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Texte und Medien

Joachim Rönneper: Kölner Denkmal im Lockdown

Gerhard Marcks: Albertus Magnus, 1956, Bronze © Foto: Joachim Rönneper 2020

Er, der da sitzt, ist nicht in ein Buch vertieft, schmökert nicht, nein, er schaut ins Weite, vielleicht mit einem Wort auf den Lippen nur, welches er soeben las, mit einer Erkenntnis, die er durch die Lektüre nachsinnend gewann oder mit einem Gedan­kengang, der sich erst in der Ferne erschließt, wer weiß. Doch gewiss ist eines: Er denkt besonnen und ruhig; kein Hellseher, aber ein heller Kopf. Der geistige Horizont ist ihm auf jeden Fall näher als der eigene Tellerrand. Seine Augen sind geöffnet, weit geöffnet. Sein Haupt seitwärts gewandt, der Blick geradeaus. Er trägt Sandalen, einfachstes Schuhwerk ohne Socken, und einen Umhang, nicht wallend und wehend, schnörkellose Reduktion. Alles konzentriert sich. Nichts schweift ab. Auch seine Frisur ist weder wüst noch wild. »Akkurat« scheint das rechte Wort für sei­nen Haarschnitt zu sein, der den Nacken nicht bedeckt, die Ohren frei. Die Nase eher spitz, von Hochnäsigkeit keine Spur. Er sitzt auf einem Hocker mit rechteckig wuchtigen Beinen, Wanken und Wackeln unwahrscheinlich.

Seit 1956 sitzt er da, leicht vornüber geneigt. Den Mann, auf den die Gründung der Kölner Universität im Jahre 1388 zurückgeht, hier sehen wir ihn: den Kirchenlehrer Albertus Magnus (um 1200–1280), den der Bildhauer Gerhard Marcks (1889–1981) eindrucksvoll schuf. Die Bronzestatue misst eine Höhe von 270 cm, auf einem Steinsockel platziert. Schon von weitem erkennt man, dass ein aufgeschlagenes Buch, ein Foliant, im Schoß des Gelehrten liegt. Mit seiner rechten Hand hält er einen Finger zwischen zwei Seiten wie ein Lesezeichen für die nächste zum Weiterlesen – ein geistiges Innehalten vor dem Umblättern; entspannt liegt der Arm auf seinem Oberschenkel. Anders der linke Arm. Der Ellenbogen ist aufgestützt, die Hand unverkrampft. Daumen und Zeigefinger berühren sich, als gäbe es etwas Feinsinniges taktil zu erspüren. Sein ovales Gesicht ist bis auf drei gerundete Stirnfalten glatt, der schmale Mund geschlossen.

Er schweigt, und ich frage mich, was er, der Denker, sagen würde, wenn er heute lebte: ein Denkmal ohne Mundschutz am Eingang der Universität zu Köln.

Köln im April 2020


Literatur: Rönneper: Corona. Siehe auch »Baudriplatz«
Für die Abdruckgenehmigung des Textes danken wir dem Autor.

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Heinzelmännchen-Brunnen

Der Heinzelmännchenbrunnen erinnert in seiner narrativen Ausführung an die Geschichte über die Kölner Wichtelmänner und deren Schicksal. Große Berühmtheit erlangten die Heinzelmännchen durch die Ballade Die Heinzelmännchen zu Cölln, 1836, des schlesischen Dichters August Kopisch (1799–1853), die sie weit über die Stadtgrenze hinaus bekannt machte. Eine erste Überlieferung der Erzählung erschien bereits 1826 durch den Kölner Schriftsteller Ernst Weyden.

Heinzelmännchenbrunnen, historische Ansichtskarte

Im Auftrag des »Cölner Verschönerungsvereins«, der den Brunnen zum 100. Geburtstag August Kopischs stiftete, wurde er 1899 von dem Dombildhauer Edmund Renard (1830–1905) und seinem Sohn, dem Architekten Heinrich Renard (1868–1928), im neugotischen Stil gestaltet und errichtet. Im Vergleich zu großen Teilen des Kölner Stadtgebiets überstand der Heinzelmännchenbrunnen den Zweiten Weltkrieg weitestgehend unbeschadet. Die Originalfigur der Schneidersfrau, die oben auf dem Brunnen steht und mit einer Laterne in der Hand auf die zu beiden Seiten heruntergestürzten Heinzelmännchen leuchtet, befindet sich heute im Kölnischen Stadtmuseum. Auf den seitlich angebrachten Reliefs (die Originale befinden sich ebenfalls im Stadtmuseum) wurden Textauszüge aus Kopischs Ballade verwendet, sie bilden den erzählerischen Rahmen für die sonst bildliche Darstellung am Brunnen. – In der Nähe des Takuplatzes in Neuehrenfeld erinnert noch der Heinzelmännchenweg an die Kölner Sage.

