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Frau Richmodis von Aducht und die zwei Schimmel.

(Nach Kiefer, Sagen des Rheinlands S. 48. Poetisch behandelt v. E. v. Groote bei Ziehnert, Preuß. Sagen Bd. III. S. 215 etc.)

Um die Mitte des 14. Jhdts. lebte zu Cölln auf dem Neumarkt ein Herr von Aducht, reich und hochangesehen, mit seiner Ehefrau Richmodis. Die zwei Eheleute liebten sich zärtlich, was eins wollte, das wollte auch das andere und ihre Ehe war ein Muster für alle Hauswirthschaften. Da trug es sich zu, daß die Pest im Jahre 1357 auch in Cölln ausbrach und fürchterlich wüthete. Niemand kam mehr zu dem Andern, Jedermann sperrte sich ab und so kam es, daß als Frau Richmodis ebenfalls an der bösen Seuche erkrankte und im Laufe einiger Stunden derselben auch erlag, an eine genaue Untersuchung der Verblichenen, ob sie wirklich todt sei, Niemand dachte, sondern daß man, um Ansteckung zu verhüten, die Leiche so schnell als möglich aus dem Hause schaffte und dieselbe eiligst und in aller Stille auf dem Friedhofe zu St. Aposteln beisetzte. Doch hatte der tiefbetrübte Gatte, um sein geliebtes Weib wenigstens einigermaßen noch im Tode zu ehren, ihr ein kostbares Geschmeide und einen prachtvollen Ring ins Grab mitgegeben. Dieser Umstand war den Todtengräbern nicht entgangen, sie beschlossen das Grab zu öffnen und sich jener Kleinode zu bemächtigen. Sie stiegen also um die Mitternachtsstunde in die Gruft hinab und schon hatten sie die Leiche alles ihres Schmuckes beraubt, und bemühten sich eben ihr den etwas festsitzenden Ring vom Finger zu ziehen, als sie sich plötzlich aufrichtete und die Frevler mit großen Augen anstarrte – Frau Richmodis war nämlich nur scheintodt gewesen. Die Räuber in dem Wahn, der Geist der Abgeschiedenen wolle ihre Unthat rächen, ergriffen die Flucht und eilten so bestürzt davon, daß sie das Geschmeide sowohl als die Laterne, welche sie mitgebracht hatten, zurückließen. Nicht minder groß war aber das Entsetzen der aus dem Todesschlafe erwachten Frau Richmodis, als sie vollends zu sich kam und sah, an welchem Orte sie sich befand. Sie nahm jedoch nach und nach ihre Kräfte zusammen, raffte sich aus ihrer geistigen und körperlichen Betäubung auf, stieg aus dem Sarge und versuchte nun, die Leuchte in der Hand, aus der Gruft heraus zu klettern und den Weg nach ihrer Wohnung anzutreten. Dies gelang ihr auch, freilich mit vieler Mühe und sehr langsam, allein endlich langte sie doch an ihrem Hause an, wo Alles in tiefem Schlafe lag. Frau Richmodis mußte lange pochen, bis endlich einer der Diener des Hauses aufwachte und durchs Fenster hinaus fragte, wer da sei und so spät noch Einlaß begehre? Als sie dem Fragenden ihren Namen sagte und derselbe auch sofort die Stimme seiner Herrin erkannte, da eilte derselbe von Entsetzen ergriffen hinauf ins Schlafgemach des Hausherrn, weckte ihn und berichtete demselben zitternd vor Angst was er eben gehört hatte. Herr von Aducht aber wollte dem Diener nicht glauben, hieß ihn einen furchtsamen Thoren und rief endlich, da derselbe die Wahrheit seiner Aussage mit den feierlichsten Schwüren betheuerte: »Meine Hausfrau kann ebenso wenig vom Tode auferstanden sein, als meine zwei Pferde aus dem Stalle brechen und auf den Söller steigen werden, um von da hinab in die Straße zu schauen!«

Richmodis-Sage in einer Darstellung aus dem 17. Jhr. Kupferstich von Abraham Aubry

Kaum hatte er jedoch diese Worte gesprochen, da ließ sich auf der Treppe ein gewaltiges Trampeln und Poltern hören und mit Grauen sah Herr von Aducht, wie seine zwei Schimmel eben im Begriffe waren zum Speicher emporzuklimmen. Da leuchtete ihm ein, daß der Diener doch die Wahrheit gesprochen haben müsse und daß bei Gott kein Ding unmöglich sei, er eilte die Treppe hinunter, öffnete die Hausthüre und siehe vor derselben stand seine Gemahlin im Sterbekleide, vor Frost bebend, aber doch lebendig. Die sorgsamste Pflege verschaffte ihr bald ihre Kräfte wieder, sie lebte noch eine Reihe von Jahren gesund und glücklich mit ihrem Gatten, gab ihm auch noch drei Söhne, allein sie blieb seit dieser Auferstehung doch stets in sich gekehrt und ernst und Niemand hat sie seit dieser Zeit je wieder lachen sehen.

