins Konzert und Theater, dass er mehrmals seine Mutter um Geld bitten musste: »Wir besuchten fleißig das Bonner und Kölner Stadttheater« und »fehlten nie im Beethoven-Verein«, notierte Nietzsches Freund Paul Deussen (1845-1919) in seinem Buch Erinnerungen an Friedrich Nietzsche

Von Bonn aus fuhr Nietzsche regelmäßig mit seinen Kommilitonen nach Köln. Im Städtischen Theater Köln in der Komödienstraße sah er am 2.1.1865 Carl Devrient in Friedrich Schillers Wallensteins Tod, ein Gastspiel des Königlichen Hannoverschen Hofschauspiels. Die Hugenotten, eine Oper von Giacomo Meyerbeer, mit der sächsischen Kammersängerin Jenny Bürde-Ney, besuchte er am 29.1.1865 und am 4.2. des Jahres sah er das »Große musikalischdeklamatorische Patti-Konzert« Es folgte am 17.2.1865 ein weiterer Opernbesuch in Köln: Der Deserteur, eine Oper in 3 Akten von Ernst Pasqué, Musik von Ferdinand Hiller, unter persönlicher Leitung des Komponisten. Zusammenfassend schrieb Nietzsche an seine Mutter und die Schwester:

»Meine Erlebnisse beschränken sich in der letzten Zeit auf Kunstgenüsse. So viel und so bedeutendes habe ich in kurzer Zeit gehört, daß ich es selbst kaum glauben mag. Innerhalb weniger Wochen besuchten die bedeutendsten Künstlerinnen Köln und Bonn. Dein Wunsch, liebe Lisbeth, daß ich die Patti hören möchte, ist erfüllt. Was kann ich Euch alles von dem prachtvollen Patticonzert erzählen. Die geniale Niemann- Seebach habe ich kürzlich in den Nibelungen von Fr. Hebbel als Kriemhild gesehn. […]  Die Bürde-Ney […] habe ich in den Hugenotten und im Fidelio gehört.« 

Ein besonderes Ereignis war für den jungen Nietzsche die Teilnahme am 42. Niederrheinischen Musikfest, das an drei Tagen im Kölner Gürzenich stattfand. – Der Gürzenich in der Martinstraße wurde von 1441 bis 1447 als spätgotischer Festsaalbau auf dem Grundstück der Familie Gürzenich erbaut. Das Bauwerk hatte von Beginn an die Funktion eines städtischen Festhauses. Im Obergeschoss befindet sich der Festsaal, in dem damals Kölner Ehrengäste empfangen, Feste von Kaisern, Fürsten und Bürgern gefeiert, aber auch Krönungsfeiern, Gerichtstage und ein Reichstag abgehalten wurden. Im 17. Jahrhundert wurde das Gebäude vorübergehend als Kauf- und Warenhaus genutzt. Um 1820 wurde die mittelalterliche Festhaustradition wiederbelebt und das Gebäude bekam bald darauf den Stellenwert als wichtigste Kölner Veranstaltungsadresse. Von 1857 bis zur Fertigstellung der Kölner Philharmonie 1986 veranstaltete die Cölner Concert-Gesellschaft im Gürzenich ihre Konzertreihe. Hieraus gingen auch die regelmäßig stattfindenden Gürzenich-Konzerte sowie der Gürzenich-Chor und das Gürzenich-Orchester hervor. Werke von Johannes Brahms, Richard Strauss und Gustav Mahler kamen hier zur Uraufführung. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg konnte der Gürzenich 1955 wieder aufgebaut werden. – Zu den populärsten Festivitäten im Kölner Gürzenich gehören heute wie damals zahlreiche Karnevalsveranstaltungen, zudem dient der Gürzenich als Veranstaltungsort für Kongresse, Tagungen und Märkte.

Der Gürzenich von Südosten, 1827, Lithographie von A. Wünsch nach einer Zeichnung von J. P. Weyer, 25 x 20 cm; Kölnisches Stadtmuseum

Am 25. Mai des Jahres 1865 teilte Nietzsche seinem Freund Carl von Gersdorff mit: »Pfingsten ist in Köln das rheinische Musikfest, bitte komm herüber von Göttingen. Zur Aufführung kommen vornehmlich Israel in Aegypten von Händel, Faustmusik von Schumann, Jahreszeiten von Haydn und vieles andere. Ich bin ausübendes Mitglied . . . Alles Nähere findest Du in den Zeitungen«. Im 19. und 20. Jahrhundert war das Niederrheinische Musikfest eines der bedeutendsten Musikfeste im Bereich der Klassischen Musik. Von 1818 bis 1958 fand es mit einigen Unterbrechungen insgesamt 112 Mal im Wechsel mehrerer Städte, überwiegend in Aachen, Düsseldorf und Köln, statt.

Über das 42. Niederrheinische Musikfest berichtete die Kölnische Zeitung am 13.5.1865, dass auch 72 Sänger aus Bonn teilnehmen sollten, darunter befand sich auch der Student Friedrich Nietzsche: »Unter den vielen Festen, welche im Laufe dieses Jahres in unserer Stadt gefeiert werden, dürfte das Niederrheinische Musikfest eine hervorragende Stellung einnehmen. Die Vorbereitungen zu demselben nahen der Vollendung und berechtigen zu großen Erwartungen. Zu dem stattlichen hiesigen Chore, der bereits seit Ostern zu fleißigen Proben drei Mal wöchentlich im Gürzenich unter Hiller’s bewährter Leitung sich versammelt, haben die meisten Städte Rheinlands und Westfalens zahlreiche Mitwirkende angemeldet, so Bonn allein 72. Das Orchester wird, nachdem mit einer großen Zahl der besten Künstler Deutschlands und Belgiens Engagements abgeschlossen, jene gewaltige Tonfülle entwickeln, wie sie nur bei Musikfesten das Ohr des Kunstfreundes entzücken kann