Dieter Wellershoff griff in Pan und die Engel die Geschichte von den Heinzelmännern auf und setzte sich auch bildkünstlerisch mit dem Thema auseinander. In einer Textminiatur würdigte Hans Bender die Brunnengestaltung und die gelungene architektonische Umsetzung des literarischen Stoffes:

»Der Heinzelmannbrunnen, seine Architektur und Skulptur, bezeugen nicht nur die handwerkliche Sorgfalt von Vater und Sohn Renard; auch ihre phantasievolle Kunst und echte Liebe zum lokalen Thema. Sie schufen ein anmutiges Werk im Stil der Neogotik mit den Qualitäten eines Denkmals, das zum Verweilen und Betrachten auffordert. Eine Ballade aus Stein, die den Kölnern etwas bedeutet, aber auch den Fremden, die vorbeikommen, etwas erzählt von der Sehnsucht der Menschen nach unsichtbaren Helfern. Von der Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, die schöner und geruhsamer gewesen sein sollen als die hektische Gegenwart.«

GE

Gabriele Ewenz, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Literatur

Siehe: Bender: › Wie war zu Cölln …‹, S. 69; Wellershoff: Pan.

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Museum für Ostasiatische Kunst

1913 wurde das Museum für Ostasiatische Kunst als erstes Spezialmuseum seiner Art in Europa eröffnet. Es beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen von Kunst aus China, Korea und Japan in der Bundesrepublik. Das Museum befindet sich heute in der Universitätsstraße 100. Der Neubau wurde 1977 nach den Plänen des Japaners Kunio Maekawa am heutigen Standort eröffnet. Das Zentrum der Anlage bildet ein kleiner Landschaftsgarten, der in der Tradition japanischer Meditationsgärten von Masayuki Nagare gestaltet wurde. Diese Symbiose von japanischer Architektur und Gartenkunst in Verbindung mit der Präsentation ostasiatischer Kunst machen das Kölner Museum zu einem markanten unverwechselbaren Ort.

Für Dieter Wellershoff war das Museum für Ostasiatische Kunst eines der schönsten Museen Kölns, nicht nur wegen der herausragenden außergewöhnlichen Sammlung, sondern vor allem auch wegen der markanten Architektur und der Einbindung in die Parkanlagen des inneren Grüngürtels. Mit seiner strengen Gliederung und Struktur des Gebäudes griff der Architekt Maekawa auf alte japanische Kulturtraditionen zurück und entwickelte zugleich eine aparte moderne Formensprache. Die Außenmauern des Gebäudes sind durch Glasfronten und Fenster durchbrochen. Hier öffnet und erweitert sich der Raum durch das Wechselspiel von Innen und Außen, das auch für Wellershoff von besonderem Reiz war:  

Museum für Ostasiatische Kunst, 2020. Ansicht von Südosten mit Aachener Weiher © LiK-Archiv Köln

»Mit der Wasserfläche des Weihers und der umgebenden Hügellandschaft des Inneren Grüngürtels rückt die Natur dicht an das Museum heran und wird durch Fenster und Glasfronten in den Innenraum einbezogen. Im innersten Innenraum, dem von Glaswänden umschlossenen Atrium des Museums, erscheint sie noch einmal als stilisiertes Idealbild in dem japanischen Garten, der dort mit sorgfältig ausgewählten und eigens aus Japan eingeflogenen Felsbrocken und Pflanzen von dem japanischen Gartenkünstler und Bildhauer Masayuki Nagare gestaltet worden ist. Wenn ich ins Museum komme, nur um Tee zu trinken und anschließend spazierenzugehen – den japanischen Garten schaue ich mir immer an.«