Noch lange zeigte man aber in Cölln das ehemalige Aducht’sche Haus, welches den Namen zum Papageien führte, auch ihr Grab ward lange erhalten, auch ein Gemälde, worauf die ganze Begebenheit abgebildet war, befand sich in der Apostelkirche zu Cölln in der Vorhalle bis zum Jahre 1585, wo dieselbe abgebrochen ward und das Bild wegkam. Noch heute aber zeigt man in der genannten Kirche ein Fastentuch, welches sie aus Dankbarkeit für ihre Errettung aus der Todesgefahr dieser Kirche geweiht und selbst kunstreich gewebt hatte. Auf diesem sind Maria und die Jünger dargestellt, wie sie zum Gekreuzigten flehen, am Kreuze aber liegt ein Schädel, auf dem drei Rosen blühen, aus diesen aber schweben drei Engel hinauf zum Heiland und rechts und links liegen Rittersleute auf den Knieen und beten. Der Schädel aber, die Rosen und Engel beziehen sich auf einen Traum, den sie einst vor ihrer Erkrankung geträumt hatte, aber nicht zu deuten vermochte. Sie hatte nämlich vorher, da ihre Ehe kinderlos geblieben war, oft zur h. Jungfrau gebetet, sie möchte ihr doch Kinder schenken. Da träumte sie einst, die h. Jungfrau trete aus ihrem Bilde, welches in ihrem Schlafzimmer hing, heraus, reiche ihr ein Todtenköpflein und aus dem Schädel erhöben sich drei Rosen, aus deren Dufte drei Englein sanft empor wuchsen. Jetzt wußte sie wohl, was der Traum gewollt, der Todtenkopf bezog sich auf ihre vorzeitige Beerdigung, die drei Englein aber auf die drei Knaben, die ihr der Herr später noch schenkte. Ein Paar hölzerne Pferde[1] als Wahrzeichen dieser wunderbaren Begebenheit sahen noch Jahrhunderte lang von den Speicherfenstern des ehemaligen Hackeneyschen Hauses auf dem Neuen Markte und zum Andenken hat man auch der an ihre Wohnung angrenzenden neuen Straße den Namen der Richmodisstraße gegeben.


Literatur: Grässe: Sagenbuch

[1] Nach Andern war aber das Haus der Frau von Aducht das gegenseitige Eckhaus, und das Pferdebild nur das Wappen der Familie Haquenay.

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George Orwell: Chaos in Köln

George Orwell, um 1940 © Cassowary Colorizations, George Orwell, c. 1940, CC BY 2.0

Der englische Schriftsteller George Orwell (1903–1950), der vor allem durch die Fabel Animal Farm (1945) und seinen dystopischen Roman Nineteen Eighty-Four (1949) einem größeren Publikum bekannt wurde, hielt sich im März 1945 für kurze Zeit in Köln auf. Im Auftrag der britischen Wochenzeitung The Observer schrieb Orwell Reportagen aus dem befreiten Frankreich und dem besetzten Deutschland.

Als die Amerikaner am 5.3.1945 mit Köln die erste Großstadt des Landes eroberten, fanden sie eine zerstörte entvölkerte Stadt vor. Journalisten wie Janet Flanner, Stephen Spender und George Orwell berichteten ihren Landsleuten von den aktuellen Geschehnissen und ihren Eindrücken am Rhein. Am 15.3.1945 reiste Orwell zuerst nach Paris und eine Woche später nach Köln. Unter dem Titel Creating Order out of Cologne Chaos erschien am 24.3.1945 Orwells Berichterstattung im Observer. – Wenige Tage später musste der Autor auf Grund seines desolaten gesundheitlichen Zustandes mit einer Lungenentzündung in einem Kölner Krankenhaus stationär aufgenommen werden. In dieser Zeit erhielt er die Nachricht vom plötzlichen Tod seiner Ehefrau Eileen, woraufhin Orwell Köln verließ und nach England zurückkehrte, leider zu spät, um noch an der Beisetzung seiner Frau teilzunehmen. – In seiner Reportage beschrieb der Kriegskorrespondent das Ausmaß der zerstörten Rheinmetropole:

Der ganze Kern der Innenstadt, einst berühmt wegen seiner romanischen Kirchen und seiner Museen, ist ein einziges Chaos: zerklüftete Mauern, umgestürzte Straßenbahnwagen, zerschossene Denkmäler und gewaltige Schuttberge, aus denen Eisenträger wie Rhabarberstangen hervorragen.

George Orwell

Orwell sah das ehemalige »Herrenvolk« auf der Suche nach Trinkwasser mit Fahrrädern durch die Trümmer von Köln fahren. »Es ist schwer vorstellbar, daß es sich um die gleichen Menschen handelt, die gerade noch den europäischen Kontinent« beherrschten, konstatierte er. »Die Propaganda, vor allem ihre eigene, hat uns glauben gemacht, daß sie alle hochgewachsen, blond und arrogant seien. Was man in Köln jedoch tatsächlich sieht, das sind eher gedrungene, dunkelhaarige Menschen, offensichtlich demselben Schlag zugehörig wie die Belgier jenseits der Grenze. Jedenfalls sind sie keineswegs besonders auffällig.« Der Autor lobte die zupackende Art der amerikanischen Besatzer, die versuchten möglichst schnell mit den Aufräumarbeiten zu beginnen: Bulldozer schaufelten die mit Schutt bedeckten Straßen frei, eine primitive Wasserversorgung mittels Pferdewagen wurde organisiert, die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung wieder hergestellt und Entnazifizierungsprogramme durchgeführt.