Da die Teilnahme an den Hauptproben am 2., 3., 5. und 6. Juni für alle Sänger vorgeschrieben war, weilten Nietzsche und seine Bonner Chorkollegen insgesamt fünf Tage in Köln. Gleichzeitig wurde die Internationale landwirtschaftliche Ausstellung in Köln, die vom 2. Juni bis 4. Juli 1865 dauerte, eröffnet, so dass in der Stadt eine weltstädtische Atmosphäre zu bemerken war. In einem Brief an seine Schwester berichtete Nietzsche von seinen Eindrücken: »[…] Ich kann Dir diesmal von wunderschönen Tagen erzählen. Am Freitag den 2ten Juni, reiste ich nach Köln herüber zum niederrheinischen Musikfest. An demselben Tage wurde dort die internationale Ausstellung eröffnet. Köln machte in diesen Tagen einen weltstädtischen Eindruck. Ein unendliches Sprachen- und Trachtengewirr – ungeheuer viel Taschendiebe und andre Schwindler – alle Hotels bis in die entlegensten Räume gefüllt – die Stadt auf das anmutigste mit Fahnen geschmückt – das war der äußere Eindruck. Als Sänger bekam ich meine weißrote seidne Schleife auf die Brust und begab mich in die Probe. Du kennst leider den Gürzenichsaal nicht, ich habe Dir aber in den letzten Ferien eine fabelhafte Vorstellung erweckt durch den Vergleich mit dem Naumburger Börsensaal. Unser Chor bestand aus 182 Sopranen, 154 Alten, 113 Tenören und 172 Bässen. Dazu ein Orchester aus Künstlern bestehend von etwa 160 Mann, darunter 52 Violinen, 20 Violen, 21 Cellis und 14 Contrebässe. Sieben der besten Solosänger und Sängerinnen waren herangezogen worden. Das Ganze wurde von Hiller dirigiert. Von den Damen zeichneten sich viele durch Jugend und Schönheit aus. Bei den drei Hauptkonzerten erschienen sie alle in Weiß, mit blauen Achselschleifen und natürlichen oder gemachten Blumen im Haar. Eine jede hielt ein schönes Bukett in der Hand. Wir Herren alle in Frack und weißer Weste. Am ersten Abend saßen wir noch bis tief in die Nacht hinein zusammen und ich schlief endlich bei einem alten Frankonen auf dem Lehnstuhl und war den Morgen ganz taschenmesserartig zusammengeknickt. […]« 

Über die Eröffnung des Musikfestes mit Felix Mendelssohns Paulus-Ouvertüre und Georg Friedrich Händels Israel in Ägypten, in dem die über 700 Mitwirkenden ihren »Haupt-Triumph« feierten, unterrichtete Nietzsche seine Schwester: »Den Sonntag war das erste große Konzert. ›Israel in Ägypten‹ von Händel. Wir sangen mit unnachahmlicher Begeisterung bei 50 Grad Reaumur. Der Gürzenich war für alle drei Tage ausgekauft. Das Billett für das Einzelkonzert kostete 2-3 Taler. Die Ausführung war nach aller Urteil eine vollkommene. Es kam zu Szenen, die ich nie vergessen werde. Als Staegemann und Julius Stockhausen ›der König aller Bässe‹ ihr berühmtes Heldenduett sangen, brach ein unerhörter Sturm des Jubels aus, achtfache Bravos, Tusche der Trompeten, Dacapogeheul, sämtliche 300 Damen schleuderten ihre 300 Buketts den Sängern ins Gesicht, sie waren im eigentlichsten Sinne von einer Blumenwolke umhüllt. Die Szene wiederholte sich, als das Duett da capo gesungen war

Das Ende dieses ersten Pfingsttages verbrachte Nietzsche in geselliger Runde mit dem Kölner Männergesangverein in der Gürzenich-Restauration mit »carnevalistischen Toasten und Liedern, worin der Kölner blüht, unter vierstimmigem Gesänge und steigender Begeisterung. […] Um 3 Uhr morgens machte ich mich mit 2 Bekannten fort; und wir durchzogen die Stadt, klingelten an den Häusern, fanden nirgends ein Unterkommen, auch die Post nahm uns nicht auf – wir wollten in den Postwägen schlafen – bis endlich nach anderthalb Stunden ein Nachtwächter uns das Hôtel du Dome aufschloß. Wir sanken auf die Bänke des Speisesaals hin und waren in 2 Sekunden entschlafen. Draußen graute der Morgen. Nach 11/2 Stunden kam der Hausknecht und weckte uns, da der Saal gereinigt werden mußte. Wir brachen in humoristisch verzweifelter Stimmung auf, gingen über den Bahnhof nach Deutz herüber, genossen ein Frühstück und begaben uns mit höchst gedämpfter Stimme in die Probe. Wo ich mit großem Enthusiasmus einschlief (mit obligaten Posaunen und Pauken). Um so aufgeweckter war ich in der Aufführung am Nachmittag von 6-11 Uhr. Kamen darin doch meine liebsten Sachen vor, die Faustmusik von Schumann und die A-dur-Symphonie von Beethoven. Am Abend sehnte ich mich sehr nach einer Ruhestätte und irrte etwa in 13 Hotels herum, wo alles voll und übervoll war. Endlich im 14ten, nachdem auch hier der Wirt mir versicherte, daß alle Zimmer besetzt seien, erklärte ich ihm kaltblütig, daß ich hier bleiben würde, er möchte für ein Bett sorgen. Das geschah denn auch, in einem Restaurationszimmer wurden Feldbetten aufgeschlagen, für eine Nacht mit 20 Gr. zu bezahlen.

Am dritten Tag endlich fand das letzte Konzert statt, worin eine größere Anzahl von kleineren Sachen zur Aufführung kam. Der schönste Moment daraus war die Aufführung der Symphonie von Hiller mit dem Motto Es muß doch Frühling werden, die Musiker waren in seltner Begeisterung, denn wir alle verehrten Hiller höchlichst, nach jedem Teile ungeheurer Jubel und nach dem letzten eine ähnliche Szene nur noch gesteigert. Sein Thron wurde bedeckt mit Kränzen und Buketts, einer der Künstler setzte ihm den Lorbeerkranz auf, das Orchester stimmte einen 3fachen Tusch an, und der alte Mann bedeckte sein Gesicht und weinte. Was die Damen unendlich rührte.«

Die Begeisterung dieser mehrtägigen musikalischen Erlebnisse in Köln klangen noch lange bei Nietzsche nach, von einem Genuss höchsten Ranges schrieb er über das Niederrheinische Musikfest in Briefen an seine Schwester. Nietzsches Zeit am Rhein endete nach zwei Semestern.  Im Herbst 1865 setzte er das Studium schließlich in Leipzig fort, unter anderem weil sein Lehrer Friedrich Ritschl (1806-1876) dorthin berufen wurde. – Nicht unerwähnt soll eine weitere Begebenheit bleiben, die Nietzsche mit Köln verbindet. Neben den kulturellen Anziehungspunkten gab es in der Rheinmetropole auch andere Vergnügungsstätten für die Bonner Studenten. Im Februar 1865 reiste der junge Nietzsche alleine von Bonn nach Köln und ließ sich von einem Dienstmann die Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen. Am Ende des Rundgangs forderte er seinen Begleiter auf, ihn in ein Restaurant zu führen. Der Dienstmann missverstand und brachte ihn in eines der Kölner Bordelle, »ein übel berüchtigtes Haus. Ich sah mich«, so berichtete Nietzsche seinem Freund Deussen am darauffolgenden Tag, »plötzlich umgeben von einem halben Dutzend Erscheinungen in Flitter und Gaze, welche mich erwartungsvoll ansahen. Sprachlos stand ich eine Weile. Dann ging ich instinktmäßig auf ein Klavier als auf das einzige seelenhafte Wesen in der Gesellschaft los und schlug einige Akkorde an. Sie lösten meine Erstarrung, und ich gewann das Freie.«

– © Gabriele Ewenz, 2024

Gabriele Ewenz

Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Literatur

  • Friedrich Nietzsche: Briefe I/2. 1864-1869. Kritische Gesamtausgabe. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Berlin, New York 1975, Brief Nr. 461, 467, 469.
  • Paul Deussen: Erinnerungen an Friedrich Nietzsche. Leipzig 1901.
  • Kölnische Zeitung, 13.5.1865
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Heinrich Böll – Hansasaal

Heinrich und Annemarie Böll mit Sohn Raimund und Oberbürgermeister Theo Burauen im Hansasaal, 29.12.1972, Titelseite der Kölner Bürgerillustrierten, H. 3, 1972.