Anna Seghers, um 1922 © Privatarchiv Anne Radvanyi

Die Schriftstellerin Anna Seghers (1900–1983) studierte von 1921 bis 1922 Kunstgeschichte und Sinologie an der Universität Köln und absolvierte ein Praktikum im Museum für Ostasiatische Kunst, das damals im alten Gebäude des Kunstgewerbemuseums am Hansaring 32 untergebracht war. Ein Foto, das vermutlich während ihrer Kölner Studienzeit aufgenommen wurde, zeigt die Autorin in einem chinesischen Hofbeamtengewand. Einzelheiten über ihre desolate Wohnsituation in Köln beschrieb Seghers in ihren Erinnerungen an Philipp Schaeffer: »Es war schwer gewesen, ein Zimmer zu finden, ich nahm, was ich fand, obwohl es dunkel und schmutzig war […] die Wohnung wimmelte von Mäusen.« In Köln entstanden für Seghers lebenslange Freundschaften u. a. mit Irene With (1890–1966), Ehefrau des Kölner Kunsthistorikers Karl With (1891–1980). – Die Zerstörung Kölns in der Nacht zum 1. Juni 1942 durch Brandbomben der Royal Air Force, nahm Anna Seghers zum Anlass, einen Essay über die historische Bedeutung der Stadt sowie die politischen Konstellationen mit besonderem Augenmerk auf die Kölner Arbeiterschaft zu schreiben. Unter dem Titel Köln erschien der Text bereits in der Juni-Ausgabe 1942 in der von Seghers und Ludwig Renn herausgegebenen Exilzeitschrift »Freies Deutschland« in Mexiko.

GE

Gabriele Ewenz, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Literatur

Siehe: Wellershoff: Pan, S. 172ff.; Seghers: Erinnerungen.

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Wohnort von Ernst Weyden

Langgasse (heute Neven-DuMont-Straße)

Der Kölner Pädagoge und Schriftsteller Ernst Weyden wurde vor allem durch seine landeskundlichen und lokalhistorischen Schriften bekannt. Auch als Kunstkritiker machte sich Weyden einen Namen, seine Artikel erschienen größtenteils in der »Kölnischen Zeitung«. Er wohnte in der Langgasse 2c, die sich in unmittelbarer Nähe des Verlagsgebäudes der »Kölnischen Zeitung« befand. Die frühere Langgasse trägt seit November 1976 den Namen Neven-DuMont-Straße. Der Anlass für die Umbenennung war das 100-jährige Firmenjubiläum des Verlags, die Stadt Köln ehrte damit die seit dem 18. Jahrhundert in Köln ansässige Verlegerdynastie.

In Weydens Werk Cöln’s Vorzeit. Geschichten, Legenden und Sagen Cöln’s erschien 1826 erstmals die Geschichte von den Kölner Heinzelmännchen nach mündlicher Überlieferung in Schriftform. Die Sage von den kleinwüchsigen fleißigen Helfern, die über Nacht den Kölner Handwerkern lästige Arbeiten abnahmen, war bereits im 18. Jahrhundert in der Rheingegend bekannt. Eine große Verbreitung fand die Erzählung jedoch erst ab 1836 durch die Ballade Die Heinzelmännchen zu Cölln des gebürtigen Breslauer Dichters und Malers August Kopisch (1799–1853). – Im Stadtbezirk Köln-Porz wurde eine Straße nach Ernst Weyden benannt. Ein Brunnen in der Kölner Innenstadt erinnert an die Heinzelmännchen-Sage.

GE

Gabriele Ewenz, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

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Wohnorte von Heinrich Böll

Kleingedankstraße

Kleingedankstraße, historische Aufnahme © Foto Erbengemeinschaft Heinrich Böll

In der Kleingedankstraße 20 lag die erste gemeinsame Wohnung von Annemarie und Heinrich Böll, die sie nach ihrer Trauung am 6.3.1942 bezogen. Beim ersten Luftangriff auf Köln, in der »Nacht der Tausend Bomber« am 30.5.1942 durch die brit. Royal Air Force, wurde auch die Wohnstätte der Bölls zerstört. Heinrich Böll, der als Soldat in Frankreich stationiert war, erhielt daraufhin vom 19.6.1942 bis zum 21.6.1942 »Sonderurlaub für Bombengeschädigte«. Annemarie Böll zog für kurze Zeit zu Bölls Eltern in die Wohnung am Karolingerring 17.