Historische Ansichtskarte: Allianzgebäude Köln, 1950er Jahre

Im Allianzgebäude am Kaiser-Wilhelm-Ring (eines der wenigen unbeschädigten Verwaltungsgebäude in der Stadt) wurde von der Militärregierung die städtische Verwaltung, der Stadtrat und das britische Militärgericht eingerichtet. Orwell nahm an der ersten Verhandlung teil, bei dem ein »junger, unappetitlich aussehender Nazi, einer der Führer der Kölner Hitler-Jugend«, vor Gericht stand. Aber keineswegs »weil er dieser Organisation angehört hatte – die Militärregierung ließ bekanntgeben, dass die Zugehörigkeit zu einer Nazi-Organisation allein noch kein Vergehen darstelle –, sondern wegen der Verheimlichung seiner Mitgliedschaft und wegen des Versuchs, die Mitgliederliste der HJ vor den amerikanischen Behörden zu verbergen.« Der Angeklagte wird zu einer siebenjährigen Haft und einer Geldstrafe von 10.000 Mark verurteilt. Das Urteil erscheint dem Prozessbeobachter als ziemlich streng, aber gerecht, denn »er war ganz offensichtlich schuldig, und die Fairness des gesamten Gerichtsverfahrens war derart beeindruckend, daß selbst der deutsche Verteidiger anerkennende Worte fand.«

GE

Gabriele Ewenz, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Literatur

Siehe: Orwell: Creating.

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Texte und Medien

Joachim Ringelnatz: Gedichte

Köln von der Bastei gesehen

Es schlägt der Leuchtturm durch die Nacht
Seine unermüdlichen Strahlen.
Es schleichen Schiffe überwacht,
Die lassen sich bezahlen.

Wie Perlenreihen und Geschmeid
Lichtern die Ufer am Rheine.
Ein Mädchen weint ihr Herzeleid
Am Kai auf steile Steine.

Sie trägt ein helles Wiesenkleid
Und steht sonst ganz im Dunkel.
Das Wasser spiegelt kein Herzeleid,
Es spiegelt nur Gefunkel.

Ich rufe schmatzend den Ober herbei.
Er will mich nicht verstehen.
Ich wünsche: Es möchte sich die Bastei
Jetzt karussellartig drehen.


Nach kurzer Fahrt getrennt

Es reimt sich was,
Und es schleimt sich was,
In den Austern im Kölner September.
Ich sitze – und niemand sonst ist dabei –
Vor blinkenden Lichtern in der Bastei,
And I remember. Heute wird nicht gegeizt,

Wird mit Champagner geheizt,
Für dich söffe ich Tinte.
Paris ist nicht weit von hier.
Könnten wir! – Wollen wir
Uns dort treffen, Lobintte??


Literatur: Ringelnatz: Gedichte

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Texte und Medien

Anne Dorn: Gedanken zur Grosstadt

Noch immer bin ich neugierig, zu erfahren, was auf mich zukommt, wenn ich der Stadt entgegengehe. Einmal möchte ich ihr schlagendes Herz sehn…
Es gibt in der Malerei eine Richtung, die man Pointillismus nennt. Die Pointillisten haben alle Dinge aus ungemischten Farbpunkten zusammengesetzt oder umgekehrt, alle Dinge in Punkte aus ungemischter Farbe aufgelöst. In der Hohe Straße finden akustisch-pointillistische Ereignisse statt: Das große, amorphe Dröhnen der Stadt wird in punktuelles Absatzgeklapper aufgelöst. Ich habe einmal als Köln-Besucher im Hotel Callas in der Hohe Straße geschlafen. Die Glocken der Kirchen weckten mich mehrmals, ich drehte mich um und schlief weiter. Gegen neun Uhr überfiel mich eine merkwürdige Unruhe: Wie jemand, der den Verdacht schöpft, in seinem Hause zernagten Holzwürmer die Tragebalken, genauso beunruhigt merkte ich auf ein klopfendes, mitteilsames Geräusch. Es drang aus dem Straßenschacht zur vierten Etage. Ich trat ans Fenster: Menschen! Nichts weiter, als Menschen, die laufen. Aber was heißt da – ›nichts weiter‹?
Eine melancholische Unruhe sickert mit dem Menschenstrom vom Fußgängercentrum in die kleineren Gassen und auf die Plätze. Habe ich wirklich das Herz der Stadt passiert, oder ist es heute anderswo zu finden? Vielleicht liegt es vor meiner Haustür. Ich sehe zum Fenster hinaus auf die Straße. Da kommt gegen elf Uhr vormittags eine weiße Hochzeitskutsche mit zwei der letzten Pferdchen angeprescht. Die Ampel auf der Fahrbahn jenseits der Baumreihe steht auf rot, der Hochzeitskutschenkutscher zügelt die Pferde, die Kutsche hält, der rechte Schimmel bricht vor der roten Ampel zusammen, seine Hufeisen klappen ein letztes Mal, Funken sprühn, die Braut und der Bräutigam verlassen die Hochzeitskutsche, wie man ein brennendes Haus verläßt, Frack und Schleier wehn der Agneskirche zu, tatüütataa die Tierärzte kommen, tatüütataa die Feuerwehr kommt, zwölf behelmte Männer schreiten mit ihrer Bahre auf das Pferd zu, plötzlich umsteht eine schwarze Wolke von Menschen die Straßenecke, weil so viele Kölner Bürger ein Pferd mögen, schon gar ein umgefallenes. Ich sehe aus meinem Fenster auf einen brodelnden Menschenklumpen, – das Herz der Stadt? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, die Stadt hat ein Herz. Am starken Wechsel von Belebung und Belebtsein habe ich teil.