Am 29. Dezember 1972 ehrte die Stadt Köln Heinrich Böll mit einem Empfang im Hansasaal des Historischen Rathauses. Anlass der Ehrung, die mit einem Eintrag Bölls ins Goldene Buch der Stadt einherging, war die Verleihung des Nobelpreises für Literatur, den der Preisträger wenige Tage zuvor am 10. Dezember in Stockholm überreicht bekam. Die Preisverleihung nahm erstmals der schwedische Kronprinz Carl Gustav vor, der seinen Vater, den erkrankten König Gustav VI. Adolf, vertrat. – Am 9. März des Jahres war dieser noch zu Besuch in der Domstadt. – Heinrich Böll wurde in Stockholm für seine Verdienste zur Erneuerung der deutschen Literatur ausgezeichnet, er war nach Hermann Hesse der zweite deutsche Schriftsteller, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit dieser Auszeichnung bedacht wurde.

Der Hansasaal bildet das repräsentative Zentrum des Historischen Rathauses, er ist der größte (30 Meter lang, 7,60 Meter breit, 9,58 Meter hoch an der höchsten Stelle) und prächtigste Saal des gesamten Rathausensembles, der für feierliche Zeremonien, den Empfang von Staatsoberhäuptern, Königen und Königinnen oder Ordensverleihungen an verdienstvolle Kölner und Kölnerinnen genutzt wird. Ursprünglich war der Saal, der im 14. Jahrhundert erbaut wurde, die Tagungsstätte der Hanse, später diente er auch als Gerichtssaal. In der Nachkriegszeit musste der Raum aufwendig in seiner hochgotischen Form wiederhergestellt werden, da der Saal im Zweiten Weltkrieg fast völlig ausbrannte.

9 gute Helden, Historisches Rathaus Köln, v.l.n.r.: Karl der Große, König Artus, Gottfried von Bouillon, Josua, David, Judas Makkabäus, Julius Caesar, Hektor, Alexander der Große © Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Außergewöhnlich und beeindruckend ist vor allem die Innenausstattung des Hansasaals. An der südlichen Stirnwand befinden sich die »Neun guten Helden«, sie zählen zum wertvollsten Interieur des Rathauses und stammen aus der Zeit zwischen 1320 und 1330. Die Steinfiguren symbolisieren die drei Zeitalter der Heilsgeschichte des Augustinus und zeigen von links nach rechts: die Christen Karl der Große, König Artus, Gottfried von Bouillon, die Juden Josua, David, Judas Makkabäus sowie die Heiden Julius Caesar, Hektor und Alexander der Große. Die an der Nordseite angebrachten acht Prophetenfiguren aus Eichenholz stammen aus der Zeit um 1410, sie zierten früher die angrenzende Prophetenkammer.

Kölnisch um 1414, Acht Propheten, Eichenholz, Höhe 113-117 cm, Historisches Rathaus © Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln

Neben dem Hansasaal bilden weitere Gebäudeelemente, die teilweise miteinander verbunden sind, den Kölner Rathauskomplex. Er besteht aus dem um 1330 errichteten Kernbau mit Walmdach, dem von 1407 bis 1414 angebauten Rathausturm, den die Kölner Zünfte als Zeichen ihrer Stadtherrschaft errichten ließen, und einer vorgelagerten Renaissance-Laube. In einem später angegliederten Verwaltungsakt befinden sich Repräsentations- und Diensträumen der Oberbürgermeisterin beziehungsweise des Oberbürgermeisters. Die Piazzetta, ein 900 Quadratmeter großer und 12,60 Meter hoher Freiraum bildet die Mitte des Gebäudeensembles. Unter dem markanten schwebenden Kunstwerk Baldachin (1980) von Hann Trier finden in der Piazzetta überwiegend Veranstaltungen statt.

Beim Empfang zu Ehren Bölls im Dezember 1972, ging es erwartungsgemäß feierlich und gediegen zu. Der damalige Oberbürgermeister der Stadt Köln, Theo Burauen, hielt eine Laudatio auf den Preisträger, in der er Böll als Mensch bezeichnete, der »kein Freund von pathetischen Auftritten sei, dem überhaupt Äußerlichkeiten und Gepränge mißfielen«. Desweiteren hob Burauen hervor, dass Böll »ein heilsamer Mahner aus bitterer Liebe zum Menschen« sei und bat ihn am Ende seiner Rede, sich ins Goldene Buch der Stadt Köln einzutragen, um »die Namen Köln und Böll in einem Buch zu vereinen«. 

Goldenes Buch der Stadt Köln, Bd. 3, Historisches Archiv Köln. Signatur: HAStK Best. 7550, U 1833

In seiner Dankesrede, wie aus den Berichterstattungen in der Lokalpresse zu entnehmen ist, gestand der Literaturnobelpreisträger eine ›Straftat‹, die in die unmittelbare Nachkriegszeit zu datieren ist. Demnach fand Böll vor fast dreißig Jahren zwischen den Trümmern des zerstörten Rathauses den Fuß von einer der beschädigten Ratsherrnfiguren aus dem Hansasaal. Anstatt das ›Ratsherrnfüßchen‹ ordnungsgemäß bei der Stadt abzugeben, nahm Böll es mit und benutzte es fortan als Manuskriptbeschwerer. Bei einem seiner zahlreichen Umzüge habe er es im Verlauf der Jahre wohl dann irgendwann verloren. Nach diesem Geständnis ging man zum gemütlichen Teil des Abends über: serviert wurden traditionell Kölsch und kalte Platten, es wurde geplaudert und Böll ließ sich von Stadtkonservator Dr. Fried Mühlberg die Besonderheiten der Wandfiguren im Hansasaal erklären. Ein gelungener Empfang!