Die Wohnung in der Kleingedankstraße, die Heinrich Böll nach eigener Aussage wegen seines Militäreinsatzes nie bewohnte, lag direkt am Volksgarten in einer Wohngegend, die bereits um 1900 sehr beliebt war. Hohe Räume mit Stuckdecken waren kennzeichnend für die Gründerzeithäuser in diesem Wohngebiet. Böll erwähnte zwar das schöne Mobiliar über das die Wohnung verfügte, der wichtigste Einrichtungsgegenstand war für ihn jedoch ein Telefon, das ihm den Kontakt zu seiner Frau ermöglichte: »Ich habe also nie in der Wohnung gewohnt, aber oft dort angerufen, um wenigstens die Stimme zu hören, über verbotene Leitungen, die ich durch Überredung oder Bestechung öffnete«. Ein Telegramm von seiner Frau informierte ihn über die Zerstörung der Wohnung durch eine Brandbombe, Annemarie Böll blieb glücklicherweise unverletzt. –

In einer biographischen Notiz von 1956 erwähnte Böll, dass bei dem Bombenangriff im Mai 1942 seine Manuskripte, Gedichte, Erzählungen und ein Roman, verbrannten, »und das ist der einzige Verlust, den ich nicht bedaure«. Wie viele und welche Manuskripte Bölls bei der Zerstörung der Wohnung vernichtet wurden, lässt sich nicht eruieren.

GE

Gabriele Ewenz, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Literatur

Siehe: Böll: An einen Bischof …; Böll: Biographische Notiz

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Wohnorte von Dieter Wellershoff

Lucas-Cranach-Straße

Dieter Wellershoff bezog Anfang der 1960er Jahre mit seiner Familie eine Wohnung in der Lucas-Cranach-Straße 12 in Rodenkirchen, davor lag der Lebensmittelpunkt in Bonn. Ein Umzug nach Köln wurde berufsbedingt notwendig, da Wellershoff ab 1959 als Lektor im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch arbeitete. Die Entscheidung, in Köln eine Wohnung zu beziehen, zog sich aus finanziellen Gründen über zwei Jahre hin, in der Zwischenzeit pendelte Wellershoff mit dem Auto zwischen Wohn- und Arbeitsstätte oder er nahm sich unter der Woche ein möbliertes Zimmer in Köln. 

Für Dieter Wellershoff verbesserte sich die finanzielle Situation ab 1960 maßgeblich. 1961 erhielt er für Der Minotaurus den Hörspielpreis der Kriegsblinden und 1962 den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Literatur, es folgte die Einladung zur Gruppe 47 sowie eine Gastdozentur an der Universität München, die er durch die Vermittlung von Günter Eich erhielt. Ein Umzug aus dem rechtsrheinisch gelegenen Bonn-Holzlar an den Stadtrand von Köln rückte in greifbare Nähe. Die desolate Wohnsituation bei einem Bonner Schrotthändler, der auf dem Land Wohnungen im Eigenbau vermietete, konnte zugunsten einer Neubauwohnung im gediegenen Stadtteil Rodenkirchen beendet werden.

»Wir atmeten auf. Endlich würde es im Winter warm sein, endlich hatten wir ein schönes Badezimmer, das uns die rostige Badewanne im Haus des Schrotthändlers vergessen ließ.«

Auch das soziale Umfeld verbesserte sich für die Wellershoffs durch den Ortswechsel, die neuen Nachbarn arbeiteten beim Rundfunk, an der Universität oder in Verlagen. Bedauerlicherweise erwies sich die Aufteilung der Wohnung für eine noch wachsende Familie als ungeeignet, da ein großer Teil der Wohnfläche nur aus einem Zimmer bestand. Mit der Geburt der jüngsten Tochter Marianne wurde ein neuer Wohnungswechsel notwendig.

GE

Gabriele Ewenz, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Literatur

Siehe: Wellershoff: Die Arbeit des Lebens, S. 228f.

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Texte und Medien

Ernst Weyden: Die Heinzelmännchen

(Mündlich)