Literatur: Dorn: Gedanken

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Wohnort von Anne Dorn

Weißenburgstraße

Anne Dorn kam 1969 nach der Trennung von ihrem zweiten Ehemann mit vier Kindern von Kleve nach Köln. Zuerst wohnte sie am Fröbelplatz 9. Ins Agnesviertel, Weißenburgstraße 19, zog die Familie dann 1972. Dorn wohnte hier bis zu ihrem Tod im Jahr 2017. Ihre erste Erzählung Die Familie erschien 1967 in der von Dieter Wellershoff herausgegebenen Anthologie Wochenende. Sechs Autoren variieren ein Thema. Die Anfänge in Köln waren für die angehende Autorin und alleinerziehende Mutter nicht einfach.

Als ich nach Köln kam, hatte ich hier weder Freunde noch Bekannte. Auch meine Arbeit als ›freie‹ Schriftstellerin bedeutete eher, daß ich vogelfrei und allein war, als daß ich ein ›freies Leben‹ hätte führen können.

Anne Dorn

Dorn schlug sich mit Jobs beim Hörfunk durch, verfasste gesellschaftskritische Features, es entstanden die ersten Autorenfilme für den WDR, in denen sie auch Regie führte. Dorn eroberte sich die Stadt, knüpft Kontakte und versucht heimisch zu werden. »Zunächst habe ich das getan, was nur ein Fremder in Köln tut, ich habe mir Köln angeschaut.« Auch wenn Köln nie ihre sächsische Heimat ersetzen konnte, so fand sie am Rhein doch ein neues Zuhause. Sie war befreundet mit Heinrich Böll, der sie auch finanziell unterstützte, mit Dorothee Sölle und Lew Kopelew.
In Dorns Gedichten und Prosatexten finden sich immer wieder Bezüge zu ihrer Wohnung in der Weißenburgstraße und zum Agnesviertel. Der Autorenfilm Eines Tages brachte ich meinen Sohn zum reden wurde 1973 teilweise ihrer Wohnung gedreht. 1974 erschien Gedanken zur Grosstadt, ein kurzer stimmungsvoller Text über Köln, ferner schrieb sie über die Romanischen Kirchen St. Gereon und St. Andreas.

GE

Gabriele Ewenz, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Literatur

Siehe: Dorn: Autobiographischer Text

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Wohnort von Vilma Sturm

Merlostraße

Vilma Sturm in ihrem Arbeitszimmer in der Merlostraße © LiK-Archiv

Vilma Sturm beschrieb in dem Erinnerungsband Barfuß auf Asphalt ihren Wohnortwechsel von Königsstein i. T. nach Köln. 1954 erhielt sie eine Anfrage von Pater Rainulf Schmücker, Chefredakteur und Leiter des 1953 in Köln gegründeten »Katholischen Rundfunk-Instituts« (ab 1973 »Katholisches Institut für Medieninformation«). Er bat sie um Mitarbeit an der Redaktion der »FUNK-Korrespondenz«, ferner bot er ihr die Möglichkeit, Hörspiele und Features mit religiösen Inhalten und Morgenandachten für den Kirchenfunk zu schreiben. Rückblickend schrieb Sturm, dass die Hörspiele Gelegenheitsarbeiten waren, »Lückenbüßer, vielfach dramatisierte religiöse Erzählungen und Romane, nicht der Rede wert. Eher die Morgenandachten; sie brachten mir so viel Hörerpost ein, wie ich sie auch nach den erfolgreichsten Zeitungsbeiträgen nicht bekommen habe. Ich hatte keinen Augenblick die Vorstellung gehabt, die Arbeit im Institut würde mir angenehm sein. Sie bedeutete: in der Stadt wohnen, täglichen Dienst im Büro, Beschäftigung mit einem Stoff, der mich kaum interessierte, der mir fremd war, gegen den ich Widerstand spürte. Aber die Aussicht auf ein normales, festes, mich aller Existenzsorgen enthebendes Gehalt war verführerisch.«
Schmücker besorgte ihr nicht nur eine Stelle, die den Lebensunterhalt der alleinerziehenden Mutter einer Tochter sicherte, sondern auch noch eine Wohnung im Agnesviertel, Merlostraße 22, in der Sturm dann 30 Jahre lang lebte.