Im Dezember 2022 jährte sich zum fünfzigsten Mal die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Heinrich Böll. Aus diesem Anlass lud Oberbürgermeisterin Henriette Reker zu einer Veranstaltung des Heinrich-Böll-Archivs der Stadtbibliothek Köln in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung Berlin, der Erbengemeinschaft Heinrich Böll, dem Verlag Kiepenheuer & Witsch und dem dem Kulturradio WDR 3 in die Piazetta des Historischen Rathauses ein. Es diskutieren die Verlegerin Kerstin Gleba (Kiepenheuer & Witsch), die Schriftstellerin Katja Lange-Müller, der Schriftsteller Thomas von Steinaecker und der Rundfunkautor Terry Albrecht über die Wirkung, die Heinrich Bölls Literatur und sein gesellschaftliches Engagement damals hatte und welche Bedeutung ihm heute noch zukommt. Die Moderation hatte die Literaturkritikerin Sandra Kegel.

v.l.n.r.: Terry Albrecht, Kerstin Gleba, Sandra Kegel, Katja Lange-Müller, Thomas von Steinaecker, 24.11.2022, Piazetta Historisches Rathaus © Foto: Max Grönert

Die Berliner Autorin Katja Lange-Müller sprach an diesem Abend über das erzählerische Werk Heinrich Bölls. Einige Aspekte ihrer Ausführungen fasste sie in einem kurzen Text zusammen, den sie dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hat.

– © GE, 2023

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Heinrich Böll – Oberlandesgericht Köln

Oberlandesgericht Köln, 2012. © Foto: Reinhardhauke, CC BY-SA 3.0

Das Justizgebäude am Reichenspergerplatz wurde von 1907 bis 1911 im neubarocken Stil errichtet und war damals das größte Gerichtsgebäude in Preußen. Das neue, palastartige Gerichtsgebäude kostete 5,6 Millionen Mark und wurde am 7. Oktober 1911 seiner Bestimmung übergeben. Zur Zeit der Einweihung war das Gerichtsgebäude das größte in Deutschland mit 34 Sitzungssälen, 400 Geschäftszimmern, mit einer imposanten Eingangshalle und Fluren von mehr als 4 km Gesamtlänge. Dazu zählt auch eine für damalige Zeiten moderne technische Ausrüstung wie elektrisches Licht, Fernsprechsammelanlage und Aufzug. Das schlossartige Bauwerk sollte ein Symbol für die Unabhängigkeit der Gerichte gegenüber Königshäusern und Kirche sein. Ausdruck dafür ist auch eine Darstellung der römischen Göttin Justitia im Fries über dem Hauptportal. Die richtende Göttin der Gerechtigkeit ist dort in einem Relief ohne Augenbinde dargestellt – Ausdruck dafür, dass die Justiz zwar blind ist gegen Standesunterschiede, aber nicht blind gegenüber dem Menschen, dem sie in die Augen schaut.

Fries über dem Hauptportal des OLG Köln, Relief mit der Göttin Justitia. © Foto: CEphoto, Uwe Aranas CC BY-SA 3.0

Von 1969 bis 1982 wohnte Böll in der Hülchrather Straße ganz in der Nähe des Kölner Oberlandesgerichts. In dem 1972 veröffentlichten Essay Hülchrather Straße Nr. 7 erwähnte Böll auch das Gerichtsgebäude am Reichenspergerplatz:

»Beherrschend für das Viertel ist das große Schloß mit der weitläufigen Fassade, es zieht viele Besucher an, weil in ihm die große Dame mit den verbundenen Augen residiert; sie entscheidet über Ehen, Scheidungen, Miet- und Wohnungsstreit, Beleidigungsklagen, klärt Besitzverhältnisse. Es wäre ungerecht zu sagen, die Dame in ihrem Schloß wäre unproduktiv; eins wird ganz gewiß in ihrem Herrschaftsbereich produziert: Staub, jener besondere Staub, der sich in und auf Akten sammelt.«

Heinrich Böll: Hülchrather Str. Nr. 7

Die von Böll erwähnte »Dame mit den verbundenen Augen« ist die traditionelle Darstellung der Justitia mit Binde vor den Augen und einer Waage in der Hand. Eigentlich hätte ihm der Fries mit der Justitia ohne Augenbinde über dem Hauptportal auffallen müssen, da er in den 1970er Jahren in zahlreiche Rechtsstreitigkeiten verwickelt war. Angefangen von Schadensersatzklagen gegen den WDR im Zusammenhang mit dem Fernsehfilm Fedor M. Dostojewski, der am 10. Oktober 1972 mit einem Vergleich vor dem Oberlandesgericht Köln (OLG) endete, über eine Unterlassungsklage gegenüber dem ›ZDF-Magazin‹ Moderator Gerhard Löwenthal bis hin zu dem mit großer medialer Begleitung stattgefundenen Prozess gegen den Journalisten Matthias Walden und den ›Sender Freies Berlin‹ (SFB).

Heinrich Böll mit seinem Anwalt Hans Jürgen Prinz und seiner Schwester Gertrud Böll vor dem OLG, Februar 1975 © Foto: F.W. Holubovsky

In der Spätausgabe der Tagesschau machte Matthias Walden am 21. November 1974 mit teils falschen, teils ungenauen oder aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten Böll für ein Attentat auf den Berliner Kammergerichtspräsidenten von Drenkmann mitverantwortlich. Böll verklagte Walden und den SFB daraufhin vor dem Kölner Landgericht auf die Zahlung eines Schmerzensgeldes. Die Klage wurde zurückgewiesen.  Böll ging jedoch in die nächste Instanz – nicht, weil ihm an der persönlichen Auseinandersetzung mit Walden gelegen war, sondern weil er von einem Gericht klären lassen wollte, »wo die Grenzen zwischen Meinungsfreiheit und Verleumdung verlaufen«.

In zweiter Instanz sprach sich das Oberlandesgericht im Mai 1976 für eine Teilzahlung des Schmerzensgeldes aus. Nachdem dieses Urteil zwei Jahre später im Mai 1978 vom Bundesgerichtshof (BGH) aufgehoben wurde, legte Böll eine Verfassungsbeschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht (BVG) mit der Begründung ein, dass es in diesem Rechtsstreit um eine Abwägung der Grundrechte des Persönlichkeitsschutzes und der Pressefreiheit ginge. Im Juli 1980 wurde das BGH-Urteil durch das BVG aufgehoben, das die Klage zur erneuten Verhandlung an den BGH zurückwies, da in diesem Fall das Grundrecht des Persönlichkeitsschutzes höher zu bewerten sei als das der Pressefreiheit. Nach sieben Jahren Rechtsstreit entschied der Bundesgerichtshof im Dezember 1981 dann zugunsten Heinrich Bölls.