Es mag noch nicht über fünfzig Jahre seyn, daß in Cöln die sogenannten Heinzelmännchen ihr abendtheuerliches Wesen trieben. Kleine nackende Männchen waren es, die allerhand thaten, Brodbacken, waschen und dergleichen Hausarbeiten mehrere; so wurde erzählt; doch hatte sie Niemand gesehen. Zu der Zeit nun, als die Heinzelmännchen noch waren, gab es in Cöln mancher Bäcker, der keine Knechte hielt, denn die Kleinen machten über Nacht immer so viel Schwarz- und Weißbrod, als der Bäcker in seinem Laden brauchte. In manchen Häusern wuschen sie und thaten den Mägden alle ihre Arbeiten vor. So war auch eben um diese Zeit ein erfahrner Schneider in Cöln, dem sie gar gewogen schienen, denn als er heirathete, fand er am Hochzeittage die herrlichsten Speisen und das schönste Geräthe in seiner Wohnung, welches die Kleinen anderwärts gestohlen, und ihrem Lieblinge gebracht hatten. Als seine Familie sich nun mit der Zeit vermehrte, thaten die Kleinen der Frau des Schneiders merklichen Vorschub in ihren häuslichen Geschäften, wuschen ihr, und scheurten ihr bei festlichen Gelegenheiten ihren Kupfer und Zinn, und das Haus vom Söller bis in den Keller. Hatte der Schneider zuweilen gar dringende Arbeit; so fand er sie Morgens ganz und gar von den Heinzelmännchen fertig gemacht. Nun plagte aber die Schneidersfrau der Vorwitz, und sie wollte die Heinzelmännchen gern einmal sehen; wie sie sich aber anstellte, wollte es ihr doch nie gelingen. Sie streute daher einmal die Treppe voller Erbsen, auf daß die Heinzelmännchen fallen mögten, Schaden litten, und sie dieselben am andern Morgen sehen könnte. Dieser Anschlag schlug aber fehl, und seit dieser Zeit verloren sich die Heinzelmännchen ganz; wie überhaupt überall durch den Vorwitz der Leute, der schon so manches Schöne in der Welt zerstört hat. Die Heinzelmännchen zogen darauf in gesammter Masse unter klingendem Spiele aus der Stadt; man hörte aber nur das Spiel, denn Niemand konnte die Männlein sehen, die sich darauf in ein Schiff setzten und wegfuhren, wohin? weiß Niemand. Doch sollen mit den Heinzelmännchen auch die guten Zeiten Cölns verschwunden seyn.


Literatur: Weyden: Die Heinzelmännchen

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Texte und Medien

August Kopisch: Die Heinzelmännchen zu Cölln

August Kopisch

Wie war zu Cölln es doch vordem,
Mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn, war man faul: … man legte sich
Hin auf die Bank und pflegte sich:
              Da kamen bei Nacht,
              Ehe man’s gedacht,
       Die Männlein und schwärmten
       Und klappten und lärmten
              Und rupften
              Und zupften
       Und hüpften und trabten
       Und putzten und schabten
Und eh ein Faulpelz noch erwacht, …
War all‘ sein Tagewerk … bereits gemacht!

Die Zimmerleute streckten sich
Hin auf die Spän‘ und reckten sich;
Indessen kam die Geisterschar
Und sah, was da zu zimmern war:
             Nahm Meißel und Beil
             Und die Säg‘ in Eil:
     Sie sägten und stachen
     Und hieben und brachen,
             Berappten
             Und kappten,
      Visirten wie Falken
      Und setzten die Balken …
Eh sich’s der Zimmermann versah,
Klapp, stand das ganze Haus … schon fertig da!

Beim Bäckermeister war nicht Noth,
Die Heinzelmännchen backten Brodt,
Die faulen Burschen legten sich,
Die Heinzelmännchen regten sich –
           Und ächzten daher
           Mit den Säcken schwer!
    Und kneteten tüchtig
     Und wogen es richtig
             Und hoben
             Und schoben
      Und fegten und backten
      Und klopften und hackten.
Die Burschen schnarchten noch im Chor:
Da rückte schon das Brodt, … das neue, vor!

Beim Fleischer ging es just so zu:
Gesell und Bursche lag in Ruh.
Indessen kamen die Männlein her
Und hackten das Schwein die Kreuz und Quer.
              Das ging so geschwind
              Wie die Mühl‘ im Wind.
     Die klappten mit Beilen,
     Die schnitzten an Speilen,
               Die spülten,
               Die wühlten
         Und mengten und mischten
         Und stopften und wischten.
That der Gesell die Augen auf –
Wapp, hing die Wurst schon da zum Ausverkauf!

Beim Schenken war es so: es trank
Der Küfer, bis er niedersank,
Am hohlen Fasse schlief er ein,
Die Männlein sorgten um den Wein
             Und schwefelten fein
             Alle Fässer ein.
       Und rollten und hoben
       Mit Winden und Kloben
             Und schwenkten
             Und senkten
       Und gossen und panschten
       Und mengten und manschten.
Und eh der Küfer noch erwacht:
War schon der Wein geschönt und fein gemacht.

Einst hatt‘ ein Schneider große Pein:
Der Staatsrock sollte fertig sein;
Warf hin das Zeug und legte sich
Hin auf das Ohr und pflegte sich.
          Da schlüpften sie frisch
           In den Schneidertisch;
    Da schnitten und rückten
    Und nähten und stickten
             Und faßten
                 Und paßten
          Und strichen und guckten
          Und zupften und ruckten
Und eh mein Schneiderlein erwacht:
War Bürgermeisters Rock bereits gemacht!