Diese so bescheidene Wohnung in Köln, zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad, ohne Garten, ohne Balkon, mit Ofenheizung, erfüllte langgehegte Wünsche. Nach zehn Jahren wieder ein Badezimmer! Ich badete unablässig, unablässig durchmaß ich die Räume und konnte es nicht fassen, daß ich darüber die Herrin sein sollte. Mächtige Lindenbäume standen vor dem Fenster und schickten grünes Licht in das Wohnzimmer. Heute sind ihre Reihen gelichtet, früh werfen sie ihr Laub ab, stehen im September schon kahl, krank, leidend, ihre Todesstunde ist nahe. . .
Die Wohnung wurde mit dem Vorhandenen eingerichtet, das Schlafzimmer mit diesen kastenartigen Möbeln aus Rüsterholz, die jetzt niemand mehr leiden mag; der Wohnraum mit den alten Bücherregalen aus dem Elternhaus, Couch, Sesselchen und Nierentisch. Nur wenig habe ich im Lauf der nächsten fünfundzwanzig Jähre dazugekauft, nur weniges ausgewechselt – zuerst natürlich den Nierentisch -, einige alte Stücke geerbt. Es ist peinlich alles vermieden, was aufs Prächtige hinzielen könnte. Wertvoll sind, außer der Truhe, dem Glasschrank und dem Hausaltar, nur die Bilder: die expressionistische Graphik, die ich vom Vater bekam, ein schönes Blatt von Otto Mueller, außerdem Heckel, Kirchner, Schmitt-Rottluff und Nauen, dazu ein Grieshaber, den Heinrich Böll mir zum Geschenk machte. Die Wohnung hatte von Anfang an etwas Karges und Strenges – ich hatte leere Wände gern.

Vilma Sturm, Barfuß auf Asphalt

Vilma Sturm bereute den Umzug nach Köln in keiner Weise, im Gegenteil, hier bekam sie Kontakt zu verschiedenen politischen Gruppierungen und stellte sich, nach eigenem Bekunden, den Herausforderungen der Zeit: Sie schrieb und demonstrierte gegen den Vietnamkrieg, setzte sich für Fürsorgezöglinge, Obdachlose und Haftentlassene ein und gehörte zu den Mitbegründern des »Politischen Nachtgebets«. Wichtig waren für Sturm vor allem die persönlichen Begegnungen und die daraus entstandenen Freundschaften mit politischen Weggefährten, zu denen u.a. Dorothee Sölle und Heinrich Böll zählten.

GE

Gabriele Ewenz, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Literatur

Siehe: Sturm: Barfuß.

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Bahnhof Ehrenfeld

John Iven u. Ron Voigt: Günter Wallraff, Graffiti, Köln 2018 © Foto: LiK-Archiv

Die Graffitikünstler John Iven und Ron Voigt, die bereits im Ehrenfelder Bahnhofsumfeld und an anderen Orten in der Stadt Streetart-Projekte verwirklichen konnten, haben im Auftrag der Deutschen Bahn AG zwei Zugangstunnel zu den Bahnsteigen neu gestaltet. Die Graffitis der Wände und Decken sind dem Inneren einer alten Fabrik nachempfunden, eine Reminiszenz an die Ehrenfelder Industriegeschichte mit ihren Walzwerken, Farbenfabriken und den Leuchtmittel-Produktionsstätten von »Helios«. Auf den Seitenwänden der Bahnhofszugänge thronen Portraits der Ehrenfelder Lokalgrößen Rolly Brings und Günter Wallraff, die beide eng mit dem Stadtteil verbunden sind. Ein Zitat aus dem Ehrenfeld-Lied von Brings sowie Wallraffs Kernaussage »Öffentlichkeit ist der Sauerstoff der Demokratie« zieren ebenso die Wandflächen.

Ihrefeld, du rusjeputz Madamm.

Ahl Mädche, wat es an dir nor dran?

Du rüchs noh Bier un Auspuff, noh Fritte un Kebab:

 Ihrefeld, du häs mi Hätz jeschnapp.

Rolly Brings

Für Brings ist Ehrenfeld die Heimat seiner Kindheit, hier lebte er bis in die 1970er Jahre. In den Kriegstrümmern von St. Anna hat er gespielt und im Kino am Lenauplatz, das 1960 in einen Supermarkt umgewandelt wurde, die ersten Abenteuerfilme gesehen.

John Iven u. Ron Voigt: Rolly Brings, Graffiti, Köln 2018 © Foto: LiK-Archiv

Auch Günter Wallraff ist ein bekennender Ehrenfelder, seit 1967 lebt der Journalist im Haus seiner Großeltern, unweit der Zentralmoschee. Gebaut wurde das Haus 1875, heute steht es unter Denkmalschutz. Hier bot Wallraff u. a. Wolf Biermann nach seiner Ausbürgerung aus der DDR und dem britischen Schriftstellerkollegen Salman Rushdie nach der Todesdrohung der iranischen Fatwa Zuflucht an.