Daneben schrieb Heinrich Böll auch Gutachten für angeklagte Schriftstellerkollegen. »Als Autor ist man manchmal gezwungen, Gesetzesübertretungen in Erwägung zu ziehen, um ein Kunstwerk zu schaffen.« (KStA, 10.11.1976) So verteidigte Heinrich Böll den Kölner Schriftsteller Günter Wallraff, der im Urkundenfälschungs-Prozess am 9. November 1976 im Kölner Landgericht wegen Vorlage einer falschen Steuerkarte vom Gerling-Konzern angezeigt wurde, nachdem er seine Beobachtungen in dem Buch Ihr da oben – wir da unten veröffentlicht hatte.

Seine reichlichen Erfahrungen mit der deutschen Gerichtsbarkeit finden auch Eingang in seinem oben erwähnten Essay über das »Schloß« in der die Dame mit den verbundenen Augen« residiert:

»Da findet so manche rasche Verwandlung statt, die sichtbaren Türhüter sind freundlich, die unsichtbaren Türhüter, ich nehme an, sie lächeln, nicht verächtlich, eher traurig, wohl weil sie ahnen, daß hier auf ewig Mißverständnis herrscht: Mißverständnis über die verschiedenen Arten der Wörtlichkeit, die permanent hier aufeinanderprallen, die Wörtlichkeit der Eingeweihten und Einverstandenen mit der der anderen, die nicht begreifen können und wollen, daß geschriebenes, gesprochenes Recht eine andere Wörtlichkeit hat als ihr Streben, Gerechtigkeit zu erlangen. Da wird, was klar schien, unklar, geschriebenes, gesprochenes, ausgelegtes und gedeutetes Recht hat eine andere Dimension als jener Wunsch nach Gerechtigkeit, der eine andere Selbstverständlichkeit hat, als in diesem Labyrinth sichtbar wird.«

Heinrich Böll: Hülchrather Straße, Nr. 7

– © Markus Schäfer, 2023

Markus Schäfer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Literatur
  • Siehe: Böll: Hülchrather Str., S. 79, S. 80.
  • Verhandlung vor dem Kölner Landgericht gegen Günter Wallraff am 9.11.1976. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 10.11.1976, S. 10 u.d.T.: Verbotenes ohne Strafe. Heinrich Böll sprach vor dem Landgericht als Sachverständiger.
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Poetica – Festival für Weltliteratur

Eingang zum Hauptgebäude der Universität zu Köln, 2019 © Universität Köln/Poetica/Silviu Guiman

Die Poetica ist ein internationales Literaturfestival, das seit 2015 jährlich in Köln stattfindet. Es wird von der Universität zu Köln in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und kulturellen Einrichtungen der Stadt Köln veranstaltet und rückt im Besonderen die Lyrik als marginalisierte Gattung der Weltliteratur in den Blickpunkt. Ein Autor bzw. eine Autorin kuratiert und moderiert das Festival und lädt zu einem Leitthema bis zu zehn prominente Dichter*innen aus aller Welt ein. Die Ausgangsidee für die Poetica war, dass Literatur ebenso Wissen formt wie die Wissenschaften und der Vergleich ästhetischer Ideen im Dialog von Dichter*innen und Wissenschaftler*innen einen hervorragenden Zugang zum Verständnis fremder Kulturen und ihrer potentiell unterschiedlichen Antworten auf zentrale Daseinsfragen ermöglicht.

Charakteristisch für die Poetica ist die Präsenz aller Autor*innen bei den Veranstaltungen der Festivalwoche sowie die Vielfalt ihrer Veranstaltungsorte und Formate, von Diskussionen in der Universität und einer Schreibwerkstatt für Studierende über Lesungen bis zur szenischen Umsetzung von Poesie im Schauspiel Köln. Die literarischen Texte werden bei allen Veranstaltungen in der jeweiligen Originalsprache durch die Autor*innen und in deutscher Sprache durch Schauspieler*innen vorgetragen. Die Moderationen erfolgen in der Regel in englischer und deutscher Sprache. Die Haupttexte und Essays dokumentiert eine Buchpublikation, die zum Auftaktabend der Poetica vorliegt. Von 2015 bis 2021 war die Poetica Teil des Internationalen Kollegs Morphomata.

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Poetica 1 (2015)

Motto: M’illumino/d’immenso / Ich erleuchte mich/durch Unermeßliches
Kurator: Michael Krüger

Programm

  • Yeşim Ağaoğlu (Türkei)
  • Jürgen Becker (Deutschland)
  • Marcel Beyer (Deutschland)
  • John Burnside (Großbritannien)
  • Lars Gustafsson (Schweden)
  • Aleš Šteger (Slowenien)
  • Pia Tafdrup (Dänemark)
  • Yang Lian (China)
  • Adam Zagajewski (Polen)
Poetica 2 (2016)

Motto: Blue Notes
Kurator: Aleš Šteger

Programm

  • Jurij Andruchowytsch (Ukraine)
  • Bernardo Atxaga (Spanien)
  • Heinrich Detering (Deutschland)
  • Lavinia Greenlaw (Großbritannien)
  • Georgi Gospodinow (Bulgarien)
  • Durs Grünbein (Deutschland)
  • Navid Kermani (Deutschland)
  • Michael Krüger (Deutschland)
  • Martin Mosebach (Deutschland)
  • Paul Muldoon (USA)
  • Ilma Rakusa (Schweiz)
  • Monika Rinck (Deutschland)
  • Ana Ristović (Serbien)
  • Sjón (Island)
Poetica 3 (2017)

Motto: Die Seele und ihre Sprachen
Kuratorin: Monika Rinck

Programm

  • Javier Bello (Chile)
  • Michael Donhauser (Luxemburg/Österreich)
  • Nurduran Duman (Türkei)
  • Maricela Guerrero (Mexiko)
  • Gila Lustiger (Frankreich)
  • Angelika Meier (Deutschland)
  • Zeruya Shalev (Israel)
  • Eleni Sikelianos (USA)
  • Galsan Tschinag (Mongolei)
  • Stefan Weidner (Deutschland)
  • Lorenz Wilkens (Deutschland)
Poetica 4 (2018)

Motto: Beyond identities
Kuratorin: Yoko Tawada

Programm

  • Jeffrey Angles (USA)
  • Bei Dao (China)
  • Anneke Brassinga (Niederlande)
  • Teju Cole (USA/Nigeria)
  • Hiromi Itō (Japan)
  • Kim Hyesoon (Südkorea)
  • Barbara Köhler (Deutschland)
  • Morten Søndergaard (Dänemark)
  • Monique Truong (USA/Vietnam)
  • Jan Wagner (Deutschland)
Poetica 5 (2019)

Motto: Rausch / States of Euphoria
Kurator: Aris Fioretos 

Programm

  • Mircea Cărtărescu (Rumänien)
  • Oswald Egger (Deutschland)
  • Christian Kracht (Schweiz)
  • Mara Lee (Schweden)
  • Lebogang Mashile (Südafrika)
  • Agi Mishol (Israel)
  • Marion Poschmann (Deutschland)
  • Jo Shapcott (Großbritannien)
Poetica 6 (2020)