Neugierig war des Schneiders Weib,
Und macht sich diesen Zeitvertreib:
Streut Erbsen hin die andre Nacht.
Die Heinzelmännchen kommen sacht:
               Eins fähret nun aus,
               Schlägt hin im Haus,
     Die gleiten von Stufen,
     Und plumpen in Kufen,
              Die fallen
              Mit Schallen,
      Die lärmen und schreien,
      Und vermaledeien!
Sie springt hinunter auf den Schall
Mit Licht: husch, husch, husch, husch! -Verschwinden all! O weh! nun sind sie alle fort
Und keines ist mehr hier am Ort!
Man kann nicht mehr wie sonsten ruh‘n,
Man muß nun Alles selber thun!
             Ein jeder muß fein
             Selbst fleißig sein,
      Und kratzen und schaben
      Und rennen und traben
             Und schniegeln
             Und biegeln
      Und klopfen und hacken
      Und kochen und backen.
Ach, daß es noch wie damals wär!
Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her!


Literatur: Kopisch: Heinzelmännchen

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Wohnorte von Dieter Wellershoff

Morbacher Straße

Morbacher Straße, 1973 © Rheinisches Bildarchiv Köln / Stadtkonservator Köln, RBA-Nr. 143 536

In seiner autobiographischen Schrift Die Arbeit des Lebens, beschrieb Dieter Wellershoff ausführlich den Umzug von Rodenkirchen nach Sülz. Die Familie bewohnte dort ein Reihenhaus mit einem großen verwilderten Garten, in dem Nuss- und alte Obstbäume standen. Optimale Wohnbedingungen fanden die Wellershoffs jedoch auch hier nicht vor, denn das Haus ließ sich im Winter nur schlecht beheizen. Auch das Arbeitszimmer, unter dem Dach gelegen, erinnerten den Autor an einen ›Verschlag‹, in dem er als Student in Bonn wohnte. Vorteilhaft war die Lage des Arbeitszimmers in einer Hinsicht aber dennoch, »da es unter dem Dach lag, wurde es nicht vom Leben der Familie umpulst, zu dem auch die Freunde der heranwachsenden Kinder gehörten, unter anderem eine Rockband, die manchmal in unserem Keller probte.« – Zehn Jahre wohnten die Wellershoffs in Köln-Sülz. Das letzte Buch, das der Autor in der Morbarcher Straße schrieb war der Roman Die Schönheit des Schimpansen (1977).

Beethovenpark

Am südwestlichen Rand des Stadtteils erstreckt sich zwischen Neuenhöfer Allee und Militärring der Beethovenpark, der für Wellershoff zum Refugium wurde und ihm Möglichkeiten für ausgedehnte Spaziergänge bot. Der überwiegend naturbelassene Landschaftspark wurde 1927 auf dem Gelände einer ehemaligen Kiesgrube nach den Plänen des Gartendirektors Fritz Encke (1861–1931) und seines Nachfolgers Theodor Nußbaum (1885–1956) angelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Park als Abraumhalde für Kriegstrümmer genutzt, weshalb er für Kölner Verhältnisse recht hügelig ist. Typisch für die Grünanlage sind die von einzelnen Bäumen und waldartigen Arealen gerahmten weiten Wiesenflächen, durchzogen von nicht asphaltierten Wegen. In seinem Buch Pan und Engel (1990) nahm Wellershoff das 1976 entstandene einfühlsame Portrait des Beethovenparks wieder auf. Stimmungsvolle Landschafts- und Naturschilderungen kennzeichnen diese Textminiatur:

»Wenn das Licht in die gelblicheren Tönungen des Abends übergeht, vertiefen sich die Farben des Parks, werden seine Formen weicher, und die Spaziergänger auf den weiten grünen Flächen bewegen sich langsamer, als würden sie eingebunden in einen Dunst, der weniger durchlässig ist als das weiße Licht des Tages, und selbst die Bälle der fernen Ballspieler fliegen wie gebremst durch die Luft.«

GE

Gabriele Ewenz, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Leiterin des Heinrich-Böll-Archiv und des Literatur-in-Köln Archiv (LiK)

Literatur

Siehe: Wellershoff: Die Arbeit des Lebens, S. 229; Pan, S. 272.