GE

Gabriele Ewenz, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

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Erasmus Schöfer: Vogeltheater in der Südstadt

Der Rhein ist sehr flach gefallen. Durch das grüne Bogenskelett der Südbrücke sehe ich vor den Poller Wiesen das nackte, steinige Ufer mit den braungrauen Basaltbuhnen. Wenn ich scharf hinschaue, erkenne ich die Bewegung des Quecksilberstroms, den kein Motorschiff belebt. Auf der Rheinuferstraße kaum mal ein Auto — das sonst ständig hörbare Rauschen der tausend Reifen ist verstummt, und keiner der täglich mehrmals zwischen Bonn und Düsseldorf dem Strom folgenden Hubschrauber zerhackt mir die Stille. Selbst das alles übertönende Dröhnen der Züge auf der eisernen Brücke bleibt aus, als ob auch die Bundesbahn meinen Sonntagmorgen heiligen wollte.

Von einem meiner späten winterlichen Sonnenaufgänge, drüben, hinter dem Poller Hochhaus, die mir oft die trüben Jahreszeiten so königlich vergolden, kann ich heute nicht berichten, noch die unfaßlich vielgestaltigen, bewegten Himmelslandschaften im Bilderrahmen meines Fensters skizzieren, denn eine amorphe, grauweiße Wolkendecke verhängt die Szene. Vor der ragt, kahl und zergliedert, die reglose Silhouette der großen Platane auf — weit hinaus über die Höhe meiner Wohnung im fünften Stock. In ihrer Krone hüpfen flatternd die beiden eng verheirateten Elstern herum, zanken sich mit einer Krähe, bis sie sich entschließen, den Streit zu beenden, direkt auf mein Fenster zufliegen, mit ihrem seltsam unregelmäßigen Flügelschlag, und erst unmittelbar vor der Hauswand, ihre Geschwindigkeit nutzend, den langen Schwanz und die Flügel ausgebreitet, hochziehen auf die Fernsehantenne. Ich höre ihr aufgeregtes Keckem durch das geschlossene Fenster.

Ein paar Dutzend Stare, unverkennbar durch ihre spitzen Dreiecksflügel, sind eben flattrig in einen Seitenast der Platane eingefallen, hocken jetzt dort wie schwarze Winterfrüchte. Nicht wegzudenken aus meinem Fensterbild auch die graubunten Haustauben, in Schwärmen, einzeln, zu Paaren. Sie scheinen ständig in irgendwelchen Geschäften unterwegs, und sei es nur dem, mir ihre Flugkünste, die vielfältigen Formen ihrer Flügelbewegungen zu zeigen, die viel zahlreicher sind, als es die gedruckten und gemalten Friedenstauben ahnen lassen.

Übertroffen werden sie nur von den Mauerseglern, deren hektische Lufttänze ich mal hoch unter den Wolken, mal unmittelbar vor dem Fenster beobachten kann, und ihr durchdringendes, schrilles Gellen dazu hört sich an, als wollten sie das ganze Severinsviertel darauf aufmerksam machen, welche Lust sie an ihrem scheinbar schwerelosen Fliegen und Jagen haben. Aber die geben jetzt ihre Vorstellung in Afrika. Dafür tschilpt ein Spatz aus der Regenrinne, aufgeregt klingt es, noch ein zweiter fällt ein, sie steigern sich zu einer zornigen Schimpftirade, offenbar das Begleitgeschrei zum Sonntagsausflug der Katze eines Nachbarn über die Dächer.

Diagonal durchs Bild, vom Rhein herüber, ein Entenzug, schon von weit erkennbar an der sich ständig verändernden, aber immer keilförmigen Gruppierung der Vögel, und auch der lange Hals, die weit hinten am Körper angesetzten Flügel, geben diesem Flug etwas Vorwärtsstrebendes, Zielgerichtetes. Da werden keine großen Kurvenfaxen gemacht — man ist unterwegs zum Volkspark in einer ernsthaften Angelegenheit.

Es ist ständig etwas los in meinem eintrittsfreien Lufttheater. Die weißschwarzen Silbermöven gehören längst nicht mehr nur zu den Küsten, sitzen in Scharen auf den Feldern längs der Autobahnen und kreisen als Aasvögel über den Müllkippen wie über den Ausflugsdampfern der Köln-Düsseldorfer, weiß- gebleichte Krähen. Aber wie sie jetzt gelassen, gewichtig, vom Strom hochziehen über die Brücke, ist ihrem Flug anzusehen, daß er die großen Winde gewohnt ist. Wenn die Herbst- und Frühlingsstürme über Köln fegen, dann sind nur noch sie am Himmel, weit verteilt in den brausenden Lüften, sich hochreißend, plötzlich abstürzend, segelnd auf ihren schmalen Sichelflügeln, im Spiel mit den unsichtbaren Windsbräuten, machen die Räume sichtbar.

Ich will nicht behaupten, daß ich heute den Besuch eines schnellen Sperbers oder eines ruhig in seinen hohen Kreisen segelnden Bussards bekommen hätte — diese Solisten verstehen es, sich kostbar zu machen, und die herbstlichen Ketten der großen Zugvögel, Wildgänse und Kraniche, habe ich nur in seltenen, mich dann seltsam erregenden Augenblicken entdeckt. Aber wenn ich jetzt ans Fenster trete, in den kleinen Römerpark hinabschaue, kann ich noch das graublaue Ringeltaubenpärchen mit seinen schönen schlanken Hälsen entdecken, und Kohlmeisen, Blaumeisen, Buchfinken, und Amseln — die gehören zur täglich garantierten Besetzung meines Ensembles. Da kann ich schon noch etwas warten, bis die schwarzen Gesangsmeister wieder oben auf der Antenne sitzen, ihren Schnabel in den Abendsonnenglanz stecken und den Frühling mit ihren unvergleichlichen Koloraturen herbeisingen.