Motto: Widerstand. The Art of Resistance
Kurator: Jan Wagner 

Programm

  • Tadeusz Dąbrowski (Polen)
  • Erik Lindner (Niederlande)
  • Luljeta Lleshanaku (Albanien)
  • Agi Mishol (Israel)
  • Helen Mort (Großbritannien)
  • Herta Müller (Deutschland)
  • Sergio Raimondi (Argentinien)
  • Xi Chuan (China)
  • Serhij Zhadan (Ukraine)
Poetica 7 (2021/2022)

Motto: Sounding Archives – Poesie zwischen Experiment und Dokument
Kuratorin: Uljana Wolf

Programm

  • Swetlana Alexijewitsch (Weißrussland)
  • Ain Bailey (Großbritannien)
  • Don Mee Choi (USA)
  • Yan Jun (China)
  • Fiston Mwanza Mujila (Kongo/Österreich)
  • Carlos Soto-Román (Chile)
  • Maria Stepanova (Russland)
  • Anja Utler (Deutschland)
  • Cecilia Vicuña (USA/Chile)
  • Valzhyna Mort (Weißrussland)
Poetica 8 (2023)

Motto: Das chorische Ich – Writing in the name of
Kurator: Christian Filips

Programm

  • Daniela Danz (Deutschland)
  • Logan February (Nigeria)
  • Lionel Fogarty (Australien)
  • Kim de l’Horizon (Schweiz)
  • Kateryna Kalytko (Ukraine)
  • Els Moors (Belgien)
  • James Noël (Haiti)
  • Patti Smith (USA)
  • Sukirtharani (Indien)
  • Zheng Xiaoqiong (China)
Poetica 9 (2024)

Motto: Nach der Natur – Imaginations of Nature Poetry
Kuratorin: Daniela Danz

Programm

  • Takako Arai (Japan)
  • Ali Abdollahi (Iran)
  • Camille T. Dungy (USA)
  • Kendel Hippolyte (Karibik)
  • Esther Kinsky (Deutschland)
  • Nikola Madžirov (Nordmazedonien)
  • María Paz Guerrero (Kolumbien)
  • Rou Reynolds (Großbritannien)
  • Liana Sakelliou (Griechenland)
  • Raphael Urweider (Schweiz)
Poetica 10 (2025)

Motto: Poetic Thinking and Hospitality
Kuratoren: Günter Blamberger, Uljana Wolf, Michaela Predeick
Programm

  • Lina Atfah (Syrien/Deutschland)
  • Radna Fabias (Curaçao/Niederlande)
  • Hiromi Itō (Japan)
  • Michael Krüger (Deutschland)
  • Lebogang Mashile (Südafrika)
  • Fiston Mwanza Mujila (Kongo/Österreich)
  • Sergio Raimondi (Argentinien)
  • Claudia Rankine (USA)
  • Monika Rinck (Deutschland)
  • Sasha Marianna Salzmann (Deutschland)
  • Sjón (Island)
  • Yoko Tawada (Japan/Deutschland)
  • Aki Takase (Japan)
  • Jan Wagner (Deutschland)

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Heinrich Böll – Vondelstraße 28

Vondelstraße 28, Aufnahme von 1998 © Foto: Heinrich-Böll-Archiv
Visitenkarte von Viktor Böll, 1925

1896 eröffneten Viktor Böll (1870–1960) und sein Kolpingbruder Wilhelm Polls (1866–1950) am Wormser Platz 13 [heute Martin-Luther-Platz] in der Kölner Südstadt ihr »Atelier für kirchliche Kunst«. Eine Schreinerei, die für die zahlreichen Sakralbauten in und um Köln Beichtstühle, Orgelbrüstungen, Bänke und anderes kirchliches Mobiliar anfertigte – und dies dank ihres Erfolges mit bis zu sechzehn Gesellen. Die positive Auftragslage führte dazu, dass der Handwerksbetrieb expandierte und die Geschäftspartner 1898 in der Vondelstraße zwei Häuser errichten konnten. Im gemeinsamen Hinterhof der Häuser Nr. 28 und Nr. 30 firmierte ab 1902 die Schreinerei unter dem Namen »Böll & Polls – Werkstatt für Kirchenmöbel«. Nachdem sich in den Jahren seit Ende des Ersten Weltkriegs die Auftrags- und Versorgungslage verschlechterte, trennten sich die Geschäftspartner 1920 gütlich und Viktor Böll, dem die Werkstatt verblieb, führte den Betrieb als »Kunsttischlerei, Werkstätten für kirchliche Kunst« bis in die 1930er Jahre erfolgreich weiter.

In seinem 1952 publizierten Essay Über mich selbst beschrieb Heinrich Böll als eine seiner ersten Erinnerungen die Schreinerwerkstatt seines Vaters: »Holzgeruch, der Geruch von Leim, Schellack und Beize; der Anblick frischgehobelter Bretter, das Hinterhaus einer Mietskaserne, in der die Werkstatt lag«. Besonders reizvoll war für ihn das Büro der Schreinerei, das er in seinem Text Was soll aus dem Jungen bloß werden? näher beschrieb. Das »Bürohäuschen war verlockend gemütlich, ganz aus Holz, etwas zwischen Blockhaus und Baracke, es hatte schöne, solide gearbeitete Rollschränke mit Schiebetüren aus grünem Glas, in denen Beschläge und Zeichnungen lagen: neogotische Türmchen, Säulchen, Blumen, Heiligenfiguren; Entwürfe zu Beichtstühlen, Kanzeln, Altären und Kommunionbänken, Möbeln, und es gab da noch eine alte Kopierpresse aus Vorkriegszeiten, und immer noch Kartons mit Glühbirnen mit Bajonettverschlüssen, obwohl wir doch Hunderte davon im Garten der Kreuznacher Straße zerschossen hatten. Grüne Bürolampen, ein großer Tisch mit grünem Linoleum; Leimplatten, Werkzeug.«
Die Schreibmaschine des Werkstattbüros diente dem jungen Heinrich Böll zur Niederschrift seiner ersten, stilistisch noch tastenden, thematisch aber selbstgewissen Schreibversuche:

Die ersten Arbeiten stehen ganz sicher unter dem Einfluß der Dostojewski-Lektüre. Das Ambiente von Raskolnikow und Arme Leute fand ich in der Nachbarschaft, in den Mietskasernen, in denen mein Vater seine Werkstatt hatte; das ganze Milieu und Viertelmaterial, das ich aus dieser Lektüre kannte.«

Heinrich Böll: Über mich selbst


Einige der aus dieser Zeit überlieferten Typoskripte wurden auf der Rückseite der Rechnungsformulare des Betriebs geschrieben: »Viktor Böll, Köln, Kunsttischlerei, Werkstätten für kirchl. Kunst, Vondelstraße 28–30. Im Februar 1933, kurz vor der nationalsozialistischen Machtübernahme, übertrug der zum damaligen Zeitpunkt 63jährige Viktor Böll die Werkstatt an Heinrich Bölls ältesten Bruder Alois (1911–1981), der sie bis zum Juli 1955 als selbständiger Schreinermeister weiterführte. Alois Böll wurde Heinrich Bölls erster Arbeitgeber als dieser Mitte September 1945 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde. Von Oktober 1945 bis Mai 1946 arbeitete er als Hilfsarbeiter in der Werkstatt seines Bruders. Nach dem Tode Viktor Bölls 1960 wurde das Haus in der Vondelstraße verkauft und der Erlös unter den Erben aufgeteilt.