Dann wird auch der Adler wieder vom Baumlaub des Parks verborgen sein, der furchterregend und sehr kriegerisch auf seiner Säule die bronzenen Schwingen über das Andenken der sinnlos umgebrachten Soldaten breitet. Die Stadt hat das alte Fort mit Bäumen und Rosen bepflanzt, zwischen den Kasematten einen Abenteuer-Spielplatz eingerichtet, aber der finstere Vogel blieb, droht noch immer wie ein apokalyptischer Bomber den zimmernden Kindern und boulespielenden Italienern. Vor zwei Jahren hatte die Friedensinitiative bei einem Stadtteilfest ihn mal vorübergehend als Taube verkleidet. Inzwischen hat der Stadtrat beschlossen, den Hindenburgpark Friedenspark zu nennen. Seitdem gehe ich noch lieber dort spazieren und versuche, den Adler als Denkmal für den auch nicht freiwillig ausgestorbenen König der Lüfte zu sehen. Plötzlich, drüben am Strom, eine langsame, weiße Bewegung, dicht überm Wasser, unter der Brücke durch – zwei Schwäne! Dieser schwere Flügelschlag, der überlange Hals, der den Weg sucht, selbst auf die Entfernung erkennbar — das sind zwei Luftschiffe, die ihren mächtigen Körpern das Fliegen abgetrotzt haben. Ich denke, sie sind das Sonntagsgeschenk, statt Sonnenaufgang, jetzt kann er ruhig regnen, der trübe Himmel. Und ich denke: nein – einen Kanarienvogel habe ich wirklich nicht nötig.


Für die Abdruckgenehmigung des Textes danken wir dem Autor.

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Albertus-Magnus-Denkmal

Die Aufstellung eines Denkmals des berühmten Theologen, Gelehrten und Philosophen Albertus Magnus in Köln, war bereits 1928/29 Bestandteil bei den Planungen für einen Neubau der Universität am heutigen Standort. Durch die Vermittlung des Kölner Stadtverordneten und Kunstmäzen Josef Haubrich erhielt der Bildhauer Gerhard Marcks (1889–1981) von der Stadt Köln den Auftrag, dem Gelehrten Albertus Magnus in der Stadt, in der er die längste Zeit seines Lebens wirkte, ein Denkmal zu setzen. Die Errichtung erfolgte 1956.

Den Kölnern gilt Albertus Magnus, dessen berühmtester Schüler Thomas von Aquin (um 1225–1274) war, als einer der großen Bürger des Mittelalters und geistiger Vater der 1388 gegründeten Universität. Die fast drei Meter hohe Bronzeskulptur zeigt in seiner einfachen und verständlichen Bildsprache einen Gelehrten, einen Mann der Wissenschaft in zeitloser Haltung, in Harmonie von Körper und Geist. Abgüsse des Kölner Denkmals stehen vor der Universität in Bogotá in Kolumbien und vor der Universität in Houston/Texas. – Die Skulptur dient heute nicht nur als markanter Treffpunkt bei den Studierenden, sondern sie findet sich auch in literarischen Texten u. a. von Rolly Brings und Joachim Rönneper wieder. 1853 fand Albertus Magnus Aufnahme in das Deutsche Sagenbuch von Ludwig Bechstein.

Neben dem Albertus-Magnus-Denkmal gibt es in Köln noch andere Orte, die auf das Wirken des Gelehrten hinweisen: So wurde 1863 eine Straße nach ihm benannt, sie verläuft zwischen Ehrenstraße und Friesenstraße. Auf dem Rathausturm steht eine von Titus Reinarz entworfene Sandstein-Skulptur von 1986. Martin Stankowski weist in einem Text auf eine Gedenktafel hin, die sich an der Straßenfront des Gebäudekomplexes Residenz am Dom (An den Dominikanern 6-8) befindet.