Anlässlich des 100. Geburtstage von Heinrich Böll produzierte der WDR 2017 eine Augmented-Reality Entdeckungsreise auf den Spuren des Autors durch die Kölner Südstadt. Wolfgang Niedecken führt die Betrachter auch in die Vondelstraße.  
Böll folgen: Heinrich Böll – in der Südstadt

© Gabriele Ewenz / Markus Schäfer, 2022

Gabriele Ewenz

Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Markus Schäfer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Literatur

Siehe: Böll: Über mich selbst, S. 32; Was soll aus dem Jungen bloß werden?, S. 401.

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Selim Özdoğan – Mülheimer Stadtgarten

Mülheimer Stadtgarten, Wasseranlage © Willy Horsch CC BY 3.0

Die ersten Freistunden in der Schule habe ich hier verbracht, später auch die geschwänzten Stunden. Wir saßen auf den Lehnen der Parkbänke, die Füße auf der Sitzfläche und haben geredet. Es hätte nichts Schöneres geben können, das Gefühl einem Zwang entkommen zu sein gepaart mit einem Gespräch. 

Nachmittags war ich mit anderen als meinen Mitschülern im Stadtgarten, wir hingen dann auf dem Spielplatz rum, rauchten und es war wichtig die richtigen Bekanntschaften zu haben, wenn man nicht Gefahr laufen wollte in eine Prügelei zu geraten.

Die Leute, die ich aus der Schule kannte und die, mit denen ich nachmittags zusammen war, hatten kaum Berührungspunkte. Doch ich war mit den einen und mit den anderen in diesem Park und habe dort Stunden verbracht, die ich nicht missen möchte.

Mit einem Mädchen, mit dem ich später zusammen war, habe ich auch erst einige Male in diesem Park auf einer Bank gesessen und geredet. Wir haben viel geredet, ich war ganz berauscht davon.

Ein paar Jahre später, als es mir ernst war mit dem Schriftsteller werden, saß ich oft unter einer Kastanie und habe gelesen.

Worte. Wenn ich an diesen Park denke, denke ich immer auch an Worte und die Verbindungen, die sie geschaffen haben. Die Worte haben mich verbunden mit meinen Mitschülern, sie haben mich verbunden mit meinen Freunden, sie haben mich verbunden mit diesem Mädchen, das eine Stufe unter mir auf dieselbe Schule ging

Vielleicht war der Stadtgarten für ein paar Jahre der Ort, an dem ich am meisten gesprochen und zugehört habe.«

– © Selim Özdoğan, 2022


Für die Abdruckgenehmigung des bislang unpublizierten Textes danken wir dem Autor.

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Nava Ebrahimi – Wiener Weg 20

Ein Gastbeitrag von Martin Oehlen
Hochhaus-Siedlung, Wiener Weg, Köln-Junkersdorf, 2022 © Foto: Martin Oehlen

»Ich habe in Köln wirklich an jeder Ecke Erinnerungen«, sagt Nava Ebrahimi im Gespräch. Sie habe »fast überall« in der Stadt gelebt. Ihre Aufzählung der Wohnadressen ist tatsächlich eindrucksvoll: in Chorweiler »in einem der Hochhäuser«, in Junkersdorf am Wiener Weg und im Univiertel »direkt an den Bahngleisen«. Als Nava Ebrahimi »zehn oder elf Jahre« alt ist, zieht die Familie in den Westerwald, was sie als »Katastrophe« bezeichnet. Nach dem Abitur in Bad Ems geht es zurück nach Köln, wo sie die Journalistenschule im Mediapark besucht, die ein paralleles Studium der Volkswirtschaftslehre vorschreibt: »Ich selbst wäre nicht auf die Idee gekommen, VWL zu studieren.« Das Studium führt zu neuen Wohnungen. Erst einmal für einen Monat ins Herkules-Hochhaus an der Inneren Kanalstraße, dann in die Eintrachtstraße am Eigelstein, in die Mechternstraße beim Neptunbad, in die Vasterstraße in Neu-Ehrenfeld (»Haltestelle Iltisstraße«), in die Pfälzer Straße am Barbarossaplatz und in die Achterstraße im Severinsviertel. »Vor Chorweiler gab es vermutlich auch noch zwei, drei Adressen – aber da war ich zu klein, um mich daran erinnern zu können. Ach so, in der Moltkestraße habe ich auch einmal gewohnt.«

Die Schriftstellerin, die seit 2012 in Graz in Österreich lebt, wurde 1978 in Teheran im Iran geboren und kam im Alter von drei Jahren nach Köln. Ihr erster Roman Sechzehn Wörter (2017), ausgezeichnet mit dem Debütpreis zum Österreichischen Buchpreis und im Jahre 2022 das »Buch für die Stadt« in Köln und der Region, schildert das Leben in zwei Kulturen. Auch der nachfolgende Roman Das Paradies meines Nachbarn (2020) verbindet eine Vergangenheit im Iran mit der Gegenwart in Deutschland. Für ihre Kurzgeschichte Der Cousin wird sie 2021 mit dem Bachmannpreis in Klagenfurt geehrt. 