Eine Tafel am Postamt an der Ecke zur Stolkgasse erinnert mit Stolz an die Klostergeschichte: »Hier wirkte Albertus Magnus, auch Der Deutsche« und der Doctor univerSalis« genannt.« Die Tafel schweigt über einen nicht weniger bedeutenden, aber nicht ganz so berühmten Ordensbruder des Albertus Jakob Sprenger, der einige Generationen später in diesem Kloster als Prior wirkte. Sprenger und ein weiterer Dominikaner namens Heinrich Institoris, beide Inquisitoren, verfaßten 1487 den Hexenhammer und sorgten von hier aus für seine Verbreitung. Ein Werk, von dem der Historiker Soldan schreibt: »Barbarisch an Sprache wie an Gesinnung, spitzfindig und unverständlich in der Argumentation, originell nur in der Feierlichkeit, mit der die abgeschmacktesten Märchen als historische Belege vorgetragen werden, das verruchteste und zugleich läppischste, das verrückteste und dennoch unheilvollste Buch der Weltliteratur.«
Der Hexenhammer erlebte noch zu Lebzeiten der Autoren mehr als ein Dutzend Auflagen und avancierte bald zum Standardwerk der »Hexenverfolgung«. Die Dominikaner, ein Orden, der eigens im Kampf gegen die Ketzerei des 12. und 13. Jahrhunderts gegründet worden war, und aus dessen Reihen sich die meisten Inquisitoren der katholischen Kirche rekrutierten, trug entscheidend zur Verbreitung des Hexenhammers bei. Sicher, hier im Kloster wurden keine Frauen gefoltert und verbrannt, aber an diesem Ort wurden die Theorien ersonnen, die den Tätern zur Legitimation dienten.
Nicht unschuldig an der kirchlichen Theorie und gesellschaftlichen Praxis der Frauenunterdrückung sind auch der große Albertus Magnus und sein berühmter Schüler Thomas von Aquin, der einige Jahre hier lebte. Beide beteiligten sich an dem irrationalen Aberglauben ihrer Zeit, zumindest Albertus beschäftigte sich ausführlich mit der Magie, und es ist kein Zufall, daß von diesem »Experten« eine Reihe von Legenden und Geschichten überliefert sind, in denen er als mächtiger Zauberer auftritt. Beide waren dem irrationalen Denken ihrer Zeit genauso verhaftet wie die meisten ihrer Zeitgenossen, verbrämten es allerdings mit ihrer Furcht vor Frauen zu einem wissenschaftlich-theologischen Anspruch. Im Werk dieser »Lehrer des Abendlandes« findet sich eine Fülle von Belegen, die sie als Frauenverächter  ̶̶̶̶  und übrigens auch als Antisemiten – ausweisen.
In Köln war es mit der »Hexenverfolgung« des 16. und 17. Jahrhunderts trotz des Wirkens der Dominikaner vielleicht nicht ganz so schlimm wie in anderen Städten. Das liegt einmal an der stärkeren wirtschaftlichen Stellung der Frauen in der Stadt, zum anderen an dem Emanzipationsstreben der Bürger gegenüber dem Erzbischof. Dennoch gab es in einem Zeitraum von über 100 Jahren 97 »Hexenprozesse«, bei denen 37 Frauen ermordet wurden. Die im wahren Sinn des Wortes »Schauplätze« waren das Gefängnis am Dom, die »Hacht«, der Domhof und die Hinrichtungsstätte auf Melaten.
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Stankowski: Köln. Der andere Stadtführer, S. 179-182
[Wir danken dem Autor für den Abdruck des Textes.]

Der von Stankowski erwähnte Hexenhammer (Malleus maleficarum) wurde übrigens in der Druckerei von Heinrich Neuß auf dem Eigelstein gedruckt, der vor allem den Druck deutschsprachiger Schriften pflegte, indem er religiöse Literatur und Heiligenlegenden, in Versen und in Prosa, herausgab, zum Beispiel Sent Katherinen passie, Sent Barbaren passie, Historie von sent Ursel vnd den Eylff dusent junffren, Sybillen boich, Marienclage mit eynem Krantz der gottlichen leiffde. Um 1510/15 lassen sich von ihm eine größere Anzahl lateinischer theologischer Bücher nachweisen und 1511 der Malleus maleficarum des Heinrich Institoris.

GE

Gabriele Ewenz, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Literatur

Martin Stankowski: Köln. Der andere Stadtführer. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1995.

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Texte und Medien

Rolly Brings: Albertus Magnus

Gerhard Marcks: Albertus Magnus, 1956, Bronze © Foto: Michael Maye, 2010

Zischt hin wie Hiebe durch die vergessene Lehre von den zwei Schwertern, zu den Wegmarken im Wirrsal, setzt Leuchtfeuer an Klippen & lässt Nebelhörner rufen. Das Tropfen der Zeit, wenn sie zurück ins Ewige fällt. All dies aber gedacht & geschrieben unterm Kreuz am Pult in seiner Klosterzelle, weltentrückt & untergründig webend, bis an diesem Frühlingsabend er sinnend vor mir thront. Eben noch saßen wir im Audimax unter aufgespannten Utopien im ideologischen Regen. Vom heute Bestehenden sollte nichts mehr währen, & im Dunst unserer Antizipationen wuchs die Blume der Anarchie. Wir fochten dialektisch gegen ihn. Er parierte mit Schweigen.

Köln 1976

Der Text ist eine Erinnerung an die 60er Jahre, in denen ich (wie viele junge Menschen) Bestehendes radikal in Frage stellte. So setzte ich mich auch mit der Staatslehre des großen Gelehrten auseinander, besonders mit seiner Lehre von den beiden Schwertern, dem geistlichen & dem weltlichen Schwert. Albertus Magnus – der Zauberer, wie ich ihn als Kind nannte – gehörte schon immer zum Personal der Sagen & Legenden, die in meiner Familie erzählt wurden. Doch da spielte er eine ganz andere, eine märchenhafte sympathische Rolle.

Rolly Brings

Literatur: Brings: Albertus
Für die Abdruckgenehmigung des Textes danken wir dem Autor.

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