Hochhaus-Siedlung, Wiener Weg, Köln-Junkersdorf, 2022 © Foto: Martin Oehlen
Nava Ebrahimi beim Kölner Karneval © Foto: Nava Ebrahimi

Besonders wichtig, sagt Nava Ebrahimi, sei für sie die Kölner Wohnung am Wiener Weg 20 in Junkersdorf gewesen, weil sie damals eingeschult worden sei. »Das war eine prägende Zeit.« Warum sie die katholische Ildefons-Herwegen-Grundschule besucht habe, obwohl in demselben Gebäude auch eine staatliche Grundschule gewesen sei, habe sie bis heute nicht ganz klären können. »Das war eigentlich total schräg, weil ich die einzige Muslimin in der Klasse war«, sagt sie. »Ich hatte einen gewissen Sonderstatus, aber ich war da gerne.« Sie habe auch den Religionsunterricht mitgemacht und jeden Freitag den Schulgottesdienst in der Kirche besucht. »Ich war die einzige Schülerin, die nicht zur Kommunion gegangen ist. Aber ich habe immer aus voller Kehle die Lieder mitgesungen. Ich habe mich nie ausgegrenzt gefühlt. Vielleicht romantisiere ich das auch etwas durch die Erfahrungen im Westerwald. Aber ich habe mich in der Grundschule schon sehr wohl gefühlt. Ich habe Karneval mitgefeiert – und das war schon das Wichtigste für die Integration.« Wenn es überhaupt eine Spannung in der Klasse gegeben haben sollte, dann sei diese auf die sozialen Unterschiede zurückzuführen gewesen – die eine Hälfte kam »aus der Hochhaus-Siedlung am Wiener Weg und die andere aus den schönen alten Häusern rund um die Frankenstraße.«

Mit der Literatur sei sie erst spät in Kontakt gekommen, erzählt Nava Ebrahimi. Bücher hätten nach der Emigration aus dem Iran kaum noch eine Rolle in der bildungsnahen Familie gespielt. Zum einen hätten die Eltern »wirklich viel gearbeitet«, zum anderen sei es damals in Deutschland schwierig gewesen, an iranische Literatur zu gelangen. Dann habe sie im Alter von 12 Jahren von einer Cousine einen Band mit Erzählungen von Heinrich Böll geschenkt bekommen. »Eigentlich hatte ich vorher nur wenige Bücher gehabt – und dann gleich so etwas.« Auf diese Weise sei Heinrich Böll zu einer ihrer frühesten Leseerfahrungen geworden. In dem Band sei ihr die Erzählung An der Brücke (1950) besonders nahegegangen. Diese wird auch in ihrem Roman Sechzehn Wörter hervorgehoben. Der aus Persien stammende Dichter SAID, der 2021 in München gestorben ist, habe einmal in einem Interview gesagt, dass dies für ihn eine »persische« Geschichte sei – »und das habe ich auch so empfunden.« Persisch wirke der Böll-Text, weil er voller Andeutungen sei, vieles in der Schwebe lasse und sehr sehnsuchtsvoll angelegt sei.

Erste literarische Versuche unternahm Nava Ebrahimi mit 15, 16 Jahren. »Das waren noch Zwischenformen aus Brief und Tagebuch mit prosaischem Einschlag.« Mit 20 Jahren habe sie begonnen, Texte zu Wettbewerben einzuschicken. Das habe auch oft geklappt. Ansätze zum Debütroman Sechzehn Wörter gab es schon recht früh. Doch dabei blieb es zunächst. Ihre Erfahrung ist: »40 Seiten schreibt man schnell mal runter. Aber wenn man an den Punkt kommt, an dem man sich wirklich Gedanken über die Form und die Struktur machen muss, wenn es also richtig Arbeit macht, lässt man es dann oft liegen – zumal dann, wenn man noch einen anderen Beruf hat.« Den hatte Nava Ebrahimi in Köln: Sie war unter anderem tätig als Journalistin für die Financial Times Deutschland und die Stadtrevue. Erst nach dem Umzug nach Graz im Jahre 2012 fand sie die Zeit zum Schreiben, weil sie in Österreich anfangs »niemanden kannte, keinen Job hatte und mit dem Baby zuhause saß.«

Ein Anlass, sich auf Sechzehn Wörter einzulassen, sei ihre iranische Großmutter gewesen: »Sie ist eine wichtige Frau in meinem Leben und ein ganz, ganz ambivalenter Mensch.« Mit der Niederschrift des Romans habe sie versucht, diese Person zu fassen zu kriegen. Und dann wollte Nava Ebrahimi auch noch erzählen von einem Leben in und mit zwei Kulturen, der deutschen und der iranischen. »Ich bin immer relativ ›allein unter Weißen‹ gewesen, um den Buchtitel von Mohamed Amjahid zu zitieren. Ob auf der Grundschule in Junkersdorf oder in Bad Ems, wo ich Abitur gemacht habe, war ich meist die einzige Nicht-Weiße, die einzige Nicht-Deutsche beziehungsweise Nicht-Deutsch-Deutsche.« Ein Doppelleben in zwei Welten sei es gewesen, und sie habe nicht recht gewusst: »wohin damit.« Zwar gebe es im Literatur-Kanon Texte über ein solche existentielle Zerrissenheit, über die Erfahrung, »nicht zu wissen, wo man hingehört.« Damit habe sie sich ein Stück weit identifizieren können. »Aber die speziellen Konflikte und Widersprüche, die ich aushalten musste, habe ich nirgends repräsentiert gefunden.« So sei das Schreiben auch ein Versuch gewesen, sich mitzuteilen und zu finden. Nava Ebrahimi hat eine Weile in Hamburg gelebt. Das war noch vor dem Umzug nach Graz:

»Ich fand Hamburg toll, habe das wirklich geliebt und das ist für mich die schönste und liebenswerteste Stadt in Deutschland. Ich bin dann aber immer wieder zu Prüfungen an die Uni nach Köln gefahren – und wenn ich dann den Dom gesehen habe, ist mir das Herz aufgegangen. Obwohl ich mich so wohl in Hamburg gefühlt habe, bin ich dann doch nach Köln zurückgezogen. Es hat eben etwas gefehlt. Da habe ich gemerkt, dass ich für Köln mehr Gefühle habe als für einen anderen Ort.«

Nava Ebrahimi

Das liege daran, wiederholt Nava Ebrahimi, »dass ich in Köln an jeder Ecke Erinnerungen habe.« Spontan fällt ihr die markante Neonreklame Er trinkt, sie trinkt!  am Rudolfplatz ein, die sie als Kind, in der Straßenbahn-Linie 1 sitzend, beeindruckt habe. Nava Ebrahimi fasst zusammen: »Kein Ort kommt für mich näher an ›Heimat‹ heran als Köln.«

– © Martin Oehlen, 2022

Martin Oehlen

geb. 1955 in Kaldenkirchen, kam 1980 nach seinem Studium zum Kölner Stadt-Anzeiger. 1989 wurde er stellvertretender Leiter der Kulturredaktion; gemeinsam mit Reiner Hartmann übernahm Oehlen 1994 die Leitung des Ressorts Kultur; ab 2001 war er alleiniger Ressortleiter. Besonders verdienstvoll war sein Engagement für die Aktionen »Kultursonntag«, »Ein Buch für die Stadt« und für das monatliche »Büchermagazin« des Kölner Stadt-Anzeiger. Als Autor und Rezensent arbeitet er auch nach seiner Pensionierung (2019) für den Kölner Stadt-Anzeiger; gemeinsam mit Petra Pluwatsch betreibt Oehlen den Literaturblog Bücheratlas.

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